TW-Interview mit Stylist Nicolas Dureau

Burberry-Bag aus Eierschalen, Valentino-Kleid aus WC-Papier

Nicolas Dureau
Original und Fälschung: Burberry mit Bella und mit Nicolas
Original und Fälschung: Burberry mit Bella und mit Nicolas

In der Mode darf auch trotz Covid-19 gelacht werden. Das zumindest findet der Stylist Nicolas Dureau, der ikonische Fashion-Bilder bei sich zu Hause mit allerhand Hausrat nachstellt. Ob Burberry, Helmut Lang oder Valentino – niemand ist vor ihm sicher. Bei aller Ironie hat der Franzose aber auch eine ernst gemeinte Botschaft.

Was macht der Stylist, wenn wegen Covid-19 alle Shootings abgesagt sind? Nicolas Dureau hat einen Weg gefunden, trotz der Coronavirus-Zwangspause kreativ zu bleiben. Er stellt ikonische Modefotos nach – in den eigenen vier Wänden, mit sich als Model und mithilfe sämtlichen Hausrats. Die Bilder veröffentlicht er auf Instagram. Mit beachtlichem Publikumserfolg.

Bella Hadid mit Burberry-Bag über der Schulter? Da behilft sich Dureau mit Eierschalen und ein paar Meter Klebeband. Dua Lipa in einem rosafarbenen Traum von Valentino? Da wickelt sich Dureau einfach Klopapier um Brust und Taille. Selbst die Putzhandschuhe verwandelt er in Fashion-Items.

Was ironisch daherkommt, hat aber auch eine ernsten Unterton. „Ich finde es toll zu zeigen, dass Bilder mit null Budget nachgestellt werden können“, sagt Dureau. „Ich wünsche mir, dass die Marken mehr Geld für Freiberufler ausgeben, die momentan darum kämpfen müssen, ganz normal bezahlt zu werden.“ Denn er selbst hat wegen Covid-19 sämtliche Aufträge verloren.

TextilWirtschaft: Sie arbeiten als Fotograf und Stylist. Erzählen Sie uns ein wenig von sich?
Nicolas Dureau: Ich bin Stylist. Studiert habe ich Kino und Fotografie. Das hilft mir, Looks zu analysieren. Zu meinen Kunden zählen Magazine und Musiker. Generell werde ich dann gebucht, wenn Interviews, Konzerte, Videos, Shootings und TV-Shows anstehen.

Covid-19-Pandemie zieht die ganze Wirtschaft nach unten, die Mode miteingeschlossen. Wie sind Sie betroffen? Haben Sie Aufträge verloren?
Ich habe sämtliche Aufträge verloren. Das betrifft Personen, die auf Konzerten oder im Fernsehen auftreten. Das betrifft Presse- und Mode-Shootings. Die Sektoren Entertainment und Mode liegen am Boden.

Die französische Regierung hat versprochen, Mittelständlern und Freiberuflern zu helfen. Nehmen Sie staatliche Hilfe in Anspruch?
Den Antrag habe ich gestellt. Aber erhalten habe ich noch nichts. Es gibt einfach zu viele Freiberufler, denen geholfen werden muss. Dementsprechend ist das System in Paris noch langsamer.

Wie gefällt dir das, Helmut?
Nicolas Dureau
Wie gefällt dir das, Helmut?

Sie haben eine  Instagram-Kampagne gestartet. Sie imitieren Mode-Fotos und setzen sich selbst mit einem zwinkernden Auge als Model in Szene. Welche Idee steckt dahinter?
Am Anfang wollte ich nur meine Freunde zum Lachen bringen. Schon immer veröffentliche ich solche Posts, um ein bisschen Spaß zu haben. Jetzt stelle ich fest, dass die Bilder sehr interessante Lesarten bieten. Ich finde es toll zu zeigen, dass Bilder mit null Budget nachgestellt werden können. In den eigenen vier Wänden. Mit Abfall oder dem, was zu Hause eben rumliegt. Ich erachte es zudem als Möglichkeit, mich zu beschäftigen, wenn es keine Arbeit gibt. Ich erstelle allein kreative Inhalte. Ohne die Hilfe eines Teams, das es üblicherweise für Foto-Shootings braucht.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Ich halte mich jederzeit auf dem Laufenden. Ich besuche Modeseiten, schaue auf Instagram nach und überfliege die Profile auf Tumblr. Teil meiner Arbeit ist es seit jeher, nach ikonischen Aufnahmen zu suchen. Auf meinem Computer habe ich die Bilder in Ordnern nach Monaten sortiert. Wenn mir ein Bild ins Auge sticht, in das ich mich verliebe und das ich leicht mit den Materialien nachstellen kann, die ich zu Hause habe, dann lege ich los.

Ein Traum in Rosa: Valentino ganz weich
Nicolas Dureau
Ein Traum in Rosa: Valentino ganz weich

Auf einem Bild haben Sie ein Kleid aus Toilettenpapier gezaubert. Wie viele Stunden hat das gekostet?
Das dauerte rund drei Stunden. Normalerweise brauche ich nicht so viel Zeit. Aber in diesem Fall musste ich erheblich Zeit investieren, um auf ein ähnliches Volumen wie das Original kommen. Ich bilde das Valentino-Kleid nach, das Dua Lipa getragen hat.

Welche Rückmeldung haben Sie bislang auf die Bilder erhalten?
Ich habe viele positive Zuschriften erhalten. Die Menschen amüsieren sich prächtig. Das Anschauen der Bilder versetzt sie in einen Glückszustand. Sie sind dankbar, unterhalten zu werden. Schließlich sitzen sie bei sich zu Hause fest.

Muss es denn Leder sein? Der Gummihandschuh tut's auch.
Nicolas Dureau
Muss es denn Leder sein? Der Gummihandschuh tut's auch.

Die Bilder sind witzig und ironisch. Kann die Mode überhaupt mehr Spaß und Ironie vertragen?
Ich liebe es, mit Mode Spaß zu machen. Manchmal nehmen sich die Modeschaffenden selbst so unglaublich ernst. Am liebsten würde ich sie schütteln und ihnen zurufen: „Mensch Leute, das sind doch nur Kleider.“ Wir arbeiten in der witzigsten Branche überhaupt. Und trotzdem tun viele so, als würden sie Leben retten. Dabei gehört die Mode zu den Branchen, die am meisten die Umwelt belasten.

Fast so groß wie in der Vogue
Nicolas Dureau
Fast so groß wie in der Vogue

Blicken wir in die Zukunft. Irgendwelche Vorschläge, Wünsche für die Post-Covid-19-Zeit?
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, so viel zu reisen. Für Shootings, Pre-Collection-Shows und Modeschauen. Ich wünsche mir, dass die Marken nicht mehr so viel produzieren. Eine oder zwei Kollektionen pro Jahr reichen vollkommen aus. Ich wünsche mir, dass Marken nur nachhaltige Fasern und Stoffe verwenden. Ich wünsche mir, dass die Marken mehr mit Freiberuflern arbeiten, die aus ihrer Stadt stammen, um unnützes Reisen zu vermeiden. Zuletzt wünsche ich mir, dass die Marken weniger Budget für die Show-Locations und Werbekampagnen aufwenden. Dann hätten sie mehr Geld für Freiberufler, die momentan darum kämpfen müssen, ganz normal bezahlt zu werden.

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