Wie sollte man die Epidemie einschätzen?

Corona-Krise oder Corona-Hysterie?

Was ist Corona denn nun? Eine Krise oder pure Hysterie? Das Virus spaltet auch die Branche. „Was soll die Panikmache”, meint etwa ein Teilnehmer am TW-Testclub auf die Frage nach Corona-Folgen. Es sei albern, die Frage überhaupt zu stellen.

Bei derselben Umfrage warnt dagegen ein anderer Händler: „Die Welle, die da auf uns zukommt, lässt sich noch gar nicht abschätzen.“ Er erwarte noch im März einen „Kunden- und Umsatzrückgang und für den Herbst eine Rezession und Lieferengpässe.“


Akut sehen 7% der Teilnehmer der TW-Testclub-Umfrage Corona-bedingte Lieferverzögerungen – aber jeder vierte Händler gibt an, von seinen Lieferanten auf genau solche Engpässe bereits vorbereitet zu werden. Bei jedem fünften Teilnehmer gibt es derzeit einen höheren Krankenstand als in einem Februar üblich, 15% der Händler sprechen in diesem Zusammenhang bereits von „Personalknappheit“.

Mit 47% hat fast jeder Zweite auf Corona reagiert – vor allem dadurch, dass er Mitarbeitern oder Kunden zusätzliche Desinfektionsmittel zur Verfügung stellt. 13% suchen bereits nach alternativen Herstellern, falls die Warenlieferung stocken sollte.

Ein Testclub-Teilnehmer schreibt dazu fast flapsig: "Bei der Corona-Angst kauft sowieso keiner. Da spielen Lieferverzögerungen keine Rolle". Ein anderer schaut auf den Kalender: "Lass den Frühling kommen, dann wird es schon besser. Es ist nicht viel anders als eine Grippewelle." Ein Dritter denkt an den Produktionsstandort Deutschland: "Ein positiver Nebeneffekt dabei könnte sein, dass man sich mal wieder Gedanken macht, weniger Produkte zu importieren."

Stundung von Sozialabgaben?

Hinter vorgehaltender Hand sind im Markt sogar Positionen wie „Dieses Jahr ist jetzt schon nicht mehr zu retten“, zu hören. Auch von Unternehmern, die bereits Anträge auf Kurzarbeitergeld vorbereiten oder damit rechnen, dass schon bald – wie in Italien – die Stundung von Sozialabgaben möglich sein werde. Dennoch könnten die Corona-Folgen dazu führen, dass finanzschwache Unternehmen im Laufe des Jahres in die Insolvenz rutschen könnten. Schon fragt sich mancher, ob nicht der Staat helfen müsse – so wie er jüngst den Bauern nach den trockenen Sommern geholfen hatte.

Diffus ist auch die Lage bei den Umsätzen: Seit Mitte vergangener Woche registrierten Händler Umsatzrückgänge. „Ein deutlicher Einbruch der Konsumlaune lässt sich nicht feststellen“, sagt dagegen Frank Ganzasch von Hachmeister+Partner über die abgelaufene KW9. Für den gesamten Februar hat h+p ein Plus von 5,3% registriert.

"Umsätze bis 50% eingebrochen"

Er höre „aktuell noch nichts Dramatisches“ aus der Branche, sagt BTE-Präsident Steffen Jost, „die Geschäfte scheinen eher normal zu laufen.“

Das sieht Friedrich Wilhelm Göbel, durchaus anders: „Bis zur Überdramatisierung der Situation durch manche Ministerien haben wir von Corona gar nichts gespürt“, sagt der Generalbevollmächtiger von Sinn. „Ab Mittwoch vergangener Woche jedoch hatten wir Umsatzverluste zwischen 15 und 20%“. In den Filialen Aachen und Mönchengladbach allerdings – in der Nähe von Heinsberg, dem Ort des ersten Corona-Falles in Nordrhein-Westfalen – seien die Umsätze sogar um 45 bis 50% eingebrochen. Dennoch habe Sinn im Februar ein Umsatzplus erzielt.



Auch die CBR Group mit ihren 80 eigenen Läden hat vor allem am Samstag die Kaufzurückhaltung zu spüren bekommen. „Der Samstag war richtig schlecht, und das lag eindeutig am Traffic“, sagte CEO Jim Nowak.

Probleme haben auch die Kleinen: „Die Kunden sind nach wie vor verhalten, bleiben zu Hause“, klagt Traudl Schröder von Mode Nolten in Heinsberg: „Die verbreitete Hysterie wirkt sich auf alle in der Stadt aus, von Optiker bis Eissalon.“ Nina Rong von Elscheidt in der Kölner City:Die Frequenz? Katastophal!“ Im noblen Stadtteil Lindenthal, wo sie einen weiteren Laden betreibt, sei es etwas besser: "Wir vermuten, dass die Menschen in ihren Stadtteilen bleiben. Aber es gehen gravierende Umsätze verloren, die man nicht mehr aufholen kann."

Andere Marktteilnehmer fürchten geschäftsschädigende Überreaktionen und warnen davor: „Wir dürfen uns das Geschäft nicht durch Übertreibung und Hysterie schlecht machen lassen“, fordert etwa Palmers-Vorstand Tino Wieser.

Profitieren die Onliner von der Situation auf den Highstreets und in den Shoppingcentern? Bestellen die Kunden mehr online? Bei Zalando sieht man derzeit noch keine Virus-Auswirkungen auf das Geschäft. Auch bei Otto.de erkennt man keine deutlichen Verschiebungen.

"Lieferanten arbeiten wieder"

Was ist mit dem Nachschub? Lange standen etwa Fabriken in China still, ruhte die Arbeit in den Häfen. Bei Deichmann heißt es, die Situation bessere sich: „Unsere Lieferanten arbeiten wieder. Inzwischen ist auch schon eine nennenswerte Menge an Ware auf dem Seeweg unterwegs nach Europa.“ Vereinzelte Lieferverzögerungen seien möglich, „das ist für uns im Tagesgeschäft aber beherrschbar.“

„Unser Geschäftsbetrieb bekommt derzeit glücklicherweise noch keine Auswirkungen des Corona-Virus zu spüren“, erklärt Matthias Mey, Managing Partner Mey Unternehmensgruppe, fürchtet aber ebenfalls: „Grundsätzlich kann es auch bei uns zu Lieferengpässen in der zweiten Jahreshälfte kommen.“

Probleme bei der Herbst-Lieferung

Nach einer Blitzumfrage des Herstellerverbandes German Fashion erwartet die Hälfte der Teilnehmer für die Auslieferung der aktuellen Frühjahr-/Sommer-Kollektion keinerlei Lieferverzögerungen. Im Herbst werde das schon anders aussehen: Nur einer von vier Herstellern glaubt, in der Saison H/W 20/21 ohne Verzug durchzukommen. Jeder zweite rechnet mit Verzögerungen von „ein bis mehr als zwei Monaten“.

Dass das Virus bei den Preisen für „geringe bis mittlere Steigerungen“ sorgen wird, befürchten 65% der befragten Hersteller. Jeder zweite rechnet damit, dass sich in der Folge mittel- bis langfristig die Struktur der Sourcing-Märkte „gering bis mittelstark“ ändern werde. In geringem Maße werde Produktion auch nach Deutschland zurückkommen.


Völlig uneinheitlich ist aktuell auch die Situation bei den Messen: Während die Lederwarenmesse in Offenbach stattfand und die Gallery in Düsseldorf abgehalten werden soll, wurde die ebenfalls in Düsseldorf geplante „Beauty“ bereits abgesagt. Damit fällt der Aufhänger für den geplanten verkaufsoffenen Sonntag am 8. März weg – und dieser zusätzliche Verkaufstag rund um die Kö aus.

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