TW-Interview mit Dondup-CEO Matteo Anchisi

"Die Pre-Pre-Cruise? So etwas wird’s nicht mehr geben"

Dondup
Matteo Anchisi
Matteo Anchisi

Italien hat die Covid-19-Pandemie besonders hart getroffen. Auch die Mode durchlebt harte Zeiten. Matteo Anchisi verliert dennoch nicht die Zuversicht. Der Dondup-Chef über Hilfen für die Händler, neue Saisonrhythmen und die Macht emotionaler WhatsApp-Nachrichten.

Er ist zwar im Home-Office. Doch ausruhen kann sich Matteo Anchisi trotzdem nicht. Der CEO des Modelabels Dondup, der seit Anfang 2019 im Amt ist, steht im Dauerkontakt mit Mitarbeitern, Gesellschaftern und Lieferanten. Über WhatsApp informiert er über aktuelle Entwicklungen. Und lässt die Belegschaft am Privaten teilhaben. Bilder vom Hund und seiner neuesten Kochkreationen.

„Es geht nicht nur um Informationen, sondern auch um Emotionen. Man muss die Herzen wärmen“, sagt Anchisi. Der Modebranche prophezeit er zwei „komplizierte“ Jahre. Es werde in Zukunft weniger, dafür klarere Kollektionen, ist er überzeugt. Für seine Firma und generell die italienische Mode ist er positiv gestimmt: „Ich glaube, dass Italien gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.“



TextilWirtschaft: Italien steht wegen der Covid-19-Pandemie still. Läden und Fabriken sind geschlossen. Wie geht Dondup damit um?
Matteo Anchisi: Wir sind der Regierung zuvorgekommen. Bereits seit Anfang März gilt bei uns Smart Working. Unser Laden auf der Mailänder Via della Spiga ist seit dem 9. März zu. Leider ist unsere Heimatregion Marken stark von der Pandemie betroffen. Wir haben an Krankenhäuser gespendet. Beispielsweise stiften wir 10% unserer Onlineerlöse an die Klinik in Pesaro.

Viele Betriebe schicken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit. Auch Dondup?
Nein. Die Kasse von Dondup ist gefüllt, deshalb ist das erst einmal nicht notwendig. Für März haben wir unsere 130 Mitarbeiter gebeten, ihre Urlaubstage zu nehmen. Schauen wir, wie es weitergeht. Es hängt letztlich alles davon ab, wann Läden und Fabriken wieder geöffnet werden.

Sie sprechen von einer gefüllten Kasse. Verraten Sie uns ein paar Zahlen?
Unser Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, also der Ebitda, betrug im vergangenen Jahr 26% des Umsatzes. Dieses Jahr hatten wir uns eine Marge von 27% vorgenommen, in absoluten Zahlen ausgedrückt sind das etwas mehr als 15 Mio. Euro. Anfang des Jahres lagen wir voll im Plan. Doch wegen der Krise werden wir das Ziel wohl nicht erreichen.

Stofflager am Firmensitz: Dondup kommt aus den Marken.
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Stofflager am Firmensitz: Dondup kommt aus den Marken.

Hinter Dondup steht der Finanzinvestor L Catterton, der auch die Contemporary-Labels Ganni und Ba&sh im Portfolio hat. Wie geht der damit um?
Wir haben das Glück, dass wir auf starken Schultern stehen. L Catterton ist in vielen Wirtschaftssektoren engagiert. Das ist für mich ein Vorteil, denn ich gewinne durch den Austausch mit dem Fonds einen guten Überblick über die aktuelle Lage. Jede Woche schreibe ich eine E-Mail an unsere Gesellschafter, in der ich darüber berichte, wie sich die Firma entwickelt. Der Fonds steht hinter uns. Er ist gelassen, überhaupt nicht aggressiv.

Was bedeutet der Stillstand für die Produktion?
Wir fertigen zu 100% in Italien. Die gesamte Lieferkette ruht derzeit. Das bedeutet, dass wir aktuell rund einen Monat im Rückstand sind. Je nachdem, wann es wieder losgeht, gehe ich von einer Verspätung von sechs bis acht Wochen aus. Aus meiner Sicht ist das aber nicht so schlimm. Erstens holen wir das teilweise wieder auf, indem wir im August anpacken. Der August, der in Italien sonst ein Urlaubsmonat ist, wird sich dieses Jahr wie Juni anfühlen. Zweitens hat der Modehandel ein Interesse an, dass die Herbstsaison dieses Jahr später beginnt.

Der Modehandel leidet sehr unter der Coronavirus-Krise. Springen Sie Ihren Kunden bei?
Zuerst einmal sei gesagt: Bislang haben unsere Kunden so gut wie keine Bestellungen rückgängig gemacht. Nur 4 bis 5% unseres Orderbuchs für die Herbstkollektion ist storniert worden. Zu Ihrer Frage: Ich denke, dass die Marken dem Handel entgegen kommen müssen. Es wird darauf hinauslaufen, dass Zahlungsfristen gestreckt und dass die Marken die notwendigen Skontierungen mitschultern werden müssen. Wie genau das aussehen wird, hängt von dem großen Ganzen ab. Was unternimmt die Europäische Zentralbank? Wie geben das die Banken an den Firmen weiter?

Die Frühjahrskollektion 2021 steht an. Wie gehen Sie die an?
Unabhängig von Covid-19 hatten wir uns vorgenommen, die Kollektionen stärker als früher auf den Punkt zu bringen. Die Damenkollektion wird um 30%, die der Herren um 10% kleiner sein. Ab Juli werden wir sie dem Handel präsentieren. Die Verkaufskampagne werden wir voraussichtlich bis Anfang September offenhalten. Wir empfangen in unseren Showräumen in Mailand und in München. Allerdings wollen wir gerade den Kunden, die weiter entfernt sind, entgegenkommen. Deshalb denken wir darüber nach, wie ein virtueller Showroom aussehen könnte.

Die Covid-19 verunsichert die Menschen. Sie bangen um ihre Gesundheit und ihre wirtschaftliche Zukunft. Wie helfen Sie als CEO ihren Mitarbeitern, mit der Lage umzugehen?
Die Firma ist sehr familiär. Zur Weihnachtsfeier sind die Familien unserer Mitarbeiter eingeladen. In der Covid-19-Krise spielt Kommunikation eine ganz entscheidende Rolle. Die gesamte Belegschaft ist auf WhatsApp. Es gibt fünf, sechs Gruppen. Einmal, manchmal auch zweimal in der Woche schreibe ich eine Nachricht, mit der ich alle auf den aktuellen Stand bringe. Zudem erzähle ich auch Persönliches, also wie ich die aktuelle Phase erlebe. Ich habe beispielsweise mit dem Kochen angefangen. Meine ersten kulinarischen Versuche teile ich mit den Mitarbeitern. Die fragen mich schon: „Und, was steht heute auf dem Menü?“ Es geht also nicht nur um Informationen, sondern auch um Emotionen. Man muss die Herzen wärmen. Das macht den Unterschied.

Frühjahrskollektion 2020 von Dondup
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Frühjahrskollektion 2020 von Dondup

Inwiefern wird die Covid-19-Krise die Mode verändern?
Meiner Meinung wird es weniger Kollektionen geben. Salopp formuliert: Die Pre-Pre-Cruise wird Geschichte sein. Der Saisonrhythmus wird ein anderer sein. Der Zyklus der Industrie wird sich dem Zyklus der Verbraucher annähern. Die Mode muss sich vorwerfen lassen, ihre Kunden zuletzt ziemlich verwirrt zu haben. Nach der Krise wird die Klarheit im Mittelpunkt stehen. Übrigens auch im Hinblick auf die Kollektionsaussage. Ich erwarte mir, dass saisonale Trends wieder deutlicher erkennbar werden.

Wie lange braucht es, bis Italien die Krise hinter sich lässt?
Die nächsten eineinhalb bis zwei Jahre werden kompliziert sein. Ich bin aber trotzdem sehr positiv gestimmt. Meine 130 Mitarbeiter sind auf den Wandel vorbereitet. Überhaupt zeichnen sich die italienischen Firmen dadurch aus, dass sie in der Krise rasch reagieren. Der Zusammenhalt ist da. Über einen Chat bin ich mit 30 Führungskräften verbunden, über die ganze Lieferkette hinweg. Ich glaube, dass Italien gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.

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