TW-Interview mit Vibram-Chef Paolo Manuzzi

„Die Mode trifft es härter als den Sport“

Vibram
Paolo Manuzzi
Paolo Manuzzi

Der Sohlenhersteller Vibram ist selbst zur Marke geworden und bedient Kunden aus verschiedenen Sektoren. Global General Manager Paolo Manuzzi über den Stress des Smart Workings, die Erholung Chinas und über wirtschaftliche Dominoeffekte.

Die meisten haben es schon einmal gesehen: das langgestreckte, gelbe Logo auf der Schuhsole. Es ist das Markenzeichen von Vibram. Die Firma aus dem italienischen Albizzate bei Varese, deren Name sich aus Teilen des Vor- und Nachnamens des Gründers Vitale Bramani zusammensetzt, gehört zu dem illustren Kreis an Zulieferfirmen, die auch der Endkunde kennt.

Wer mit Vibram spricht, erhält einen guten Überblick über Sport, Mode und die Verbraucher. Die Firma hat Kunden aus der Sport- und Outdoor-Welt. Dank des Hiking-Trends kommen auch immer mehr Kunden aus der Mode dazu, darunter junge Labels wie Roa und Suicoke. Vibram stellt nicht nur Sohlen, sondern seit dem Debüt des Modells FiveFingers auch Schuhe her. Nicht zuletzt hat Vibram ein Entwicklungszentrum in China. Global General Manager Paolo Manuzzi ist seit fast drei Jahrzehnten in der Firma: „2020 bricht die Wirtschaft um 20% ein. Auch 2021 wird schwierig.“

TextilWirtschaft: Die Covid-19-Pandemie droht, die Weltwirtschaft in eine Rezession zu reißen. Was erwarten Sie sich für Italien?
Paolo Manuzzi: Momentan ist Italien eines der Länder, das die Krise am härtesten getroffen und das selbst die schärfsten Restriktionen verhängt hat, um die Pandemie einzudämmen. Es ist wirklich knifflig, eine Prognose zu wagen. Fest steht, dass die Pandemie die italienische Wirtschaft und auch die Weltwirtschaft nach unten ziehen wird. Um klarer zu sehen, bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten, bis die Notsituation unter Kontrolle ist. So schnell wie möglich, hoffe ich.


Die Regierungen und Zentralbanken haben die ersten Antworten gegeben. Reichen Sie aus?
Das hängt davon ab, wie lange die Pandemie wütet. Meiner Meinung nach ist die wichtigste Aufgabe der Regierung, das Virus auf die bestmögliche und effektivste Weise zu bekämpfen, damit das Gesundheitssystem nicht überfordert und eine gute Versorgung garantiert ist. Selbstverständlich muss die Regierung an der Seite der Firmen stehen. Denn das beeinflusst die Menschen, ihre Arbeit und die Finanzen der privaten Haushalte. Mein Ansatz lautet: Erst einmal müssen wir die Notsituation meistern, bevor wir uns anderen Aufgaben zuwenden können.


Haben Sie schon eine Prognose für 2020? Ein Basisszenario?
Wir haben das Beispiel Chinas vor Augen. China war für zwei Monate blockiert. In Italien und in Europa allgemein, wo die Auflagen der Regierung manchmal nicht ganz so penibel eingehalten werden, könnte es auf einen Stillstand von drei Monaten hinauslaufen. Deshalb wage ich die Prognose, dass die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr rund 20% verlieren wird. Damit beziehe ich mich auf kommerzielle Aktivitäten wie Bars, Restaurants und Geschäfte, die per Dekret der Regierung geschlossen sind und in dieser Zeit keinen Umsatz erzielen.

Vibram-Firmensitz in Albizzate bei Varese
Agence Kros, Rémi Fabregue
Vibram-Firmensitz in Albizzate bei Varese

Wie hat sich Vibram in der Krise organisiert?
Am Hauptsitz in Italien arbeiten 280 Personen, weltweit sind es 812. In Italien gilt für 80 Mitarbeiter Smart Working. Das sind all die Angestellten, die von der Ferne aus arbeiten können. Wir haben einen Krisenstab eingerichtet. Wir sind zu viert. Neben mir sind das der Leiter der Produktion, der Personalchef und eine weitere Person. Wir sind in stetigem Austausch und treffen die wichtigsten Entscheidungen. Dann sind da die Führungskräfte, mit denen wir mindestens einmal pro Tag telefonieren. Schließlich gibt es noch die einzelnen Abteilungen, die in Teams arbeiten.


Wie fühlt sich die Krise im Alltag an? Ist alles stressiger geworden?
Das ist sehr subjektiv. Was mich persönlich betrifft, geht es stressiger zu. Denn ich hänge dauernd am Telefon. Hinzu kommt da ein grundlegendes Problem. Es fehlt momentan einfach der menschliche Kontakt. Vor der Krise legte man für zehn Minuten eine Kaffeepause ein, hielt ein kurzes Schwätzchen. Klar, man war auch da auf der Arbeit, konnte sich aber auch zwischendurch entspannen. Jetzt fehlt der direkte Austausch. Wir sehen uns zwar in der Videokonferenz, aber alles wird durch den Bildschirm gefiltert. Ich beharre darauf: Der menschliche Kontakt spielt im Arbeitsleben eine herausragende Rolle.


Vibram hat die Fabrik geschlossen. Was sind die Konsequenzen?
Das wirkt sich schon erheblich aus. Die wirtschaftliche Einbuße ist alles andere als vernachlässigbar. Allerdings denken wir schon immer zuerst an die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Das ist die für uns fundamental, die Gesundheit hat keinen Preis. Übrigens: Wir hatten unsere Produktionsstätte in Albizzate bereits geschlossen, bevor es die Regierung angeordnete. Eben weil die Gesundheit unserer Mitarbeiter Vorrang hat.


Wie wirkt sich die Krise auf die Lieferkette aus? Verzögert sich alles?
Bislang nicht. Das, was wir benötigen, haben wir bereits bekommen. Die Kunden, die auf eine Lieferung von uns warten, informieren wir darüber, dass wir die vereinbarten Zeiten einhalten. Wir haben das Glück, dass wir Rohmaterialien lagern können. Kaufen wir normalerweise Rohwaren für einen Monat ein, so haben wir uns jetzt für zwei Monate eingedeckt. Nicht alle Firmen sind dazu in der Lage. Uns steht diese Möglichkeit offen, weil die Rohmaterialien nicht verderben, wir über die wirtschaftliche Stärke und den nötigen Platz verfügen.


Priorität hat die Liquidität. Wie halten Sie das Geld in der Kasse?
Absolut, das geht nicht anders. Alle Investitionen, die nicht strategisch sind, haben wir gestoppt. Die Mittel werden dorthin geleitet, wo sie gebraucht werden. Zudem sparen wir Geld, weil wir momentan nicht reisen und Events abgesagt wurden. Wir gehen alle Ausgaben einzeln durch.

Vibram: HQ in Italien, Forschung und Entwicklung in China
Agence Kros, Rémi Fabregue
Vibram: HQ in Italien, Forschung und Entwicklung in China

Vibram hat Kunden aus dem Sport und der Mode. Welcher dieser beiden Sektoren wird härter getroffen sein?
Unseres Erachtens wird es die Mode härter treffen. Aus zwei Gründen. Erstens werden die Menschen, sobald die Krise überwunden ist, und alle wieder ihre Wohnungen verlassen dürfen, eine große Lust verspüren, sich im Freien aufzuhalten und Sport zu treiben. Deswegen glauben wir, dass alle Arten von Sportausrüstung und Sportbekleidung, vom Badeanzug bis zum Laufschuh, eine starke Nachfrage erleben werden. Zweitens hängt die Mode von saisonalen Trends ab. Einem Modeteil droht eine kürzere Lebenszeit als einem Sportartikel. Es lässt sich nicht abschätzen, welcher Trend nach der Krise gefragt sein wird. Nicht zuletzt büßen die Menschen wegen der Krise an Kaufkraft ein. Sie werden gezwungen sein, sich für und gegen Käufe zu entscheiden.


Einige Kunden bitten um Zahlungsaufschub. Kommen Sie entgegen?
Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Situation für alle schwierig ist. Wie nie zuvor ist in diesem Moment Solidarität gefragt. Wir prüfen jeden einzelnen Fall, wie wir uns verhalten.


China scheint zur Normalität zurückzukehren. Können Sie das bestätigen?
Das wissen wir aus erster Hand, denn unser Forschungs- und Entwicklungszentrum befindet sich in China. Wie alle anderen Firmen hielten auch wir uns an die Auflagen der Regierung und haben jetzt wieder loslegen dürfen. In den chinesischen Fabriken übernachten die Arbeiter in Schlafsälen. Das half Peking dabei, die Menschen voneinander abzuschirmen und die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren. Bei uns in Europa ist das anders. Deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, Ansteckungen zu verhindern, bevor wir an den Neustart denken.


Herno-Präsident Claudio Marenzi geht davon aus, dass die Krise eineinhalb Jahre andauern und sich auch noch auf die Frühjahrskollektion 2021 auswirken wird. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, damit stimme ich überein. Die Menschen können momentan nichts kaufen. Und sofern sie es können, kaufen sie weniger. Sofern wir nicht binnen eines Monats zur Normalität zurückkehren, was ich für unwahrscheinlich halte, laufen die Händler Gefahr, auf der Frühjahrskollektion 2020 sitzenzubleiben. Im Sport bedeutet das, dass die Artikel dann im Frühjahr 2021 angeboten werden. Das ist in der Mode natürlich schwieriger. Die Firmen arbeiten jetzt an der Frühjahrskollektion 2021, die ab März nächsten Jahres in den Geschäften sein wird. Natürlich werden dann Nachwehen der aktuellen Krise zu spüren sein. Zu guter Letzt wird es einen wirtschaftlichen Dominoeffekt geben. Wenn die Händler nicht verkaufen, haben sie kein Geld, die Firmen zu bezahlen, die deswegen weniger Umsatz erwirtschaften. 2021 wird sicherlich nicht einfach.


Inwiefern wird die Krise langfristig die Mode und den Sport verändern?
Die Covid-19-Pandemie hat den Menschen auferlegt, sich mehr mit der Technologie auseinandersetzen. Damit meine ich den Kauf über das Internet und Smart Working. Denken wir nur an Lebensmitteleinkäufe und das Bezahlen von Rechnungen online. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass die Menschen auch nach der Krise stärker den E-Commerce nutzen werden.

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