Umsatzeinbrüche von mehr als 80% in der Textilindustrie

Gesamtverband fordert eine Milliarde Euro Sofortmittel, die ANWR Globaldarlehen

Gesamrverband
Gesamtverbands-Präsidentin Ingeborg Neumann fordert einen schnellen Hilfsfonds mit unbürokratischen Direkthilfen.
Gesamtverbands-Präsidentin Ingeborg Neumann fordert einen schnellen Hilfsfonds mit unbürokratischen Direkthilfen.

Kredite sind nicht genug: Der Gesamtverband textil+mode fordert von Bundesregierung ein dringendes Corona-Notpaket, sonst drohe eine Pleitewelle in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie.

Für die mittelständischen Unternehmen werde die finanzielle Situation immer existenzbedrohender. In vielen Firmen seine die Umsätze bis zu 80%, teilweise sogar komplett weggebrochen. Viele hätten bereits Kurzarbeitergeld beantragt und sich bei ihren Hausbanken gemeldet. Bei der Beantragung der Kreditprogramme der Bundesregierung stellten sich jedoch immer mehr Hürden heraus.
„Wenn es hier nicht schnell einen Hilfsfonds mit unbürokratischen Direkthilfen für die betroffenen Unternehmen gibt, verlieren wir in Deutschland eine mittelständische Branche, die für Qualität und Werthaltigkeit in der textilen Kette steht.“
Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie

Kreditverhandlungen zu langwierig

Den Unternehmen renne die Zeit davon. Auch die Online-Händler melden dem Verband, dass die Kunden durch die unsichere Lage derzeit viel weniger Bekleidung oder Heimtextilien bestellten. "Die vergangenen Tage haben gezeigt: Kredite sind für uns Rettungsanker, an denen wir ertrinken. Mit langwierigen Kreditverhandlungen ist unseren Unternehmen nicht geholfen. Die Antragsverfahren bei den Hausbanken dauern schon aufgrund der Masse, die es zu bearbeiten gibt, viel zu lang", erklärt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie und Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Wenn die Unternehmen keine Umsätze mehr haben und auf nicht verkaufter Ware sitzen bleiben, aber die Kosten weiterlaufen, bleibe ihnen nichts anderes als die Insolvenz.

Corona-Notpaket gefordert

Mittelständische Textilunternehmen brauchten deshalb dringend Direkthilfen, sonst gehen sie in die Knie. Der Gesamtverband  fordert deshalb Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf, folgendes Corona-Notpaket für die mittelständische Textil- und Modeindustrie zu schnüren:
  1. Eine Milliarde Sofortmittel zur direkten Auszahlung für Unternehmen, die durch die Schließung der Läden und den Stopp der Autoproduktion oder anderer Industrien keinen Absatz mehr haben.
  2. Sofortige unbürokratische Auszahlung der Direkthilfen an Unternehmen.
  3. Senkung der Umsatzsteuer auf Bekleidung und Textilien für 18 Monate auf 7%.
"Wenn es hier nicht schnell einen Hilfsfonds mit unbürokratischen Direkthilfen für die betroffenen Unternehmen gibt, verlieren wir in Deutschland eine mittelständische Branche, die für Qualität und Werthaltigkeit in der textilen Kette steht", appelliert Neumann.

Corona-Krise verändert Lieferketten

Die Corona-Krise wird nach Einschätzung des Verbandes die Lieferketten in Zukunft verändern. Dafür brauche Deutschland seine einheimische Textilindustrie. "Diese Krise wird unser Wirtschaftsleben nachhaltig verändern. Wir als mittelständische Textilindustrie in Deutschland wollen dazu einen Beitrag leisten. Viele Mittelständler stellen dies gerade mit der kurzfristigen Produktion von Schutzausrüstung unter Beweis. Wenn wir aber schon nach Ostern nicht mehr am Markt sind, hat Deutschland eine hoch leistungsfähige mittelständische Industrie verloren. Soweit darf es nicht kommen", so Neumann.

Mehr als 135.000 Mitarbeiter betroffen

Um die Dringlichkeit der Forderungen zu unterstreichen, präsentiert der Gesamtverband der Bundesregierung noch einmal die Fakten: Deutsche Bekleidungshersteller haben laut Neumann im vergangenen Jahr mit rund 26.000 Beschäftigten in Deutschland rund 6,4 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftet. Der Einzelhandel mit Bekleidung generiere einen Umsatz von rund 32 Mrd. Euro jährlich. In der deutschen Textil- und Modeindustrie arbeiteten zuletzt 135.000 Mitarbeiter in 1400 Unternehmen. Rund 40% von ihnen seien im stark mittelständisch geprägten Bekleidungsbereich beschäftigt. Viele Familienunternehmen produzierten neben Wäsche und Heimtextilien hochwertige Garne und Stoffe sowie technische Textilien, die u.a. in der Autoindustrie, in der Luft- und Raumfahrt, der Umwelt- und Energietechnik sowie am Bau Anwendung findet. Rund 40% des Umsatzes erwirtschaftete die Branche zuletzt im Export.

„Wenn es hier nicht schnell einen Hilfsfonds mit unbürokratischen Direkthilfen für die betroffenen Unternehmen gibt, verlieren wir in Deutschland eine mittelständische Branche, die für Qualität und Werthaltigkeit in der textilen Kette steht.“
Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie

ANWR Group fordert Globaldarlehen

In der Schuhbranche macht sich derweil die ANWR Group stark. Zur Sicherung der Liquidität vieler tausend Anschlussunternehmen im mittelständischen Einzelhandel fordert sie als eine der größten europäischen Verbundgruppen jetzt, für die Verteilung der staatlichen Corona-Fördermittel die bestehenden Strukturen der Verbundgruppe zu nutzen. Mit Hilfe eines Globaldarlehens könnte die ANWR Group über die zur Gruppe gehörende DZB Bank den Händlern kurzfristig die bereitstehenden KfW-Mittel zur Verfügung stellen. Die ANWR Group schließe sich damit der Forderung des Mittelstandsverbund – ZGV an, der diese Idee bereits vor Tagen ins Spiel gebracht habe, heißt es aus Mainhausen.

„Wir sind in der Lage, die bereitgestellten Fördermittel des Staates schnell und unkompliziert dahin zu bringen, wo sie jetzt gebraucht werden“, sagt Frank Schuffelen, Vorstandssprecher der ANWR Group. „Dazu ist es notwendig, die Zentralregulierer mit einem sogenannten Globaldarlehen der KfW, Kreditanstalt für Wiederaufbau, auszustatten.” Dieser Weg sei innerhalb der beschlossenen Gesetze möglich.
„Die Bereitstellung der Liquidität muss nun unmittelbar erfolgen und sofort in die bestehenden Zahlungskreisläufe eingespeist werden. Nur so stellen wir sicher, dass die 'letzte Meile' – also der mittelständische Einzelhandel – im Finanz- und Wirtschaftskreislauf eingebunden bleibt.“
Frank Schuffelen, Vorstandssprecher der ANWR Group
Konkret bedeutet das: Mit Blick auf die Zentralregulierung, bei der sonst die DZB Bank die Garantie für die Zahlungsfähigkeit der Handelsunternehmen und die termingerechte Zahlung gegenüber den Industriepartnern sicherstellt, „sollte der Staat eine 90%ige Haftungsübernahme zugunsten der Verbundgruppe bzw. gegenüber des bestehenden Bankensystems abgeben, welches die Liquidität bereitstellt“. Mit einem solchen Schritt würde die ANWR Group in die Lage versetzt werden, den zum Teil familiengeführten, lokalen Händlern die Begleichung ihrer fälligen Warenrechnungen ohne einen aufwändigen Kreditprozess zu stunden und im Anschluss an die Krise individuell geeignete Rückzahlungsmodalitäten abzuschließen.

Dieses System funktioniere deshalb, weil die vielen tausend angeschlossenen Händler seit Jahren Kunden der DZB Bank seien, heißt es von Seiten der ANWR Group. Die Anforderungen der Händler seien ebenso bekannt wie deren wirtschaftlichen Verhältnisse. Die bankrelevanten Unterlagen der Händler würden vorliegen, so dass die nötige Liquidität also schnell durch die Gewährung von Zahlungszielen auf Lieferantenrechnungen transportiert werden könne.

Frank Schuffelen ist sich sicher: „Die Bereitstellung der Liquidität muss nun unmittelbar erfolgen und sofort in die bestehenden Zahlungskreisläufe eingespeist werden. Nur so stellen wir sicher, dass die 'letzte Meile' – also der mittelständische Einzelhandel – im Finanz- und Wirtschaftskreislauf eingebunden bleibt. Die Bereitstellung der Fördermittel ausschließlich über das staatliche Förderbankensystem wird aus unserer Sicht viel zu lange dauern. Hier entstehen selbst bei größter Anstrengungen Flaschenhälse, die die Existenz einer Vielzahl von Handelsbetrieben aufs Spiel setzt.“
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