Wilhelm-Lorch-Stiftung / Die Preisträger 2021

Die Kreativen

Ein ausgezeichneter Jahrgang: 70.000 Euro schüttet die Wilhelm-Lorch-Stiftung in diesem Jahr aus. Neun junge Frauen und Männer werden für ihre Abschlussarbeiten ausgezeichnet, drei Preise werden im Bereich Aus- und Weiterbildung im Einzelhandel vergeben. Zudem fördert die Stiftung ein Projekt der Hochschule Trier. In den kommenden Tagen stellen wir alle Preisträger vor. Heute: die drei Gewinner aus dem Bereich Kreation.

Eine „Kollektion gegen das Vergessen“ hat Sabrina Hauber entwickelt. Sie ließ sich für ihre Abschlussarbeit von der Demenz-Erkrankung ihrer Großmutter inspirieren. „Funktion geht auch ohne Chemie“, beton Lauren Luckert. Sie hat aus Naturfasern Stoffe für den Bergsport entwickelt und wird ebenfalls in der Kategorie Kreation ausgezeichnet. Andreas Stang erhält den Preis der Wilhelm-Lorch-Stiftung zum zweiten Mal. In seiner Master-Kollektion versucht er, „die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen“.

Eine Kollektion gegen das Vergessen: Sabrina Hauber

Ist es möglich, sich dem Thema Demenz mit einer Mode-Kollektion zu nähern? Es ist möglich, das hat Sabrina Hauber überzeugend demonstriert. Für die Outfits ihrer Abschlussarbeit „Ne m´oubliez pas“ ließ sie sich von der Demenz-Erkrankung ihrer Großmutter inspirieren. Damit gewann sie einen internationalen Design-Preis und überzeugte die Jury der Wilhelm-Lorch-Stiftung, die Hauber „eine hohe Sensibilität und Wärme“ bescheinigt und sie als „überdurchschnittlich begabte Designerin“ würdigt.

Sabrina Hauber
Sabrina Hauber
Geboren und aufgewachsen ist die heute 29-Jährige in Ellwangen, auf der Schwäbischen Alb. Nach dem Abitur ging sie zunächst für ein Jahr nach Australien, dann absolvierte sie das Vorpraktikum für das Modedesign-Studium bei Tim Labenda, der selbst im Jahr 2013 Preisträger der Wilhelm-Lorch-Stiftung war. Während ihres Studiums an der Hochschule Pforzheim sammelte Sabrina Hauber reichlich internationale Erfahrungen. So absolvierte sie ein Auslands-Semester im japanischen Nagoya und machte Praktika bei Rejina Pyo in London und bei Jacquemus in Paris.

Ein Blick auf die Kollektion von Sabrina Hauber
Ein Blick auf die Kollektion von Sabrina Hauber
Im Rahmen einer Projektarbeit, zusammen mit einer Kommilitonin, entwickelte sie ein Outfit für eine Violinistin und wurde dafür mit dem Award „Klang-Körper-Kleid“ der Badischen Philharmonie ausgezeichnet. Nach dem Bachelor-Abschluss arbeitete Hauber zunächst als Design-Assistentin bei Luisa Cerano in Nürtingen, dann ging sie erneut nach Paris und war bei Mugler in der Produkt-Entwicklung aktiv. Anschließend war sie für kurze Zeit Junior-Designerin bei Marc Cain. Seit Anfang Juni ist sie bei Hugo Boss tätig, als Junior-Designerin für die Hugo Womenswear. Auch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Design und bildet sich kontinuierlich fort. Deshalb möchte sie das Preisgeld nutzen für den Erwerb einer CLO 3D-Lizenz.

Lauren Luckert: „Funktion geht auch ohne Chemie“

Sie hat einen ungewöhnlichen Namen und einen mittlerweile selten gewordenen akademischen Grad. Den Namen verdankt Lauren Luckert da Costa Tavares ihrem portugiesischen Vater und der deutschen Mutter, den akademischen Titel der Kunstakademie Stuttgart, die noch Diplom-Studiengänge anbietet. Aufgewachsen ist Lauren Luckert in Winnenden bei Stuttgart. Die gesamte Schulzeit verbrachte sie an einer Waldorfschule bei Schorndorf. Ihre Faszination für Mode und Design begann schon in sehr jungen Jahren, erklärt die 27-Jährige. „Ich zeichne und male sehr gern. Außerdem habe ich schon während meiner Schulzeit Leder-Accessoires entworfen und hergestellt.“

Lauren Luckert
Lauren Luckert
Im Winter 2014 begann sie mit dem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, das sie Anfang 2020 als Diplom-Textildesignerin abschloss. Während des Studiums absolvierte sie ein Erasmus-Semester an der Pariser Hochschule ENSCI und machte zwei Praktika. Zunächst ging sie für ein halbes Jahr ans Staatstheater Stuttgart, wo sie in der Kostüm-Abteilung arbeitete. Bei einem sechsmonatigen Praktikum am „Textiel Lab“ im niederländischen Tilburg beschäftigte sie sich mit Stickerei, Laser Cut und Strickerei.

Funktion ohne Chemie von Lauren Luckert
Funktion ohne Chemie von Lauren Luckert
In ihrer ausgezeichneten Diplom-Arbeit mit dem Titel „Natural ActiveWear“ hat Lauren Luckert Stoffe entwickelt, für die sie Naturfasern wie Wolle, Baumwolle, Leinen, Seide und Ramie so kombiniert, dass sie die für den Bergsport benötigten Funktionen erfüllen können. „Ich wollte zeigen, dass man keine Chemiefasern einsetzen muss, um Stoffe atmungsaktiv, wasserabweisend und temperaturregulierend zu machen.“ In Sachen Geruchsneutralität seien die Naturfasern sogar überlegen, sagt sie. „Wenn ich einen durchgeschwitzten Woll-Pullover über Nacht auslüfte, kann ich ihn am nächsten Tag ohne Geruchsbelästigung wieder tragen. Das funktioniert mit Chemiefasern in der Regel nicht.“ Mit dem Preisgeld möchte Luckert vor allem ihre Programmier-Fertigkeiten weiter verbessern und dafür unter anderem Kurse besuchen, die von der Firma Stoll angeboten werden.

Andreas Stang: „Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen“

Neue Materialien, innovative Techniken, ungewöhnliche Schnitte und persönliche Thematiken. Das ist die Welt von Andreas Stang. Der 29-Jährige hat bereits eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, nun bekommt er zum zweiten Mal den Preis der Wilhelm-Lorch-Stiftung. Aufgewachsen ist er in Büren, seit Beginn seines Studiums lebt er in Bielefeld. Für seine Bachelor-Kollektion, die er an der dortigen Fachhochschule erstellt hat und für die er seinen ersten Förderpreis der Wilhelm-Lorch-Stiftung erhielt, ließ sich Andreas Stang von der bewegten Geschichte seiner Familie inspirieren.

Andreas Stang
Andreas Stang
Seinen Master absolvierte er ebenfalls in Bielefeld. Zuvor allerdings machte er ein sechsmonatiges Praktikum bei Balmain in Paris. „Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung“, sagt er. „Ich habe dort enorm viel gelernt und konnte auch eigene Ideen einbringen.“ Unter anderem seien mehrere seiner Stoff-Entwicklungen in die Balmain-Kollektionen eingeflossen, erklärt er. Für seine Masterarbeit mit dem Titel „.O* AUTOPOIESIS“ (Selbsterschaffung) hat er eine Damenmode-Kollektion mit 18 Outfits kreiert. Dabei habe er „Erinnerungen und Träume vermengt, um die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen“, erklärt er. Besonderen Wert legt er bei seinen Entwürfen stets auf die Material- und Formentwicklung. „Mein Ziel ist es, Materialien zu erschaffen sowie neue Silhouetten zu finden, die es so noch nicht gab.“

Was ist Fiktion, was Realität? Aus der Arbeit von Andreas Stang
Was ist Fiktion, was Realität? Aus der Arbeit von Andreas Stang
Seine berufliche Zukunft sieht Stang in der Couture. Gern würde er für eines der großen Pariser Modehäuser arbeiten. „Davor werde ich aber wohl noch das eine oder andere Praktikum machen müssen“, meint er. Dafür möchte er gerne das Preisgeld einsetzen. Zudem möchte er seine Fertigkeiten in technischen Anwendungen im Bereich Augmented Reality mit Kursen ausbauen. Auch in seiner Freizeit arbeitet Andreas Stang stets an neuen Kreationen und Material-Experimenten. „Ich muss mich immer weiterentwickeln“, sagt er. „Stillstehen kann ich nicht.“
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