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Oberalp-Chef Heiner Oberrauch im TW-Interview

"Wer Reichtum hat, muss besonders helfen"

Oberalp
"Wir kennen seit dem Zweiten Weltkrieg kein anderes Denkmuster als materielles Wachstum – das kann nicht unsere Zukunft sein", sagt Unternehmer Heiner Oberrauch.
"Wir kennen seit dem Zweiten Weltkrieg kein anderes Denkmuster als materielles Wachstum – das kann nicht unsere Zukunft sein", sagt Unternehmer Heiner Oberrauch.

Soziales Engagement ist für Heiner Oberrauch nicht erst seit der Corona-Krise selbstverständlich. Der Gründer und Verwaltungsrats-Präsident der Südtiroler Oberalp-Gruppe (u.a. Salewa, Dynafit) hofft, dass die Krise einen Weg aus überholten Denkmustern weist.


TextilWirtschaft:
Am Thema Mieten haben sich vergangene Woche die Gemüter erhitzt. Sie sind in der aktuellen Krise sowohl als Mieter als auch als Vermieter betroffen. Was ist Ihre Haltung?
Heiner Oberrauch: Grundsätzlich glaube ich: Wer Besitz hat, muss gerade in dieser Ausnahmesituation zurückstehen. Und wer ein Mietobjekt hat, hat Eigentum. Und da kann es durchaus ein Zeichen der Solidarität sein, auf Mietforderungen zu verzichten. Dabei kommt es natürlich immer auf die Finanzstärke der Partner an. Wer Reichtum hat, muss besonders helfen.

Sie haben geholfen und Millionen Schutzmasken aus China nach Europa gebracht. Wie lief das ab?
Am 10. oder 12. März habe ich einen Anruf des Landeshauptmanns bekommen, der uns um Hilfe bat. Wir haben sofort unsere eigenen Musterbetriebe in Italien umgestellt und aus den Gore Tex-Materialien, die wir auf Lager hatten, Schutzanzüge gefertigt. Das waren einige 100 Stück, außerdem in einer ersten Tranche etwa 50.000 waschbare Schutzmasken. Also sehr kleine Mengen. Gleichzeitig haben wir aber unseren Lizenzpartner in China mobilisiert, uns bei der Beschaffung von Schutzmasken zu unterstützen.

Sie wussten, der würde helfen?
Ja, denn der hatte uns zuvor von sich aus schon einige Kartons mit Masken geschickt, da er von der Versorgungslage bei uns erfahren hatte. Mit einem sehr herzlichen Brief. Ich muss sagen, von unseren chinesischen Geschäftspartnern haben wir in den vergangenen Wochen wirklich noch eine ganz andere Seite kennengelernt und ein hohes Maß an Solidarität erfahren. Wir haben also Muster an den Südtiroler Sanitätsbetrieb geschickt und die Produktion der ersten 1,5 Millionen Masken und 430.000 Schutzanzüge beauftragt.

Von wem finanziert?
Wir haben die Aktion vorfinanziert. Auf Grundlage einer Mail, mit der das Land Südtirol die Ware bei uns bestellt hat, haben wir 50 Mio. Euro auf Treu und Glauben an die Chinesen überwiesen. Ich war dann schon sehr froh, als die erste Ware aufs Flugzeug ging.


Das war die nächste Herausforderung, richtig?
Genau das war der Bottleneck: Ware schnell aus dem Land zu bekommen. Denn sie war zwar schnell verfügbar, aber keine Luftfracht möglich. Die italienische Regierung hätte die Ware theoretisch mit einer Militärmaschine holen können – in China darf aber kein europäisches Militärflugzeug landen. In Kooperation mit der österreichischen Regierung ist es uns dann gelungen, mit Austrian Airlines eine Luftbrücke zu installieren. Nur wenige Tage nach dem ersten Anruf sind die ersten Passagiermaschinen gestartete, deren Sitze voll beladen waren mit Schutzausrüstung. Seither haben wir unter anderem dem italienischen Zivilschutz, dem österreichischen Roten Kreuz und dem Land Tirol geholfen, Masken zu besorgen.

Wie lange wird diese Hilfsaktion noch laufen?
Noch ein paar Tage, bis die Bestellungen vollständig abgewickelt sind. Danach werden wir zu unserem Business, der Welt des Bergsportes, zurückkehren. Wir wollten Hilfestellung geben, ohne daran zu verdienen, haben mit Organisation und logistischer Kompetenz unterstützt und die Vorfinanzierung übernommen. Jetzt müssen andere ran.

Eine Aktion, die vor kurzem noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Was wird bleiben? Was wird die Krise verändern?
Fangen wir mit dem Positiven an: Jedes Unternehmen merkt, dass Mitarbeiter im Home Office sehr gut miteinander arbeiten können. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass es eine Dezentralisierung der Produktion geben wird – was auch dringend nötig ist. Wir haben jetzt erlebt, was es bedeutet, wenn Schutzausrüstung nur an einem Ort der Welt produziert werden kann. Sorge bereitet mir allerdings, dass die wirtschaftliche Krise, vor der wir stehen, zu einer sozialen und dann auch zu einer politischen Krise werden kann. Vor allem hier in Europa, was ja nicht umsonst als fragilster, weil am wenigsten einschätzbarer aller Kontinente gilt. Und das nur, weil die Weltbevölkerung mal zwei Monate im Urlaub ist. Das müssten wir doch verkraften können – so wie viele sparsame und vorsichtige Haushalte das auch könnten. Wir müssen Reserven schaffen, müssen weg von der Überschuldung.

Sie sehen das ganze Wirtschaftssystem in der Krise?
Ja. Wir können nicht weiter auf Pump leben, damit stoßen wir jetzt an unsere Grenzen. Den Konsum werden wir nicht ankurbeln können, dafür werden zu viele Menschen zu wenig haben. Es wird eine Umverteilung geben müssen. Und ich glaube schon, dass es ein Bewusstsein für eine neue Weltordnung geben könnte.

Wie soll die aussehen?
Wir brauchen Wachstum, das ist unbestritten. Aber wir kennen seit dem Zweiten Weltkrieg kein anderes Denkmuster als materielles Wachstum – das kann nicht unsere Zukunft sein.

Was ist die Alternative?
Das zeigen uns die Kunden: Sie wollen schon heute nicht mehr Produkte, sondern bessere Produkte. Sie streben nicht nach mehr Besitz, sie wollen mehr erleben. Und auch in unserer Bilanz stehen schon seit vielen Jahren nicht mehr nur monetäre Faktoren, wir bilanzieren seit Jahren schon auch unseren Beitrag zum Allgemeinwohl. Vor allem aber müssen wir weg von dem allzu kurzfristigen Denken und Schielen auf Quartalsbilanzen. Das ist ein Übel unserer Zeit. Und wir brauchen ein neues steuerliches Gefüge, in dem nicht nur die großen internationalen Konzerne zu den Profiteuren zählen. Die Staatengemeinschaft muss achtgeben, dass die Konzentration auf wenige Große nicht noch stärker wird. Denn eine Konsolidierung wird es auf jeden Fall geben: Wer vorher schon krank war, wird Corona nicht überleben.

Worin sehen Sie in der aktuellen Situation Ihre Aufgabe als Unternehmer?
Wir müssen mutig, zuversichtlich sein und eine Vision haben und vermitteln. Und wir müssen Solidarität vorleben, auch im Unternehmen selbst. Auf Spitzengehälter verzichten, um die finanziellen Einbußen bei unseren Mitarbeitern auszugleichen. Das ist bei uns im Unternehmen eine freiwillige Maßnahme, aber tatsächlich ist ein Großteil des Managements mitgezogen. Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen. Das sage ich jedem Einzelnen. In Krisenzeiten müssen wir alle zusammenstehen. Diese Solidarität im Kleinen brauchen wir im Großen.

Zurück zum Kleinen: Bleiben Sie zuversichtlich für Ihr Unternehmen?
Auch wenn die aktuelle Situation mit nichts vergleichbar ist – bislang sind wir, nicht zuletzt dank unserer Firmenkultur und unserer finanziellen Stärke, aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen.
Die Oberalp-Gruppe
Gegründet wurde das Unternehmen 1981 von Heiner Oberrauch und beschäftigt heute rund 700 Mitarbeiter in neun Ländern. Die Gruppe ist neben der Entwicklung und Produktion der eigenen Marken auch im Großhandel und Vertrieb von Sport-Brands tätig und betreibt darüber hinaus auch eigene Läden. 1990 übernahm Oberalp die Marke Salewa („Sattler- und Lederwaren“) aus München. Im Laufe der Jahre wurden Dynafit sowie die Spezialisten-Brands Pomoca, Wild Country und Evolv als eigenständige Marken der Oberalp Gruppe übernommen.
Heiner Oberrauch ist als Präsident des Verwaltungsrates für die strategische und unternehmerische Ausrichtung der Oberalp-Gruppe verantwortlich. Seine Tochter Ruth Oberrauch ist als Mitglied des Verwaltungsrates für die Nachhaltigkeitsthemen des gesamten Unternehmens zuständig und als Brandmanagerin auch Teil des Oberalp-Management-Teams. Seit September 2018 ist Christoph Engl CEO der Oberalp Gruppe.

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