Working in Fashion 2021: Tchibo-Personalerin im Gespräch

"Es war und ist für das HR-Team eine große Herausforderung"

Tchibo
Anika Herrmann arbeitet seit zehneinhalb Jahren bei Tchibo. Im Dezember 2019 wurde die BWLerin zum Global HR Director ernannt.
Anika Herrmann arbeitet seit zehneinhalb Jahren bei Tchibo. Im Dezember 2019 wurde die BWLerin zum Global HR Director ernannt.

Tchibo hat sich in diesem Jahr im Ranking des Gesamtimages der TW-Studie Working in Fashion von Rang 18 in 2020 auf Rang 9 verbessert und ist damit erstmals unter den Top Ten der beliebtesten Arbeitgeber in der Modebranche. Anika Herrmann, Director Human Resources von Tchibo, über Kultur auf Augenhöhe, Spendentöpfe für Mitarbeiter und digitales Recruiting.

TextilWirtschaft: Tchibo hat es erstmals unter den Top Ten der Arbeitgeber in der Modebranche geschafft. Was haben Sie in der Personalarbeit verändert?
Anika Herrmann:
Wir investieren in eine Kultur auf Augenhöhe, die auf Vertrauen basiert und offenes Feedback fördert. Darüber hinaus stellen wir die Weichen für mehr Selbstverantwortung und damit auch mehr Gestaltungsfreiraum bei den Mitarbeitenden.

Working in Fashion 2021: Die Top 10-Arbeitgeber

In der Kategorie „Sichere Arbeitsplätze“ hat Ihr Unternehmen besonders stark gewonnen. 2020 lagen Sie hier noch auf Rang 16, jetzt erreichen Sie Rang 6. Inwieweit haben Sie hier die Kommunikation zu Ihren Mitarbeitern verändert?
Wir haben während der Corona-Krise sehr viel positives Feedback von unseren Mitarbeitenden zu unseren Maßnahmen bekommen. Wir haben den Mitarbeitenden glaubwürdig gezeigt, dass uns ihr Wohl, ihre Gesundheit und ihr Befinden am Herzen liegt. Unabhängig davon ob sie in der Zentrale, im Außendienst, in unseren Shops oder in den Röstereien und der Logistik arbeiten.

Bei zwei Dritteln der befragten Mitarbeiter wurde das Kurzarbeitergeld aufgestockt. Bei Tchibo auch?
Unser Unternehmen hat das Gehalt unserer Mitarbeitenden in den Shops, die sich aufgrund der Schließungen während der Lockdowns zeitweise in der Kurzarbeit befanden, auf 100% aufgestockt. Es war uns wichtig, dass niemand aufgrund der Corona Krise unverschuldet in finanzielle Not gerät. Dafür wurde zusätzlich sogar ein eigener Spendentopf eingerichtet, in den Eigentümer und Mitarbeitende eingezahlt haben.

Auch bei sozialer Verantwortung, Work-Life-Balance sowie den Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten haben Sie in den Augen der Beschäftigten gewonnen. Wo waren hier Ihre Stellschrauben?
Die Work-Life-Balance unserer Mitarbeitenden hat sich unter anderem durch die flexiblen Arbeitsmöglichkeiten, die wir unseren Mitarbeitenden auch nach der Pandemie weiterhin anbieten werden, verbessert. Bei den Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten setzen wir mehr auf die Selbstverantwortung der Mitarbeitenden und Kommunikation auf Augenhöhe. Wir geben ihnen die Möglichkeit, ihre Entwicklung aktiv mitzugestalten.

Wie funktioniert das konkret?
Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr eine Lernplattform eingeführt, die einen niedrigschwelligen Zugang zu spannenden und relevanten Lerninhalten bietet. So kommen wir unserer Vision zur Lernkultur ein Stück näher: Arbeiten und Lernen werden eins. Lernen muss ein integraler Bestandteil des Arbeitsalltags werden. Darüber hinaus bieten wir vermehrt interne Lernangebote an, z.B. digitale Lernwochen oder Lunch & Learn Formate von Kolleg*innen für Kolleg*innen, in denen jeder das eigene Wissen teilen kann.

Im oberen Mittelfeld ist Tchibo in der diesmal erstmals abgefragten Kategorie „Möglichkeit des mobilen Arbeitens“, das Ihnen 32% attestieren. Was bietet Ihr Unternehmen hier den Mitarbeitern?
Wir haben seit Beginn der Pandemie bis heute allen Mitarbeitenden, die mobil arbeiten können, die Möglichkeit gegeben, ihren Arbeitsort selbstverantwortlich zu bestimmen. Dabei haben wir stark auf Vertrauen gesetzt. Als die Kitas und Schulen geschlossen waren haben wir darauf vertraut, dass die betroffenen Eltern im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes geben. Wie viele Stunden sie in dieser Zeit gearbeitet haben, stand nicht im Vordergrund. Alle haben sich gegenseitig unterstützt. Außerdem gilt: Arbeitszeit ist nicht gleich Produktivität – Eine wichtige Erkenntnis für die flexible Arbeitsgestaltung.

Werden Sie die Möglichkeit des hybriden Arbeitens nach der Pandemie beibehalten?
Ja, mit einem Modell, in dem Mitarbeitenden zu ca. 60% ihrer Arbeitszeit vor Ort im Office sind und zu ca. 40% mobil arbeiten können. Es ist uns wichtig, den besonderen Spirit bei Tchibo aufrecht zu erhalten. Den Spirit und die Kultur kann man am besten erleben, wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen persönlich trifft. Gleichzeitig möchten wir von den Vorteilen profitieren, die das mobile Arbeiten ermöglicht. Arbeit ist nicht mehr nur ein Ort – sie muss sich in das Lebensmodell einfügen.

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Wie rüsten Sie Ihre Mitarbeiter für Ihr hybrides Arbeitskonzept aus?
Für unser zukünftiges hybrides Arbeitskonzept haben wir einen Guide erstellt, der als Orientierung dient und zusätzlich Tipps und Tricks für das hybride Arbeiten enthält. Wir rüsten unsere Mitarbeiter*innen außerdem mit einer zweiten IT-Ausstattung für das mobile Arbeiten aus, damit sie von überall bestmöglich arbeiten können. Darüber hinaus bieten wir für das hybride Arbeiten unterschiedliche Trainings an, unter anderem virtuell moderieren oder Führung von hybriden Teams.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit dem mobilen Arbeiten gemacht?
Sehr positive. Das gegenseitige Vertrauen ist in der Organisation weiter gewachsen. Der Umgang mit digitalen Tools ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden und das vernetzte Arbeiten ebenfalls. Die Mitarbeitenden haben aber auch den persönlichen Kontakt wieder schätzen gelernt und werden aus meiner Sicht in Zukunft den Arbeitsort sehr bewusst wählen – je nachdem welche Tätigkeiten oder Termine an dem jeweiligen Tag im Kalender stehen.

Haben Sie interne Befragungen zur Zufriedenheit mit diesem neuen Format? 
Wir haben unsere Mitarbeitenden befragt, wie sie zukünftig arbeiten möchten. Hier wurde deutlich, dass etwa die Hälfte der befragten Personen auch zukünftig zwei bis drei Tage mobil arbeiten möchten. Begründet wurde dies insbesondere mit der ruhigen und effizienten Arbeit, die dadurch möglich ist. Positiv gesehen wurde aber auch der „eingesparte“ Anfahrtsweg sowie die größere Flexibilität in der Arbeitseinteilung und die damit einhergehende Work-Life-Balance. Gleichzeitig gaben uns die Kolleginnen und Kollegen in der Befragung zurück, dass ihnen der persönliche und informelle Austausch untereinander sehr wichtig ist und sie dafür auch in das Office kommen möchten. Und die zufälligen Begegnungen auf dem Flur oder in unserer Cafeteria lassen sich remote nicht nachstellen.

Wie viele Mitarbeiter werden auch nach der Corona-Krise weiterhin flexibel arbeiten dürfen – und in welchem Umfang sowie in welchen Bereichen?
Das mobile Arbeiten wird allen Mitarbeitenden ermöglicht, deren Tätigkeit keine dauerhafte Anwesenheit erfordert. Dies ist bei nahezu allen Mitarbeitenden in der Zentrale der Fall.

Inwieweit kommt es dabei zu Unzufriedenheiten bei den Mitarbeitern auf der Fläche, in Ihren Läden, denen Sie diese Modelle nicht anbieten können?
Unsere Kolleginnen und Kollegen in den Shops wissen als leidenschaftliche Verkaufsprofis, dass sie ihren Arbeitsplatz nicht nach Hause verlagern können. Sie nutzen hier eher die Möglichkeiten flexibler Arbeitszeitgestaltung.

Wie wirkt sich die anhaltende Corona-Krise insgesamt auf die Personalarbeit aus?
Neben den bereits beschriebenen Themen beschäftigen wir uns natürlich auch weiterhin mit vielen Aufgaben, die unmittelbar mit der Corona-Pandemie zusammenhängen. Im Moment setzen wir uns mit den sehr unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern auseinander, beispielsweise in Bezug auf 2G/3G, Test- und Maskenpflichten, um nur einen kleinen Auszug zu nennen. Durch unsere bundesweite Filialpräsenz und die lokalen Regelungen sind wir damit gut beschäftigt. Unser Anspruch ist es den Mitarbeitenden immer beratend zur Seite zu stehen. Das war und ist für das HR-Team eine große Herausforderung.

Bei einem Gespräch im Frühjahr hatten Sie von den interessanten Erfahrungen des digitalen Recruitings geschwärmt. Die Digital-Formate, inklusive einer Online-Campus-Besichtigung, sollten fester Bestandteil der Personalsuche werden und bleiben. Wie sieht es hier aus?
Vieles werden wir fortführen. Unseren Recruitingprozess werden wir zukünftig hybrid gestalten, indem wir digitale Formate mit der Möglichkeit kombinieren, Tchibo vor Ort kennenzulernen – sowohl für Young Talents als auch für Berufserfahrene. Die Kandidat*innen schätzen den digitalen Erstkontakt, da es unkompliziert ist und zeitlich gut integriert werden kann. Im weiteren Kontaktverlauf bekommen wir sehr positives Feedback für den persönlichen und menschlichen Kontakt mit uns. Über die Digitalformate bieten wir darüber hinaus interessierten Menschen einen unkomplizierten Einblick in unser Tchibo-Leben, zum Beispiel über unser Tchibo Live Format zu Einstiegsmöglichkeiten bei Tchibo, in dem man auch live Fragen stellen kann.

Werden auch die Virtual Open House Days weiter laufen?
Ja, darauf sind wir besonders stolz. Diese Virtual Open House Days haben wir während der Coronazeit mit den uns verbundenen Unternehmen Beiersdorf und Tesa ins Leben gerufen. Hier bieten wir Nachwuchstalenten einen umfassenden Einblick in unsere Unternehmen und können virtuell auf Talentsuche gehen. Und übrigens: Mittlerweile kann man auf unserer Karriereseite nicht nur unsere Zentrale virtuell besuchen, sondern auch unsere Hamburger Kaffeeproduktion.

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