Was macht eigentlich...?

"Am meisten habe ich das Arbeiten im Team vermisst"

Marc Cain
Karin Veit hat das Design bei Marc Cain maßgeblich geprägt.
Karin Veit hat das Design bei Marc Cain maßgeblich geprägt.

Was macht eigentlich Karin Veit? 43 Jahre arbeitete die Kreativ-Chefin bei Marc Cain, wohin sie zwei Jahre nach Gründung des Unternehmens von Helmut Schlotterer gekommen war. Mit dem verstorbenen Vertriebschef Norbert Lock bildete sie lange Jahre ein kongeniales Duo, das Vertrieb und Produkt aufeinander abstimmte. Ende Juli 2018 zog sich Karin Veit ins Privatleben zurück. Das Teamplaying aber lebt sie weiter: von der Nachwuchsförderung bis zum sozialen Engagement.

Es ist nicht einfach, Karin Veit zu erreichen. Zu ausgefüllt sind ihre Tage. Gerade ist sie beim Homeschooling mit einer 12-jährigen Schülerin aus einer afghanischen Migrantenfamilie, die sie bei Sprachschulung und bei Amtsgängen unterstützt. Beim Homeschooling lernt die 68-Jährige selbst täglich dazu. Ihr Lieblingsfach: Bildende Kunst. "Wissen Sie, wie die Sitzordnung beim Orchester ist", fragt sie und beschreibt akribisch, wo Streicher, Holz- und Blechbläser platziert sind.


TW: Wie haben Sie den Übergang vom Beruf in das Privatleben empfunden, Frau Veit?
Karin Veit:
Ich hatte eine kurze Verschnaufpause nach diesen langen Jahren intensiver Arbeit. Zusammen mit meinem Mann bin ich endlich wieder viel gereist, wohin wir wollten und so lange wir wollten. Leider wurde die neue gewonnene Freiheit durch die Pandemie schnell wieder eingeschränkt. So haben wir unser Haus und den Garten umgestaltet. Dabei habe ich meinen grünen Daumen entdeckt und wühle täglich im Garten. Mein neues Atelier habe ich ganz nach meinen Vorstellungen umbauen lassen und kann jetzt diesen inspirierenden Ort sehr genießen.

Vermissen Sie etwas?
Am meisten vermisst habe ich das Arbeiten im Team. Mit Menschen zusammen arbeiten, sich besprechen und austauschen, gemeinsam zu kreieren. Gerne telefoniere ich oft mit Freunden, ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sowie Gleichgesinnten, was gerade in dieser Zeit für mich sehr wichtig ist. Ich war früher sehr viel unterwegs, sodass es auch für meinen Mann eine Umstellung war, mich so oft zuhause zu haben. Jetzt können wir vieles gemeinsam genießen.

Was macht eigentlich: Karin Veit



Welche Projekte gab es direkt im Anschluss und an welchen arbeiten Sie aktuell?
Ich habe mich in der Heimat umgesehen, wo kann ich mit anpacken und habe einen Teil meines Engagements auf das Ehrenamt verlagert. Ich entdecke immer neue Dinge, die mir Spaß machen. Über den Freundeskreis Asyl Ammerbuch begleite ich eine Migrantenfamilie mit vier Kindern. Dazu gehört aktuell auch das Homeschooling mit deren Tochter, die meinen Computer dazu nutzen kann. Mein Hauptanliegen aber ist die Talent- und Nachwuchsförderung. Ich möchte mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben. Und auch hier gelingt wieder Zusammenarbeit, die ich so sehr schätze. Ob das als Jury-Vorsitzende des Apolda European Design Award ist oder als Kuratoriums-Mitglied der Wilhelm-Lorch-Stiftung in der dfv Mediengruppe. Ich halte Kontakte mit den Jungdesignern und schaue, wie sie ihren Weg weitergehen.

Ihre Leidenschaft galt schon immer den Strick-Produkten…
Ja, bei Marc Cain habe ich mit Strick und Jersey begonnen, dann kam immer mehr dazu, Konfektion, Leder, Accessoires, Schuhe und Taschen. Mit einem Faden anzufangen und etwas daraus zu machen, das fasziniert mich noch immer. Die Strick-Workshops in Apolda sind eine geniale Möglichkeit für Studierende, in die Betriebe zu gehen und sich dort auszuprobieren. Aber auch das Thema Nachhaltigkeit ist mir ein großes Anliegen. Im Rahmen der Summer School an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach habe ich einen Workshop zum Materialkreislauf gemacht. Es ging darum, aus alten Jeans neue Dinge zu kreieren. Mit einem Tübinger Yoga-Studio habe ich das Projekt Die Yogamacherei gemacht. Im Rahmen eines Yoga-Workshops haben die Teilnehmerinnen ihre Lieblings-Yogaklamotten mitgebracht, die ich gemeinsam mit Studierenden von der HS Reutlingen umgestaltet habe.

Nach ihrem Ausstieg bei Marc Cain gehörte Karin Veit zusammen mit Norbert Lock, Norbert Steinke und Hachmeister-Mann Klaus Harnack zum Beraterkreis, den man bei Gerry Weber nach Ende des Insolvenzverfahrens engagiert hatte. Mittlerweile ist der Vertrag ausgelaufen. Aktuell hat Karin Veit "kleinere Consulting-Aufträge". Außerdem beschäftigt sie sich intensiv mit dem neuen Berufsbild von Designern in Zeiten der Digitalisierung.

Wenn Sie Ihre Karriere nochmals beginnen könnten, was würden sie anders machen? Was nicht?
(Sie lacht) Ich würde alles genau so wieder machen. Besser geht's nicht!

Wie verbringen Sie Ihren Tag?
Yoga, Meditation oder Walken steht am Anfang jeden Tages. Das war auch während meiner Arbeitszeit so. Dann frühstücke ich mit meinem Mann. Anschließend widme ich mich dem Homeschooling (grinst) und meinen anderen Projekten. Gartenarbeit und Kochen zählen als Entspannung. Ich habe auch das Sticken wieder entdeckt. Wir genießen das Leben im ländlichen Ammerbuch in der Nähe zur Stadt Tübingen. Es ist ganz einfach toll, dass ich nun meine Projektarbeit mit Lebensqualität verbinden kann. Allerdings vermisse ich das Reisen und den Besuch von Kunstausstellungen, der dank dem Tübinger Konzept ja leider nur kurzfristig möglich war.

Inwieweit verfolgen Sie das Branchengeschehen und wie nah lassen Sie es an sich ran?
Es ist eine spannende Branche, die zu meinem Leben gehört und die ich auch weiterhin leidenschaftlich verfolge. Ich lese nach wie vor die TW und habe Kontakt zu vielen in der Branche.

Welche Ziele setzen Sie sich und was würden Sie gerne mal in Angriff nehmen?
Ich habe mir nie Ziele gesetzt, habe einfach gemacht. Das werde ich auch weiterhin tun. Halt – nein, eines gibt es doch: Ich möchte meinen Angelschein machen. Wir haben einen Bach vor dem Haus, Seen und Flüsse in der Umgebung. Ich begreife das als eine Art von Meditation. Meditatives Angeln – ein schöner Begriff.

Bei Marc Cain haben Sie das Leo-Muster kultiviert. Tragen Sie selbst noch Leo?
(Lacht) Ich liebe Leo und habe immer etwas in Leo an, und wenn es nur ein Armband ist. 

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