#75JahreTW: Die Linke-Politiker Gregor Gysi

"Ich kaufe höchst ungern Kleidung"

DIE LINKE im Bundestag
Gregor Florian Gysi ist Rechtsanwalt und Politiker, Autor und Moderator, Talkshow-Star und Linken-Urgestein. Er polarisiert und prägte wie kaum ein anderer die vergangenen 30 Jahre deutscher Einheit.
Gregor Florian Gysi ist Rechtsanwalt und Politiker, Autor und Moderator, Talkshow-Star und Linken-Urgestein. Er polarisiert und prägte wie kaum ein anderer die vergangenen 30 Jahre deutscher Einheit.

Wie sieht ein linker Polit-Star die Modebranche? Ein Gespräch mit Gregor Gysi über Karl Lagerfeld und zu kurze Hälse, Knöpfe, Klimawandel und Konsumverzicht, Frauenberufe und Amazon.

Er ist noch nicht fertig. Das hat er mehrfach gesagt. Deshalb trat Gregor Gysi, der sich schon häufig aus der Politik verabschiedet hatte, doch noch einmal in seinem Berliner Stammwahlkreis Treptow-Köpenick an und hat mit einem der drei Direktmandate der Linken den Einzug in den Bundestag gesichert.

Kurz vor einer Sondersitzung zur Afghanistan-Krise sind wir im Bundestag verabredet. Ein gläserner Bau, mehr als 6000 Büros, endlos lange Gänge. Gegenüber die CDU-Fraktion. Hier ist eines der drei Arbeitszimmer von Gysi – neben seinem Wahlkreisbüro in Treptow und seiner Kanzlei in Charlottenburg. Hinter dem Schreibtisch steht eine Marx-Skulptur, im Regal die Biografie von Willy Brandt neben der von Walter Ulbricht, der Geburtsschein von Brecht neben der Bibel. Und Fotos mit Peter Maffay und Jan Böhmermann. An der Wand hängt ein großes Bild, auf dem der gelernte Rinderzüchter eine Baggerschaufel schweißt.

Gysi kommt gut gelaunt, mit dunklem Anzug und blauem Poloshirt, macht der Sekretärin ein Kompliment zur neuen Frisur. Sie bringt ihm Tee, er nimmt die Maske ab, reicht zur Begrüßung die Hand. "Ich bin ja doppelt geimpft", erklärt der 73-Jährige. Für Angst fehle ihm ohnehin die Fantasie. In seiner Autobiografie "Ein Leben ist zu wenig" schreibt er: "Ich bin nicht fähig, über Risiken nachzudenken."

Ein paar Seiten später erklärt er, dass er zu jedem Thema was sagen könne und erzählt von seinem Auftritt bei Günther Jauch: Als bei einer ARD-Talkrunde am Sonntagabend das Thema kurzfristig geändert werden musste, wurden alle Teilnehmer ausgewechselt. Außer Gysi. "Bei Gysi spielt es keine Rolle, er kann über alles reden", hatte Jauch damals erklärt. Nun also über die Modebranche. Klar, sagt Gysi. Er sei eben kein Spezialist, meint er später im Gespräch. "Der Spezialist versteht von seiner Sache so viel, dass er sie nie erklären kann." Er sei Generalist: "Ich verstehe von nichts was, kann aber alles erklären." Außerdem hätte sein Team gesagt, er solle auch mal über was anderes reden als immer nur über Politik.

TextilWirtschaft: Wir bitten zum 75. Jubiläum der TW Branchenfremde um einen Blick von außen auf die Modebranche. Wie sieht der Ihre aus?
Gregor Gysi: Ich finde Ihre Branche aus zwei Gründen sehr spannend: Die meisten Textilbetriebe, die es in der DDR gab, sind eingegangen, die Produktion wurde in die sogenannten Billiglohn-Länder verlagert. Dort gibt es häufig Kinderarbeit, und manche Textilien sind so billig, dass es auch gar nicht anders sein kann. Da appelliere ich auch immer an die Kunden – außer natürlich die Hartz IV-Empfänger – darauf zu verzichten. Damit man den Anreiz für diese Art der Herstellung abbaut.

Dennoch hat sich Ihre Partei bei der Abstimmung zum kürzlich verabschiedeten Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz enthalten.
Ich finde den Grundgedanken einer Art von Haftung für die Zulieferer natürlich sehr gut. Aber man darf den Mittelstand auch nicht überfordern, die müssen das ja auch können. Der Ansatz ist richtig, aber die Details sind nicht klug geregelt. Sie sind einerseits nicht konsequent genug. Aber die Mittelständler können die Kette kaum bis nach Indien oder Bangladesch zurückverfolgen. Wenn ich auf Ihre Branche schaue, entstehen viele moralische Fragen.

Und was ist der zweite Grund, der Sie an der Branche reizt?
Es gibt geniale männliche Designer, die viel mehr draufhaben, als wir Langweiler. Vor denen habe ich höchsten Respekt.

An wen denken Sie dabei?
Zum Beispiel an Herrn Lagerfeld, der ja auch noch so schöne Sprüche drauf hatte. Den hätte ich gern als Gast für eine Talkrunde im Deutschen Theater gehabt, aber leider ist er zu früh verstorben.


Bei Ihren Talkrunden, die Sie selbst moderieren und zu denen Sie Leute einladen, die Sie interessieren, hatten sie bislang nie Gäste aus der Modebranche.
Leider nicht. Herrn Joop hatte ich mal kennengelernt, den lade ich noch ein.

Im Rahmen Ihrer Gesprächsreihen wollen Sie auch über den 'Klimawandel als gesellschaftliches Phänomen' sprechen. Ein großes Thema für die Bekleidungsindustrie, die nach Schätzung der Global Fashion Agenda allein für 4% der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist.
Der Klimawandel trifft alle sozialen Gruppen, er ist auch eine soziale Krise. Bei Fridays for Future sind meist die Kinder von Besserverdienenden, aber sie mahnen eine Zukunftspolitik an. Es ist die erste wirklich globale Krise, bei der sich alle einig werden müssen. Den größten Beitrag müssen natürlich die Industriestaaten leisten, auch die Textilhersteller. Ökologische Nachhaltigkeit funktioniert nur in sozialer Verantwortung.

Und wie kann die aussehen mit Blick auf die Bekleidungsbranche?
Wenn es hier ökologische Auflagen gibt, die das Produkt sehr viel teurer machen, muss der Staat auch seine Verantwortung wahrnehmen und dies aus Steuermitteln bezuschussen. Die Abhängigkeiten müssen gegenseitig ausgeglichen werden.

„Ich muss zugeben, dass ich in der Pandemie auch mal etwas bei Amazon bestellt habe, mit schlechtem Gewissen.“
Gregor Gysi

Damit fordern Sie eine staatliche Subventionierung der Textilindustrie?
Wenn die Politik Entscheidungen trifft, die die Wirtschaft so direkt betreffen, muss sie dafür auch mithaften und das steuerlich ausgleichen. Wir haben hohe Steuereinnahmen. Wir haben nur keine Steuergerechtigkeit, weil in Deutschland alles die Mitte, der Mittelstand bezahlt. Wichtig ist, dass die großen Unternehmen, die ihren Hauptsitz im Ausland haben, dort besteuert werden, wo die Wertschöpfung, also die Produktion oder Dienstleistung, stattfindet.

Stichwort Amazon.
Ja. Bei Amazon bin ich zudem dafür, dass wir endlich mal einen internationalen Streik zustande kriegen. Mindestens europaweit. Wenn alle Beschäftigten hier gemeinsam für den Tarifvertrag streikten, könnte das den Konzern in die Knie zwingen. Aber ich muss zugeben, dass ich in der Pandemie auch mal etwas bei Amazon bestellt habe, mit schlechtem Gewissen.

Und was war das?
Das weiß ich schon gar nicht mehr. Ich glaube, das waren Handtücher. Die Läden waren zu, ich brauchte sie.

Wo kaufen Sie denn Ihre Kleidung?
Ich kaufe höchst ungern Kleidung. Ich schlafe schon schlecht am Tag vorher.

„Ich bin ein Fan von Walbusch, weil die Hemden oben keinen Knopf haben.“
Gregor Gysi

Warum?
Weil das höchst anstrengend ist und ich mich nicht entscheiden kann. Ich bin auch nicht der Typ, der irgendwo lang schlendert und etwas kauft, weil er es entdeckt. Ich nehme mir einen Tag Zeit und dann kaufe ich in irgendeinem Warenhaus die Kleidung, die ich wirklich brauche. Dann habe ich ein Jahr lang wieder Ruhe.

Sie sind also ein Bedarfskäufer.
Was bin ich? Ja, wenn man es so nennt. Ich mag zwar auch die kleinen Läden, aber ich habe kaum Zeit, mir da eine Krawatte zu kaufen und dort das Sakko. Und ich bin ein Fan von Walbusch, weil die Hemden oben keinen Knopf haben.

Knöpfe stören Sie?
Ja, es gibt ja verschiedene Hälse. Es gibt lange Hälse, die sind immer gefährdet, weil man da genug Platz hat zu würgen (lacht). Diese Ringerhälse, da ist es zwar schlecht mit dem Würgen, aber es stört der Knopf. Dafür hat Walbusch die perfekte Lösung.


Bei Ihren Auftritten sind mir immer Ihre langen weißen Manschetten aufgefallen.
Weil meine Arme etwas kurz geraten sind. Deshalb lasse ich die Hemden jetzt ändern und trage insgesamt weniger Hemden. Nur wenn ich eine Rede im Bundestag halte oder eine Verhandlung bei Gericht habe. Aber ansonsten bin ich zum Glück langsam raus aus der Krawatten- und Hemden-Zeit.

Der Publikumspresse zufolge haben Sie durch Intervallfasten in der Corona-Zeit 15 Kilo abgenommen und bringen jetzt 65 kg auf die Waage. Haben Sie sich schon neu eingekleidet?
Während der Lockdowns hatte ich endlich mal Zeit, meine Ernährung umzustellen. Jetzt frühstücke ich gut, dann esse ich den ganzen Tag bis zum Abend nichts und abends verzichte ich auf Kohlenhydrate. Hungern will ich nicht. Meine Sachen habe ich ändern lassen, um mich zu zwingen, bei meinem Gewicht zu bleiben. Bei meiner Reinigung gibt es zum Glück eine gute Änderungsschneiderei. Das war wichtig, denn sonst wäre die Verführung, wieder zu den früheren Essgewohnheiten zurückzukehren, zu groß. Jetzt aber würde mir das Sakko nicht mehr passen.

Haben dieser Konsumverzicht und der Bedarfskauf bei Ihnen auch nachhaltige Motive?
Eigentlich nicht, aber das hört sich gut an und das gibt es ja öfter – man hat ganz andere Motive und es kommt etwas Gutes dabei heraus. Oder umgekehrt. Einkaufen kann auch anstrengend sein.

Deshalb kaufen viele lieber online.
Das ist ja das Schlimme. Der Einkauf bei Amazon ist bequem und damit gefährlich, zum Beispiel für unsere Innenstädte. Das Problem wird massiv beschleunigt durch diese ungewöhnliche Zeit der Pandemie. Aber man darf die technische Entwicklung nicht vergessen. Durch neue Technologien entstehen neue Berufe, die Bedürfnisstruktur der Menschen verändert sich.

„Eine ältere Dame aus Ostberlin, der ich erklärt habe, dass Berlin jetzt eine Metropole ist, hat mich gefragt: "Na und, was habe ich davon?" So sind sie, die Berliner.“
Gregor Gysi

2001 waren Sie der Modebranche als Abgeordneter und Stadtsenator in Berlin relativ nah. Bevor Sie wegen der Bonusmeilen-Affäre zurücktraten, waren Sie sechs Monate lang Bürgermeister und Senator für
Wirtschaft, Arbeit und Frauen des Landes Berlin. Damals begann der Aufstieg der Modestadt Berlin. Inwieweit haben Sie das miterlebt?
Damals ist viel passiert. Berlin ist zur Metropole gereift. Und was Kunst und Kultur betrifft, sind wir international bis heute sehr gut aufgestellt. Die großen Modebetriebe waren aber schon damals weg und mir war schon klar, dass die trotz allem nicht wiederkommen. Es gab aber viele Kreative und das war auch ein großer Verdienst des damaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit.

Herr Wowereit war damals auf vielen Modepartys und Schauen unterwegs. Waren Sie jemals auf der Berlin Fashion Week oder haben sich eine der Schauen angeschaut?
Nur als Sophia Loren kam. Da wollte Wowereit mich eigentlich zu einem Karneval nach Cottbus schicken. Ich habe dann einen Staatssekretär gefunden, der mich beim Karneval vertrat. An die Schau kann ich mich nicht erinnern. Aber Berlin hat sehr von den Auftritten der internationalen Stars profitiert. Wenngleich viele Menschen hier das nicht so wahrgenommen haben. Eine ältere Dame aus Ostberlin, der ich erklärt habe, dass Berlin jetzt eine Metropole ist, hat mich gefragt: "Na und, was habe ich davon?" So sind sie, die Berliner.

Der Unterschied zwischen Ost und West – das ist immer noch ein großes Thema, über das Sie auch in vielen Ihrer Kolumnen schreiben. Wann hört das auf?
Wenn die Ungleichheiten verschwinden. Im 31. Jahr der deutschen Einheit ist ein geringerer Lohn für gleiche Arbeit zudem bei längerer Arbeitszeit absolut indiskutabel. Genauso wie bei der Rente. Für die gleiche Lebensleistung muss es die gleiche Rente geben. Jetzt wächst aber der Druck auch von Seiten der Gewerkschaften. Immer, wenn der Zeitgeist sich verändert, verändert sich auch die Politik.

Warum geht das so langsam?
Das wundert mich auch. Ich dachte, die Generation nach mir wird den Unterschied gar nicht mehr wahrnehmen. Aber die Kluft wurde eher größer. Das sehe ich auch in der Politik und bei Behörden, wo die meisten Ämter in Führungspositionen noch immer fast ausschließlich von Westdeutschen besetzt sind. Das geht nicht so weiter.


Aber das ist nicht nur eine Frage der Herkunft, sondern auch das Geschlechts. Besonders in der Modebranche, wo in den unteren Riegen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, von denen es noch immer nur wenige ganz nach oben schaffen.
Ja, das wiederum liegt auch an den sogenannten Frauenberufen, die schlechter bezahlt sind. Deshalb sind es ja Frauenberufe. Wir Männer gehen da nicht hin. Und in der Textilwirtschaft sind die Löhne niedrig. Nur in den oberen Positionen ist es besser, deshalb sitzen die Männer dann dort. Eine wirklich dauerhafte Gleichstellung kann es nur geben, wenn die sogenannten Frauenberufe, wie in der Modebranche, als solche durch bessere Bezahlung verschwinden, das heißt, auch von Männern ergriffen werden.

Sie sind ja auch Europa-Politiker. Was kann die Branche aus Brüssel erwarten?
Nicht viel, denn dort ist sie zu schwach. Dort sind Energiekonzerne und die Automobilbranche beispielsweise deutlich besser vertreten. Eine Chance gibt es nur über Länder, die abhängiger von der Mode sind, wie Italien. Die werden dann eher gehört.

Wenn es um Reglementierungen geht, ist die Branche aber stark unter Druck. Da wird an einer europaweiten Textilstrategie bis hin zum verschärften Kreislaufgesetz gearbeitet.
Ja, aber dann muss es, wie gesagt, auch Zuschüsse geben und finanzielle Unterstützung aus dem EU-Haushalt. Wenn der Druck so stark ist, braucht es auch eine starke Lobby in Brüssel.

Mit starkem Druck kennen Sie sich aus. In Ihren Büchern schreiben Sie, wie Sie jahrelang angefeindet, oft sogar angespuckt wurden. Woher haben Sie die Kraft genommen, trotzdem weiterzumachen?
Ich wusste auch nicht, dass ich so preußisch stur bin. Denn ich fand es ja auch ungerecht, dass ich so behandelt wurde. Deshalb genieße ich es jetzt auch, dass ich mir so einen Respekt erarbeitet habe. Das ist mir schon angenehm. Da laden mich sogar CDU-Politiker gern ein, weil sie wissen, sie kriegen den Saal eher voll. Das war noch vor Jahren völlig undenkbar. Mir hat sicherlich geholfen, dass ich immer agiere und denke wie ein Anwalt. Mich interessieren Leute, die Schwierigkeiten haben. Deshalb habe ich mich für die Millionen Menschen eingesetzt, die es schwer hatten, einen Weg in die Einheit zu finden.

„Ich glaube, dass der Tiefpunkt für die deutsche Textilbranche insgesamt überschritten ist.“
Gregor Gysi

Deshalb machen Sie trotzdem weiter, obwohl Sie schon mehrfach Ihren Ausstieg aus der Bundespolitik angekündigt haben?
Das liegt daran, dass ich mich weiter auch vor allem in der Außenpolitik engagieren will. Denn wir stehen jetzt vor der Kernfrage, ob wir Vermittler oder Weltpolizisten werden wollen.

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter mit der deutschen Modebranche?
Ich glaube, dass der Tiefpunkt für die deutsche Textilbranche insgesamt überschritten ist. Es geht wieder ein bisschen aufwärts. Alle haben in der Pandemie gemerkt, dass die Abhängigkeit auch von anderen Staaten auf diesem Gebiet nicht unproblematisch ist. Das wird aber nur funktionieren, wenn es ökologisch vertretbarer ist als heute, wenn die Löhne ansteigen, wenn die Textilien auch wieder etwas teurer werden.

Und der Handel?
Der hat es schwerer. Da wird der Wechsel zum Online-Geschäft weiter gehen. Obwohl bei Mode der Vorteil des Stationärgeschäftes bleibt, dass man die Sachen trotz aller technischen Entwicklungen am liebsten selbst und direkt anprobieren will. Für mich wäre eine zügige Änderungsschneiderei ein starkes Argument. Aber wirklich zügig. So ginge ich nebenan einen Tee trinken und holte meine dann passende Hose direkt wieder ab. Und nicht erst in drei Tagen.

Dann würden sogar Sie öfter einkaufen gehen?
Mir fehlt ja trotzdem noch die Zeit. Und ich werde mich mit meinen 73 Jahren auch nicht mehr wirklich ändern.

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