Verlängerung des Shutdown

Branchenverbände fordern dringend Hilfen auch für große Häuser und Wertausgleich

imago images / Chris Emil Janßen
Leere Einkaufsstraßen wegen geschlossener Geschäfte. Die Hilferufe aus der Modebranche an die Politik werden immer lauter.
Leere Einkaufsstraßen wegen geschlossener Geschäfte. Die Hilferufe aus der Modebranche an die Politik werden immer lauter.

Die Branchenverbände drängen angesichts des verlängerten Shutdown auf eine Verbesserung der staatlichen Hilfe. Der Handelsverband HDE setzt sich dafür ein, dass Abschriften auf Saisonware berücksichtigt werden und Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Mio. Euro Hilfen beantragen können. Der Gesamtverband textil+mode German Fashion und Gesamtmasche sehen die Industrie ohne Unterstützung vor dem Ruin.

"Die Verlängerung des Lockdowns ist für unsere mittelständischen Textilhersteller nicht mehr zu schultern", erklärt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie. "Der vom Lockdown betroffene Einzelhandel verliert an jedem geschlossenen Verkaufstag im Januar durchschnittlich 600 Mio. Euro Umsatz. Nach dem weitgehenden Verlust des Weihnachtsgeschäfts in November und Dezember können viele Handelsunternehmen diese unverschuldeten Verluste wirtschaftlich nicht mehr kompensieren", warnt auch HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Abrechnung der Teilwertabschriften

Der Handelsverband setzt sich dafür ein, dass entsprechende Abschriften auf Saisonware berücksichtigt werden, auch Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Mio. Euro Hilfen beantragen können und der monatliche Höchstbetrag von 500.000 Euro Überbrückungshilfe entfällt. Als entscheidend für die von der Coronakrise am härtesten getroffene Modebranche bewertet der HDE die Anrechnung der Teilwertabschriften von Saisonwaren bei der Fixkostenermittlung zur Überbrückungshilfe.

Sichere und gerechte Öffnungsstrategie

Zudem begrüßt der Verband, dass nun zügig ein Konzept für eine sichere und gerechte Öffnungsstrategie erarbeitet werden soll. "Der so extrem von den Schließungen betroffene Nonfood-Einzelhandel braucht bei Einhaltung aller Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eine Zukunftsperspektive", so Genth. Der HDE fordert einen systematischeren und planvolleren Umgang mit der Pandemie ein. Die Politik müsse transparenter machen, unter welchen Rahmenbedingungen und bei welchen Kennziffern der Corona-Pandemie eine Öffnung des Nicht-Lebensmittel-Handels denkbar sei. "Wir können nicht weiterhin spontan von einem Lockdown in den anderen stolpern. Die Unternehmen brauchen zumindest ein wenig Klarheit, wie die Perspektiven sind", fasst Genth zusammen.
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15 Mrd. Euro Umsatzverlust im vergangenen Jahr, 500 Millionen unverkaufte Teile im Markt, und ein Ende des Shutdown wird wohl nach den heutigen Beschlüssen in weitere Ferne rücken. Die Handelsverbände BTE, BDSE und BLE machten im Vorfeld der Beratungen von Bundes- und Landesregierungen in einer Pressekonferenz auf die höchst prekäre Situation der Branche aufmerksam. Dabei sieht BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels auch einen Hoffnungsschimmer.

Krisengespräch im Bundeswirtschaftsministerium

Auch für die Hersteller werden dringend Hilfen und Perspektiven gefordert. Der Gesamtverband textil+mode habe bereits bei einem Krisengespräch im Bundeswirtschaftsministerium klar gemacht, dass die erneute Shutdown-Verlängerung die deutsche Modeindustrie in den Ruin treibe. Die Bestellungen des Handels, der keine Ware im Laden verkaufen darf, gingen von Monat zu Monat zurück, was kein Wunder sei, weil nach den Frühjahrs- und Sommerkollektionen 2020 auch die Herbst-/Winterkollektion 2020/21 zu großen Teilen liegen geblieben sind.

Folgen bis 2022

Die Folgen des Einzelhandels-Shutdowns reichen laut Gesamtverband für die Hersteller deshalb schon jetzt bis weit ins nächste Jahr. "Wer als Industriebranche durch die Schließung des Modeeinzelhandels so massive Folgen zu tragen hat, braucht Hilfe. Die Uhr tickt, es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um eine Pleitewelle noch abzuwenden. Wer weiterhin qualitativ hochwertige Mode von deutschen Marken haben will, muss jetzt helfen", appelliert Neumann.

Wertverlust als erstattungsfähige Kosten

Die Branche fordert die Bundesregierung deshalb eindringlich auf, Herstellern und Einzelhändlern im gleichen Umfang den Wertverlust von saisonaler Ware als erstattungsfähige Kosten zu ermöglichen. Für den Branchenverband German Fashion warnt Präsident Gerd Oliver Seidensticker vor den dramatischen Folgen: "Viele Mittelständler trotzen der Krise derzeit aus der Substanz, was jetzt mit der neuerlichen Lockdown-Verlängerung endgültig an die Grenzen des Machbaren kommt und Tausende von Existenzen in der Modeindustrie gefährdet."

Druck auch für Schuhe und Strick

Die Branchenverbände für Schuhe, Lederwaren und Strick schließen sich den dringenden Appellen an. "Bei den enormen Vorfinanzierungskosten der Hersteller halten wir Umsatzverluste von bis zu 45% und mehr nicht mehr lange aus", warnt der Präsident des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie, Carl-August Seibel. "Was uns mit den Lockdown-Maßnahmen und immer mehr Belastungen bei den Energiepreisen und durch gesetzliche Auflagen zugemutet wird, zwingt unsere werthaltige deutsche Modeindustrie in die Knie", ergänzt Martina Bandte, Präsidentin des Branchenverbandes Gesamtmasche.

Winter-Shutdown noch härter

Der Winter-Shutdown betreffe insgesamt die Modehersteller noch viel härter als der Frühjahrs-Shutdown, der bis zu 45% Umsatzeinbrüche zur Folge hatte. Die Finanzdecke sei im Laufe des Jahres für viele Hersteller immer dünner geworden, die Rücklagen seien aufgebraucht, sagen die Verbände. Zudem stocke auch der Export, weil in den wichtigen europäischen Absatzmärkte die Geschäfte geschlossen sind. Gleichzeitig fehlten die Anlässe, einen neuen Ski-Anzug oder ein neues Kleid zu kaufen. Das Online-Geschäft gleiche die Verluste bei Bekleidung und Schuhen nicht einmal im Ansatz aus.

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