Verband IVN sieht kleine Fair Fashion-Labels im Vorteil

"Die Stimmung ist zwar angeschlagen, aber noch nicht im Keller"

Ist Fair Fashion in der Krise im Vorteil? Ja, sagt der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft IVN. Wie fast alle Marktteilnehmer würden auch viele Textil- und Lederunternehmen mit ethischem Hintergrund derzeit gemeinsam an kreativen Lösungen arbeiten, um nicht schließen zu müssen.

Dabei zeige sich gerade jetzt, dass kleinere Nachhaltigkeitspioniere einige Vorteile gegenüber den Handelsriesen und großen Brands hatten, so der IVN. So seien viele Anbieter – Hersteller wie Händler –  flexibler und profitierten von einer engeren Kundenbindung. Einige verkaufen ihre Ware online statt stationär, bieten einen Lieferservice an, starten Mitmachaktionen für Verbraucher. Hersteller switchen um auf Schutzmaskenproduktion oder legen kurzfristig den Produktionsschwerpunkt auf Basic-Produkte, die sich gut online vermarkten lassen. Das sind zwar auch alles Maßnahmen, die im konventionellen Markt ebenso ergriffen werden.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen zählen

Doch der IVN führt weitere Vorteile an, wie die meist inländische oder deutschlandnahe Produktion von Öko-Mode und ein fairer Umgang mit den Geschäftspartnern. "Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Empathie sind jetzt ebenso wichtig, wenn die Modeindustrie sich nicht in Preisdumping und knallhartem Konkurrenzkampf verlieren will. In der Presse ist die Rede von Milliardenstornos, Corona-Schnäppchen und Konkursen. Dass es auch anders geht, zeigen viele IVN-Mitlieder", so der Verband.

Einige Lieferanten hielten von sich aus Bestellungen bis Ende April zurück, um dem Handel finanziell Luft zu lassen. Händler mit Online-Shops nähmen spontan Ware von befreundeten Brands mit auf, auch wenn die Produkte nicht ins firmeneigene Portfolio passen. Hersteller würden in den sozialen Medien die Absatzkanäle ihrer Handelskunden bewerben, Bestellungen würden gebündelt.

Darüberhinaus habe zwar auch Fair Fashion heutzutage zumeist einen modischen Anspruch, doch die Trends seien nicht so ausgeprägt wie bei Fast Fashion-Anbietern, die Kollektionen seien zeitloser und aktuelle Ware auch im kommenden Frühjahr verkäuflich.

Natürlich seien jetzt auch die Unternehmen aus der Naturmodeszene gezwungen, ihre Betriebskosten zu senken, wenn sie überleben wollen. Das bedeute Kurzarbeit, wenn die Situation noch lange anhält, sicher auch Entlassungen. Alle Nischenmarktteilnehmer seien laut IVN zutiefst besorgt. "Aber mit wem auch immer wir bisher gesprochen haben, wir hören Geschichten zu Chancen, Dankbarkeit und Betriebsamkeit." Chancen für mehr Klimaschutz oder die auch im konventionellen Markt derzeit viel diskutierte Saisonverschiebung nach hinten. Es bestehe  die Chance, den Modezyklus wieder an die realen Gegebenheiten anzupassen. "Die Stimmung ist zwar angeschlagen, aber noch nicht im Keller."
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