TW-Blitzumfrage zur Corona-Krise

So fühlt sich der Handel im Shutdown

Wir reagiert der Handel auf den Shutdown? Wie plant er mit der gelieferten Frühjahrsware umzugehen? Wie wird sich die Corona-Krise auf das Herbstgeschäft auswirken? Wie wollen die Händler darauf reagieren? Antworten auf diese Fragen gibt eine bundesweite Blitzumfrage der TextilWirtschaft bei weit über 400 Führungskräften im deutschen Fashion-Handel.

Die Antworten der Händler sind eindeutig: Frühjahrs-Standardware wird eingemottet, sollte sich der Shutdown noch länger hinziehen. Die Sommersaison soll verlängert werden – damit möglichst viel Sommerware noch regulär verkauft werden kann. Allerdings: Ein gutes Drittel der Händler will seine Frühjahrsware auf "Teufel komm raus" mit hohen Rabatten verschleudern. Das heißt: Sobald die Geschäfte wieder öffnen, ensteht hier ein enormer Preisdruck, der vielen Sorge bereitet.

Wegen der von dem Gros der Händler gewünschten und geplanten Verlängerung der Sommersaison ergibt sich, dass die meisten Händler vor dem 1. August keine Herbstware benötigen. Rund 80% rechnen schon heute mit deutlichen Einbußen für den Herbst. Aus diesem Grund wollen rund drei Viertel der Händler ihre Ordervolumen für die Herbstsaison stark verringern. Jeder zweite Händler plant auch Stornierungen.

Auffallend wie logisch: Es sind vor allem die großen Handelsunternehmen, die deutlich häufiger Orders stornieren oder aber nachträglich Rabatte bei ihren Lieferanten aushandeln wollen. Sie sind aufgrund ihrer Größe in einer besseren Verhandlungsposition als kleinere Geschäfte.

Zur Studie:

Bundesweite Online-Befragung von über 400 Inhabern, Geschäftsführern und Einkäufern des Modehandels. Befragungszeitrum: 6. bis 8. April. Durchgeführt von TW Marketing Research.

Geschäfstypen: 
HAKA-Fachgeschäfte: 15%
DOB-Fachgeschäfte: 34%
Bekleidungsfachgeschäfte bis max. 800 m²: 20%
Bekleidungshäuser größer als 800 m²: 20%
Kauf-/Warenhaus/Textilkaufhäuser: 8%
Sonstige Geschäftstypen: 3%
Anzahl der Mitarbeiter (Gesamtunternehmen):
Bis 10: 55%
11 bis 100 Mitarbeiter: 29%
über 100 Mitarbeiter: 16%
Filialunternehmen: 57%

                    

Die Sorgen, Nöte und Hoffnungen der Geschäfte mit bis zu zehn Mitarbeitern

"Für 2020 rechne ich mit 30% Verlust. So schön die Idee von 'zurück zum alten SSV' klingt, halte ich diese für unrealistisch,  außer es wird per Gesetz angeordnet. Ich habe für Herbst leider schon komplett eingekauft, Ware für 1 Mio. Euro. Bis 20. April fehlt mir fast eine halbe Million Umsatz. Bis Mitte Juni doppelt soviel. Einige meiner Lieferanten scheinen dringend Geld zu benötigen, andere planen Unsinniges wie Winterartikel in FS 21 zu schieben. Andere wiederum tun alles, damit es auf allen Seiten weitergeht. Die Spreu trennt sich vom Weizen."

"Staatliche Hilfen greifen nicht für Geschäfte, die keine Miet- oder Leasingzahlungen als laufende Kosten haben. In Niedersachsen müssen Umsätze in der zweiten Hälfte des Jahres monateweise im Antrag geschätzt werden,um Unterstützung zu bekommen. In Hamburg ist das anders. Warum erhalten Einzelhändler mit gemietetet Objekten bis zu 9000 Euro Hilfe und Einzelhändler im Eigentum und ohne Leasingzahlungen keine Unterstützung?"


"Ein Schulterschluss zwischen Lieferanten, Vermietern und Händlern ist absolut notwendig, um die Struktur der Innenstädte und das Händlernetz zu erhalten. Es betrifft nicht nur die Lieferanten die 20 bis 40% weniger Händler haben sowie die  Vermieter, die mit Leerstand zu kämpfen haben. Im nächsten Step die Insolvenzen von Produzenten, auch Banken, die Ihre Immobilienkredite in der Werthaltigkeit anpassen müssen, da Mieten und Vermietung nicht mehr zu den ursprünglich geplanten Zahlen passen. Ein Kreislauf der für alle tödlich enden könnte."

"Wir sind uns nicht sicher, ob die Auflagen nicht übertrieben sind. Wir haben 200 m² Verkaufsfäche und teilweise 15 Kunden am Tag. Hätte man die Auflagen nicht nach Quadratmetergröße staffeln können? Wenn Blumengeschäfte und Baumärkte öffnen dürfen."

"Ich habe versucht bei Lieferanten kleine Rabatte auszuhandeln, das ist fast unmöglich. Man storniert uns einfach jetzt Modelle aus der Vororder Herbst oder ganze Liefertermine, fragt uns aber nicht was man storniert haben möchte. Meine Vorarbeit harmonische Themen zusammenzustellen ist dahin. Das wird im Herbst kein schönes Bild geben. Viele gehen auf Nummer sicher und der Modegrad bleibt auf der Strecke. Unser Problem aus heutiger Sicht ist nicht der Herbst sondern jetzt das Frühjahr. Ein Lieferant drohte uns mit Anwalt, wenn wir nicht die Vororder voll abnehmen. Wir befürchten, dass viele durch Kurzarbeit kein Geld für Mode haben werden."

"In jeder Krise liegt auch ein Chance: Da unglaubliche Warenmengen zu den falschen Zeitpunkten geliefert worden sind, sollte man für die Zukunft die entsprechenden Korrekturen vornehmen. Ich halte es für unglaublich arrogant von Herstellerseite, daß die eigenen Online-Shops der Firmen nicht für uns Einzelhändler zugänglich sind. Positive Ausnahme: Van Laack.  Nun kann jeder Endverbraucher portofrei mit mindestens vier Wochen Rückgaberecht bei den Herstellern direkt bestellen. Das Nachkauflager für Einzelhändler indes ist häufig relativ klein gehalten. Auch das Argument, es sei ein eigener Onlineshop, ist  lächerlich, da diese Umsätze genau in die Bilanz mit einfließen wie die eigenen Outlets. Hier ist dringend Handlungsbedarf, damit die proklamierte "verlängerte Ladentheke" auch Realität wird."


"Durch die Einmalzahlung komme ich jetzt erst mal zurecht. Wir werden natürlich ein Warenproblem bekommen. Ich beliefere meine langjährigen Stammkundinnen nach Hause, das klappt sehr gut und ich kann dadurch etwas Umsatz machen."

"Wir brauchen dringend ein Rabattgesetz inklusive gesetzlich geregelter Sales. Zumindest für 2020!"

"Während die Online-Stores ihre Präsenz ausbauen und festigen können, stehen bei vielen von uns die Räder komplett still. Die Situation wird die Kluft zwischen Stationär- und Onlinegeschäft weiter vertiefen und zu einem dauerhaft veränderten Kaufverhalten der Konsumenten führen. Wer bis jetzt noch lieber in Geschäften einkaufen ging und sich beraten ließ, lernt jetzt das Shoppen im Netz. Ich möchte deshalb ein offenes Ladenschlussgesetzt von der Politik, das mir als Händler ermöglicht meine Ware zu verkaufen, wann ich es will. Ich möchte auch am Sonntag öffnen, beraten und verkaufen dürfen! vielleicht ist es so möglich, etwas Umsatz gutzumachen."

"Als ursprünglich gesundes Unternehmen kommen wir aus der Corona-Krise wohlmöglich als insolvenzgefährdet heraus, sollte es bis über den 19. April hinausgehen. Und es wird Millionen von  Textilteilen geben, die niemand mehr kaufen will."

"Wenn unsere Fabrikanten auf die gesamte Abnahme der noch offenen F/S-Orders zum normalen EK bestehen, wird das ein Chaos. Valuta alleine reicht uns nicht! Wir werden die Fabrikanten, die uns jetzt helfen, weiterhin unterstützen. Unverständlich ist, dass Aldi un Co T-Shirts, Hemden, Fahrradbekleidung, Bücher und andere nicht lebenswichtige Dinge verkaufen dürfen, darf das der Fachhandel nicht. Eine krasse Fehlentscheidung der Politik. Man kann doch reguliert immer nur zwei bis drei Kunden ins Geschäft lassen."

"Einige Lieferanten schicken eher Rechtsabhandlungen an iher Kunden statt Lösungsvorschläge für die Katastrophe. Das ist ärgerlich, da ich immer bezahlt habe und nie versucht habe, Ware zu stornieren. Andererseits lassen sich diese Firmen dafür feiern, dass Sie Masken herstellen. Andere kommen mit konstuktiven Vorschlägen. So wird einer meiner Hosenlieferanten das NOS ins Frühjahr 2021 weiterziehen. Finde ich gut, somit braucht keine Rabattschlacht stattfinden."

"Ich hoffe sehr, daß die gesamte Branche die einmalige Chance nutzt, um den gesamten Lieferrythmus inklusive Messen und Ordertermine um ein bis zwei Monate nach hinten zu verschieben, damit wir endlich Sommer- wie Winterware nicht reduziert auch im Sommer und Winter  verkaufen können."

"Letztendlich ist sich auch der Stammkunde bei Rabatten selbst der Nächste. Natürlich versuchen wir auch, alles über die sozialen Medien zu posten und zu locken, aber das sind Einzelteile. Die Krise hat uns im schlechtesten Moment getroffen. Und dann noch das anhaltend schöne Wetter. Noch nie hatten wir so einen guten  Frühjahrsstart gehabt. Und dann die Vollbremsung. Es ist und bleibt eine Katastrophe."

Das bewegt die Handelsunternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern

"Die italienischen und französchen Designerlabels verhalten sich extrem schlecht. Es gibt keine Infos, ledigliche Briefe dass die Auslieferungen unverschuldet 'frozen' sind. Also werden diese Labels die restliche Ware sobald wie möglich liefern."

"Die Debatte um veränderte Lieferzeiten halte ich für Quatsch. Wir sind in einem Urlaubsgebiet und brauchen die Frühjahrsware zum 15. Dezember, die Herbstware zum 15.Juli. Und das seit 40 Jahren. Der Markt hat es bis jetzt auch geschafft, sich den einzelnen Bedürfnissen anzupassen. Wer glaubt, dass wir die Rabatt-Schlachten in den Griff bekommen, der kämpft gegen Windmühlen. Beispiel: Was passiert mit dem Black Friday. Wir werden von unserer Regierung sensationell unterstützt mit Soforthilfen und Krediten. Dieses Geld wird aus unseren Steuereinnahmen generiert und kommt uns jetzt zu gute. Der größte Gewinner ist Amazon und bezahlt fast keine Steuern."

"Es fehlt nicht nur kurzfristig an Liquidität  die viele aktuell nicht bekommen  sondern auch an Rechtssicherheit zu folgenden Themen: Gibt es eine Mietzahlungspflicht in der Schließungszeit? Oder können die Mieten gekürzt werden aufgrund der Unnutzbarkeit der Mietsache? Gilt 'höhere Gewalt' auch bei Lieferverträgen? Es wäre sehr wichtig, wenn nicht sogar lebensnotwendig, dass für die Dauer der Krise eine gemeinsame Strategie zwischen Handel und Industrie vereinbart wird, die Abnahme georderter Ware, Stornomöglichkeiten und -bedingungen sowie Orderkürzung für Waren-Liefer-Verträge regelt. Die Idee eines Krisen-Fonds inklusive Valutaregeln für den Handel und Ausfallsicherheit für die Industrie halten wir für eine sehr gute Idee."

"Wir verkaufen brutal stark über Instagram. Wir versuchen einfach alles, um Umsätze einzufahren. Auch verkaufen wir Gutscheine über unsere Website. Ich glaube das Schlimmste,  was man jetzt machen kann, ist nichts zu tun. Es gibt immer Wege. Egal, wie groß ein Laden ist. Das rettet uns gerade und bringt uns grandiose Umsätze."

"Bei der Kreditvergabe machen die Hausbanken Probleme, anstatt langjährige Kunden zu unterstützen, die genügend Sicherheiten aufzuweisen haben. Scheinbar sind die Margen für die Vermittlung von KfW-Krediten für sie uninteressant. Denn normale Kredite lassen sich wesentlich besser durchsetzten, bei ausreichender Sicherheit."

"Ich glaube nicht an ein gemeinsames, partnerschaftliches Handeln von Industrie und Handel. Leider kämpft jeder nur für sich. Dies gilt in der Industrie genauso wie im Handel. Gerade die Markenshops der Industrie sind doch die Ersten, die reduzieren. Zum Beispiel reduziert Marc O' Polo stets früh in der Saison in seinen eigenen Shops. Wenn es wieder los geht, dann wird es eine Rabattschlacht geben. Sollte die Schließung nochmals verlängert werden, gibt es eine große Pleitenwelle. Was folgt ist eine große Bereinigung, dadurch werden sich die Innenstädte verändern. Kleinere ländliche Standorte werden noch unattraktiver. Gewinner sind: Online-Handel, Grüne Wiese, Outlets, Einkaufszentren."

"Wir haben nur eine begrenzte Kapazität und Liquidität zur Einlagerung von Ware. Je mehr Lieferanten für uns Ware einlagern, desto nachhaltiger ist auch die Gestaltung der Preise. Wenn die Ware nicht geliefert ist, kann sie auch nicht im Markt verschleudert werden, sondern in der zukünftigen Saison mit geringeren Abschlägen verkauft werden."

"Die Presse muss endlich klarmachen, dass die Gefahr einer Ansteckung in einem Einzelhandelsgeschäft gleich Null ist. Modehändler können den Einlass perfekt steuern. Wir erwarten einen Umsatzrückgang dauerhaft von 25 bis 30%. Wenn unsere Lieferanten die folgenden 4 Punkte nicht beherrschen  oder andere kreative Lösungen wie Simplicity oder Monari anbieten  werden wir im nächsten Jahr keine Order mehr platzieren. Erstens Rabatte auf die noch ausstehenden F/S-Kollektionen von mindestens 20%. Zweitens Stornierungen der noch offenen F/S-Warenlieferungen um zirka 20%. Drittens Verschiebung der H/W-Auslieferungen auf Anfang August oder sogar noch später. Viertens  Stornierung der H/W2020-Order um mindestens 20%."

"Es wäre richtig, wenn alle an einem Strang ziehen und den Sommer-Sale gemeinsam Mitte Juli beginnen würde. Leider glaube ich nicht daran, da die Großen unter den Händlern die Wiedereröffnung mit Rabatten starten werden. Ein Disaster."

"Das Verhalten der Lieferanten ist zum Teil nur medienwirksam. Bei direkten Verhandlungen mit den Partnern ist nicht mehr die Rede von Valuta, Rabatten und Verzicht. Hier wird gerade von PVH auf eine Einhaltung der Verträge und Abnahme der bestellten Ware gepocht."

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