TW-Interview mit Kering-Nachhaltigkeitschefin Marie-Claire Daveu

"Das ist eine Frage der Ethik"

Kering
"Die Luxusindustrie muss mit der Zeit gehen", sagt Marie-Claire Daveu.
"Die Luxusindustrie muss mit der Zeit gehen", sagt Marie-Claire Daveu.

Der Luxuskonzern Kering bildet im Einsatz für den Umwelt- und Tierschutz die Speerspitze. Jetzt hat die Gucci-Mutter beschlossen, auf Echtpelz in den Kollektionen zu verzichten. Nachhaltigkeitschefin Marie-Claire Daveu über modernen Luxus, die Erwartung junger Kunden und das Versprechen neuer Technologien.

Wer an Nachhaltigkeit und Luxus denkt, der kommt an Kering nicht vorbei. Der französische Konzern, dem die Marken Gucci, Saint Laurent und Bottega Veneta gehören, hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt. Für Kering-CEO François-Henri Pinault ist der Einsatz für Umwelt und Tiere ein Kernelement dessen, was er als "modernen Luxus" bezeichnet.

Jüngster Vorstoß ist der komplette Verzicht auf Echtpelz. Kering-Nachhaltigkeitschefin Marie-Claire Daveu nennt es den "nächsten Schritt" auf der "Nachhaltigkeitsreise": "Die jüngeren Generationen tolerieren zurecht immer weniger, dass Tiere leiden", sagt sie im TW-Interview. "Die Luxusindustrie muss mit der Zeit gehen."


TextilWirtschaft: Kering hat angekündigt, auf Echtpelze zu verzichten. Kering sagt: „Pelz hat keinen Platz in der Luxuswelt.“ Warum nicht?
Marie-Claire Daveu: Auf Echtpelz zu verzichten ist zuerst eine Frage der Ethik. Kering legt seit jeher einen starken Fokus auf das Wohl der Tiere. Der wichtige Schritt, im ganzen Konzern vollständig auf Echtpelz zu verzichten, fügt sich in unser langjähriges Engagement für die Nachhaltigkeit ein. Wir sind bestrebt, eine Vorbildrolle einzunehmen, sowohl, was den Umgang mit der Umwelt als auch die Kreativität betrifft, die auf Wandel entlang unserer Lieferkette und in der Modeindustrie hinwirkt. Die Entscheidung, Echtpelz aus unseren Kollektionen zu verbannen, spiegelt unsere Vision des modernen Luxus wider und trägt dem sich verändernden Kundenverhalten Rechnung. Heutzutage gestatten uns viele innovative Technologien, zu experimentieren und alternative Lösungen zu finden, die vor einigen Jahren noch unvorstellbar waren.

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In der Mode werden tierische Produkte wie Leder verwendet. Wo liegt aus ethischen und nachhaltigen Gesichtspunkten der Unterschied zwischen Pelz und Leder?
Das Leder, das wir beziehen, stammt von Tieren, die für den Bedarf der Lebensmittelindustrie geschlachtet werden. Leder ist dementsprechend ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie. Kering setzt hohe Standards für Rohmaterialien, darunter auch für Leder, und für den Tierschutz an. Die Standards sind auf unserer Internetseite veröffentlicht und werden von Jahr zu Jahr aktualisiert.

Die Pelzindustrie behauptet, in Sachen Tierschutz erhebliche Fortschritte gemacht zu haben und wesentlich transparenter und verantwortungsbewusster geworden zu sein. Das reicht nicht aus?
Ich wiederhole mich: Auf Echtpelz zu verzichten ist zuallererst und vor allem eine ethische Entscheidung. Seit Jahren setzen wir ein robustes Regelwerk um, dank dem wir entlang der Lieferkette und in der Produktion nachhaltige und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, und machen uns für hohe Standards im Tierschutz stark. Allerdings ändern sich die Zeiten. Der Konzern geht mit der Entscheidung, Echtpelz zu verbieten, einen Schritt weiter und spiegelt so die Vision von François-Henri Pinault wider. Den Tierschutz zu verbessern muss ein Imperativ für unsere Industrie sein. Kering möchte in der Mode und der Lebensmittelindustrie, deren Lieferketten verschränkt sind, die Aufmerksamkeit von wenigen Arten auf alle Tiere richten, die Viehzucht eingeschlossen. Uns geht es letztlich darum, die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Tieren und der Natur umgeht, zu verändern.

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Kritiker interpretieren die Entscheidung als Wink an die Woke-Kultur und bezeichnen den Verzicht auf Echtpelz als reine Symbolentscheidung ohne Umsatzrelevanz hat. Was entgegnen Sie den Kritikern?
Wir müssen uns weiterentwickeln und uns an eine sich wandelnde Welt und die Erwartung junger Menschen anpassen. François-Henri Pinaults Vision ist die des modernen Luxus. Das bedeutet, dass wir im Einklang mit den Zeiten und unseren Kunden sind und dass wir die Themen, die in unserer Gesellschaft diskutiert werden, verstehen und vorwegnehmen. Der Verzicht auf Echtpelz ist nur ein natürlicher Schritt auf unserer Nachhaltigkeitsreise. Die jüngeren Generationen tolerieren zurecht immer weniger, dass Tiere leiden. Die Luxusindustrie muss mit der Zeit gehen.
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