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TW-Interview mit La Sportiva-CEO Lorenzo Delladio

„Schließt die Fabriken!“

Ravassard
La Sportiva-Chef Lorenzo Delladio: „Enorme Verluste jetzt, dafür ein schnellerer Neustart in der Zukunft.“
La Sportiva-Chef Lorenzo Delladio: „Enorme Verluste jetzt, dafür ein schnellerer Neustart in der Zukunft.“

Mehr und mehr Länder verhängen Ausgangssperren für ihre Bürger. Doch Büros und Produktionsstätten bleiben geöffnet. Das sei falsch, findet der Chef der italienischen Sportmarke La Sportiva. Er geht mit gutem Beispiel voran. Und nimmt dafür einen Millionenverlust in Kauf.

Alles steht still bei La Sportiva. Der Anbieter von Schuhen und Outdoor-Bekleidung hat seine Büros und seine Produktionsstätte in Ziano di Fiemme in der norditalienischen Provinz Trient bis Anfang April geschlossen. Keine einfache Entscheidung für Firmenchef Lorenzo Delladio. Doch er steht dazu und hofft, dass es ihm andere Unternehmer in Europa nachmachen.


„Das wird deutliche negative Folgen für uns alle haben. Das belastet den Umsatz, die Finanzen und ist schlecht für unsere Marktpräsenz. Zudem verlangt es uns allen auch persönliche Opfer ab“, sagt Delladio. „Aber für mich ist die Gesundheit unserer Mitarbeiter mehr wert als alles andere.“ Er folge einer ganz einfachen Devise: „Enorme Verluste jetzt, dafür ein schnellerer Neustart in der Zukunft.“

TextilWirtschaft: Die Covid-19-Pandemie trifft den ganzen Globus und reißt die Wirtschaft nach unten. Was erwarten Sie für Italien?
Lorenzo Delladio: Italien befindet sich im totalen Ausnahmezustand. Die Wirtschaft ist im Fall. Nicht in der Zukunft, sondern schon jetzt in der Gegenwart. Ganz Europa sollte dem Beispiel Italiens folgen und mit Restriktionen das Virus eindämmen, damit die Pandemie nicht lange wütet. Jetzt wie nie zuvor sollte es zwischen den Ländern keine Unterschiede mehr geben. Der wirtschaftliche Einbruch wird erheblich sein. Nach und nach schließen auch die Fabriken, um ihre Arbeiter und damit die Gemeinschaft zu schützen.


Regierungen und Zentralbanken machen mobil. Reicht das?
Es fehlt der Stopp der gesamten Industrieproduktion. In den Fabriken arbeiten Hunderte von Menschen, die Gefahr laufen, sich anzustecken. Nur dann, wenn alle Fabriken dichtmachen, und die Menschen sich an die Regeln halten und zu Hause bleiben, wird es Regierungen wie der Italiens gelingen, die Zeit, bis der Aufschwung einsetzt, zu verkürzen. Die Devise muss lauten: Enorme Verluste jetzt, dafür ein schnellerer Neustart in der Zukunft.


Sie haben ihre Fabrik geschlossen. Was bedeutet das für Sie?
Wir haben die Fabrik für drei Wochen geschlossen. Das bedeutet, dass wir 30.000 Paar Schuhe weniger herstellen werden. 90% davon haben wir bereits an Modehändler verkauft. Wir verlieren damit 4 bis 5 Mio. Euro an Umsatz. Wenn sich der Produktionsstopp fortsetzt, wird es eine viel größere Summe sein. Wir büßen also erheblich Umsatz ein. Mir war es aber wichtig, ein klares Zeichen an alle zu senden. Nur wenn alle zuhause bleiben, setzen wir dem Ganzen schnell ein Ende.


Die italienische Regierung appelliert an die Bürger, von zu Hause zu arbeiten. Für wie viele ihrer Mitarbeiter in Italien haben Sie Smart Working eingeführt?
Wir beschäftigen in Italien 369 Mitarbeiter. Die Produktion ruht. Für die Angestellten im Marketing, Verkauf und in der Verwaltung gilt Smart Working. Das betrifft 60 bis 70 Personen. Zugegen am Firmensitz sind nur die Lageristen und der Kundenservice. Sie arbeiten im Schichtdienst, damit so wenige wie möglich gleichzeitig präsent sind, und stellen sicher, dass es nicht zu einem totalen Stopp der Bestellungen und Lieferungen kommt. Momentan halten wir durch.
Wie hat sich der Arbeitsalltag verändert? Ist alles stressiger geworden?
Das ist von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich. Allgemein hat sich alles verlangsamt. Das betrifft beispielsweise das Marketing, da wir unsere Teilnahme an vielen Veranstaltungen abgesagt haben. Wer jetzt stark unter Strom steht, ist der Kundenservice. Die Zahl der Anrufe hat zugenommen. Kunden klingeln durch, um zu stornieren oder um sich über Lieferungen zu erkundigen.


Wie hat sich La Sportiva intern organisiert? Wie wird kommuniziert?
Wir nutzen Skype und Microsoft. Jede Abteilung schaltet sich täglich zusammen. Wir haben mehrere WhatsApp-Gruppen, um schnell miteinander zu sprechen. Die IT musste binnen zwei Tagen sicherstellen, dass alle Mitarbeiter von außen auf die Server zugreifen können. Wir stehen im Kontakt mit unseren Kunden. Per Mail und Telefon haben wir ihnen erklärt, warum wir die Fabrik geschlossen haben. Wir erzählen allen alles. Unseren Kunden in Italien, unseren Kunden im Ausland und allen unseren Vertriebspartnern.


Können Sie abschätzen, wie sich die Pandemie auf den Verkauf der aktuellen Frühjahrskollektion und der nächsten Herbstkollektion auswirken könnte?
Derzeit ist das schwierig abzuschätzen. 90% unseres Umsatzes erwirtschaften wir außerhalb Italiens. Vor ein paar Tagen hielten sich die Einbußen noch in Grenzen. Doch jetzt schließen in Europa nacheinander alle Läden. Das wird dazu führen, dass die Bestellungen storniert werden. In Italien ist das bereits vorgekommen.


Was hören Sie von Ihren Kunden? Kommen Sie Ihnen bei den Rechnungsfristen entgegen?
Wir sitzen alle im gleichen Boot. Mehrheitlich kommen wir den Kunden entgegen. Wir beliefern sie später und strecken Zahlungsziele. In Fällen, wie sie in Italien vorgekommen sind, werden Bestellungen komplett storniert. Überhaupt hat die Liquidität für alle in diesem Moment leider Priorität. Alle Ausgaben, die nicht strategisch sind, werden in die Zukunft verschoben.


Sprechen wir über die Lieferkette. Kommt es zu Verspätungen?
Ja, das ist der erste Effekt gewesen. Einige Produkte der aktuellen Frühjahrskollektion, die wir in China herstellen, sind verspätet. Gleiches gilt für das Material, das wir für Prototypen der Frühjahrskollektion 2021 brauchen. Obwohl die Fabriken in Fujian wieder geöffnet sind, liefern einige Stoff- und Komponentenhersteller später aus als üblich. Da nicht alle Betriebe entlang der Lieferkette zum gleichen Zeitpunkt die Produktion angefahren haben, ist alles weniger effizient. Das betrifft nicht nur uns, sondern die gesamte Branche.


Herno-Präsident Claudio Marenzi geht davon aus, dass die Krise eineinhalb Jahre andauern wird. Welches Szenario halten Sie für am wahrscheinlichsten?
Durchaus möglich, dass Marenzi Recht hat. Alles steht und fällt mit der Frage, wie lange es braucht, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Sicher ist schon jetzt, dass die Verluste im Laufe von 2020 nicht aufgefangen werden können.


Wird die Pandemie die Mode- und Sportindustrie langfristig verändern?
Einige sprechen davon, dass die Produktion nach Europa zurückgeholt wird. Die Rede ist von einer neuen Geografie der Produktion. Wir werden jetzt aber Zeuge davon, dass sich bei einer globalen Pandemie niemand sicher wähnen kann. Wir alle sollten uns fragen, inwiefern unser Wirtschaftsmodell nachhaltig ist. Angesichts dieses Klimas der Ungewissheit dürfte die Menschheit verstanden haben, dass es Dinge gibt, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen und selbst die fähigsten Planer überfordern. Was den Konsum anbelangt, wird es vielleicht eine Rückkehr zum Lokalen geben, vor allem bei den Dienstleistungen. In der Mode dürfte Online weiter an Kraft gewinnen, während viele kleine Händler wohl zur Aufgabe gezwungen sein werden.

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