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TW-Interview mit Einkäuferpräsident Francesco Tombolini

„Glauben wir wirklich, dass wir bald wieder loslegen? Ich nicht.“

CBI
Francesco Tombolini ist Präsident der italienischen Einkäufer
Francesco Tombolini ist Präsident der italienischen Einkäufer

In der Camera Buyer Italia sind mehr als 100 Top-Stores zusammengeschlossen. Um die Krise zu meistern, spricht sich Präsident Francesco Tombolini für eine kommerzielle Quarantäne aus. Keine Rabatte bis August, Order für das Frühjahr 2021 erst ab September. Die Luxusmarken hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Mit einer Ausnahme.

Die Namen sind weltberühmt. Biffi in Mailand, Penelope in Brescia, Leam in Rom. Es handelt sich um die Top-Luxus-Stores Italiens, die sich in der Camera Buyer Italia (CBI) zusammengeschlossen haben. Zusammen erwirtschaften die mehr als 100 Mitglieder einen Umsatz von rund 2,2 Mrd. Euro. Das ist in etwa so viel wie der des Department Stores Harrod’s.


CBI-Präsident ist Francesco Tombolini. Tombolini machte Karriere bei Giorgio Armani und Gucci brachte es bei dem Online-Händler Yoox bis fast ganz an die Spitze. Seitdem die italienische Regierung wegen der Covid-19-Pandemie die Schließung aller Geschäfte angeordnet hat, ist Tombolini täglich in den Medien, um für die Interessen der Modehändler zu werben. Gegenüber der Politik macht er sich für Steuervorteile und einen Hilfsfonds stark. Gegenüber den Marken fordert er, dass Zahlungsziele gestreckt werden und Lieferungen gestoppt werden. „Der größte Fehler wäre, jetzt weiterzumachen, als wäre nichts geschehen“, sagt Tombolini.

TextilWirtschaft: Die Coronavirus-Pandemie reißt die globale Wirtschaft in die Tiefe. Was erwarten Sie sich für Italien?
Francesco Tombolini: Uns steht eine lange Krise bevor. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft um 8% im ersten und um 10% im zweiten Quartal. Der Binnenkonsum bricht ein. Touristen gibt es auch keine. Die Situation ist kompliziert.

Die Modegeschäfte in Italien sind geschlossen. Wie gehen die Händler damit um?
Das fühlt sich an, als wären wir in der Kriegswirtschaft, als lägen wir im Schützengraben. Wir arbeiten von zuhause oder in den Hinterzimmern der Läden. Über Video stehen wir in Kontakt. Die Gesundheit der Mitarbeiter ist das oberste Gebot. Die Kontrollen sind extrem streng. Im Büro müssen wir eineinhalb Meter Abstand voneinander halten. Schutzmasken und Handschuhe sind Pflicht. Überhaupt sind meistens nur noch die Inhaber zugegen. Die Angestellten sind zu Hause. Einige Händler erwägen, die Hälfte ihrer Belegschaft zu entlassen. Sie haben Angst, die Unsicherheit geht an die Nieren.

Die italienische Regierung hat ein 25 Mrd. Euro schweres Konjunkturpaket verabschiedet. Hilft es den Händlern?
Da fehlt es an allem. Man hat an die Pizzerien, die Spielhallen, die Bars und die Museen, aber nicht an den Retail gedacht. In Italien sind die Leute immer noch der Meinung, die Mode sei etwas für die Reichen. Es gibt 26.000 Läden im Land. Viele kleine Boutiquen schreiben mir. Wir haben konkrete Vorschläge unterbreitet. Aber es scheint so, als würden uns nur wenige zuhören.

Haben Sie schon eine Prognose für dieses Jahr?
Die Frühjahres-Saison ist praktisch gelaufen. Sollten die Touristen ausbleiben und sollte es keinen Wirtschaftsaufschwung geben, dürfte auch der Herbst schwierig werden. Meine optimistischste Prognose geht von einem Minus von 26% aus, sofern die Geschäfte wieder ab Mitte April geöffnet sind. Sollten wir einen weiteren Monat verlieren, wird es ein Minus von mindestens 44% sein.

Der E-Commerce ist die Rettung?
Rund 70% unserer Mitglieder haben einen Webshop. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der E-Commerce nur rund 23% unseres Umsatzes ausmacht. Ich habe das mal grob durchgerechnet. In den nächsten zwei Monaten erreichen unsere Läden geschätzt 16% ihres Potenzials. Hochgerechnet auf das Jahr entspricht das einer Einbuße von 390 Mio. Euro.

Wie verhalten sich die Luxusmarken?
Ich tue mich schon schwer damit, das Verhalten zu verstehen. Unsere Geschäfte wurden geschlossen, als die Hälfte der Frühjahrsware eingetroffen war. Jetzt beharren viele Marken darauf, weiter zu liefern, obwohl bei uns alles zu ist. Die großen internationalen Gruppen machen auf mich einen konfusen Eindruck. Sie erinnern mich an die französischen Monarchen, die sich während der Revolution in ihrem Schloss in Versailles verbarrikadierten. Gucci ist die einzige Luxusmarke, die immenses Verständnis bewiesen hat.

Wie sieht es mit den kleineren Labels aus?
Da sieht das ganz anders aus. Mich berührt, wie sie alles tun, um uns zu helfen, obwohl sie selbst Hilfe gebrauchen könnten. Ich bin der Meinung, dass wir ihnen in Zukunft mehr Raum in unseren Läden gewähren sollten.

In Deutschland verhandeln viele Händler mit ihren Vermietern. Auch in Italien?
In Italien zeigen sich viele Vermieter kulant. Hinzu kommt, dass 56% unserer Mitglieder Eigentümer der jeweiligen Immobilie sind.
„Ich möchte hiermit offiziell Farfetch danken. Sie sind die letzte Bastion.“
Francesco Tombolini
Die italienischen Händler erzielen große Umsätze über Farfetch. Eine Hilfe in der Krise?
Ich möchte hiermit offiziell Farfetch danken. Sie sind die letzte Bastion. Ich würde gerne mit ihnen darüber sprechen, wie wir mit dem Warenüberhang umgehen. Auch Yoox könnte helfen. Wir könnten Promotionen für einzelne Städte starten.

Die ersten E-Tailer und Marktplätze bieten Rabatte an. Richtig? Oder ruinös?
Ich bin ein Online-Pionier. Wie könnte ich jetzt das kritisieren? Ich kann die E-Tailer verstehen. Ihre Marketingkosten steigen, die Verkäufe sinken. Deshalb sind Rabatte vonnöten. Der stationäre Handel sollte indes auf Preisnachlässe verzichten. Wir sollten uns darauf verständigen, die Preise bis Juli, August stabil zu halten. Die Herbstware beziehen wir dann erst im August, September. Wenn wir Ware im Mai annehmen, dann leert das unsere Kasse. Es braucht eine kommerzielle Quarantäne.

Im Juni stehen die nächsten Messen an. Die Pitti Uomo hält an ihrem Termin fest. Braucht die Welt eine Frühjahres-Kollektion 2021?
Ich habe großen Respekt vor dem Pitti-Team. Die Welt der Mode wäre ohne die Messe eine andere. Es ist richtig, positiv zu denken und die Mode schön zu präsentieren. Doch wenn sich bis zum 15. Juni nichts Wesentliches ändert, sitzen die Händler auf einem gewaltigen Warenberg. Über die Frühjahrskollektion 2021 können sie sich keine Gedanken machen, weil sie die aktuelle Frühjahrskollektion nicht verkauft haben. Wenn ich an den Juni denke, dann sehe ich Händler, die nur verkaufen und nichts kaufen wollen. Außerdem: Glauben wir wirklich, dass wir in ein paar Wochen wieder durchstarten können? Die Krankenhäuser sind voll, die Flughäfen sind geschlossen. Welches Modehaus investiert da viel Geld in eine Modenschau? Wir sollten abwarten. Im September, Oktober kann das Frühjahr 2021 geordert werden. In deutlich reduzierten Mengen.

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