Zum Tode des Designers

Streetwear als Kunst – die Welt des Virgil Abloh

Imago / ZUMA Wire
Virgil Abloh bei einem DJ-Auftritt im April 2019 - nur wenige Monate nachdem TW-Redakteur Tobias Bayer ihn bei einer Veranstaltung persönlich erlebt hatte.
Virgil Abloh bei einem DJ-Auftritt im April 2019 - nur wenige Monate nachdem TW-Redakteur Tobias Bayer ihn bei einer Veranstaltung persönlich erlebt hatte.

Vor fast drei Jahren hat Tobias Bayer, Italien-Korrespondent der TextilWirtschaft, Virgil Abloh bei einer Veranstaltung in Mailand erlebt. Damals hat er die TW-Leser in der Print-Ausgabe in Ablohs Welt aus Makern, DJs und kleinen Marcel Duchamps mitgenommen. Anlässlich des Todes des visionären Designers veröffentlichen wir den Text vom Januar 2019 erstmals online.

Wer gedacht hat, Streetwear sei nichts weiter als eine Kombination aus Sneaker, T-Shirts und Hoodies, der sollte Virgil Abloh zuhören. Der 38-jährige Amerikaner, Kreativdirektor von Off-White und Louis Vuitton, sitzt vor seinem Laptop und wirft eine Folie an die Wand. Gelbe Schrift auf rotem Grund. Verschiedene Epochen, durchnummeriert von Eins bis Sechs. Von der Renaissance, über die Neoklassik und die Romantik bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Darunter hat Abloh einen weiteren Punkt hinzugefügt. Ganz am Ende der Liste steht: "6a. Streetwear."

Streetwear als Kunst? Was zuerst etwas komisch und vermessen anmutet, meint Abloh durchaus ernst. Und dabei kann er auf seine eigene Biografie verweisen. Er macht nicht nur Mode, sondern legt als Diskjockey für Yoko Ono auf, stellt zusammen mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami in der Londoner Gagosian Gallery aus und zeigt 2019 selbst im MCA, im Museum für moderne Kunst in seiner Heimatstadt Chicago. Ein Tausendsassa.

An diesem Abend Ende 2018 spricht Abloh in dem Kulturzentrum Spazio Maiocchi in Mailand. Eingeladen haben ihn das italienische Streetwear-Labor Slam Jam und das Magazin "Kaleidoscope". Abloh präsentiert seine neuesten Kunstwerke. Er hat ein Werbeplakat für Zigaretten umgestaltet. Von der Decke hängen weiße Tücher, auf denen mit schwarzen Lettern der Imperativ "Hinterfrage alles" gedruckt ist.

"Was geht, Mailand?", ruft Abloh in den Raum und fläzt sich wie zu Hause auf dem Sofa. Er trägt eine Militärhose, ein schwarzes T-Shirt und eine lila Jacke mit Kapuze. Das Publikum besteht vor allem aus Fans, geschätzter Altersdurchschnitt 20. Viele Off-White x Nike-Sneaker und ein paar fluoreszierende Louis Vuitton-Capes sind zu sehen. Interviewt wird Abloh von einem Freund aus Chicago. Heimspiel also.

Das Gespräch mäandert von der Weltausstellung 1893, über die Architektur von Ludwig Mies van der Rohe, über die Kriminalität in amerikanischen Großstädten bis hin zu Partys auf Ibiza. Irgendwie hängt alles mit allem zusammen. Und jeder kann zu allem irgendetwas beitragen. "Wer legt fest, wer ein Künstler ist und wer nicht? Wann ist jemand, der kocht, ein Koch? Wann ist jemand, der malt, ein Maler? Ich habe mein kreatives Schaffen damit begonnen, dass ich nicht mehr an diese Grenzen glaube", sagt Abloh. Er selbst definiere sich nicht als Fashion-Designer. "Mein Job ist es, meine Ideen auszudrücken." Dann ruft er den Zuschauern zu: "Jeder von euch hat ein iPhone in der Hand. Mit dem könnt ihr die Welt verändern."

Wer verstehen will, warum Streetwear im Allgemeinen und Abloh im Speziellen aktuell so dominant in der Mode sind, der sollte diese Sätze nochmals lesen und auf sich wirken lassen. Aus ihnen wird klar, dass Streetwear eben nicht nur eine Ästhetik und ein Lebensgefühl, sondern eine bestimmte Weltanschauung ausdrückt.

Ablohs Weltsicht fußt auf vier Säulen. Erstens ist die Welt flach und demokratisch. Jeder Konsument ist heutzutage auch Produzent. Der Leser wird zum Autor, der Cineast zum Regisseur, der Fashion-Kunde zum Designer. "Die Welt ist ein toller Ort. Forme sie, wie sie dir gefällt." Zweitens wird nichts mehr neu erfunden, sondern nur noch Altes neu interpretiert. Alle sind DJs, die ein Musikstück nicht komponieren, sondern sampeln. "Wenn ich als DJ auflege, dann ist das für mich so, als ginge ich ins Fitnessstudio. Ich trainiere mein Gehirn. Eine Modenschau von Louis Vuitton ist die Weltmeisterschaft", sagt Abloh. "Ich bin nicht disruptiv. Ich füge Aspekte hinzu."

Ausstellungen : Virgil Abloh: TwentyThirtyFive


Drittens tummeln sich auf der Welt Laien und Experten. Abloh spricht von den Touristen, die von allem ein bisschen wissen, und den Puristen, die eine Sache ganz genau kennen. "Beide braucht es." Viertens ist die Zeit der Individualisten vorbei. Community ist angesagt, die abgeschiedene Denkerklause ist passé. "Ich dachte früher, die Designer kümmerten sich bei den Brands um alles." Doch das stimme gar nicht. "Das Leben ist eine Collab." Um den Team-Gedanken zu unterstreichen, spricht Abloh die paar Off-White-Designer an, die im Publikum sitzen und ruft ihnen zu: "Steht mal auf."

Mit diesen vier Grundprinzipien im Hinterkopf traut sich Abloh an alles, aber auch wirklich alles heran. An Kleider, Taschen, Ikea-Möbel und Evian-Flaschen. Nach seinem Studium der Architektur in Chicago begann er als Art Director bei dem Rapper Kanye West. 2012 lancierte er sein erstes Fashion-Projekt Pyrex. T-Shirts, Hoodies und Basketball-Shorts von Champion versah er mit Motiven italienischer Renaissance-Maler wie Caravaggio und Sandro Botticelli. 2013 legte er mit der heutigen Mailänder New Guards Group um Claudio Antonioli und Davide De Giglio mit Off-White los. Eine Serie an Off-White-Kapseln folgte. Die Stiefel von Timberland tauchte Abloh in ein helles Grün, die High-Heels von Jimmy Choo versah er mit Slogans, und die harten Koffer von Rimowa machte er filigran durchsichtig.

2018 feierte er seinen Einstand als Menswear-Designer bei Louis Vuitton mit einer Kollektion in den Farben des Regenbogens. "Von Off-White ging ich durch ein Prisma und gelangte zu Louis Vuitton", sagt Abloh. "Pink Floyd prallte auf den Zauberer von Oz." Wie schon bei Rimowa spielte er mit Transparenz und drückte den Models durchsichtige PVC-Taschen in die Hand. "Mir gefällt es, Luft in physische Objekte zu verwandeln. Die Regenbogentasche ist aus Plastik und nicht aus Leder. Ich darf sie mit dem Louis Vuitton-Logo versehen und werde nicht verklagt", sagt Abloh und lacht. "Luxus ist Spaß. Luxus ist cool. Luxus ist nicht mehr so steif."

Die Methodik von Abloh ist präzise. Er beginnt nicht mit einem leeren Blatt Papier oder einer weißen Leinwand, sondern bearbeitet Vorlagen. Aber meist nur leicht. In einem Vortrag an der Harvard-Universität, der bei Sternberg Press als Buch erschienen ist, spricht er von der 3%-Regel. Er verändere Modelle gerne nur zu 3%. "Dinge verblüffen, wenn sie nur ein bisschen editiert sind", heißt es dort.

Eines seiner beliebtesten Instrumente ist das Zitat. Er verwendet es mit Vorliebe ironisch, um Distanz und Gegensätze herzustellen. Das Wort "Air" auf den Air Jordan-Turnschuhen setzt er in Anführungszeichen. Auf eine Handtasche schreibt er "Skulptur." Wie der belgische Surrealist René Magritte, der eine Pfeife malt und schreibt: "Das ist keine Pfeife." Er verschiebt, dreht um und stülpt nach außen. Den Nike-Swoosh zieht er so weit nach unten, dass er wie mit Photoshop auf die Sohle verrutscht erscheint. Produktangaben, die eigentlich innen sind, druckt er außen ab. Abloh werkelt an vielen Projekten gleichzeitig. Er ist dauernd erreichbar auf Whatsapp. Arbeit und Chatten mit seinen Freunden ist für ihn eins. "Ich bin ein Workaholic."

Die Meinungen der Modewelt über Abloh gehen auseinander. Der eine oder andere Designer rümpft die Nase und wirft ihm vor, wenig originell zu sein. Abloh sei wie ein Schüler, der sich die Hausarbeit ergoogelt und bei der Quellenangabe schludert. Andere wiederum sehen in Abloh den Marcel Duchamp des 21. Jahrhunderts. Wie der Franzose, der mit seinen Readymades die Kunstszene aufmischte, so stürze Abloh die arrivierten Couturiers in eine Identitätskrise, loben Fans.

Warum nicht mal Orange?: Virgil Abloh und Louis Vuitton in Chicago


Der kommerzielle Erfolg ist zweifelsohne riesig. Wohl deshalb, weil die Jugend ihn begreift und sich mit ihm identifiziert. "Ablohs Mode mag konzeptionell sein, sie ist aber unmittelbar verständlich", sagt Dorian Stefano Tarantini, Gründer des Labels M1992. Foto-Journalist Adam Katz Sinding, der Abloh interviewt hat, formuliert es so: "Nicht jeder kann Stephen Hawking sein. Aber jeder kann theoretisch Virgil sein." Katz Sinding begegnete Abloh zum ersten Mal auf der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré und schoss ein Bild von ihm. "Er war sehr nett. Obwohl er heute den Gipfel der Fashion-Industrie erklommen hat, grüßt er mich noch immer. Das ist in der Mode sehr selten", sagt Katz Sinding. "Er hat die Modewelt vom Sockel gestoßen."

Abloh geht auf die Menschen zu. Er ist ein begnadeter Netzwerker. Überall hat Abloh Freunde, die die jeweiligen Subkulturen gut kennen. In Mailand zieht der Amerikaner mit Giorgio Di Salvo, dem früheren Art Director von Marcelo Burlon, um die Häuser. Di Salvo, der das Label United Standard lanciert hat, erkundet mit Abloh äthiopische Bars und schummrige Kneipen hinter dem Hauptbahnhof.

Er lässt keine Chance aus, Neues zu lernen. Zu seinen Förderern und Mentoren zählen Michael Rock, Professor für Design an der Yale-Universität, sowie der Grafikdesigner Peter Saville, der das neue Logo von Burberry gestaltet hat und mit der Modedesignerin Anna Blessmann liiert ist. Saville ist eine wichtige Inspirationsquelle. Der Brite gestaltete zuerst Alben-Cover. Dann kam Raf Simons auf ihn zu und bat ihn, ihm bei seiner Herbstkollektion 2003 zu helfen. Später wirkte Saville bei Jun Takahashis Undercover und Supreme mit. In Mailand schwärmt Abloh von dem Cover, dass Saville für das Album "Unknown Pleasures" von Joy Division entworfen hat. Es zeigt weder den Titel noch die Band, sondern das dreidimensionales Wellendiagramm eines Pulsars. "Das ist eines der besten Cover aller Zeiten."

Das Abloh-Netz wird immer größer. Hans Ulrich Obrist, der künstlerische Leiter der Serpentine Gallery in London, hat den Kontakt zum Architekten Rem Koolhaas hergestellt. Zu dritt trafen sie sich in Amsterdam und besuchten das Atelier der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas. "Virgil arbeitet wie ein Kurator. Er bringt Welten zueinander, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben", sagt Obrist. "Er ist nirgendwo gefangen." Das stimmt. Neben seinem Sessel im Spazio Maiocchi stehen ein gelber Koffer und eine PVC-Tasche. Fertig gepackt. Denn Virgil ist nur kurz hier. Er muss gleich weiter.
stats