Virtuelle Anprobe kommt immer mehr in Mode

Snapchat bringt neue Virtual Dressing-Lösung nach Deutschland

Snapchat
Mithilfe der Try On-Lösung können Snapchat-User Produkte von drei Zalando-Eigenmarken virtuell anprobieren.
Mithilfe der Try On-Lösung können Snapchat-User Produkte von drei Zalando-Eigenmarken virtuell anprobieren.

Die Foto- und Instant Messaging-App Snapchat hat die neue Version der Virtual Dressing-Lösung Try On in Deutschland gestartet. Sie heißt AR Image Processing und macht die virtuelle Anprobe sowohl für die Händler als auch die Kunden einfacher. Erster Anwender hierzulande ist der Online-Modehändler Zalando, der die Technologie in seiner aktuellen Cyber Week-Werbekampagne einsetzt. Die Anwendung hat aber noch ein großes Manko.

Und so funktioniert AR Image Processing: Von Zalando ausgewählte Zielgruppen bekommen unten rechts auf dem Bildschirm virtuelle Lenses der Zalando-Eigenmarken Even & Odd, Zign und Your Turn angezeigt. Alternativ können die Lenses auch über das öffentliche Snapchat-Profil von Zalando abgerufen werden, das sich leicht über die Suchfunktion finden lässt.

Try On: Die virtuelle Anprobe von Snapchat

Sobald der User eine dieser Lenses anklickt, erscheinen im Screen die Produkte der aktuellen Kollektionen. Diese können durch das Anklicken des Buttons "Anprobieren" virtuell übergezogen werden. Dazu muss der Nutzer ein Ganzkörper-Foto von sich machen – oder besser machen lassen, um den ganzen Körper aufs Foto zu bekommen.

Im Anschluss kleidet die App den Nutzer mit dem ausgewählten Produkt live ein. Dabei werden gegebenenfalls Teile der realen Kleidung wegretuschiert, damit das virtuelle Produkt richtig zur Geltung kommt. So verschwinden etwa wie von Zauberhand T-Shirt-Teile, die unter einem Kleid nicht besonders gut aussehen würden. Stattdessen sind die sonst verdeckten Körperteile in der Hautfarbe des Users zu sehen.

Die TextilWirtschaft-Redaktion hat das Tool ausprobiert: Die Bedienung ist einfach. Das Anprobieren der Kleidung auf dem eigenen Foto geht innerhalb weniger Sekunden über die Bühne. Und die Produkte passen sich sehr gut den Körpermaßen des Probanden an.

Die Produkte können bei Gefallen direkt im Online-Shop von Zalando gekauft werden, in den man über die Lens weitergeleitet wird. Wenn nicht sofort, auch problemlos später. Schließlich werden die Ganzkörper-Fotos für spätere Anproben automatisch in Snapchat gespeichert.

Bei der anderen Try On-Version musste der User noch Videos von sich machen. Noch aufwändiger war das Tool für die Anwender aus der Modebranche: Sie mussten ihre Produkte in 3D scannen. Jetzt reicht eine 2D-Aufnahme, wie sie die Modeunternehmen in der Regel ohnehin für ihren Online-Shop anfertigen.

Die 2D-Aufnahmen werden von einem Deep Learning-Modul verarbeitet, das die Produktfotos in Augmented Reality-Bilder umwandelt. "Die AR Image Processing-Technologie ermöglicht es Unternehmen, bestehende Produktfotos, die sie für ihre E-Commerce-Websites erstellt haben, in sofort einsatzfähige Assets für Try On-Lens-Erlebnisse zu verwandeln", erklärt eine Snapchat-Sprecherin.

Im Heimatmarkt USA hat Snapchat Try On AR Image Processing bereits Ende August eingeführt. Zu den Anwendern gehört unter anderem American Eagle. In Dänemark nutzt das Regenjacken-Label Rains die neue Lösung, die jetzt auch in Frankreich und Großbritannien verfügbar ist. Welche Unternehmen in den beiden Ländern auf die 2D-Lösung setzen, ist nicht bekannt. Zu den Anwendern der alten komplizierteren 3D-Lösung Try On zählten etwa Prada, Gucci, Dior, Farfetch, Balenciaga, Asos, Nike, Adidas, Fossil und Prada.

Warten auf Zalandos virtuelle Ankleidekabine

Die Snapchat-Anwendung ist freilich noch ausbaufähig. Schließlich fehlt ihr noch das entscheidende Element einer Virtual Dressing-Lösung: die Visualisierung der Passgröße. Das heißt: Der Nutzer kann auf den Fotos nicht erkennen, ob das ausgewählte Kleidungsstück zu groß oder zu klein ist. Sprich: Es findet keine Größenberatung statt.

An genau so einer Lösung arbeitet Zalando seit Ende 2020. Damals haben die Berliner das Schweizer Start-up Fision übernommen, das seitdem zusammen mit Programmierern von Zalando an einer virtuellen Umkleidekabine arbeitet. Im ersten Schritt wird Zalando noch in diesem Jahr eine Körpervermessungsfunktion in die eigene App integrieren.

Parallel arbeitet der E-Fashion-Konzern an einer Avatar-Lösung. Diese soll den Kunden ermöglichen, auf Basis der App-Messdaten digitale Zwillinge zu erstellen, denen ausgewählte Kleidungsstücke angezogen werden können. Stellvertretend für den Verbraucher. Ein genaues Startdatum steht noch nicht fest.

Zalando teilte auf Anfrage der TW mit, dass derzeit erste Testläufe gebe, die aus einer Reihe von Kampagnen im Zalando Fashion Store bestünden, die Zalando zusammen mit mehreren Plattform-Partnern entwickelt habe. Ziel sei es, zu verstehen, wie die Kunden mit dem Virtual Dressing-Tool interagieren.

Außerdem sollen weitere wichtige Erkenntnisse gesammelt werden, um "eine zuverlässige virtuelle Umkleidekabine entwickeln zu können", erklärt ein Konzernsprecher.

Einen ersten Vorgeschmack bekommt man auf einer Kampagnenseite von Puma und Zalando, die unter dem Titel "Puma - Die Zukunft der Mode". Dort können die User sechs Puma-Produkte virtuell anprobieren. Dazu müssen sie nur vier Parameter eingeben: Gewicht, Kleidungsgröße (z. B. XL), Körpergröße und Geschlecht. Anschließend sieht man, wie das Kleidungsstück sitzt.

Vor allem dann, wenn man unten links den Regler "Fit Map" nach rechts schiebt. Je dunkler die Farbe Türkis auf dem Avatar erscheint, desto enger liegt das Teil an. Weiße Flächen deuten darauf hin, dass beispielsweise ein T-Shirt an der Stelle locker sitzt.

Zalando testet sein neues Virtual Dressing-Tool gerade auf seiner Plattform, unter anderem im Marken-Shop von Puma.
Zalando.de
Zalando testet sein neues Virtual Dressing-Tool gerade auf seiner Plattform, unter anderem im Marken-Shop von Puma.
Ein Konkurrenzprodukt dürfte früher oder später der Werbepartner Snapchat auf den Markt bringen. Schließlich hat die Muttergesellschaft Snap im März 2021 das Berliner Start-up Fit Analytics gekauft, das einen digitalen Größenberater mit dem Namen Fit Finder entwickelt hat. Dieser kommt ohne Fotos oder Videos aus.

Der Nutzer muss nur Kennzahlen wie Alter, Geschlecht, Markenpräferenzen, Gewicht sowie Körpergröße und -form in eine Suchmaske eingeben. Anschließend errechnet ein Algorithmus, ob das ausgewählte Kleidungsstück passen würde – oder es besser in einer anderen Größe bestellt werden sollte. Ein Kombination von Try On und Fit Finder könnte ein Game Changer im Markt für Virtual Dressing-Lösungen werden, der seit vielen Jahren stagniert.
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Die Körperscanner kommen

Trotz der anhaltend hohen Retourenraten gibt es immer noch kein massentaugliches Tool, mit denen Online-Modekunden ihre Fundstücke virtuell anprobieren können. Die TextilWirtschaft ist den Gründen für diese Entwicklung nachgegangen und hat die aussichtsreichsten Anwendungen genauer unter die Lupe genommen. Was sind die größten Vorteile von digitalen Größenberatern und Anprobierhilfen, die möglicherweise auch die digitale Order revolutionieren?

Und das, obwohl viele technische Lösungen überzeugen können und viele Millionen Euro in die Entwicklung geflossen sind. Dennoch hat sich bislang keine Anprobierhilfe oder datenbasierte Größenberatung als wirklich massentauglich erwiesen. Eine Art Pay Pal fürs virtuelle Anprobieren mit Millionen von Nutzern und Tausenden von Händlern lässt weiterhin auf sich warten.

Dabei ist die Notwendigkeit nach wie vor groß: Denn solange die Kunden nicht richtig einschätzen können, ob ihnen das ausgewählte Bekleidungsteil passt und gut steht, bekommt die Modebranche das traditionelle Retourenproblem nicht in den Griff. Trotz aller technischen Verbesserungen bei den Produktbeschreibungen und -darstellungen verharrt die durchschnittliche Retourenquote seit vielen Jahren auf einem hohen Niveau.

Wie die Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Universität Bamberg in ihrem aktuellen "European Return-O-Meter" ermittelte, gehen im Schnitt fast zwei von drei Modesendungen (64,3%) wieder zurück an ihren Absender. Auf Artikelebene liegt die Rücksende-Rate bei rund 33,6%. Im Schnitt befinden sich in jedem Retourenpaket fast drei Artikel (2,7).
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So hoch sind die Retourenquoten im deutschen Online-Modehandel

Renditekiller Retourenquote: In Deutschland gehen im Schnitt zwei von drei Modesendungen wieder zurück an den Absender. Auf Artikelebene liegt die Retourenquote bei fast 34%. Das hat die Forschungsgruppe Retourenmanagement in ihrem aktuellen "European Return-O-Meter" ermittelt. Demnach hat Deutschland seinen Titel als Retouren-Europameister verteidigt. Dafür gibt es drei Hauptgründe.

Fit Analytics-Gründer und CEO Sebastian Schulze hält sich in Bezug auf eine mögliche Fusion von Try On und Fit Finder noch bedeckt: "Die AR-Funktionen von Snapchat und die Technologie von Fit Analytics werden zusammen das Online-Shopping-Erlebnis der Menschen nachhaltig verbessern."

Dazu habe das Unternehmen sein Forschungs- und Entwicklungsteam "massiv" aufgestockt. Dieses werde auch künftig "stark wachsen". Konkret geplant sei die Personalisierung des Größenberaters mit dem Namen Fit Finder. Dieser soll um Stilempfehlungen ergänzt werden, sodass die Kunden Produktempfehlungen erhalten, die auf einer Vielzahl von Kriterien beruhen, von der Größe bis hin zu Stilpräferenzen.

Zu den vielversprechendsten Anprobier-Lösungen im deutschen Markt gehörte lange Zeit die digitale Größenberatung des Münchner Start-ups Presize. Die Software war in über 50 Online-Mode-Shops eingebaut. Doch zum Ärger vieler Online-Modehändler hat sich Presize Ende März im Zuge der Übernahme durch Facebook aus dem B2B-Geschäft zurückgezogen.

In die Fußstapfen des bayerischen Unternehmens, das durch die TV-Show "Höhle der Löwen" bundesweit bekannt geworden war, will nun das neue Start-up Sizekick treten. Der Münchner Technologie-Dienstleister hat erst kürzlich das Textil-Prüfinstitut Hohenstein als strategischen Investor an Bord geholt. Die beiden Unternehmen wollen 2023 eine Size & Fit-Lösung auf den Markt bringen, die Modehersteller und -händler in ihre Online-Shops integrieren können.

Weitere Anbieter von Virtual Dressing- bzw. digitalen Größenberatungs-Lösungen in Deutschland sind unter anderem das Konstanzer Start-up Beawear, der Berliner Schuhfilialist Shoepassion, der Dubliner Technologie-Anbieter Tryfit, der Siegener Software-Hersteller Sizeez und der österreichische Technologie-Dienstleister Reactive Reality, der im August dieses Jahres seine Lösung in den Online-Shop von Hugo Boss eingebaut hat.

Ferner die H&M-Tochter H&M Beyond, die 2021 einen Bodyscanner in zwei Berliner und einem Hamburger Store getestet hat. Über die Ergebnisse schweigt sich das Unternehmen allerdings nach wie vor aus.

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