#75JahreTW: Adidas History Managerin Sandra Trapp

Verwalterin von Herz und Seele

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Sandra Trapp ist History Managerin bei Adidas
Sandra Trapp ist History Managerin bei Adidas

Welcher Sneaker ist es wert, ins kollektive Gedächtnis der Marke mit den drei Streifen aufgenommen zu werden? Welcher nicht? Darüber entscheidet History Managerin Sandra Trapp.

Sie geht mit gesenktem Blick durch die Welt. "Ich schaue immer sofort auf die Schuhe." Das ist wohl eine Berufskrankheit, wenn man bei einem der größten Turnschuh-Hersteller der Welt arbeitet. Bei Sandra Trapp verbindet sich die Begeisterung für das Schuhwerk ihrer Mitmenschen mit wissenschaftlicher Akribie. "Ich sehe nicht einfach einen hübschen Schuh. Ich sehe ein besonderes Zungenlabel oder eine interessante Schnürsenkelbindung, irgendein spannendes Detail."

Die 33-Jährige ist History Managerin bei Adidas und damit eine der Verwalterinnen von Herz, Seele und Gedächtnis deutscher Sneaker- und Sportkultur: dem Archiv. „Jeder hat eine Geschichte mit Adidas“, ist Sandra Trapp überzeugt. Ihre eigene? „Mein erster Tracksuit war von Adidas. Er war rosa, und ich war ein Jahr alt."

Arbeitsstätte Archiv

Architektonisch ist ihre Wirkungsstätte nicht sonderlich spektakulär: rund 250 m² groß, raumhohe Archivschränke, 40 000 Objekte. Die Parameter für deren Lagerung sind genau definiert und werden sorgsam überwacht: 18 Grad Celsius, 55 % Luftfeuchtigkeit. Das ist das optimale Mischklima für die unterschiedlichen Produkte, die verwahrt werden. „Gerade in den Sommermonaten werden wir hier um den kühlsten Ort auf der World of Sports beneidet“, erzählt Trapp.

Das Adidas-Archiv: 250m² voller Geschichte und Geschichten
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Das Adidas-Archiv: 250m² voller Geschichte und Geschichten

Beneidet werden Trapp und ihre Kolleginnen und Kollegen jedoch vor allem um den Schatz, den sie hier verwalten. Vor allem von Sneakerheads, die in diesem Archiv unter anderem eines der ersten Superstar-Modelle aus dem Jahr 1970 bewundern könnten, wenn sie denn hineindürften. Ein Superstar ohne Trefoil-Logo – das wurde zwei Jahre später erst erfunden. Erst für Bekleidung, auf der die drei Streifen allein nicht so gut sichtbar waren, ab 1976 kam das Dreiblatt dann auch auf die Schuhe. Dinge, die man bei einer Führung durch die heiligen Hallen nebenbei erfährt.

Auch eines der ersten Bekleidungsstücke, die Adidas überhaupt hergestellt hat, findet sich im Archiv: der Franz Beckenbauer-Tracksuit aus dem Jahr 1967. Mit Steg. Solche Details sind es, die das Archiv für die Adidas-Designer so wertvoll machen.

Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben hier ihren Arbeitsplatz. Sie recherchieren, katalogisieren und konservieren das Erbe des Weltkonzerns mit den drei Streifen. Der 1920 seinen Anfang in der Dasslerschen Waschküche nahm und heute 400 Millionen Paar Sneaker im Jahr verkauft.
Sandra Trapp beschäftigt sich seit 2013 intensiv mit diesem Erbe. Ihr erstes Projekt war die Mitarbeit an einem Buch über die Firmenhistorie: Unternehmen Sport. Die Geschichte von Adidas. Ein spannendes Stück deutscher Wirtschafts- und internationaler Sportgeschichte, gespickt mit unzähligen wenig bekannten Details.

Geschichte und Geschichten

Etwa dem zur Entstehung des Markennamens: Eigentlich sollte Adidas Addas heißen. So schrieb Firmengründer Adi Dassler 1948 selbst in einem Brief an seine Kunden von Addas-Sportschuhen. Dagegen legte allerdings der Frankfurter Kinderschuh-Produzent Ada Ada Einspruch ein. Nur deswegen kam Adidas zu seinem I. Damals wurden aus den zwei Streifen der Schuhfabrik Gebrüder Dassler, die Adi Dassler und sein Bruder und der spätere Puma-Gründer Rudolf noch gemeinsam betrieben hatten, drei. Von der „Marke mit den drei Streifen“ war man damals allerdings noch Jahre entfernt. In den Fünfzigern war Adidas „die Marke mit den drei Riemen“.

Doch zurück zu Trapp. Seit 2019 ist die Geschichtswissenschaftlerin Teil des Adidas History Management-Teams. „Die drei Streifen sind mir mittlerweile aufs Herz tätowiert. So fühlt es sich zumindest an.“ Wenn man sie erzählen hört, könnte man meinen, der Firmengründer hätte ihr das ein oder andere Stück persönlich zum Verwahren überreicht. „Adi Dassler hat nie ein Problem gesehen, sondern immer eine Lösung. Und so erfinderisch er dabei war, so pragmatisch war er bisweilen bei der Namensgebung. So gab er einer Tasche zum Transportieren von Schuhen schlicht den Namen ‚Schuhtragetasche‘.“ Ähnlich originell sind die Modellnahmen des Rennschuhs „Sieg“ und des Fußballstiefels „Schuss“.

Modell: Wunder von Bern. Mit diesen Schuhen schoss sich die deutsche Elf 1954 zum WM-Sieg.
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Modell: Wunder von Bern. Mit diesen Schuhen schoss sich die deutsche Elf 1954 zum WM-Sieg.
Eine Führung durchs Archiv mit Sandra Trapp ist ein Erlebnis: Zu jedem Teil, das sie aus den Schränken zieht, gibt es eine Anekdote, auf jede Frage eine Antwort. Und unzählige Geschichten, die Sportgeschichte anschaulich machen. Zum Beispiel das Wunder von Bern. Wer einmal den Schuh von Fußball-Weltmeister Max Morlock in der linken und einen damals typischen Fußballstiefel in der rechten Hand gehalten hat, bekommt eine Idee davon, welche Rolle Innovationen aus der fränkischen Provinz für die Entwicklung des Sports gespielt haben. Der Schuh, mit dem der Nürnberger Morlock am 4. Juli 1954 den Anschlusstreffer gegen Ungarn erzielte und damit das Wunder von Bern einleitete, wiegt geschätzt die Hälfte – inklusive der damals brandneuen Schraubstollen.

Das älteste Produkt ist ein Laufschuh mit Dornen aus dem Jahr 1925, noch aus der Gebrüder Dassler-Ära. „Von Adi Dassler selbst handgearbeitet“, erzählt Trapp, als sie das Unikat ehrfürchtig präsentiert. Der Wert? „Für uns unbezahlbar.“ Gelagert werden die Produkte in speziellen grauen Archivkartons aus Pappe, eingeschlagen in säurefreies Papier. Handschriftliche Vermerke auf den Kartons werden mit Bleistift gemacht. Nicht, um sie irgendwann wieder entfernen zu können. Im Gegenteil: „Nur Bleistift-Notizen bleiben bei einem Wasserschaden lesbar.“

Nicht nur Produkte finden ihren Weg ins Adidas-Archiv
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Nicht nur Produkte finden ihren Weg ins Adidas-Archiv

Apropos Wasserschaden. Die Flutkatastrophe in diesem Sommer zeigte, dass wir uns auch in Deutschland auf immer dramatischere Wetterextreme einstellen müssen. Läuten da bei Archivaren nicht die Alarmglocken? „Natürlich. Wir haben aber zum Beispiel hier den großen Vorteil, dass das Gebäude etwas höher gelegen ist“, so Trapp.
Besonders wertvolle Produkte und Akten werden weiter oben gelagert. Textilien werden in feuerfesten Hussen aufbewahrt. „Wir haben hier alle erdenklichen Schutzmaßnahmen ergriffen“, betont Trapp. „Aber 100 %-ige Sicherheit kann es nicht geben. Das hat der Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor zwölf Jahren gezeigt.“

Lieblingsstücke und Gefahren

Eine größere Gefahr für die Produkte als eine abstrakte Naturkatastrophe sind allerdings Fett, Talg und Schweiß. Deswegen werden alle Schuhe, Textilien, Accessoires und Dokumente nur mit Baumwollhandschuhen angefasst. Die wiederum sind, wie es sich bei Adidas gehört, gebrandet und gestreift. Eingelagert werden neue und von Sport-Stars getragene Schuhe und Bekleidung, aber auch Kataloge, Schuhkartons, technische Zeichnungen, Verträge und Patentanmeldungen. Denn das Archiv dokumentiert nicht nur Firmen- und Zeitgeschichte, sondern ist auch eine wertvolle Quelle für die Arbeit der Rechtsabteilung.

Herzstücks des Archivs sind und bleiben Schuhe. „Aber das ist kein Wunder. Immerhin haben wir die ersten 20 Jahre nichts anderes gemacht.“ In Summe kommen zu den 40.000 katalogisierten Objekten etwa zwei Kilometer Akten. Und noch einmal so viele Produkte, die auswärts gelagert auf ihre Erfassung warten. „Fertig sind wir nie.“ Bei einigen Teilen geht es allerdings nur noch darum, den allmählichen Verfall hinauszuzögern, primär das Zerbröseln der Sohle.

Eingelagert wird chaotisch, die Datenbanken doppelt und dreifach gesichert. Bis zu acht Stunden dauert das Erfassen eines neuen Produkts, erzählt Trapp. Bei neuen Stücken werden Informationen wie klassische Produktdaten und Farbcodes eingegeben. Bei den Erinnerungsstücken interessiert vor allem, wer das Teil wann getragen und welchen sportlichen Erfolg damit errungen hat. Fußballschuhe von allen erdenklichen großen Turnieren, Laufschuhe, mit denen Spitzenleistungen erzielt wurden, bis hin zu Boxstiefeln von Muhammad Ali mit persönlicher Widmung aus dem Jahr 1968. Diese Teile, die von Athleten getragen und an Adidas zurückgeschickt wurden, werden bei der Archivierung vorrangig behandelt und möglichst sofort eingelagert.

Dieser Schrank ist vielleicht eines der meistfotografierten Motive im Archiv.
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Dieser Schrank ist vielleicht eines der meistfotografierten Motive im Archiv.

„Wir können natürlich längst nicht alles aufnehmen, was jede Saison an neuen Produkten auf den Markt kommt“, so Trapp. Jedes Jahr kommen rund 1000 neue Teile ins Archiv. „Die Fragen, die wir uns bei jedem Teil stellen, sind: Ist das Design neu? Ist die Funktion neu? Ist es eine Limited Edition? Ein spezieller Colourway?“ Aus den 50 Farben, in denen Pharell Williams den Superstar neu aufgelegt hat, wurden allerdings nur die sieben bestverkauften aufgenommen. Eine Kollektion von Yohji Yamamoto wird hingegen auch mal komplett archiviert.

Viele Stücke verschwinden nicht auf ewig in den massiven Archivschränken, sondern gehen auf Reisen. Wie etwa das Superstar-Paar von 1983, das es in die „Items: Is Fashion Modern?“-Ausstellung des MoMa nach New York geschafft hat. Oder einige der ikonischsten Adidas-Modelle, die derzeit im Londoner Design Museum zu sehen sind. Noch bis Ende Oktober läuft dort eine Ausstellung namens „Sneakers Unboxed: Studio to Street“.
Was ist das Lieblingsteil der Expertin? Sandra Trapp muss nur kurz überlegen. „Das wechselt täglich. Heute ist es dieses hier“, sagt sie und hält eine Adilette hoch. „Das ist unser ältestes Exemplar, sie ist von 1963.“ Immer wieder sei Adi Dassler nach rutschfesten Schuhen gefragt worden, die auch für Umkleide und Dusche geeignet waren. Diese ersten Exemplare kamen dafür noch nicht in Frage, sie waren unter anderem noch mit Stoff gearbeitet. Die Modelle, die 1972 offiziell auf den Markt kamen, waren und sind seither 100 % Nasszellen-tauglich. Zunächst in Blau für Männer, ab 1976 dann in Rot für Frauen.
Die Archivare stellt gerade die Adilette vor große Herausforderungen, berichtet Trapp. „Die werden beim Duschen getragen, bis sie durch sind. Da hätten wir gerne noch mehr Exemplare.“ Vor allem angesichts des 50-jährigen Jubiläums, das im kommenden Jahr ansteht.

Die Arbeit der History Manager besteht nicht nur im Erfassen der Archivstücke, sondern auch darin, diese den Designern zugängig zu machen. Die nutzen das Archiv intensiv für ihren kreativen Prozess. Sogar ein Ladenkonzept wurde diesem innigen Verhältnis gewidmet: Bei der Wiedereröffnung des allerersten Originals-Stores in der Berliner Münzstraße vor rund einem Jahr wurde das Konzept namens The Collection vorgestellt. „Auf dieses Archiv kommen wir immer wieder zurück. Und das wollten wir festhalten“, erzählte Nic Galway, Senior Vice President Design bei Adidas, im Rahmen der Eröffnung.

Aber selbst die Chefdesigner können nicht nach Belieben im Archiv ein- und ausgehen. Es gibt einen eigenen Meeting-Raum, in dem das Team zusammenkommen kann. Vorbereitet wird das Meeting von den Experten, die ein entsprechendes Briefing bekommen. Welche Ideen und Inspirationen suchen die Kreativen? „Das ist ganz unterschiedlich“, erzählt Trapp. „Das kann das Dreiblatt in allen möglichen Varianten sein. Das können Details wie Reißverschluss-Zipper in möglichst unterschiedlichen Ausführungen sein. Bestimmte Produktserien, besondere Designs. Aber auch Ideen für Hangtags oder Schuhkartons. Bei manchen Kollegen müssen wir dann schon nochmal nachhaken, bevor wir an die Regale gehen, aber man kriegt hier ein ganz gutes Gespür dafür, was gesucht wird.“

Pharrell Williams verbrachte Stunden im Archiv, bevor er die Trikotserie Human Race entwarf. „Seine Anfrage war klar: Zeigt uns ikonische Designs der Fußball-Jerseys der großen Clubs.“ Die Trikots, die er daraus für Bayern München, Arsenal, Juventus, Manchester United und Real Madrid entwickelte, sind auf jeden Fall überraschend anders. Ein Bayern-Trikot mit der Rückennummer 25, wie es Thomas Müller beim DFB-Pokalspiel gegen Holsten Kiel trug, hat seinen Platz im Archiv gefunden.

„Die Geschichte prägt die Zukunft, und um nach vorne zu schauen, müssen wir manchmal erst zurückblicken. Der wichtigste Teil des Prozesses bei dieser Kollektion bestand darin, das Vermächtnis der einzelnen Vereine kennenzulernen und herauszufinden, wie jeder entscheidende Moment ihrer Geschichte aus der Designperspektive eingefangen und bewahrt wurde. Jedes der neuen Trikots ist ein Symbol für das Erbe der fünf Vereine und eine wahre Feier der Universalität des Sports“, erklärte Williams zum Launch. Schöner kann man den Sinn eines Archivs kaum erklären.

Zur Arbeit von Trapps Team gehört es auch, alte Produkte aufzustöbern. Im Internet, auf Flohmärkten, in Vintage-Shops, aber auch bei der Sneaker-Community. „Da sind wir sehr gut vernetzt und helfen uns gegenseitig immer wieder mit Leihgaben aus.“

Inspiration und Innovation

Das Archiv ist nicht nur ein Fundus an Design, Details und Formensprache, sondern auch an Technologien. Von denen einige anfangs vielleicht auch gar nicht so gut funktioniert haben. „1994 kam der Fußballschuh Predator auf den Markt, mit Gumminoppen auf der Oberseite für einen besseren Ballkontakt. Ein Blick ins Archiv zeigt, dass Adi Dassler diese Idee schon 1969 hatte.“ Damals verwendete er allerdings kein Gummi, sondern Haihaut. Die haftet ähnlich wie die harte Seite eines Klettverschlusses. Das sorgte zwar für besseren Ballkontakt, zerkratzte allerdings auch die Lederbälle. Zum Einsatz kam das Material – ab 1976 in Form von künstlicher Haihaut – dann aber auf der Unterseite von Leichtathletik-Schuhen für besseren Grip.

Zurück geht das heutige Archiv auf Adi Dasslers eigene Sammlung. Schon zu dessen Lebzeiten kamen immer wieder besondere Produkte und Innovationen dazu, aber auch solche, die von Sportlern getragen wurden. Gar nicht unbedingt als Erinnerungsstücke an sportliche Erfolge, sondern vor allem, um sie weiter zu verbessern.

Nach Dasslers Tod im Jahr 1978 übernahm Karl Heinz Lang diese Sammlung, an der er schon zuvor mitgearbeitet hat. Eine richtige Abteilung wurde das Archiv erst viele Jahre später. 2011 hat sie ihren Platz im heutigen Gebäude „Laces“ auf der Adidas World of Sports in Herzogenaurach gefunden. Und ist seit 2019 Sandra Trapps Arbeitsplatz.

Gibt es ein Erlebnis, das ihr besonders in Erinnerung geblieben ist? „Ja, das gibt es tatsächlich. Wir hatten ein Sneakermagazin hier, mit dem Kameramann kam ich ins Gespräch und habe ihn nach seiner eigenen Geschichte mit Adidas gefragt. Er erzählte mir von den Schuhen, mit denen er angefangen hat, Basketball zu spielen. Als ich ihm genau das Modell brachte, war er so geplättet, dass er vor mir auf die Knie ging. Das war sehr beeindruckend.“ Vor allem liebt sie aber eines an ihrem Job: „Ich entdecke jeden Tag etwas Neues.“

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