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Pestforscher Guido Alfani im TW-Interview

Schwarzer Tod, Spanische Grippe und Sars – Die Lehren aus den Jahrhunderten

Luigi Pellegrini Scaramuccia, Storia di Milano
Pest im 17. Jahrhundert: Kardinal Federico Borromeo besucht ein Lazarett.
Pest im 17. Jahrhundert: Kardinal Federico Borromeo besucht ein Lazarett.

Covid-19 hat den Globus im Griff. Doch das Coronavirus ist nicht die erste Pandemie, die die Menschheit heimsucht. Bocconi-Professor Guido Alfani hat die Pestilenzen der Vergangenheit und ihre Konsequenzen für Gesellschaft und Wirtschaft untersucht. Mit überraschenden Erkenntnissen. Und einer Lektion für die EU.

Warum immer nur nach vorn schauen? Denn vielleicht lohnt sich ja ein Blick zurück. Da keiner so recht weiß, wie lange die Coronavirus-Pandemie andauern wird und fundierte Prognosen dementsprechend schwierig sind, sucht der ein oder andere Aufschluss in der Historie.


Guido Alfani, Professor an der Mailänder Bocconi-Universität, beschäftigt sich mit den Pandemien der Vergangenheit. Dabei hat er herausgefunden, dass viele der Plagen langfristige Folgen hatten. Manchmal erhöhten sie die Realeinkommen der Überlebenden. Manchmal verschoben sie in Industrien wie der Textilbranche Marktanteile zwischen Staaten. Und häufig bereiten sie wichtigen Innovationen die Bahn: „Pandemien haben auch einen positiven Wandel bewirkt.“

TextilWirtschaft: Die italienische Literatur ist reich an Meisterwerken, in denen Pandemien beschrieben werden. Im Buch "Das Dekameron" von Giovanni Boccaccio erzählen sich zehn junge Menschen, die vor der Pest in ein Landhaus geflüchtet sind, Geschichten. Im Roman "Die Brautleute" von Alessandro Manzoni bricht eine Pest aus. Was sollten wir lesen, damit wir das jetzige Geschehen verstehen?
Guido Alfani: Das steht und fällt damit, was dem Leser wichtig ist. Für die reine Unterhaltung empfehle ich "Das Dekameron". Wer sich allerdings über die aktuelle Situation vertiefter Gedanken machen möchte, der sollte Manzoni zur Hand nehmen. Er beschreibt, wie die Gesellschaft im 17. Jahrhundert eine todbringende Epidemie einzudämmen versuchte. Mit Quarantänen und abgeschotteten Krankenhäuser. Das ähnelt frappant an das heutige Vorgehen. Vielleicht für Ihre Leserschaft interessant: Die Hauptfigur des Romans, Renzo Tramaglino, war ein Seidenspinner.


Das Virus Covid-19 ist zur Pandemie erklärt worden. Es handelt sich um ein globales Phänomen, das nahezu alle Länder der Erde betrifft. Ist dieses Allgegenwärtige neu?
Nein. Dass sich eine Pandemie über den Erdball ausbreitet, ist alles andere als neu. Influenza-Pandemien wie die Spanische Grippe, die 1918 bis 1919 wütete; die Asiatische Grippe 1957 und 1958 sowie die Hongkong-Grippe 1968 und 1969 waren weit umfassender als Covid-19.

Guido Alfani: "Die italienischen Spinner und Weber verloren durch die Pest dauerhaft Marktanteile an die Konkurrenz im Norden."
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Guido Alfani: "Die italienischen Spinner und Weber verloren durch die Pest dauerhaft Marktanteile an die Konkurrenz im Norden."
Die italienische Regierung hat ihre Bürger dazu verpflichtet, zu Hause zu bleiben und den Kontakt zu anderen Menschen zu meiden. Andere Länder folgen diesem Vorbild. Ein neues Instrument?
Das Instrument selbst ist nicht neu. Neu ist nur die Dimension, mit der es angewandt wird. Während der Spanischen Grippe wurden die Bürger in westlichen Ländern ermahnt, zu Hause zu bleiben. Doch in den Wirren des Ersten Weltkriegs erwies sich das als nicht besonders wirksam. Zur Zeit der Asiatischen Grippe und der Hongkong-Grippe beschränkte man sich im Wesentlichen darauf, die Krise durchzustehen. Heute ist die Sensibilität eine ganz andere. Die Lebenserwartung der Menschen ist deutlich gestiegen. Darüber hinaus scheint Covid-19 ebenso tödlich, wenn nicht sogar letaler als die Spanische Grippe zu sein. Die Sterberate in der westlichen Welt bewegte sich damals bei 2,5%.

Die Coronavirus-Pandemie droht die Weltwirtschaft in eine globale Rezession zu reißen. Gibt uns die Vergangenheit Aufschluss darüber, was uns erwarten könnte?
Das Problem ist, dass unsere globale Welt heute viel stärker vernetzt ist. Den Effekt der Spanischen Grippe abzuschätzen, ist äußerst schwierig, da sie zeitlich mit dem Ersten Weltkrieg zusammenfiel. Einige Studien, an denen die Bocconi-Universität momentan arbeitet, legen nahe, dass die Spanische Grippe langfristig das Vertrauen und das Grundkapital gedrückt hat, weil die Überlebenden den gescheiterten Versuch miterlebt hatten, der Pandemie Einhalt zu gebieten. Der Fall, der sich am besten für einen Vergleich eignet, ist die Sars-Epidemie im Jahr 2003. Deren Schaden wird mit 30 bis 100 Mrd. Dollar beziffert. Es steht jetzt schon fest, dass Covid-19 einen weitaus größeren Schaden verursachen wird.

Die Grenzen werden geschlossen, der Welthandel kommt zum Erliegen. Führten auch die vergangenen Pandemien dazu, dass sich die Länder voneinander abschirmten?
Absolut. Der Kampf gegen die Pest erstreckte sich über Jahrhunderte. Die Abschirmung gegen außen vollzog sich auf drei Ebenen: an den Grenzen zu anderen Staaten, an den Grenzen der jeweiligen Stadt beziehungsweise Dorfschaft, sowie in den Städten und Orten selbst, die ihre Infizierten und vermeintlich Infizierten in Lazarette aussperrten. Wer in einen Staat einreiste, musste ein Zertifikat vorweisen, das ihm Gesundheit bescheinigte. Ganze Gemeinden konnten unter Quarantäne gestellt werden, was dem Handel und dem Gewerbe zusetzte. Um das zu vermeiden, schreckten die Orte damals häufig davor zurück, die ersten Pestfälle publik zu machen - und hielten sie geheim.


Nach schwierigen Zeiten haben die Menschen Lust, das Leben zu genießen. Können wir auf einen wirtschaftlichen Aufschwung hoffen, wenn die Pandemie ausgestanden ist?
Das hängt von der Intensität der Pandemie ab. Nach einer Krise kleinen Ausmaßes wie der Sars-Epidemie 2003 kehrte die Wirtschaft sehr schnell wieder zur Normalität zurück. Nach Pandemien mit einer hohen Mortalitätsrate wie dem Schwarzen Tod des 14. Jahrhunderts, der in "Dekameron" beschrieben wird, und der rund der Hälfte der europäischen Bevölkerung das Leben kostete, profitierten die Überlebenden von einem Aufschwung, der höhere Realeinkommen mit sich brachte und gesellschaftliche Ungleichheiten verringerte. Jedoch waren die Konsequenzen der meisten anderen Pandemien komplett negativ.

Unter dem Coronavirus hat in Europa vor allem Italien zu leiden. Das Land hat die meisten Krankheits- und Todesfälle zu beklagen. Wie erging es Italien in der Vergangenheit?
Für Italien spielten vor allem die Plagen des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich um die Pest, die den Norden und die Toskana im Jahr 1630 befiel und ein Drittel der Bevölkerung tötete. Zudem die Pest, die das Zentrum und den Süden in den Jahren 1656 und 1657 heimsuchte. Beide Pestilenzen leiteten den wirtschaftlichen Abstieg der italienischen Staaten ein. Denn sie trafen Italien in einem Moment, in dem sich der internationale Wettbewerb verschärfte, allen voran in der Textilindustrie. Die Rivalen Italiens im Norden Europas wurden von der Pest verschont.

Italien ist das Land in Europa, das in der Mode über die komplette Wertschöpfungskette verfügt. Vom Garn bis zum Endprodukt. Wie wirkten sich die Pandemien früher auf den Textilsektor aus?
Die Pest des 17. Jahrhunderts stellte die italienischen Spinner und Weber hauptsächlich vor zwei große Probleme. Erstens verloren sie dauerhaft Marktanteile an die Konkurrenz im Norden. Zweitens wurden Textilien, sowohl Halbfabrikate als auch Stoffe und Gewänder, seit den Pestilenzen des 14. Jahrhunderts während Epidemien verbrannt. Denn die Menschen glaubten damals, dass die Pest ein Böses war, das sich an die Menschen haftete. Textilien wurde nachgesagt, die Epidemie zu übertragen, und galten deshalb als besonders riskant.


Das Coronavirus verändert unser Leben. Die Menschen arbeiten von zu Hause. Digitale Technologien ersetzen Konferenzen. Gut möglich, dass dieser Wandel von Dauer ist. Welche Innovationen haben wir den Pandemien der Vergangenheit zu verdanken?
Pandemien haben auch einen positiven Wandel bewirkt. Die Kliniken und Institutionen, die sich heute am wirkungsvollsten gegen die Ausbreitung des Virus stemmen, sind eine Hinterlassenschaft der Pandemien der Vergangenheit. Zur Zeiten der Pest wurden Gesundheitskommissionen aufgesetzt. Zu Zeiten der Cholera im 19. Jahrhunderts entstand das staatliche Gesundheitswesen, beispielsweise das Instituto Superiore di Sanità in Italien, das heute das Vorgehen gegen Covid-19 koordiniert. Nicht zuletzt ist die Gründung der Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1948 eine Antwort auf die Spanische Grippe, die gezeigt hatte, dass die Menschen viel mehr als früher reisten und es deshalb einer globalen Abstimmung erforderte. Meiner Meinung wird eine Lehre aus der Coronavirus-Pandemie wahrscheinlich sein, die Koordination der EU zur verbessern. Die einzelnen EU-Staaten tun sich schwer, ihre Interventionen untereinander abzustimmen. Das schadet allen.

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