Verbände: Das Dreier-Interview

Exit: "Der Modehandel muss bei der ersten Welle dabei sein"

Verbände
BTE-Präsident Steffen Jost, HDE-Geschäftsführer Stefan Genth und BTE-Geschäftsführer Rolf Pangels.
BTE-Präsident Steffen Jost, HDE-Geschäftsführer Stefan Genth und BTE-Geschäftsführer Rolf Pangels.

Was tun die Verbände eigentlich in diesen extremen Corona-Zeiten? Die TW sprach mit BTE-Präsident Steffen Jost, BTE-Geschäftsführer Rolf Pangels und HDE-Geschäftsführer Stefan Genth über Shutdown und Exit, Mieten und Schulden, Kredite und Zuwendungen und das Verständnis der Berliner Politik für den Modehandel.

TextilWirtschaft: Herr Genth, Herr Jost, Herr Pangels, es sieht düster aus für die Branche. Die Läden sind zu. Querbeet fehlt Liquidität. Existenzangst macht sich breit. Wie können Sie jetzt helfen?
Stefan Genth:
Den Unternehmen im Handel wurde über eine staatliche Verfügung die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Das ist Fakt. Uns ist klar, wie die Leute denken: Der Staat hat diese Situation ausgelöst. Jetzt muss er für die Schäden Verantwortung übernehmen und die Unternehmen unterstützen.

Der Bund hat milliardenschwere Hilfsprogramme aufgelegt. Weitere sollen folgen. Zugleich herrscht gewaltige Nervosität, dass sich Entscheidungen ziehen, im schlimmsten Fall so lange, dass einige Unternehmen es nicht überleben werden.
Das ist uns bewusst. Wir machen seit Tagen nichts anderes, als darauf hinzuweisen, und mahnen, dass wir jetzt nicht Wochen warten können. Wenn wir es nicht schaffen, unsere Unternehmen über die nächsten vier Wochen zu bringen, wird es sehr dunkel in den Innenstädten werden. Mit der Nachsteuerung, einer hundertprozentigen Haftungsfreistellung und dem vereinfachten Zugang zu den Programmen ist ein großer Teil unserer Forderungen aufgenommen worden.

Wird die Dramatik in Berlin verstanden?
Was hier auf dem Spiel steht, ist unseren Gesprächspartnern in der Hauptstadt und auf Landesebene sehr wohl bekannt. Der Bundeswirtschaftsminister weiß genau, wie stark wir betroffen sind. Wir reden bei Textil, einschließlich Sport und Schuhen, über 200 Mrd. Euro Umsatz und 1,3 Millionen Mitarbeiter. Die Unternehmen können versichert sein, dass wir das als HDE über unsere Landesverbände kontinuierlich und mit Macht platzieren. Wir sind im Krisenmodus, genau wie unsere Händler.

Die Darlehens-Höhe der neuen Programme ist auf 800.000 Euro begrenzt. Damit kommt ein großer Mittelständler nicht sehr weit.
Wir werden uns auch am Schweizer Modell orientieren müssen. Das ist eine Mischung aus direkten Zuschuss-Programmen und Krediten mit Tilgungsfristen von bis zu zehn Jahren, Stundungsmöglichkeiten und hundertprozentiger Haftung des Bundes. Wenn man dann anschließend nach sorgfältiger Prüfung feststellt, dass der eine oder andere Händler tatsächlich nicht in der Lage ist, die Kredite zurückzuzahlen, muss man die Summe auch in einen verlorenen Zuschuss umwandeln können. Diesen sehr wichtigen Punkt aus dem Schweizer Modell werden wir auch weiterhin von der Bundesregierung fordern müssen.


Kredite werden nicht reichen. Ist das inzwischen Konsens?
Steffen Jost: Wir haben zwei Probleme, erstens Mangel an Liquidität, zweitens Druck auf die Rentabilität. Wobei Liquidität vor Rentabilität rangiert. Was hilft es, wenn ich rentabel bin, aber illiquide? Vieles, was jetzt auf den Weg gebracht wurde, hilft. Dennoch: Wir werden um eine Umwandlung von Krediten in Zuwendungen nicht herumkommen.

Viele haben den Eindruck, dass die Belange des Einzelhandels nicht verstanden werden in Berlin.
Stefan Genth: Das stimmt nicht. Nehmen Sie die Regelungen zum Kurzarbeitergeld, sie zu bewirken, das war kein Selbstläufer. Da waren viele Runden mit den Entscheidern im Arbeitsministerium nötig, erfreulicherweise hat Hubertus Heil als der zuständige Mann im Kabinett die Notwendigkeit zu raschem Handeln schnell erkannt. Nach den früheren Regelungen wäre es für den Textileinzelhandel nicht möglich gewesen, vom Kurzarbeitergeld zu profitieren.

Neben extremem Warendruck sind vor allem Mieten der belastende Faktor.
Allen ist klar, es wird auf eine Teilung der Kosten hinauslaufen. Mieten komplett zu streichen, wird rechtlich nicht möglich sein. Aber unsere Händler haben als Mieter einen Nachbesserungsanspruch. Die Vermieter müssen die Mieter von der Hälfte der Mietkosten befreien. Ansonsten sitzen die Händler, inklusive aller weiteren Betriebskosten, auf riesigen Schuldenbergen, die sie angesichts ihrer Rentabilität innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht werden abtragen können. Das ist unsere Rechtsposition und die sehen wir auch als gesichert an.

Rolf Pangels: Speziell institutionelle Vermieter müssen hier ihren Beitrag leisten. Und natürlich sind auch die Mall-Betreiber mit im Boot. Um die Gefahr einer explosionsartigen Zunahme von Leerständen in den Innenstädten zu bannen, müssen sich alle Akteure ein Stück weit bewegen. Wir erhalten vermehrt Rückmeldungen, dass es da vorangeht. Ein vernünftiges Gespräch hilft oft weiter, als gleich die Klagekeule zu schwingen.

Die Lage ist ernst, haben Sie Sorge um Ihre Mitgliedsunternehmen?
Steffen Jost:
Für jeden Einzelnen ist das ein hartes Programm zurzeit. Sie müssen Kurzarbeit beantragen, Mitarbeitergespräche führen, Mieten verhandeln und parallel in Bankgespräche gehen mit einer sauberen G+V und einer glaubhaften Fortführungsstrategie. Das alles ist unglaublich aufwändig und kostet Zeit. Und Zeit ist Geld im Moment. Viele werden es schaffen. Viele aber nicht.


Hier und da vernimmt man Kritik, die Verbände täten zu wenig.
Rolf Pangels:
Unsere Aufgabe ist es, am Ball zu bleiben und konkrete Hilfe für uns einzufordern. Das tun wir. Wir haben einen Brief an die Kanzlerin direkt adressiert. Sie selbst hat nicht geantwortet, aber Helge Braun, ihr Kanzleramtsminister. Unser Anliegen sei eingegangen, man wird sich der Sache annehmen. Mehr ist erst einmal nicht zu erwarten. Wir haben aber klare Signale, dass die Politik die spezifischen Fragen der Branche erkennt und auch versteht.

Dennoch steigt der Druck. Es heißt, man sieht und hört Sie kaum.
Steffen Jost:
Ich bin überzeugt, die Verbände waren noch nie so wichtig wie im Augenblick. Kein Politiker, kein Ministerium liest die Schreiben, die da jetzt hundertfach eingehen. Nicht einmal die ganz Großen aus der Industrie, außer vielleicht die Lufthansa, bekommen direkten Zugang zu den Entscheidern in Berlin. Was in der Öffentlichkeit manchmal untergeht und zu der Einschätzung führt, es werde nicht genug getan, hat damit zu tun, dass es in diesen komplizierten Themenfeldern und auf dieser Ebene nicht marktschreierisch zugeht. Das wäre auch kontraproduktiv. Wir tun alles, um die Interessen unserer Unternehmen und ihrer Mitarbeiter zu bündeln und permanent voranzutreiben. Das sieht vielleicht nicht jeder Boutique-Betreiber um die Ecke, aber es ist so.

Alle warten auf den Exit. Wann rechnen Sie mit der Wiedereröffnung der Läden?
Je eher, desto besser. Aber das hängt natürlich nicht vom Handel ab, sondern von der Verbreitung des Virus. In jedem Fall muss der Modehandel bei der ersten Welle dabei sein.

Warum ?
Wir haben ein verderbliches Gut. Fast so verderblich wie frischer Salat. Acht Wochen nach dem Start in die Saison beginnen bei uns im Markt die ersten Abschreibungszyklen. Ware aus der ersten Periode der Saison ist im weiteren Verlauf bekanntermaßen immer schwieriger zu vermarkten, weil sie nicht mehr zu den äußeren Bedingungen passt. Auch hygienische Vorschriften würden einer zeitigen Öffnung nicht entgegenstehen: In einem 5000m² großen Modehaus können 500 Kunden mehr als genug Abstand zueinander halten. Wir haben nun mal üblicherweise nicht die Kundendichte der Supermärkte.

Nur zu öffnen, das wird nicht reichen.
Stefan Genth: Wir brauchen nach der schrittweisen Auflösung des Shutdown unbedingt auch ein Konjunkturprogramm, das den Einzelhandel unterstützt. Davon würden besonders die Modehändler profitieren. Wir sehen ja, dass auch der Textilumsatz im Internet um 20 bis 30% zurückgeht. Das zeigt, dass es ein Problem mit der Konsumlust gibt, die wir so schnell wie möglich wieder beleben müssen. Es sind da bereits viele Vorschläge im Raum, die Senkung der Mehrwertsteuer. Die Idee von Konsum-Schecks. Was auch immer. Es darf da keine Denkverbote geben.

Viele befürchten harte Preisschlachten. Und träumen von gesetzlichen Regelungen, diese einzudämmen?
Ich sehe hier derzeit keine rechtlichen Möglichkeiten. Die Unternehmen müssen flexibel auf den Markt reagieren und die Freiheit behalten, sich im Zweifel von zu viel Ware zu lösen.

Steffen Jost: An Änderungen in der Rabattgesetzgebung glaube ich nicht. Man muss sich sowieso fragen, ob das überhaupt zielführend wäre. Viele werden massive Liquiditätsengpässe haben. Die werden sich nicht vorschreiben lassen, wann und wie viel sie abschreiben. Der Markt wird das entscheiden.
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