Wilhelm-Lorch-Stiftung / Die Preisträger 2021

Die Techniker

Ein ausgezeichneter Jahrgang: 70.000 Euro schüttet die Wilhelm-Lorch-Stiftung in diesem Jahr aus. Neun junge Frauen und Männer werden für ihre Abschlussarbeiten ausgezeichnet, drei Preise werden im Bereich Aus- und Weiterbildung im Einzelhandel vergeben. Zudem fördert die Stiftung ein Projekt der Hochschule Trier. In den kommenden Tagen stellen wir alle Preisträger vor. Heute: die drei Gewinner aus dem Bereich Technik.

Leon Blanckart hat eine neue Textil-Anwendung aus Algen entwickelt. Lösungen für die Integration von 3D-Software in die Strickentwicklung hat Ellen Judith Müller erarbeitet. Ramona Nolden zeigt, dass Textilien bei der Genesung helfen können. Sie hat funktionale Pailletten und Platinen für Smart Textiles entwickelt.

Leon Blanckart: Der textile Rohstoff aus dem Wasser

Algen haben in den vergangenen Jahren deutlich an Image gewonnen. Galten sie früher vor allem als Ärgernis, das den Badespaß an der Adria beeinträchtigt, sind die proteinreichen Pflanzen mittlerweile zu einem wichtigen Nahrungsmittel geworden. Als Rohstoff für Textilien sind sie bisher jedoch kaum bekannt. Das könnte sich ändern, dank Leon Blanckart. Der 24-Jährige, geboren und aufgewachsen in Koblenz, hat in seiner Bachelorarbeit an der Hochschule Niederrhein am Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik gezeigt, dass aus Algen textile Produkte vom Garn bis zur Fläche hergestellt werden können.

Leon Blanckart
Leon Blanckart
Die von Blanckart eingesetzte Süßwasseralge hat in verschiedenen Anwendungstests überzeugt und sich dabei als „ebenso robust wie flexibel“ erwiesen, erklärt er. Derzeit absolviert Blanckart sein Masterstudium, ebenfalls in Mönchengladbach. In seiner Masterarbeit möchte er das Thema „Textilien aus Algen“ weiter vertiefen, unter anderem in Kooperation mit dem Institut für Pflanzenwissenschaften und Mikrobiologie an der Uni Hamburg. Dass Leon Blanckart einmal in der Textilbranche landen würde, stand keineswegs von vornherein fest. „Nach dem Abi hatte ich erst mal keine Ahnung, was ich machen wollte“, räumt er heute lachend ein. „Ich habe etwas gesucht, bei dem ich Theorie und Praxis verbinden kann. Auf den Studiengang Textil- und Bekleidungstechnik in Mönchengladbach bin ich dann ein wenig aus Zufall gestoßen.“ Letztlich sei das für ihn ein Glücksgriff gewesen:„Die Branche hat mich schon ab dem ersten Semester fasziniert.“



Besonders am Herzen liegt Blanckart das Thema Nachhaltigkeit. „Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch“, betont er. Seinem liebsten Hobby, dem Mountainbiken, kann er bis auf weiteres nur bei Wochenend-Besuchen in der Heimat frönen. Lachend sagt er: „In Mönchengladbach gibt es ja leider keine Mountains.“

Ellen Judith Müller: Die neue Dimension des Strickens

Ein Bachelor im Fach Modedesign. Ein Master im Studiengang Textil- und Bekleidungsmanagement. Und nun der Preis der Wilhelm-Lorch-Stiftung – in der Kategorie Technik. Ellen Judith Müller kann wohl mit Fug und Recht als ausgesprochen vielseitig bezeichnet werden.

Ellen Judith Müller
Ellen Judith Müller
Aufgewachsen ist sie in einer oberfränkischen Kleinstadt, in der Nähe von Hof. „Das ländliche Leben hat mich geprägt“, sagt die 28-Jährige. Sie sei behütet aufgewachsen, habe aber auch schon in jungen Jahren neben der Schule viel gearbeitet, unter anderem in einer Druckerei, die ihrer Familie gehört. Nach dem Abitur an einem musisch-humanistischen Gymnasium in Hof, mit dem Schwerpunkt-Fach Kunst, studierte sie Modedesign an der Fakultät für angewandte Kunst Schneeberg der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Sie sammelte reichlich Auslands-Erfahrung bei Praktika in den Niederlanden und in Portugal sowie während eines Studien-Aufenthalts im polnischen Lodz.

Mehr zum Thema
WLS-Stiftung Preisträgerinnen und Preisträger 2019 Überblick
TW
Drei Jahrzehnte Wilhelm-Lorch-Stiftung

333 Preisträgerinnen und Preisträger

Beim 30. Forum der TextilWirtschaft, im Juni 1988, stellten Geschäftsführer und Gesellschafter des Deutschen Fachverlages der Branche die Wilhelm-Lorch-Stiftung vor. Benannt nach dem 1966 verstorbenen Gründer des Verlages und der TextilWirtschaft soll die Stiftung Berufsbildung, Wissenschaft und Forschung in der Modebranche fördern. Ein Jahr später, 1989, wurden die ersten Preisträgerinnen und Preisträger ausgezeichnet, über die Jahre folgten ihnen mehr als 300 weitere.


In ihrer Bachelorarbeit entwickelte sie eine Kollektion, bei der alle Teile in Form gestrickt wurden. Zwei Hosen wurden zudem komplett nahtlos produziert. „Nahtlos zu stricken ist sowohl ökonomisch als auch nachhaltig. Aber weil es in der Produktentwicklung sehr komplex ist, scheuen sich viele Hersteller noch davor“, sagt Müller.

Das Thema Strick ließ sie nicht mehr los. Für ihre Masterarbeit, die sie im Studiengang Textil- und Bekleidungsmanagement in Albstadt schrieb, ging sie als Werkstudentin zur Firma Stoll in Reutlingen. Dort erarbeitete sie neue Lösungen für die Integration von 3D-Bekleidungssoftware in die Strickgestaltung und -entwicklung. Mit den Ergebnissen hat sie nicht nur die Jury der Wilhelm-Lorch-Stiftung, sondern auch die Verantwortlichen bei Stoll überzeugt. Der Strickmaschinen-Spezialist engagierte sie direkt nach dem Studium. „Es freut mich, dass ich hier die Ideen aus meiner Masterarbeit weiter umsetzen kann“, sagt Müller. Weil sie auch privat ihre Fertigkeiten ausbauen will, möchte sie das Preisgeld für die Anschaffung spezieller Hard- und 3D-Software nutzen.

Ramona Nolden: Wenn Textilien bei der Genesung helfen

Smarte Textilien sind Ramona Noldens großes Thema. Sowohl ihre Bachelor- als auch ihre Masterarbeit hat sie in diesem Forschungsfeld geschrieben. Derzeit plant sie ihre Promotion – auch die soll sich mit Smart Textiles beschäftigen.

Ramona Nolden
Ramona Nolden
Vor allem Neuentwicklungen für die Anwendung im Sport haben es der 32-Jährigen angetan. Kein Wunder, kann sie hier doch ihre beiden großen Leidenschaften vereinen. „Ich habe mich schon als Schülerin sehr für Textilien interessiert und viel genäht“, sagt sie. Während es dabei auf Kreativität und Geschicklichkeit ankommt, setzt sie im Sport mehr auf Ausdauer und Kraft– vier- bis fünfmal pro Woche macht sie Workouts oder joggt. Geboren und aufgewachsen ist Nolden in Würselen bei Aachen. Nach dem Abitur arbeitete sie eine Zeit lang im elterlichen Bäckerei-Betrieb. Ursprünglich hatte sie vor, Mode-Design zu studieren. Heute ist sie froh, dass sie sich anders entschieden hat. „Das Handwerkliche und Technische liegt mir mehr als die Kreation.“

Und so absolvierte sie erst einmal eine Ausbildung zur Textil-Laborantin am Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen, die sie als Landesbeste abschloss. Anschließend ging sie an die Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und studierte Textile Technologien. In ihrer Bachelorarbeit entwickelte sie einen smarten Handschuh mit textilem Biegesensor und applizierten LED-Pailletten, der für die Reha von Rheuma-Patienten eingesetzt werden könnte. Für diese Arbeit wurde sie mit dem Senats-Preis 2018 der Hochschule Niederrhein ausgezeichnet.



Um ein smartes und praxisnahes Produkt ging es auch in ihrer Masterarbeit. Nolden entwickelte flexible und funktionale Pailletten und Platinen, die mittels Sticktechnologie automatisiert und in Smart Textiles integriert werden können.

Derzeit arbeitet Ramona Nolden als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung in Mönchengladbach und entwickelt im Projekt Knetex eine sensorische Knie-Bandage. Das Preisgeld möchte sie gern für ihre geplante Promotion nutzen.
stats