TW-Interview mit Modehändlerin Erika Bardazzi aus Prato

"Eine Schlange vor dem Laden? Noch lange nicht"

Minimoda
Erika Bardazzi
Erika Bardazzi

Seit Dienstag haben in Italien die Geschäfte für Kindermode wieder geöffnet. Erika Bardazzi verkauft in ihrem Laden im Zentrum Pratos Top-Marken wie Armani und Moncler. Bislang jedoch hält sich die Kundschaft mit dem Shoppen zurück. Für Bardazzi auch nicht überraschend.

In Italien beginnt die Post-Covid-19-Zeit. Die Regierung von Premierminister Giuseppe Conte hat die ersten Restriktionen gelockert. In der Mode macht die Kidswear den Anfang. Geschäfte, die Artikel für Neugeborene und Kinder verkaufen, dürfen seit dieser Woche wieder öffnen.

Mit von der Partie ist auch Erika Bardazzi im toskanischen Prato. In ihrem Laden Minimoda verkauft sie Marken aus dem Top-Genre. Sie führt Armani, Balmain, Il Gufo, Moncler, Monnalisa und MSGM. Glücklich über den Frühstart ist sie trotzdem nicht: „Mir hat die Nachricht das Osterfest ruiniert“, sagt Bardazzi. Bislang begrüßt sie in ihrem 250m² großen Laden mehr Journalisten und Fotografen als Kunden. Immerhin sind die Marken kulant: "Sie lassen mit sich reden."

TextilWirtschaft: Ihr Laden ist wieder geöffnet. Freuen Sie sich?
Erika Bardazzi: Ehrlich gesagt nein. Dass die Regierung am Freitag vor einer Woche verkündet hat, die Geschäfte für Neugeborene und Kinder wieder zu eröffnen, hat mir mein Osterfest ruiniert. Ich hätte es besser gefunden, noch zu warten und mit allen meinen Kollegen gemeinsam wieder loszulegen. Ich fürchte letztlich um meine Gesundheit und die meiner Mitmenschen. Mir erscheint es so, als ob die Anstrengungen der vergangenen Wochen durch eine zu frühe Öffnung zunichte gemacht werden.

Ihr Laden befindet sich im Zentrum Pratos. Zieht dort langsam der Alltag wieder ein?
Nein, die Straßen sind verwaist. Mein Laden ist von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet. Am Nachmittag verbringe ich noch ein paar Stunden, um Bilder für die Kunden zu machen. Einmal hatte ich die Zeit vergessen und trat erst abends wieder aus dem Laden. Dann war abgesehen von ein paar ziemlich zwielichtigen Gestalten niemand mehr unterwegs. Ich hatte wirklich Angst.

In Prato leben viele Chinesen. Wie gestaltet sich das Zusammenleben in Zeiten von Corona?
Es mag viele überraschen, aber Prato ist im Vergleich zu anderen Städten vergleichsweise weniger durch das Virus getroffen. Die chinesische Bevölkerung Pratos hat sich wirklich vorbildlich verhalten. Schon früh haben sich unsere chinesischen Mitbürger freiwillig abgeschottet. Das dürfte mit dazu beigetragen haben, die Fallzahlen so gering zu halten. Für mich als Händlerin hat das aber Nachteile mit sich gebracht. Denn: Die Chinesen gehören zu meinen wichtigsten Kunden. Sie fehlen mir jetzt.

Seit Dienstag haben Sie wieder auf. Wie ist der Zuspruch der Kunden?
Von einer Schlange vor dem Laden sind wir noch weit entfernt. Überspitzt gesagt hatte ich bislang acht Kunden. Vier Journalisten, die mich interviewt haben, und vier Fotografen, die mich dabei abgelichtet haben. Im Ernst: Der ein oder andere Kunde kommt schon vorbei, aber meistens ohne seine Kinder. Einigen Kunden schicke ich Bilder und sende ihnen dann die Ware mit dem Kurierdienst zu. Am häufigsten habe ich bislang Loungewear verkauft, also T-Shirts und Sweatpants. Immerhin hat eine Kundin heute zwei Hosen von Balmain erworben. Für 180 Euro und 210 Euro.

Das heißt: Es ist kein kommerzieller Vorteil, schon auf zu haben?
Nein. Im Gegenteil. Der italienische Staat hilft ja den Händlern und Unternehmen. Beispielsweise können Hypothekenzahlungen gestundet werden. Unklar ist, inwiefern die Händler, die wieder geöffnet haben, diese Regelungen  weiterhin in Anspruch nehmen können.

Was sagen Ihre Mitarbeiter?
Ich arbeite mit meinen Eltern. Zudem beschäftigte ich drei Mitarbeiterinnen. Für sie gilt erst einmal Kurzarbeit. Aktuell ist mit mir eine Mitarbeiterin im Laden. Sie hilft mir vor allem bei der Reinigung. Wir tragen natürlich einen Mundschutz. Am Eingang steht zudem ein Spender mit Desinfektionsgel. Meine Mitarbeiterin ist einerseits froh, dass es weitergeht. Andererseits wäre sie wahrscheinlich schon lieber noch zu Hause geblieben.

Wann rechnen Sie damit, dass wieder Normalität einzieht?
Das wird noch Zeit brauchen. Die Kindermodenmesse Pitti Bimbo wurde vom Juni auf den September verschoben. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie dann auch stattfindet, und ob ich sie besuchen werde. Meines Erachtens wird erst nächstes Frühjahr wieder halbwegs Normalität herrschen.

Sie führen bekannte Luxusmarken. Zeigen die sich gegen den Händlern kulant?
Ich rechne damit, dass ich am Ende nur 20 bis 30% der Frühjahrsware verkauft haben werde. Die großen Marken lassen da schon mit sich reden. Einige haben die Zahlungsfristen gestreckt. Wichtig für mich wäre, den Schlussverkauf von Juli nach September zu verschieben. Es wäre wirklich schwierig, wenn die Marken mit ihren Webshops schon früh mit dem Skontieren anfangen würden.

Blicken wir voraus. Ist E-Commerce die Zukunft?
Zweifellos hat die Covid-19-Pandemie den Trend hin zum Digitalen beschleunigt. Selbst die Menschen, die vorher nichts mit dem Internet anzufangen wussten, dürften es jetzt spätestens ausprobiert haben. Denken wir nur an die Großeltern, die mit ihren Enkeln im Videochat sprechen. Wir Händler müssen uns online rüsten.

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