TW-Interview mit den McKinsey-Experten Achim Berg und Karsten Lafrenz

"Nach einem Monat wird es eng"

Thomas Lohr / McKinsey
Achim Berg und Karsten Lafrenz, Experten für den Modesektor und Restrukturierung, bei McKinsey
Achim Berg und Karsten Lafrenz, Experten für den Modesektor und Restrukturierung, bei McKinsey

Abgesehen von Fluggesellschaften, Kreuzfahrtanbietern, der Gastronomie und der Hotellerie ist die Mode der Sektor, der am stärksten unter der Covid 19-Pandemie leidet. Die Beratungsgesellschaft McKinsey hat die Branche einem Stresstest unterzogen. Das Ergebnis ist alarmierend.

Es sind schwierige Zeiten, der Orientierungsbedarf ist enorm. Deswegen sind die Experten der Management-Beratung McKinsey noch gefragter als sonst. Sie bieten in diesen Wochen das volle Programm: 1:1-Diskussionen am Telefon, Webinare und Marktstudien in hoher Taktung.

Wegen Covid-19 tickt für viele Unternehmen die Uhr. McKinsey hat 71 börsennotierte Modeunternehmen in der EMEA-Region, die alle mehr als 250 Mio. Euro Umsatz machen, einem Stresstest unterzogen, und für verschiedene Szenarien Kennzahlen wie die Nettoschulden gemessen am operativen Gewinn bestimmt. Das Ergebnis ist alarmierend.

Achim Berg und Karsten Lafrenz, Experten für den Modesektor und Restrukturierung, raten zum schnellen, entschlossenen Handeln. Denn mit der Wiedereröffnung der Läden sei die Krise noch lange nicht ausgestanden. Sie prophezeien der Branche weitere schwierige Monate: „Wir glauben nicht an eine V-förmige Entwicklung. Der Aufschwung wird Zeit brauchen.“

TextilWirtschaft: Bereits vor der Krise waren laut ihrer Recherche rund 40% der Modefirmen relativ knapp bei Kasse. Ist das im Vergleich zu anderen Branchen ein hoher Wert?
Karsten Lafrenz: Das ist ein relativ hoher Wert. Modeunternehmen mit stationärem Handel sind durch Online-Shopping stark unter Druck geraten. Zudem sind Mid-Market Player in Schwierigkeiten, da sich bereits vor der Corona-Pandemie das Konsumverhalten in Richtung Luxus, erschwinglichen Luxus und Value ausdifferenziert hat. Das brachte die zahlenmäßig relativ große Gruppe der Unternehmen aus dem Mid-Market in Schwierigkeiten.

Jetzt wütet die Covid-19-Pandemie. Leidet die Mode besonders darunter?
Ja, Mode ist besonders hart von Covid-19 getroffen, da es sich dabei um discretionary spend, also nicht um Grundbedürfnisse deckende Einkäufe, handelt. Außerdem wurden die Läden im stationären Handel geschlossen. Die Mode hat es daher doppelt erwischt.

Die Läden sind zu. Wie lange halten die Firmen das durch?
Achim Berg: Wir haben für große Modefirmen in der EMEA-Region durchgerechnet, was passiert, wenn der Umsatz einbricht, die Kosten aber unverändert bleiben. Unsere Simulation hat ergeben: Wenn die Geschäfte zu sind, wird es bereits nach einem Monat für die meisten eng. Nach zwei Monaten stecken rund 90% der Firmen in finanziellen Nöten. Es überrascht deshalb nicht, dass Banken und Private-Equity-Investoren es sich momentan zweimal überlegen, ob sie eine Firma weiter durchfinanzieren oder nicht. Daran ändern übrigens auch die öffentlichen Kreditgarantien nichts. Selbst wenn die Förderbank KfW 80% des Kreditrisikos übernimmt, müssen die Banken immer noch 20% schultern. Dementsprechend sind sie zurzeit vorsichtig.

Die ersten Firmen schlüpfen unter den Schutzschirm oder geben ganz auf.
Das ist nicht zu vermeiden. Wir erwarten eine Welle der Konsolidierung. Einige Firmen werden aufgeben, andere werden gekauft werden. Der stationäre Handel wird schrumpfen. Die Läden in den Top-Lagen werden bleiben, aber viele Stores in B-Lagen werden zur Disposition gestellt werden.

Was können die Unternehmen tun, um die Not zu lindern?
Karsten Lafrenz: Online ist einer der Hebel, aber bisher kann Online-Shopping nicht den wegbrechenden Umsatz aus dem stationären Handel kompensieren. Daher müssen Unternehmen die Kostenbasis anpassen, Risikopositionen minimieren und Bestellungen runterfahren, um die Liquidität zu erhalten. Und sie sollten die staatlichen Programme nutzen, um die Liquidität zu sichern. Langfristig gibt es aber auch erheblichen Anpassungsbedarf bei den Geschäftsmodellen.

Der E-Commerce scheint erst einmal auch nicht die Rettung zu sein.
Achim Berg: Entscheidend ist es, die kurz- und langfristige Perspektive zu unterscheiden. Aktuell leidet unter der Covid-19-Krise auch der E-Commerce. Die Online-Player sprechen derzeit von Rückgängen in Höhe von 5 bis 20%. Die Kunden sind zwar zu Hause und verbringen mehr Zeit im Internet. Gleichzeitig halten sie sich aber mit dem Shopping zurück. Deshalb sind die Online-Anbieter zu erheblichen Preisabschlägen gezwungen. Langfristig allerdings wird der E-Commerce der Gewinner der Krise sein.

Sollten die Unternehmen in der Krise in den E-Commerce investieren?
Das ist zu empfehlen. Wir wissen von einigen Firmen, die momentan an Digitalprojekten arbeiten. Es geht ja heute nicht mehr allein um den Webshop, sondern um die Verzahnung zwischen Online und Offline, also um Omnichannel. Deshalb müssen sich die Firmen auch über das Layout ihrer Läden Gedanken machen, wenn sie im Internet erfolgreich sein wollen. Beispiel Click & Collect. Viele Läden sind so gestaltet, dass die Kunden erst einmal durch den ganzen Laden gehen müssen, bevor sie vor dem Touchscreen mit der Click & Collect-Funktion stehen. Im Zuge von Covid-19 kann es sinnvoll sein, den Touchscreen an den Eingang zu verlegen. Denn schließlich werden viele Menschen das Gedränge in den nächsten Wochen aus Angst vor einer Ansteckung meiden.

Gut möglich, dass die Läden nach Ostern wieder öffnen. Strömen die Kunden sofort in die Stores?
Da hege ich so meine Zweifel. Wenn die Läden wieder eröffnen, ist die Pandemie ja nicht ausgestanden. Es muss weiter extrem Wert auf Gesundheit und Hygiene gelegt werden. Die Kunden werden sich deshalb zurückhalten. Zudem wird der Einkauf in den Läden aufgrund der Schutzvorkehrungen erst einmal weniger Spaß machen als üblich. Das wird die Frequenz drücken. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Offline-Umsätze zuerst bei 30 bis 40% liegen werden. Ökonomisch ausgedrückt: Wir glauben nicht an eine V-förmige Entwicklung. Der Aufschwung wird Zeit brauchen. Erst zum Weihnachtsquartal dürfte halbwegs wieder Normalität herrschen.

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