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TW-Interview mit Coin-Präsident Giorgio Rossi

„Das Hilfspaket der Regierung? Rundweg unzureichend“

Coin
Coin-Präsident Giorgio Rossi: „Die Coin-Gruppe wird ihren Beitrag leisten, um Made in Italy nach vorn zu bringen, Designtalente zu fördern und Trends zu entdecken. Mit dem Anspruch, einen internationalen Flair zu versprühen.“
Coin-Präsident Giorgio Rossi: „Die Coin-Gruppe wird ihren Beitrag leisten, um Made in Italy nach vorn zu bringen, Designtalente zu fördern und Trends zu entdecken. Mit dem Anspruch, einen internationalen Flair zu versprühen.“

In Italien sind die meisten Läden und Fabriken geschlossen. Um der Wirtschaft zu helfen, hat Premierminister Giuseppe Conte Hilfen von 25 Mrd. Euro in Aussicht gestellt. Doch an die großen Einzelhändler sei nicht gedacht worden, moniert der Chef des Warenhausverbunds Coin.

Die Coin-Gruppe ist einer der größten Einzelhändler Italiens. Der Verbund aus Mestre bei Venedig, dessen Geschichte bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreicht, hat 50 Häuser im ganzen Land – unter den Namen Coin, Coin Excelsior und Coincasa. Wegen der Covid-19-Pandemie sind sämtliche Läden geschlossen.

Um die Krise zu meistern, mobilisiert Präsident Giorgio Rossi alle Energien. Er hat einen Krisenstab eingerichtet, steht im Austausch mit den Lieferanten und verhandelt mit den Vermietern. Nebenher wendet er Kraft auf, um auf die Regierung einzuwirken. Das 25 Mrd. Euro Hilfspaket, das das Kabinett von Premierminister Giuseppe Conte vorgestellt hat, sei „unvollständig und ungenügend“. Nichtsdestotrotz spricht er seinen Mitarbeitern Mut zu: „Unsere Maschine steht bereit, um jeden Moment anzuspringen.“

TextilWirtschaft: Die Covid-19-Pandemie trifft den ganzen Globus und reißt die Wirtschaft nach unten. Was erwarten Sie sich für Italien?
Giorgio Rossi: Wenn die Notsituation für Leben und Gesundheit einmal ausgestanden ist, wird zweifellos der enorme Schaden für Italien und die ganze Welt zu Tage treten. Das Hilfspaket Cura Italia der italienischen Regierung ist rundweg unzureichend, um diesen epochalen Einschnitt zu meistern. Die Richtung stimmt, doch die einzelnen Hilfen genügen nicht, um die Probleme zu lösen. Das gilt insbesondere für die großen Einzelhändler. Sie leiden exponenziell unter den Folgen der Krise.

Regierungen und Zentralbanken machen mobil. Was fehlt?
Die italienische Regierung muss sowohl den großen als auch den kleinen Firmen helfen, den Einzelhandel mit eingeschlossen. Die Umsatzsteuer und die Steuern allgemein müssen gesenkt werden. Den Händlern muss es gestattet sein, auch vor dem offiziellen Schlussverkauf die Preise zu senken. All das muss durch Interventionen auf europäischer Ebene im Konzert mit der Europäischen Zentralbank flankiert werden. Das Ziel muss lauten, den Firmen und Haushalten die Kreditaufnahme zu erleichtern. Dann ist da das Thema Grenzen. Italien ist ein starkes Exportland. Die Grenzen zu schließen, zwingt das System in die Knie. Die EU muss sicherstellen, dass der Warenverkehr nicht zum Erliegen kommt.

Können Sie schon abschätzen, wie sich die Pandemie auf den Verkauf auswirken könnte?
Es ist unmöglich, zu diesem Zeitpunkt Prognosen abzugeben. Sicher ist, dass wir die Umsätze, die uns jetzt in diesen Wochen wegen der Ladenschließung entgangen sind, in den Sommermonaten nicht mehr aufholen werden. Lasst uns hoffen, dass die Erholung schnell eintritt. Nichtsdestotrotz halte ich es für wahrscheinlich, dass die Krise den Lebensstil der Menschen und dementsprechend auch ihr Einkaufsverhalten verändert. Es ist nicht auszuschließen, dass komplette Geschäftsmodelle neu gedacht werden müssen. Für die Retailer wird es von strategischer Bedeutung sein, flexibel zu sein und auf die Bedürfnisse des Marktes rasch reagieren zu können. Die gesamte Branche muss vereint bleiben, um auch das Fortleben kleinerer Händler zu gewährleisten. Wahr ist, dass die italienische Mode in der ganzen Welt für ihre hohe Qualität und ihre Kreativität geschätzt wird. Das wird sich auf lange Sicht als Vorteil erweisen. Sowohl im Ausland als auch in Italien selbst.

Coin Excelsior in Triest
Coin
Coin Excelsior in Triest

Coin gehört zu den größten Filialisten Italiens. Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie?
Unsere Gruppe beschäftigt am Hauptsitz und an den verschiedenen Standorten insgesamt 1750 Personen. In Italien betreiben wir unter den Namen Coin, Coin Excelsior und Coincasa 50 Warenhäuser.

Die Regierung empfiehlt das Smart Working. Wie viele Angestellte  arbeiten von zu Hause momentan?
Wir sind ein Handelsunternehmen. Deshalb kann ein großer Teil unseres Geschäfts, allen voran das in den Läden selbst, nicht von zu Hause aus stattfinden. Für jene Aufgaben, die sich auch von der Distanz aus regeln lassen, führen wir nach und nach agile Methoden ein. Ich gehe davon aus, dass rund ein Viertel unserer Belegschaft in den eigenen vier Wänden arbeiten wird.

Wie hat sich Coin intern organisiert? Wie wird kommuniziert?
Unsere Gruppe ist seit jeher auf eventuelle Krisenszenarien vorbereitet. Als die Pandemie in Italien noch ganz am Anfang stand, richteten wir einen Krisenstab ein. Das Gremium stimmt sich auf Tagesbasis ab und zieht auch externe Berater und Spezialisten hinzu.

Die Läden sind geschlossen. Was geschieht mit der Ware? Und was mit den Mitarbeitern?
Unsere Partner haben die Ware an unsere 50 Läden in Italien wie vereinbart geliefert. Das erlaubt es uns, zu jedem Moment wieder durchstarten zu können. In der Zwischenzeit haben wir unsere Mitarbeiter dazu aufgefordert, ihre Urlaubstage abzubauen. Sollte die Krise anhalten, und sollten wir gezwungen sein, unsere Läden noch länger zuzulassen, könnten wir für unsere Belegschaft Kurzarbeit beantragen.

„Im Extremfall sind wir auch bereit, Mietverträge zu kündigen.“
Coin-Präsident Giorgio Rossi

Wie sieht es mit den Mieten aus? Verhandeln Sie mit den Vermietern?
Das Hilfspaket der italienischen Regierung umfasst einen Steuergutschein in Höhe von 60%. Das erlaubt es den Firmen, die Mietausgaben, die im März aufgelaufen sind, steuerlich geltend zu machen. Doch angesichts der Dimension der Läden kann Coin nicht von dieser Regelung Gebrauch machen. Für die Händler mit großen Flächen sind keinerlei Hilfen vorgesehen. Das Gesetz ist unvollständig und ungenügend. Wir sind schon dabei, bei den Vermietern um Verständnis zu werben. Mit jedem Einzelnen loten wir aus, ob sich die Mieten senken lassen oder ob sich andere nachhaltige Lösungen finden lassen. Im Extremfall sind wir auch bereit, Mietverträge zu kündigen, sofern wir das als notwendig erachten.

Coin in Triest: das neue Concept der Warenhaus-Gruppe
Coin
Coin in Triest: das neue Concept der Warenhaus-Gruppe

Wie laufen die Gespräche mit den Lieferanten?
Wir sprechen täglich mit unseren Brand-Partnern. Denn uns ist es wichtig, dass alle Entscheidungen, die wir in dieser schwierigen Phase treffen und treffen werden, von unseren Lieferanten zur Gänze geteilt werden. Solide Beziehungen zu unseren Partner sind wichtig. Coin ist das letzte Glied der Kette. Vorgeschaltet sind viele Unternehmen, deren Interessen beachtet werden müssen. Trotz der erheblichen Mühen verspüre ich bei allen Beteiligten den Willen, wieder durchzustarten. Unsere Maschine steht bereit, um jeden Moment anzuspringen, sofern die Regierung und die Gesundheitsbehörden das gestatten. Die Coin-Gruppe wird ihren Beitrag leisten, um Made in Italy nach vorn zu bringen, Designtalente zu fördern und Trends zu entdecken. Mit dem Anspruch, einen internationalen Flair zu versprühen.

Coin in Triest: der Beauty-Floor
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Coin in Triest: der Beauty-Floor

Wie entwickelt sich der E-Commerce?
Coin ist mit dem Webshop Coincasa, also mit seiner Home-Kollektion, im Internet vertreten. Aktuell bewegen sich die Online-Verkäufe auf Vorjahresniveau. Um unseren Kunden einen besseren Service zu bieten, liefern wir jetzt auch kostenlos nach Hause.

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