Virtuelle Anprobe

Das plant Zalando im Virtual Dressing

Zalando
Stacia Carr: "Wir haben in unseren Pilotprojekten vielversprechende Ergebnisse erhalten, die das Potenzial der Virtual Dressing-Technik für die Reduzierung der Retourenquoten aufgezeigt haben.
Stacia Carr: "Wir haben in unseren Pilotprojekten vielversprechende Ergebnisse erhalten, die das Potenzial der Virtual Dressing-Technik für die Reduzierung der Retourenquoten aufgezeigt haben.

Noch in diesem Jahr ist es so weit: Dann startet Zalando die erste Version seiner Virtual Dressing-Lösung, die derzeit zusammen mit dem 2020 gekauften 3D-Spezialisten Fision entwickelt wird. Die zuständige Vizepräsidentin Stacia Carr will damit "die Verbindung zwischen dem Modeschöpfer und dem Verbraucher wieder herstellen". Sie kann dabei auf jahrelange Erfahrungen des Online-Modehändlers mit digitaler Größenberatung zurückgreifen.

Die mit Spannung erwartete Virtual Dressing-Lösung von Zalando nimmt Formen an. Der Online-Modehändler wird in diesem Jahr eine Körpervermessungsfunktion in die App des Berliner Online-Modehändler integrieren. Das teilte die Fit & Size-Chefin Stacia Carr im Gespräch mit der TextilWirtschaft mit. Parallel arbeite der Berliner E-Fashion-Konzern an einer Avatar-Lösung. Diese soll den Kunden ermöglichen, auf Basis der Messdaten digitale Zwillinge zu erstellen, denen ausgewählte Kleidungsstücke angezogen werden können. Stellvertretend für den Verbraucher.

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Trotz der anhaltend hohen Retourenraten gibt es immer noch kein massentaugliches Tool, mit denen Online-Modekunden ihre Fundstücke virtuell anprobieren können. Die TextilWirtschaft ist den Gründen für diese Entwicklung nachgegangen und hat die aussichtsreichsten Anwendungen genauer unter die Lupe genommen. Was sind die größten Vorteile von digitalen Größenberatern und Anprobierhilfen, die möglicherweise auch die digitale Order revolutionieren?

Das Body-Measurement-Feature soll zu Beginn nur eine ausgewählten Kundengruppe nutzen können. Dieses funktioniert folgendermaßen: Der User fotografiert sich zweimal mit seinem Smartphone. Anschließend spuckt die App seine Körpermaße aus. Auf dieser Basis erhält der Kunde personalisierte Größenempfehlungen.

"Wir arbeiten an einer begrenzten Markteinführung noch in diesem Jahr", berichtete Stacia Carr. Die US-Amerikanerin ist als Vice President für die Konzernsparte Size & Fit zuständig. Damit ist sie auch für das Tech-Hub von Zalando in Zürich verantwortlich, in dem der Online-Modehändler das Team des Ende 2020 übernommenen 3D Bodyscan-Spezialisten Fision mit der eigenen Virtual Dressing-Mannschaft verschmolzen hat.

Die Standard-Ansicht zeigt dem Nutzer nur grob, wie die Hose passt.
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Die Standard-Ansicht zeigt dem Nutzer nur grob, wie die Hose passt.
Laut Carr hatten beide Teams zuvor etwa fünf Jahre lang getrennt voneinander vergleichbare Technologien entwickelt. "Die beiden Lösungen ergänzen sich und werden es uns ermöglichen, die virtuelle Anprobe schneller zu skalieren", erklärt Carr.

Diese wird voraussichtlich erst 2023 komplett sein, nämlich dann, wenn die Zalando-Kunden die Möglichkeit bekommen, sogenannte digitale Zwillinge zu generieren, die exakt die gleichen Körpermaße und -formen wie die User haben – und somit ziemlich genau simulieren können, ob das Kleidungsstück passt.

Wenn der Kunde den See Fit-Regler nach rechts zieht, erfährt er per Headmap-Technik genau, wo die Hose drücken wird. Dazu kann er seinen digitalen Zwilling drehen.
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Wenn der Kunde den See Fit-Regler nach rechts zieht, erfährt er per Headmap-Technik genau, wo die Hose drücken wird. Dazu kann er seinen digitalen Zwilling drehen.
Dazu muss man nicht zwingend das Body Measurement-Feature der Zalando-App nutzen. Die Eingabe von wenigen Parametern wird genügen. "Wir haben bei Tests herausgefunden, dass Alter, Größe und Gewicht schon ausreichen, um einen Avatar und somit ein recht gutes Kundenerlebnis zu erzeugen", berichtet Carr.

Das Startdatum der virtuellen Anprobe steht noch nicht fest: "Wir werden in den kommenden zwölf bis 18 Monaten Pilotversuche durchführen können", berichtet die Technologie-Expertin, die im Laufe ihrer Karriere schon mehrere Ingenieurteams geleitet hat, die digitale Produkte und Dienste für Verbraucher entwickelten. "Wir arbeiten derzeit mit verschiedenen Marken zusammen, um virtuelle Umkleidekabinen für ihre Produkte zu erstellen."
Über Stacia Carr

Stacia Carr ist eine US-amerikanische Technologie-Expertin und Mitgründerin verschiedener Start-ups. Im Laufe ihrer Karriere leitete sie Ingenieurteams, die digitale Produkte und Dienste für Verbraucher entwickelten. Mit Schwerpunkt auf den Vertrieb digitaler Medien. Arbeitgeber waren u.a. Sound Cloud, Sony, Listen.com, das College Music Journal und das Porno-Portal Kink.com.

Im Jahr 2013 verhandelte sie erfolgreich die Übernahme des von ihr geleiteten Boutique-Beratungsunternehmens Blazing Cloud durch Indiegogo. Im Jahr 2014 zog die studierte Musikwissenschaftlerin von den USA nach Madrid, als technische Mitbegründerin von Vidnex, einer Echtzeit-Videoplattform für die Gesundheits- und Fitnessbranche.

Derzeit ist Stacia Carr Vice President Size & Fit bei Zalando. Seit ihrem Eintritt in das Unternehmen im Jahr 2016 leitet sie funktionsübergreifende Teams (Applied Science, Engineering, Product and Business), die datengesteuerten Innovationen entwickeln, um die Herausforderungen im Bereich Size & Fit für Zalandos Kunden und Markenpartner zu meistern.

Bereits das erste Pilotprojekt vor zwei Jahren sei ausgesprochen erfolgreich gewesen. Das Zalando-Team hatte damals Avataren Jeans angezogen, da dieses Produkt mit am häufigsten umgetauscht werde. "Wir haben vielversprechende Ergebnisse erhalten, die das Potenzial der Technik für die Reduzierung der Retourenquoten aufgezeigt haben. Aber auch in puncto Verbesserung des Kundenerlebnisses", berichtet die Virtual Dressing-Chefin von Zalando. Weitere Testläufe mit anderen Marken hätten dabei geholfen, zu verstehen, "was die Kunden sehen wollen".

Zalando konnte dabei auf den Erfahrungen aufbauen, die der börsennotierte E-Commerce-Konzern zuvor mit der algorithmischen Größenberatung gesammelt hatte. Dazu werden nicht nur die Kauf- und Rücksendehistorien der Besteller, sondern auch die Produktbewertungen anderer Kunden ausgewertet.

Außerdem nutzt das Unternehmen die Technik Computer Vision, um Produktbilder auszuwerten. "So können wir erkennen, ob ein Produkt größer oder kleiner ausfällt als die angegebene Kleidergröße", berichtet Carr. Mit dem gleichen Ziel werden wöchentlich über Tausend Produkte anprobiert und per Hand vermessen.

"Dadurch können wir Datensätze erstellen, die wir für das Machine Learning nutzen", erklärt Carr. In der Folge sei Zalando mittlerweile in der Lage, mithilfe von Algorithmen bei etwa der Hälfte der bestellten Produkte recht genaue Größenempfehlungen aussprechen zu können. Bei diesen Artikeln habe sich die Retourenquote um bis zu 11% reduziert. Obendrein hätten die Kunden mittlerweile die Möglichkeit, sich automatisiert nur noch die Produkte anzeigen zu lassen, die den jeweiligen Größenempfehlungen entsprechen.

Bei diesen profitiert Zalando auch von einer engen Zusammenarbeit mit der Industrie. "Viele Marken haben den Wert erkannt, den der Austausch von Messdaten mit sich bringt, sodass ich denke, dass die digitalen Workflows langfristig zu großen Verbesserungen führen werden", sagt Carr. Diese würden sich sowohl auf die Nachhaltigkeit als auch die Rentabilität der Unternehmen positiv auswirken.
„"Durch den Datenaustausch stellen wir die Verbindung zwischen dem Modeschöpfer und dem Verbraucher wieder her."“
Stacia Carr
Und auf die Kundenbeziehungen: "Durch den Datenaustausch stellen wir die Verbindung zwischen dem Modeschöpfer und dem Verbraucher wieder her. Denn, bevor wir Maschinen für die Produktion von Kleidung eingesetzt haben, wurde diese immer von einer Person hergestellt, die direkt mit dem Kunden kommuniziert hat, zum Beispiel ein Schneider, die Mutter oder die Großmutter." 

Ob Zalando die Lösung auch anderen Modehändlern zur Verfügung stellt, steht noch nicht fest. "Wir wollen zunächst sicherstellen, dass die Anwendung bei unseren Kunden gut funktioniert und wir wirklich verstehen, wie sie optimiert werden kann. Und dann werden wir mit der Zeit sehen, ob wir sie vermarkten können."

Zalando hat schon viel Erfahrung im Dienstleistungsgeschäft gesammelt. So bietet der E-Fashion-Anbieter seinen Markenpartnern bereits Services wie Logistik, Fulfillment, Marketing und Werbekreation an. "Wir stellen Dienstleistungen in einer Größenordnung zur Verfügung, für die viele Markenpartner nicht die Ressourcen haben. Daher ist es für uns sinnvoll, unser Dienstleistungsangebot zu erweitern."
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Das Start-up Beawear aus Konstanz hat eine patentierte 3-D-Bodyscan-Technologie entwickelt, mit der über jedes mobile Endgerät ein virtueller Avatar zur Online-Anprobe erstellt werden kann. Damit sollen algorithmisch Artikel empfohlen werden, die auf der individuellen Körperform und nicht auf der Größe basieren. Das Plug-and-Play-Tool kann in jeden Online-Shop integriert werden.

Branchenexperten zufolge wird die Virtual Dressing-Lösung von Zalando, an der zurzeit 80 Angestellte arbeiten, sehnlichst im E-Fashion-Markt erwartet. Ein Grund ist der Rückzug des vielversprechenden Anbieters Presize aus dem B2B-Geschäft mit digitaler Größenberatung. Seitdem ruhen die Hoffnungen auf die Technologie-Expertise von Deutschlands größtem Online-Modehändler, der dank seiner großen Finanzkraft in der Lage ist, eventuelle Durststrecken zu überwinden und gegebenenfalls Geld nachzuschießen. 



Weitere Informationen zum Status Quo des deutschen Virtual Dressing-Marktes finden Sie in dem Bericht "Die Körperscanner kommen", der im Rahmen des TW-Online-Special "Digitale Order" erschienen ist.

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