TW-Umfrage

Pitti im September? Zu spät, zu früh und für einige genau richtig

Officine Fotografiche
Hochsommerliche Natur: Ein prägendes Thema im Juni in Florenz.
Hochsommerliche Natur: Ein prägendes Thema im Juni in Florenz.

Die Herrenmodenmesse Pitti Uomo soll trotz der Covid-19-Pandemie im September stattfinden. Die TW hat sich unter den Ausstellern umgehört. Die Skepsis ist groß. Viele machen ihre Teilnahme davon abhängig, ob es den Machern gelingt, ein komplett neues Format zu verwirklichen.

Die meisten Messen sind wegen Covid-19 abgesagt. Einzige prominente Ausnahme in Europa ist die Pitti Uomo, die vom 2. bis zum 4 September stattfinden soll. Pitti-Chef Raffaello Napoleone spricht im TW-Interview (siehe aktuelle Magazin-Ausgabe TW als E-Paper) von einer „Challenge“ und sagt: „Wir hoffen die Messe des Neustarts zu sein, der den Motor der Männermode wieder in Gang setzt.“ Sein Ziel lautet, dass rund die Hälfe der über 1200 Aussteller mitzieht.


Es ist eine mutige Wette, wie eine TW-Umfrage unter einigen Pitti-Ausstellern zeigt. Denn der Termin ist für die Menswear-Unternehmen spät und früh zugleich. Spät, weil der Verkauf der Frühjahrskollektion 2021 in vielen Märkten dann weit fortgeschritten ist. Früh, weil viele daran zweifeln, dass die Pandemie nach dem Sommer ausgestanden ist und die Menschen wieder reisen.

Die TW-Umfrage ist nicht repräsentativ. Die meisten der Pitti-Aussteller, die die TW angefragt hat, halten sich bedeckt beziehungsweise haben sich noch nicht entschieden. Dazu zählen in Deutschland Bugatti, Closed, Joop! und Roy Robson sowie Blauer, Doppia A, Manuel Ritz, Lardini, North Sails und PT Torino in Italien. Einige wie Brunello Cucinelli, Bagutta, Boglioli, Circolo 1901, Cividini, Finamore und Myths sagen für September ab und steigen erst im Januar wieder ein.

Blauer-Chef Enzo Fusco
Ioan Pilat
Blauer-Chef Enzo Fusco
Zu spät ist der Termin für das Hemden-Label Finamore und den Jersey-Spezialisten Circolo 1901. „Im September ist unsere Verkaufskampagne quasi abgeschlossen. Eine Messe am Ende der Order ergibt keinen Sinn“, sagt Simone Finamore. Ähnlich äußert sich Circolo 1901-Gründer Gennaro Dargenio: „In vielen unserer Auslandsmärkte, beispielsweise in Japan, ist der Verkauf durch. In Italien und Europa ist unser Vertriebsteam im September mitten im Verkauf und in den Showrooms beschäftigt.“

Zu früh ist der Termin für das Strick-Label Cividini und das Hosen-Label Myths. „Wir glauben, dass man vorsichtig sein und eine Saison abwarten sollte, solange die Folgen der Covid-19 für unsere Branche noch nicht klar erkennbar sind“, sagt Piero Cividini. „Wir müssen erst verstehen, wie und wo die Kunden in der Zukunft einkaufen und ob sie reisen werden.“

Eine Saison auszulassen, sei besser gewesen, findet auch Simone Bernardi von Myths: „Wir wissen noch gar nicht, wie wir uns bewegen dürfen. Ich kann nicht abschätzen, wie viele Kunden Anfang September nach Florenz kommen.“

Klaus Brinkmann: "Wir fordern von der Pitti ein Signal."
Bugatti/Franz Bischof
Klaus Brinkmann: "Wir fordern von der Pitti ein Signal."
Die Aussteller, die noch nicht entschieden haben, machen das Ja oder Nein vom Konzept abhängig. Sie fordern von den Veranstaltern, dass Pitti Uomo außergewöhnlich ist und mit neuen Formaten aufwartet. Die Messe müsse sich im September deutlich von dem üblichen Kollektionssichtungskonzept unterscheiden, sagt Bugatti-Geschäftsführer Klaus Brinkmann: „Wir warten auf ein klares Signal von den Machern, was sie nun konkret vorhaben.“

Andrea, Annarita, Lorena und Luigi Lardini (v.l.)
Andrea, Annarita, Lorena und Luigi Lardini (v.l.)
Proaktivität und Innovation erwartet auch der Konfektionär Lardini. „Wir gehen davon aus, dass die Entscheidung der Pitti-Macher, auf den September zu gehen, unserem Sektor Optimismus verleihen soll“, sagt Lardini-Kreativdirektor Luigi Lardini. „Sie werden versuchen, etwas Proaktives und Innovatives auf die Beine zu stellen. Sollte es stattdessen eine einfache Messe mit den üblichen Ständen sein, werden wir kaum teilnehmen. Denn das dient zu diesem Termin niemandem.“

Piero Cividini: "Wir sollten vorsichtig sein und eine Saison abwarten."
Cividini
Piero Cividini: "Wir sollten vorsichtig sein und eine Saison abwarten."
Fest steht, dass die meisten von der TW befragten Menswear-Labels es mit digitalen Technologien probieren, um die Frühjahrskollektion 2021 zu verkaufen. Der Konfektionär Boglioli, der im September nicht nach Florenz kommen wird, nutzt im Sommer Instagram, Zoom, B2B-Plattformen und digitale Lookbooks, um die Einkäufer zu erreichen. „Diese digitalen Instrumente werden unsere Reisebegleiter in der Frühjahrssaison sein“, sagt Boglioli-Verkaufsdirektor Cesare Silipo.

Das Outerwear-Label Blauer, das über eine Teinahme an der kommenden Messe-Ausgabe noch nachdenkt, investiert in Fotos und Bewegtbilder. „Wir werden ein Video drehen“, sagt Blauer-Chef Enzo Fusco. „Dazu wird es zu Still-Life-Bilder und Fotos mit Models geben.“ Er denkt darüber nach, eventuell Pitti Connect, die Digitalplattform der Herrenmodenmesse, zu nutzen. „Das könnte eine Lösung für das Frühjahr sein“, sagt Fusco.

Das Outerwear-Label North Sails, das auch noch nicht über die Pitti-Teilnahme entschieden hat, werkelt an einem virtuellen Showroom. „Über dieses Projekt denken wir schon seit einiger Zeit nach“, sagt Elisa Riva, Leiter Marketing. „Die aktuelle Notsituation hat das noch dringlicher werden lassen.“

Schon jetzt nutzt Norths Sails einen digitalen Katalog, über den Einkäufer sich nicht nur die Artikel anschauen, sondern auch gleich ordern können. „Digitale Inhalte, über die wir unseren Einsatz für die Nachhaltigkeit vermitteln könne, sind sehr wichtig“, sagt Marketing-Leiterin Riva.

Pitti im September? Viele sind noch unentschieden. Ein paar bleiben weg. Aber der ein oder andere ist unverdrossen und macht mit. Wie das Outerwear-Label Save the Duck und Meyer aus Deutschland. Der Hosenspezialist ist im September in Florenz dabei. „Wir freuen uns darauf, mit unseren Labels M5 und MMX auf der Pitti auszustellen und planen die Messe fest ein“, sagt Meyer-Geschäftsführer Sven Wandres. „Der persönliche Austausch und die Inspiration sind für uns alle sehr wichtig. Der positive Spirit der Leitmessen tut uns allen gut.“

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