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Passform-Spezialistin

Annegret Brinkmann-Stieler ist tot

ABST-Institut
Im Alter von 87 Jahren verstorben: Annegret Brinkmann-Stieler, die Schnitt-Päpstin.
Im Alter von 87 Jahren verstorben: Annegret Brinkmann-Stieler, die Schnitt-Päpstin.

Die Mode - ihr Elixier. Die Passform − ihre Leidenschaft. Annegret Brinkmann-Stieler war gefürchtet und geliebt. Denn niemand blickte unbestechlicher auf Schulter, Taille, Po.  Viele deutsche Modeunternehmen haben von dieser sachlichen Strenge profitiert. Annegret Brinkmann-Stieler hat sie alle beraten und geschult: Betty Barclay wie Brax, Gerry Weber wie Luisa Cerano und More&More. Ihre Energie schien unerschöpflich, ihre Lebensfreude nicht zu trüben. Jetzt ist Annegret Brinkmann-Stieler doch gestorben. In der Nacht zum 11. Mai im Alter von 87 Jahren, umgeben von ihrer Familie im österreichischen Kössen.

Ihre beruflichen Anfänge nahm die „Schnittpäpstin”, wie sie häufig tituliert wurde, keineswegs in der Technik, sondern im Modedesign bei Kleider Fink in Darmstadt. Damals, in den 1950er Jahren, nannte man das „Entwurfsdirektrice”. Die Trennung zwischen Design und Schnitt-Entwicklung gab es nicht: „Wir setzten unsere Ideen selber direkt in Schnitte um”, erzählte sie. Auch Marktkenntnisse wurden von den jungen Kreativen verlangt durch regelmäßigen Kontakt zu Kundinnen. Diese Marktnähe prägte Brinkmann-Stieler, die über Jahrzehnte als freiberufliche Designerin gearbeitet hat, darunter für die Trachtenfirma Gössl, für Gerry Weber, Bogner, C&A.

Mit fast 60 Jahren erst gründete Brinkmann-Stieler 1989 ihr ABST-Institut für Modedesign und Technik. Das Ziel: die Passform in der gesamten DOB-Landschaft zu optimieren. Sie schulte über 6000 Designer, Schnittfachleute und Techniker im Laufe von gut 20 Jahren. Sie ging jede Saison durch Mode-Sortimente, ließ die Teile anprobieren und adaptierte ihre Passformen auf aktuelle Trends. Zugleich beriet sie Firmen bei der Kollektionsentwicklung unter Passform-Gesichtspunkten. Schließlich verfasste Brinkmann-Stieler ein umfangreiches Grundlagenbuch „DOB-Gradieren , Schnitt-Know-how für Industrie und Handwerk” und produzierte noch mit 77 Jahren eine CD, um das Gradieren an allen gängigen CAD-Systemen zu erleichtern.

Sie war eine Kämpferin. Gegen Ignoranz in der Branche, für Kundenzuwendung, speziell auch gegenüber Größeren Größen und älteren Konsumentinnen: „Ich kämpfe dafür, dass die Menschen sich in Kleidung wohlfühlen und dass sie schöner darin aussehen.” Annegret Brinkmann-Stieler war also eine Kämpferin für Professionalität. Ihr umfangreiches Schnitt-Archiv mit rund 150 detailliert beschriebenen Musterteilen wird hoffentlich eine entsprechende Heimat finden.
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