Verlagerung zu E-Commerce

Plattformen: Kommt jetzt der große Run?

Seit dem Shutdown ruhen die Hoffnungen auf E-Commerce. Da es jetzt schnell und kostengünstig sein soll, sind Plattformen für viele Händler die Option der Stunde. Die Marktplätze wiederum erleichtern nun den Zugang, geben Gas beim Onboarding und verzichten auf Gebühren. Läuft's?


Otto.de. Einen gänzlich neuen Marktplatz hat Otto.de aufgebaut. Otto Market besitzt die Fähigkeit, Partner automatisiert anbinden zu können. Im besten Fall kann sich ein Partner in zwei Stunden anmelden und danach seine ersten Produkte auf Otto.de verkaufen – in der Regel sind es zwei bis drei Tage.

Der Handlungsdruck war groß: Händler und Hersteller klagten über lange Onboarding-Zeiten und eine ausufernde Warteliste. „Wir mussten uns entscheiden: Entweder den bestehenden Marktplatz optimieren oder einen Marktplatz von Grund auf neu aufbauen. Schnell war klar, dass es nicht ausreichen würde, nur zu optimieren", sagt Robert Schlichter, der bei Otto.de das Partnermanagement leitet und für die neue Plattform verantwortlich zeichnet.

Es gibt zwei wesentliche Änderungen. Erstens: Partner verkaufen auf Otto.de künftig im eigenen Namen und auf eigene Rechnung. Dadurch werden sie für die Kunden auf der Plattform sichtbar. Zweitens: Bisher haben Partner bestehende Produkte im Sortiment ergänzt. Heute können sie auch Produkte verkaufen, die es bereits gibt. Aktuell angeschlossen sind 500 Partner. Durch die automatisierte Anbindung im Self-Service rechnen die Hamburger im Laufe des Jahres mit mindestens 1.000 weiteren Partnern.

Zalando. Der Online-Modehändler Zalando pusht Connected Retail und beschleunigt die Anbindung des stationären Handels an die Plattform. Von April bis Mai zahlen neue und bestehende Partner des Programms keine Provision, wenn sie ihr Sortiment über Zalando verkaufen.

„Für viele Retailer ist das Online-Business ein wichtiger Hebel, um überleben zu können. In den vergangenen zwei Wochen haben wir eine Verfünffachung der Anfragen verzeichnet“, berichtet Carsten Keller, Vice President Direct to Consumer und Verantwortlicher für Connected Retail. Ist das Unternehmen für den Andrang gerüstet?  „Wir haben unsere Kapazitäten aufgestockt, um alle möglichst zeitnah anzubinden.“
„Wir verzeichnen bei Connected Retail eine positive Entwicklung der Bestellvolumina.“
Carsten Keller, Zalando
Unter dem Hut von Connected Retail hat Zalando inzwischen 1500 stationäre Läden versammelt, die sich mit der Plattform vernetzen und aus ihren Beständen versenden, falls der Onliner die Ware nicht selbst vorrätig hat. Und verkaufen sie aktuell auch? Schließlich hat Zalando selbst mit weniger Frequenz zu kämpfen? Keller: „Wir verzeichnen bei Connected Retail eine positive Entwicklung der Bestellvolumina.“
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Zalando: Liquiditätshilfe für stationäre Händler

Zalando gibt jetzt Gas bei Connected Retail und beschleunigt die Anbindung des stationären Handels an die Plattform. In den nächsten zwei Monaten zahlen Partner keine Provision, wenn sie ihr Sortiment über Zalando verkaufen. Zudem soll die Auszahlung der Umsätze wöchentlich statt bisher monatlich erfolgen. Fließen denn Umsätze? Schließlich hat Zalando selbst mit weniger Frequenz zu kämpfen? Wir haben den Verantwortlichen für Connected Retail, Carsten Keller, gefragt.

Konkrete Zahlen bleibt er allerdings schuldig. Betont aber eine weitere Maßnahme des Programms: Um die Liquidität aufseiten der Retailer zu erhöhen, soll die Auszahlung der Umsätze ab April wöchentlich statt bisher monatlich erfolgen.

Schuhe24. „Wir machen derzeit alles, damit mehr Händler online gehen und so zumindest Ware verkaufen, Umsätze generieren und Liquidität erhalten“, sagt Dominik Benner, geschäftsführender Gesellschafter von Schuhe24. Ende des Jahres werden über 2000 lokale Geschäfte über die Online-Händlerplattform verkaufen. „Online boomt derzeit. Wir versuchen, hier möglichst viel für die Händler zu erreichen. Unser Unternehmen hat daher zurzeit viel zu tun. Die Mitarbeiter sind am Limit. Wir suchen aktiv neue Mitarbeiter, damit wir die Nachfrage bewältigen können."

Outfits24. Und nochmal Benner: Die Mode-Plattform Outfits24 und das Netzwerk Modehaus.de machen im Zuge der aktuellen Krise einen Schulterschluss, um die stationären Modehändler bundesweit zu unterstützen. „Ziel der Kooperation ist es, dass wir als Sofort-Maßnahme für Händler neue Umsatzkanäle erschließen. Dies ist in der aktuellen Situation von POS Schließungen unverzichtbar“, sagt Holger Wellner, einer der drei Modehaus.de-Geschäftsführer. 

Dominik Benner, Geschäftsführer von Schuhe24 und Outfits24, sieht die langfristige Kooperation als Meilenstein: „Das Coronavirus wird in einem Jahr nicht mehr wichtig sein, der Online-Handel aber umso mehr. Daher ist es wichtig, dass wir für die Händler gemeinsame Chancen nutzen. Wir können 45 Kanäle beisteuern, was einmalig ist. Dadurch sind wir gegenüber einem Online-Player, der nur einen Verkaufskanal bespielt, weit im Vorteil.“

Die technische Kooperation erfolgt über die Schnittstellen von Outfits24 und Modehaus.de. Alle Händler der Modehaus.de- oder myVeo-Systeme können über den Modehaus.de-Datenfeed-Manager ihre Bestände selektieren und exportieren. Alle relevanten Warenwirtschaftslösungen sind mittels einer Schnittstelle angebunden.

Schuhe.de. Die ANWR-Gruppe investiert indessen verstärkt ins SEO-Marketing für Schuhe.de, um mehr Reichweite und Frequenz für die Plattform zu bekommen. Aktuell sind 1.700 Filialen an Schuhe.de angeschlossen. Es haben lediglich einige wenige Händler die Verkaufsfunktion pausiert, da die Erreichbarkeit im Ladenlokal nicht mehr gewährleistet werden konnte. „Im Gegensatz dazu gab es einen regelrechten Run in Bezug auf die Aufschaltung", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Knapp 70 neue Filialen konnten in den vergangenen 1,5 Wochen aufgeschaltet werden. Wenn ein Händler bereits mit EAN-Codes arbeitet und bei den Warenwirtschaftssystemen angeschlossen ist, zu denen Schuhe.de eine Standardschnittstelle anbietet (IPOS, BITS, HIS, ETOS, Advarics), ist die Sichtbarkeit der Sortimente in nur wenigen Tagen möglich, heißt es. "Aktuell sind wir mit der Entwicklung sehr zufrieden. Aber auch wir merken, dass sich das Konsumverhalten der Endkunden ändert. Durch die aktuelle Krise kaufen die Menschen bewusster ein. Dennoch können wir die angeschlossenen Mitgliedern mit Liquidität unterstützen."

Farfetch. Die Luxusmode-Plattform Farfetch lockt derweil mit Rabatten. Laut dem Analysehaus RE Analytics gehört Farfetch zu den Anbietern, die höhere Abschläge als im Vorjahr anbieten. So sind seit Anfang April die Preise auf die Frühjahrskollektion um 25% gesunken.
„Wir verkaufen unsere hochwertigen Produkte über Farfetch. Da spürt man jetzt in der Tat in der letzten Woche einen Anstieg von 50 bis 60% mehr als zuvor.“
Heinz-Peter Böker, Kaiser in Freiburg
Die Multibrand-Händler entscheiden, ob sie an der Sale-Aktion teilnehmen oder nicht. Farfetch lockt sie mit 25% weniger Kommission. „Wir verkaufen unsere hochwertigen Produkte über Farfetch. In der vergangenen Woche haben wir in der Tat einen Anstieg von 50 bis 60% zur Vorwoche verzeichnet“, berichtet Heinz-Peter Böker, Geschäftsführer von Kaiser in Freiburg.

Miinto, das skandinavische Farfetch, investiert massiv in Technik, um den Onboarding-Prozess zu optimieren: „Wir können jetzt fast alle Webshop-Systeme und die meisten POS-Systeme in die Plattform integrieren. Aktuell brauchen wir weniger als vier Tage, bis Händler online sind“, sagt CEO Konrad A. Kierklo.

2000 Partner sind aktuell an Bord. 150 neue Retailer seien im März dazugekommen. „Wir haben das Glück, dass wir immer noch viel Frequenz auf unserer Plattform haben. Einige Märkte sind stärker betroffen als andere. Aber wir sind immer noch in der Lage, erhebliche Einnahmen für alle unsere angeschlossenen Partner zu generieren", sagt Kierklo.

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