TW100: Rabea Schafrick, Brands Fashion

Existenzsichernd

Brands Fashion
Rabea Schafrick leitet seit 2019 die Nachhaltigkeitsabteilung von Brands Fashion in Buchholz.
Rabea Schafrick leitet seit 2019 die Nachhaltigkeitsabteilung von Brands Fashion in Buchholz.

Sie hat auch schon für Hess Natur und Kik gearbeitet. Bei Brands Fashion ist Rabea Schafrick seit fast sechs Jahren; 2016 kam sie für ihre Masterarbeit nach Buchholz in Norddeutschland. 2019 wurde ihr schließlich die Leitung der Nachhaltigkeitsabteilung übertragen als Head of Sustainability Department.

Das Unternehmen ist spezialisiert auf nachhaltig produzierte Workwear, Merchandise- und Private Label-Produkte und brachte erst vor wenigen Wochen die allererste Textil-Kollektion auf den Markt, die mit dem strengen Fairtrade Textilsiegel durchzertifiziert ist. "Das war unser Hauptprojekt der vergangenen zwölf Monate", bestätigt Schafrick. "Wir haben es geschafft, die Zertifizierung bis hin zur Spinnerei und Färberei abzuschließen."

Bei dem Siegel stehen anders als bei anderen Zertifizierern die existenzsichernden Löhne im Fokus. Fairtrade, vor allem bekannt im Lebensmittelbereich, hat sich zwar schon lange mit Baumwolle befasst, einen Textilstandard, der die Arbeitsbedingungen und Löhne in der gesamten Kette berücksichtigt, gibt es seit gut fünf Jahren. Die ersten Produkte wurden sogar erst jetzt mit dem Siegel gelabelt. Faire Löhne einzuführen, ein Beschwerde-Management zu installieren, die Arbeitsbedingungen zu optimieren – all das ist ein langwieriger Prozess. Auch die Kultur und Gesellschaft des Landes müssen berücksichtigt werden. Dabei habe die Pandemie vieles ausgebremst, denn Trainings vor Ort und Audits durch Externe waren nicht möglich. Das wurde nun alles nachgeholt.

"Fairtrade kam 2016 auf uns zu. Wir fanden den Ansatz mit den existenzsichernden Löhnen spannend und wollten das gern testen, denn generell ist dieses Thema sehr komplex umzusetzen", berichtet Schafrick. Bei Fabrikbesitzern herrscht nämlich große Skepsis: über die steigenden Kosten, gepaart mit der Angst, das alles sei nur ein kurzfristiges Projekt. Auch auf Arbeitnehmerseite gab es erhebliche Bedenken – gegenüber Sozial- und Krankenversicherungssystemen, die eigentlich gesetzlicher Standard sind und in die Berechnungen der höheren, fairen Löhne einbezogen werden müssen. Ebenso wie Überstunden.

Gibt es in einer Fabrik mehrere Auftraggeber, müssten natürlich alle an einem Strang ziehen. "Aber zum Beispiel unseren indischen Konfektionsbetrieb haben wir fast vollständig ausgelastet. Wir zahlen dort einen höheren EK, den wir auch an unsere Kunden weitergeben." Für den Fabrikbesitzer ergeben sich auch Vorteile: So kann er die Fluktuation in der Belegschaft deutlich reduzieren und auch neue Kunden gewinnen, denn faire Arbeitsbedingungen sind ein zunehmend wichtiges Kriterium in der Beschaffung. "Wir leisten zusammen mit Fairtrade Pionierarbeit in Indien. Und das Konzept dient uns auch als Akquisitions-Tool für neue Kunden", bestätigt Schafrick.

Insgesamt verteuere sich ein T-Shirt beispielsweise um etwa 50 Cent, wenn in allen Prozessstufen existenzsichernde Löhne gezahlt würden. Im direkten Vergleich zum bereits sehr strengen GOTS-Zertifikat seien mit dem Fairtrade Textilstandard gelabelte T-Shirts noch einmal 30 bis 50 Cent teurer in der Produktion, ein Hoodie rund 50 Cent bis 1 Euro, schätzt Schafrick.



In diesem Sommer hatte Brands Fashion coronabedingt auch mit der Baumwollbeschaffung zu kämpfen. "Daher wollen wir uns in dem Bereich neu aufstellen", erläutert die Nachhaltigkeitschefin schon das nächste Projekt. "Wir waren gerade in Indien bei Baumwollproduzenten. Unser Ziel ist es, künftig direkt bei ihnen langfristige Committments abzuschließen, um uns die Mengen zu sichern. Denn der Nachfragedruck nach Bio-Baumwolle steigt. Eigentlich ist das nicht unser Business, aber wir wollen auch hier für Transparenz sorgen", so Schafrick.

Sie wurde während eines Praktikumssemesters im Studium der Technisch-Kommerziellen Textilkunde auf Nachhaltigkeitsthemen aufmerksam, beschloss sie, vom Öko-Pionier Hess Natur zu lernen. Dort schrieb sie ihre Bachelorarbeit und betreute vorübergehend den Bereich CSR. "Das war der Sprung ins kalte Wasser, aber ich hab in kurzer Zeit viel gelernt und ich wusste, was ich beruflich machen wollte", erinnert sich Schafrick.

Den ersten Job trat sie dann 2012 bei dem komplett gegenteiligen Konzern Kik an und war dort hauptsächlich für das Monitoring und die Implementierung von Sozialstandards bei den Zulieferern zuständig. Nach zweieinhalb Jahren verließ sie den Discounter, um ihren Master in Textilmanagement an der Hochschule Niederrhein zu machen, arbeitete nebenher am Kompetenzzentrum für Ethische Nachhaltigkeit und landete schließlich 2016 für die Masterarbeit bei Brands Fashion. 2019 wurde ihr die Leitung der Nachhaltigkeitsabteilung übertragen.
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