TW-Interview mit Vestiaire Collective-CEO Max Bittner

"Überfüllte Kleiderschränke? Eine Geldquelle in unsicheren Zeiten."

Vestiaire Collective
Max Bittner mit den VC-Gründerinnen Sophie Hersan (l.) und Fanny Moizant (r.)
Max Bittner mit den VC-Gründerinnen Sophie Hersan (l.) und Fanny Moizant (r.)

Dem Resale-Markt wird großes Potenzial nachgesagt. Doch in der Covid-19-Krise leiden einige Anbieter, darunter The Real Real. Besser schlägt sich die Plattform Vestiaire Collective. Laut ihrem CEO hat sie die Coronaviruskrise hinter sich gelassen. Sie wächst wieder zweistellig. Auch dank Dior und Louis Vuitton.

Eine Schreckensmeldung folgt in Zeiten von Covid-19 auf die nächste. Nicht so bei Vestiaire Collective. Die Resale-Plattform, auf der Kundinnen Secondhand-Mode verkaufen und kaufen können, hat soeben frisches Geld von Investoren eingesammelt. Exakt 59 Mio. Euro.

Wie viel die Plattform damit wert ist, verrät CEO Max Bittner nicht. Er sagt nur: „Seit der letzten Investitionsrunde im Juni 2019 ist die Unternehmensbewertung um 50% gestiegen.“ Die Anleger bauen darauf, dass sich das Modell durchsetzt. Während Consignment-Anbieter wie The Real Real mit eigenen Läden, Abholstationen und Authentifizierungsteams hohe Kosten haben, ist Vestiaire Collective schlank. „Wir können viel agiler handeln“, sagt Bittner.

TextilWirtschaft: Sie haben eine neue Finanzierungsrunde abgeschlossen. Damit wir das einschätzen können: Wie viele Finanzierungsrunden fanden dann bislang statt?
Max Bittner: Ich habe zwei Finanzierungsrunden abgeschlossen, seitdem ich Ende 2018 die Rolle des CEO übernommen habe. Mit den vorherigen Runden haben wir insgesamt 209 Mio. Euro aufgebracht. Seit der letzten Investitionsrunde im Juni 2019 ist die Unternehmensbewertung um 50% gestiegen. Die aktuelle Runde bringt vier neue Investoren an Bord, darunter Korelya Capital, das vom koreanischen Technologie-Konglomerat Naver unterstützt wird, den von Fidelity International verwalteten Fonds, Vaultier7, einen von Frauen geführten, spezialisierten Konsumentenfonds, und Cuir Invest, das von der französischen Lederindustrie unterstützt wird. Sie schließen sich den bestehenden Aktionären an, darunter Eurazeo Growth, Idinvest Venture-Fonds, Bpifrance, Vitruvian Partners, Conde Nast, Luxury Tech Fund und mir.


Schreibt Vestiaire Collective schon schwarze Zahlen? Wann soll der Break-Even erreicht werden?
Diese Details können wir leider nicht bekannt geben.

Sprechen wir über Covid-19: Die meisten Unternehmen haben Kurzarbeit eingeführt, um die Krise zu meistern. Sie auch?
Ja, wir haben einen kleinen Teil des Pariser Teams auf Kurzarbeit, Chômage Partiel, eingestellt. Wir freuen uns, dass viele europäische Regierungen solche Programme anbieten, um Unternehmen und Mitarbeiter in dieser herausfordernden Zeit zu unterstützen. Unser Geschäft hat sich allerdings von den anfänglichen Auswirkungen der Krise schnell erholt und wächst wieder. Wir haben am vergangenen Freitag den bisher größten Verkaufstag unserer Geschichte gefeiert. Wir benötigen somit den größten Teil unseres Teams in Vollzeit, um die Bedürfnisse unserer Kunden zu erfüllen.

Manche Online-Händler – beispielsweise Yoox Net-a-Porter – haben ihre Lieferzentren zeitweise geschlossen, um ihre Mitarbeiter zu schützen. Wie sieht es bei Vestiaire Collective aus?
All unsere Logistikzentren sind dank des großen Engagements unserer Logistik- und Geschäftsteams in Betrieb. Es gelten strenge Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz unserer Mitarbeiter. Wir haben unsere Teams in zwei Schichten aufgeteilt, um die notwendige Distanz sicherzustellen. Alle Mitarbeiter tragen Gesichtsmasken. Zudem reinigen wir die Gebäude häufiger. In der EU haben wir unser Direktversand-Modell um Produkte mit einem Wert von bis zu 500 Euro erweitert, um den Produktfluss durch das Lager zu reduzieren. Aufgrund einer Verordnung des US-Bundesstaates Staates New York haben wir unser Logistikzentrum in den USA geschlossen. Nun hat der Staat Vestiaire Collective allerdings als ein Essential Business ausgewiesen. Das ist eine unglaubliche Anerkennung von Resale-Plattformen als wertvolle Ressourcen für Menschen, um ihre Kleidung zu Geld zu machen.

Resale zwischen Firstsale: Vestiaire Collective bei Selfridges

Der E-Commerce mit Mode scheint von Covid-19 nicht zu profitieren. The Real Real spricht von starken Einbrüchen, seitdem Restriktionen in der Bay-Area verhängt wurden. Wie fallen bislang Ihre Erfahrungen aus? Sind die Kunden aktiv? Oder halten sie sich zurück?
Im Vergleich zum Consignment-Modell konnten wir als C-to-C-Plattform in dieser Zeit viel agiler handeln. Dadurch hat sich das Geschäft recht schnell erholt. Wenn wir unsere Zahlen vor Covid-19 im Februar 2020 heranziehen, lag die Zahl der unsere Bestellungen 108% über dem Vorjahr. Die Zahl der aktiven Käufer hatte sich im gleichen Zeitraum um 81% erhöht. Als das Virus im März nach Europa kam, haben wir - wie zu erwarten war - einen Rückgang erlebt, allerdings schnell gesehen, dass die Zahl der Bestellungen aus Mitteleuropa im Vorjahresvergleich um 20% gestiegen sind. Die Gesamtzahl der hochgeladenen Artikel hat sich um 33% erhöht. Wir sehen zudem, dass unsere Community unsere App weiterhin sehr stark nutzt.

Stellen Sie Unterschiede zwischen den Verkäufern und den Käufern fest? Also: Spürt man einen Covid-19-Effekt eher bei den Verkäufern oder bei den Käufern?
Wir verzeichnen derzeit ein höheres Niveau an hochgeladenen Artikeln im Vergleich zu Bestellungen, da der Großteil der Menschen zu Hause ist und Zeit hat, seine Kleiderschränke aufzuräumen. Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Menschen in den vergangenen zwölf Monaten weniger als die Hälfte ihrer Garderobe getragen haben. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit sind überfüllte Schränke eine Einnahmequelle. Wir haben zudem daran gearbeitet, unsere Verkäufer noch mehr zu unterstützen und bieten nun Abholungen zu Hause an, zusammen mit unseren Logistikpartnern DHL und UPS.

Die ersten E-Tailer haben damit angefangen, ihre Sommerware zu skontieren. Wie sieht es bei Ihnen aus? Senken Sie Preise, Gebühren, um die Kunden zum Shoppen zu ermuntern?
Wir unterstützen unsere Verkäufer weiterhin mit einer reduzierten Provision für Produkte mit einem Wert zwischen 150 und 300 Euro. Das bedeutet, dass sie mehr Geld mit ihren Verkäufen verdienen und gleichzeitig den Käufern einen besseren Preis bieten können. Darüber hinaus haben wir zusammen mit der am 15. April gestarteten Kampagne „Fashion Should Feel Good“ unsere Act & Earn-Challenge ins Leben gerufen. Dabei können Kunden Gutscheine im Wert von bis zu 150 Euro für unsere Plattform verdienen können, wenn sie mindestens fünf Artikel hochladen. Mit dieser Initiative möchten wir unsere Community ermutigen, das Beste aus ihren Kleiderschränken herauszuholen und gleichzeitig nachhaltigere Verbraucherentscheidungen zu treffen.

Welche Produkte sind denn in Zeiten von Covid-19 gefragt? Gibt es einen reißenden Absatz für Loungewear?
Wir haben ein verstärktes Interesse an erschwinglichen Marken festgestellt, wobei etablierte Designermarken wie Christian Dior und Louis Vuitton weiterhin sehr gefragt sind.

Sie haben ein Direktversand-Modell eingeführt, bei dem die Ware nicht länger von Ihnen authentifiziert wird. Was ist die Idee dahinter? Schnellere Lieferung, tiefere Kosten?
Vertrauen bildet den Kern von Vestiaire Collective. Jeder auf der Plattform verkaufte Artikel wird von unserem engagierten Spezialistenteam einer physischen Überprüfung unterzogen. Mit dem Direktversand-Service haben Käufer die Wahl, die physische Kontrolle und Authentifizierung beim Check-out zu umgehen und ihren Artikel direkt vom Verkäufer zu erhalten. Mit dieser Erweiterung unseres Geschäftsmodells möchten wir unsere Community mit der Weitergabe des Vertrauens in unsere Verkäufer belohnen und ihnen zudem ein außergewöhnliches Einkaufserlebnis bieten. Der Direktversand erleichtert das Einkaufen auf unserer Plattform, da er die durchschnittliche Lieferzeit verkürzt und Käufer rund 10 Euro für Authentifizierung und Versand sparen.


Wie wird das Direktversand-Modell angenommen?
Der im September 2019 eingeführte Service wird bei einer wachsenden Anzahl von Kunden immer beliebter. Derzeit werden über die Hälfte der Bestellungen in der EU über diesen Service abgeschlossen, wobei diese Zahl mit einer Rate von 60% pro Monat wächst. Aufgrund des Erfolgs des Modells wird es im Frühsommer in den USA eingeführt, gefolgt von Asien vor Ende 2020.

Rechnen Sie mit einer Konsolidierung im Resale-Markt?
Der Resale-Markt wird derzeit auf einen Umsatz von rund 25 Mrd. Dollar im Jahr 2018 geschätzt. Er wird im Jahr 2021 voraussichtlich weiter auf rund 36 Mrd. Dollar wachsen. Es ist also ein dynamischer Markt mit großem Potenzial. Die gesamte Modebranche befindet sich gerade in einer Zeit bedeutender Veränderungen. Die Dynamik, die diesen Wandel antreibt, wird jetzt stärker, da die Bedeutung von Nachhaltigkeit für die Kunden zunimmt und sie nach mehr Möglichkeiten suchen, umweltfreundlicher auf die gewünschte Mode zuzugreifen. Gleichzeitig werden die Verbraucher einfallsreicher, indem sie zusätzliches Geld durch den Verkauf von Kleidungsstücken aus ihrer Garderobe einnehmen, was die Nachfrage nach Resale-Plattformen weiter ankurbeln wird. Wir haben bereits in den letzten Jahren eine Konsolidierung auf dem Markt gesehen, die sich voraussichtlich fortsetzen wird.

stats