TW-Glossar

Von Ablasshandel bis Net Zero: Die wichtigsten Begriffe zum Thema Klimaneutralität

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Product Carbon Footprint umfasst die Emissionen eines konkreten Produktes in seiner Wertschöpfungskette, hier berechnet vom Klimaberater MyClimate.
Product Carbon Footprint umfasst die Emissionen eines konkreten Produktes in seiner Wertschöpfungskette, hier berechnet vom Klimaberater MyClimate.

"Klimaneutral ist längst ein Buzzword im fossilen Marketingsumpf", sagt Claudia Kemfert, Professorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Wissenschaftlern zufolge gibt es mittlerweile 30 verschiedene Arten von "Klimaneutralität". Tatsächlich ist der Begriffsdschungel ähnlich groß und unüberschaubar wie der Siegelwald beim Thema Nachhaltigkeit generell. Die TW hat die wichtigsten Begriffe zusammengestellt.

Ablasshandel ist eine kritische Bezeichnung für Ausgleichszahlungen, mit denen CO2-Emissionen kompensiert werden. Im Gegensatz zum Ablasshandel in der mittelalterlichen Kirche, in der man ein Versprechen verkaufte, dessen Einlösung reine Glaubenssache war, stehen aber im besten Fall hinter den Offsets reale Projekte, die genau dokumentiert, in ihrer Wirksamkeit berechnet und in regelmäßigen Folge-Audits kontrolliert werden sollten.

CO2-Negativität können erreicht werden, wenn mehr Treibhausgase gebunden werden als in die Atmosphäre gelangen. Bislang gibt es dafür keine wirklich zufriedenstellenden skalierbaren Möglichkeiten. Ein Ansatz wären Garne aus Kohlendioxid, an denen beispielsweise am Chemiestandort Leverkusen geforscht wird. 

CO2-Neutralität umfasst nur die Kohlendioxid-Emissionen und klammert zunächst andere Treibhausgase aus. Um die verschiedenen Gase in Treibhausgasbilanzen vergleichbar zu machen, wird ihre Wirkung in sogenannte Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet: Eine Tonne Methan entsprechen demnach beispielsweise 25 Tonnen CO2.

CO2-Offset oder Kompensation ist ein Ausgleich der nicht reduzierbaren klimawirksamen Emissionsmenge in Klimaschutzprojekten. Wichtig ist, dass es diese ohne den Mechanismus der Kompensation nicht geben würde, es sich also bei dem Projekt um eine zusätzliche Klimaschutzmaßnahme handelt und diese in Entwicklungs- und Schwellenländern stattfindet.


Corporate Carbon Footprint beschreibt den CO2-Fußabdruck einer Organisation für einen bestimmten Zeitraum nach Europäischen Normen wie ISO 14064-1 und ISO 14040 sowie dem Greenhouse Gas Protocol, dem von Wissenschaftlern entwickelten Treibhausgasprotokoll. Der CO2-Fußabdruck für Unternehmen setzt sich zusammen aus den direkten und indirekten Emissionen der gesamten Organisation: direkt im Unternehmen, an einem Standort oder Unternehmensteil.

Europäisches Klimagesetz – es verpflichtet die EU, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Bereits 2030 sollen die Netto-Treibhausgasemissionen innerhalb der EU um mindestens 55% gegenüber 1990 gesunken sein. Die Verordnung trat am 29. Juli 2021 in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union in Kraft.

Fashion Industry Charter for Climate Action ist eine Vereinbarung mit dem Ziel, die Modeindustrie bis spätestens 2050 auf Netto-Null-Treibhausgasemissionen zu bringen, um die globale Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Seit dem Start der Charter im Jahr 2018 haben sich 130 Unternehmen und 41 unterstützende Organisationen zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet. Die Charter ist Teil der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen.

Green Deal ist ein von der Europäischen Kommission 2019 vorgestelltes Konzept mit dem Ziel, bis 2050 in der Europäischen Union die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und somit als erster Kontinent klimaneutral zu werden.

Greenhouse Gas Protocol (GHG) gilt als der am meisten verbreitete Methodenstandard zur Erstellung von Treibhausgasbilanzen und dem dazugehörigen Berichtswesen für Unternehmen.

Gold-Standard steht für das höchste Qualitätssiegel für Offset-Produkte des World Wide Fund For Nature, der neben der CO2-Bilanz der Projekte auch analysiert, wie sich die Vorhaben auf das soziale Umfeld und die Umwelt auswirken. Weitere relevante Standards sind der Clean Development Mechanism und der Voluntary Carbon Standard.

Klimaneutralität besteht, wenn ein CO2-Fußabdruck gemessen, reduziert und ausgeglichen wurde. Wissenschaftlich ganz exakt aber bedeutet es, dass ein Unternehmen überhaupt keine Auswirkungen mehr auf das Klima zu verantworten hat. Dabei müssten wissenschaftlich korrekt nicht nur menschengemachte Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan, Lachgas und Fluorchlorkohlenwasserstoffe vermieden, sondern auch alle anderen Handlungen, die das Klima beeinflussen, unterlassen bzw. ausgeglichen werden.

Net Zero definiert das Klimaziel für Unternehmen, das anstrebt, netto null Treibhausgasemissionen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erreichen. Es ist ähnlich der Klimaneutralität, aber an manchen Stellen ambitionierter. Bisher gibt es noch keine allgemeingültige Definition für Net Zero-Ziele von Unternehmen, meist orientieren sie  zusätzlich ihre Emissionen an dem 1,5-Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens und bilanzieren alle drei Scopes.

Paris Climate Agreement ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der 2016 als erste umfassende und rechtsverbindliche weltweite Klimaschutzvereinbarung von der Europäische Union ratifiziert wurde. Deutschland hat sich im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Nach dem aktuellen Stand der Forschung muss unser Land dafür bis 2035 klimaneutral werden.

Product Carbon Footprint umfasst die Emissionen eines konkreten Produktes in seiner Wertschöpfungskette nach den Standards ISO 141067, DHG Protocol und PAS 2050.

Product Environmental Footprint-Methode ist eine junge Strategie zur Messung der Nachhaltigkeitsperformance, die von der EU-Kommission in Kooperation mit Firmen und Experten entwickelt wurde. Ziel ist es, die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Umweltleistungsbewertung gegenüber bereits vorhandenen Methoden zu verbessern.

Science Based Targets sind Reduktionsziele für Treibhausgasemissionen, die auf einer wissenschaftlichen Grundlage berechnet werden, um sicherzustellen, dass die globale Erderwärmung gegenüber der prä-industriellen Ära auf deutlich unter 2°C, besser 1.5 °C begrenzt wird.

Scopes beschreiben die Kategorien, die bei der Erreichung von Klimaneutralität erfasst werden müssen: Scope 1 sind direkte Emissionen eines Unternehmens, z.B. das CO2, das von der Fahrzeugflotte eines Unternehmens ausgestoßen wird. Scope 2 steht für indirekte Emissionen, z.B. die Energieversorgung des Firmengebäudes. Scope 3 umfasst weitere indirekte Emissionen, die nicht im direkten Einflussbereich des Unternehmens stehen, z.B. in der Produktion.

Treibhausgasneutral wird meist synonym zu klimaneutral benutzt, ist aber eigentlich der präzisere Begriff für das, was meistens mit „klimaneutral“ gemeint ist: die Atmosphäre und damit das Klimasystem der Erde ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr durch den Ausstoß von Treibhausgasen zu verändern bzw. diese durch Negativ-Emissionen zu kompensieren.

Mehr zum Thema Klima im Fashion-Business lesen Sie ab Mittwoch, 22. Dezember, 17 Uhr im E-Paper der TextilWirtschaft sowie ab Donnerstag, 23. Dezember in der gedruckten Ausgabe.
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