Zukunftsgestalter: Schnitzler und Weitkamp in Münster

Mut in Münster

Studio Egotrips
Andreas Weitkamp: "Der Geschäftserfolg, den wir dieses Jahr hatten, zeigt, dass es die richtige Entscheidung war, eben auch mal etwas antizyklisch zu machen."
Andreas Weitkamp: "Der Geschäftserfolg, den wir dieses Jahr hatten, zeigt, dass es die richtige Entscheidung war, eben auch mal etwas antizyklisch zu machen."

Zuspitzung im Sortiment – gegen den Strich. Horizonterweiterung in der Ausbildung. Warum Andreas Weitkamp auf Konfektion setzt und seine Azubis zum Juwelier schickt.

Andreas Weitkamp sprüht vor Energie. Obwohl die vierte Pandemie-Welle rollt. Kein Grund für den Retailer aus Münster, Mut und Unternehmergeist zu verlieren. Krisenmanagement gehört zum Job. Doch dazu später mehr. Weitkamp nutzt die Zeit, ob Pandemie oder nicht, seinen Auftritt permanent anzupassen. "Wir haben in den vergangenen Monaten bei uns unter jeden Stein geschaut", sagt der Firmenchef. Alle Themen habe man hinterfragt, von der Kfz-Versicherung über die Preislagen bis zu den Produktwelten. Und nicht alle Steine sind an ihrer Stelle geblieben. Vor allem zwei Projekte machen den Drive des Machers und die Philosophie des Hauses greifbar.

Fokus Fläche. Andreas Weitkamp betreibt unter Schnitzler das Mutterhaus und schräg gegenüber das Konzept Weitkamp. Letzteres ist vor 50 Jahren mit der Idee an den Start gegangen, ein "Menswear-Angebot für Männer um die 30" zu kreieren. Vor rund acht Jahren wurde umgebaut. Über die Zeit wurde das Sortiment immer stärker von Sportswear geprägt mit Labels wie Moncler, Stone Island, Jacob Cohen, Herno. Konfektion musste mehr und mehr an Raum abgeben.

Das Modehaus Schnitzler in Münster
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Das Modehaus Schnitzler in Münster
Vor rund anderthalb Jahren jedoch entwickelte Weitkamp die Idee "ein Konzept zu schaffen, wo du als Kunde sofort verstehst, worum es geht", sagt der Inhaber. Denn: "Wir glauben daran, dass kleine Läden ein ganz klares und scharfes Konzept brauchen, wenn da nicht täglich ein Inhaber drinsteht, der über seine Kontakte und seine Ansprache den Kunden über alle Produktgruppen beraten kann." Der Januar-Lockdown war dann Auslöser, den Umbau direkt zu starten. Unter dem internen Titel "The New Easy" wurde aus Weitkamp ein neuer Formalwear-Store, in dem sich alles um "den Look eines modernen Anzugs dreht, einer moderneren Kombination aus Sakko und Hose und der richtigen Outerwear dazu – bis hin zum richtigen Schnaps", wie Weitkamp es selbst skizziert.

Weitere Facts fürs Feeling: Aus den Boxen pumpt 90er Hip-Hop, wichtigstes Store-Möbelstück neben Warenpräsentern ist der Kühlschrank mit dem Flaschenbier. Damit bürstet Weitkamp zu einem Zeitpunkt, an dem sich große Teile der Gesellschaft zurückgezogen in Homeoffice und Sweat-Look bewegen, auf den ersten Blick gegen den Strich, polarisiert.

TW Podcast: Alle tragen Joggpants, warum jetzt Formalwear, Andreas Weitkamp?


Vor allem zwei Gründe haben laut Weitkamp dennoch genau dafür gesprochen. Punkt eins sei die Aufgabe gewesen: "Wie kriegen wir Formalwear überhaupt wieder aktiviert?" Ärmelparaden sieht er für seine Klientel als No-Go. "Der Kunde, den wir mit Weitkamp immer angesprochen haben, war schon in den Anfängen derjenige, der als erstes Moncler gekauft, der als erster Stone Island hatte – und dem zeigen wir jetzt einfach etwas Neues."

Punkt zwei: Kompetenz zeigen – aber nicht über eine reine Masse an dunkelblauen Anzügen. Sondern? "Das Erdgeschoss kommt jetzt fast ohne Ware in den Rückwänden aus. Aber dafür stehen da zwölf Schaufensterfiguren, die wirklich nur Looks zeigen." Und daneben hängt dann nur die Ware aus genau diesem Look. "Das hat also eher Showroom-Charakter, verkauft wird dann im ersten Stock."

Und dazu sei dann der Wunsch gekommen, im Schnitzler-Haus die immer größer gewordene Sportswear-Welt der Männer noch klarer zu zeigen. In der Vergangenheit habe man zwar alle relevanten Labels wie Moncler, Stone Island oder Canada Goose geführt, sie jedoch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft gezeigt, sondern auf die zwei Stores verteilt. Das habe dazu geführt, dass die Integration neuer Labels schwieriger gewesen sei. Man habe dazu tendiert, alles, was neu war, zunächst für Weitkamp zu sehen, was aber zur Folge gehabt hätte, dass das Schnitzler-Sortiment stagniert hätte. "Es lief also darauf hinaus, dass diese beiden Dinge getrennt werden müssen."
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Dass ein Fokus auf Konfektion unter Weitkamp gegen den Strich bürstet, streitet der Firmenchef nicht ab. "Aber ich bin Westfale und ich bin Steinbock", sagt er mit einem Augenzwinkern. "Man kann sich also vorstellen, dass ich einigermaßen stur bin." Entsprechend habe er sich zwar Rat von Vertrauten aus der Branche geholt, sich über große Skepsis, die es durchaus gegeben habe, aber hinweggesetzt. Und: "Der Geschäftserfolg, den wir dieses Jahr hatten, zeigt, dass es die richtige Entscheidung war, eben auch mal etwas antizyklisch zu machen", resümiert Weitkamp.

Wie ist das Konfektions-Sortiment im Detail aufgebaut? Der Anzug-Einstieg erfolgt mit Drykorn, weiter geht es mit Dressler, Tagliatore, preislich hoch bis Boglioli. Flankiert wird dies mit Incotex-Chinos, Sneakern von Santoni, Hemden von Finamore, Knitwear von Roberto Collina. Außerdem Accessoires wie Handschuhe, Kaschmir-Mützen und Krawatten. Und das Feedback? "Es ging von Beginn an direkt gut los", sagt Schnitzler. "Nicht im Sinne von: 'Oh, endlich macht jemand Anzüge'. Aber wir machen bessere Umsätze, als wir 2019 mit unserem Sportswear-Konzept gemacht haben." Es scheint, als sei es ihm gelungen, mit diesem Schachzug eine klassische Win-Win-Situation zu erzeugen: "Nicht nur in der Konfektion, auch in der Sportswear entwickeln sich die Marken jetzt besser."

Ein Blick auf die Fläche: das Modehaus Schnitzler in Münster


Top-Thema Talente. Das permanente Hinterfragen von Sortimenten und Prozessen, die Umsetzung neuer Ideen und Konzepte stellt auch hohe Anforderungen an das Team des Händlers. Einer der Gründe, warum er unter dem Schlagwort "Horizont", ein ganz eigenes Ausbildungskonzept entwickelt hat. "Wir wollen keine Pulloverfalter ausbilden", sagt Weitkamp, sondern die Menschen weiterentwickeln. Was heißt das konkret? Auszubildende bei Schnitzler und Weitkamp richten ihren Blick nicht nur auf Fashion, sondern auch über Branchengrenzen hinweg, können während ihrer Lehrzeit pro Ausbildungsjahr zwei externe Stationen bei Partnern und befreundeten Unternehmen des Hauses einbauen.

Im ersten Ausbildungsjahr sind die Event Location "Friedenskapelle" in Münster Kooperationspartner sowie die Social Media-Agentur Egotrips. Im zweiten Ausbildungsjahr hat der Nachwuchs die Möglichkeit, einige Wochen in einem Münsteraner Hotel an der Rezeption zu stehen, um Willkommens-, aber auch Reklamationskultur zu erlernen. Beim benachbarten Juwelier haben die jungen Leute dann auch mal eine Uhr für 50.000 Euro in den Händen. "Dann ist die Jacke für 1500 Euro, die in Zukunft wieder verkauft wird, schon nicht mehr so extrem", verbildlicht Weitkamp.
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Im dritten Ausbildungsjahr sollen Auszubildende bei der Modeagentur Igel (Drykorn) das Gefühl dafür bekommen, "wie überhaupt Einkauf funktioniert". Weitkamp: "Wir nehmen unsere Auszubildenden auch immer einen Tag mit in die Showrooms, um zu zeigen, wie wir arbeiten. Aber in so einer Agentur lernt man dann auch, wie 50 andere Einzelhändler arbeiten."

Der Antrieb dafür wurde bei Weitkamp schon früh gelegt. "Mein Lehrherr damals, Richard Engelhorn, der hat am ersten Ausbildungstag zu mir gesagt – und das werde ich nie vergessen –, dass du im Verkauf den besten Beruf überhaupt lernst, weil du drei Berufe auf einmal lernst: Du lernst Betriebswirtschaft, du lernst Improvisationstheater und du lernst Krisenmanagement."

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