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"100% oder gar nicht kann keine Lösung sein"

Etikettenschwindel "klimaneutral"?

Imago / Panthermedia
Wer darf mit dem Etikett "klimaneutral" werben? Und welche Informationspflichten gehen damit einher? Das will die Wettbewerbszentrale prüfen lassen. Die Unternehmen begrüßen das.
Wer darf mit dem Etikett "klimaneutral" werben? Und welche Informationspflichten gehen damit einher? Das will die Wettbewerbszentrale prüfen lassen. Die Unternehmen begrüßen das.

Was heißt eigentlich klimaneutral? Die Wettbewerbszentrale will prüfen lassen, welche Anforderungen erfüllt sein müssen, damit ein Unternehmen mit dieser Aussage werben darf. Was sagen die Firmen?

Ist es irreführend, wenn ein Unternehmen sich als klimaneutral bezeichnet, obwohl Klimaneutralität mit dem Kauf von CO2-Ausgleichszertifikaten erreicht wird? Das ist eine der Fragen in der Diskussion um den Begriff der Klimaneutralität, die jetzt von der Wettbewerbszentrale angestoßen wurde.

In bislang zwölf Fällen hat die Wettbewerbszentrale entsprechende Werbeaussagen als irreführend abgemahnt und die Einhaltung gesetzlicher Transparenzvorschriften verlangt. Sechs Unternehmen haben sich verpflichtet, die monierten Werbeaussagen nicht zu wiederholen. In vier Fällen hat die Wettbewerbszentrale Unterlassungsklage eingereicht.

Bekleidungshändler oder -anbieter sind nicht unter den Abgemahnten. Die grundsätzliche Klärung der Frage, welche Anforderungen an eine rechtssichere Werbung mit der Aussage "klimaneutral" gelten muss, würde aber auch sie betreffen. Genau das will die Wettbewerbszentrale mit den Gerichtsverfahren prüfen lassen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

"Wir verfolgen die aktuell laufende Diskussion aufmerksam und werden Empfehlungen, die sich daraus gegebenenfalls ergeben, berücksichtigen, sofern sie auf unser Geschäftsmodell zutreffen", erklärt Zalando auf TW-Nachfrage. Der Online-Händler hat sich im Herbst 2019 zu Klimaneutralität verpflichtet. "Transparenz ist die Grundlage für das Vertrauen unserer Kund*innen – und das steht bei uns an erster Stelle. Daher befürworten wir jede öffentliche Diskussion und gesetzliche Regelung, die den Grad der Transparenz erhöht und branchenweite Standards fördert."

Auch der Online-Händler Bergfreunde ist seit 2019 klimaneutral. "Bei aller möglichen Kritik ist der Begriff der Klimaneutralität ein guter und ein wertvoller Begriff", ist Nachhaltigkeits-Managerin Johanna Krohmer überzeugt. "Und das Erstellen einer Klimabilanz hilft Unternehmen dabei, überhaupt den ersten Schritt zu tun. Es wäre ein falsches Signal, wenn Firmen, die sich auf einen guten Weg machen, diskreditiert würden, nur weil sie noch nicht alles perfekt machen. Denn der Weg zur Klimaneutralität ist lang. Und wir können dieses Ziel nur erreichen, wenn viele mitmachen.“ Irreführend findet sie den Begriff nicht. "Ich kann verstehen, wenn es den Wunsch nach mehr Transparenz gibt. Aber ich glaube, dass die Verbraucher mittlerweile wissen, dass klimaneutral nicht emissionsfrei heißt."


Reiner Münker, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied der Wettbewerbszentrale, umtreibt vor allem ein Punkt. "Immer mehr Unternehmen investieren viel Geld, um tatsächlich CO2 zu reduzieren. Andere haben damit kaum angefangen. Ist es wettbewerbsrechtlich ok, wenn sich alle das gleiche Etikett anhaften?" Nach seinem Verständnis sollte im Fokus der Werbung stehen: Welcher Anteil wird reduziert, welcher kompensiert? "Die Aussage 'Wir handeln klimaneutral', das ist mir zu wenig. Der Verbraucher soll informiert entscheiden können."

Veränderte Informationspflichten der Unternehmen

Wer erinnert sich nicht an die "Trinken für den Regenwald"-Werbung? Vor einigen Jahren versprach Krombacher den Kunden den Schutz von einem Quadratmeter Regenwald beim Kauf eines Kasten Biers. Richter beschieden damals, dass bei einer solchen Form der Werbung für das Unternehmen keine allgemeine Pflicht besteht, den Verbraucher über die Art der Unterstützung oder die Höhe der Zuwendung zu informieren.

Münker weist darauf hin, dass sich die Informationspflichten an Unternehmen seither verändert haben. 2015 ist das neue Wettbewerbsrecht in Kraft getreten und der Tatbestand der Irreführung durch Unterlassen aufgenommen. Fehlen in der Werbung Informationen, die für den Verbraucher wesentlich sind und dadurch dessen Entscheidungsfähigkeit beeinflusst wird, gilt die Werbung als irreführend und unlauter. "Ich glaube, das BGH würde heute einen Schritt weiter gehen als bei der Regenwald-Werbung." Denn mittlerweile heißt es nicht mehr nur: Du darfst nicht irreführen, sondern auch: Du musst transparent informieren.

Welche Werte sind wie aussagekräftig?

Krohmer könnte sich eine Art Stufensystems als mögliche Lösung vorstellen, "aber so einfach wie beim Kühlschrank wird es nie sein. Und es müsste auch dann immer ein Basislevel geben, um die Einstiegshürden niedrig zu halten. Gleichzeitig ist ja selbst der Anteil oder auch der absolute Wert der eingesparten Emissionen nur bedingt aussagekräftig – denn der hängt auch ab von dem Niveau, von dem man kommt. Wir haben auch schon vor Erstellen der ersten Klimabilanz versucht, Emissionen einzusparen, wo es geht." Sowohl Bergfreunde als auch Zalando haben sich im Rahmen einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie wissenschaftlich fundierte Ziele gesetzt, so genannte Science Based Targets, bei denen es auch im das Einsparen von CO2-Emissionen geht.

"Kritik propagiert keine heute unrealistische Vorstellung von Klimaneutralität"

Kai Landwehr von der Klimaschutzorganisation Myclimate kann die Kritik der Wettbewerbszentrale nachvollziehen. "Sie ist ja gut begründet und propagiert keine heute unrealistische Vorstellung von Klimaneutralität durch 100%ige Vermeidung. Kompensation wird auch nicht pauschal verdammt." Eine verbesserte Information der Verbraucher sei der richtige Ansatz. "Im Idealfall sollte transparent kommuniziert werden, wie viel CO2 im Produkt oder der Dienstleistung steckt, wie viel davon in welchen Projekten ausgeglichen wurde und wie es um die eigenen Reduktionsbemühungen bestellt ist." Doch er räumt ein: "Umzusetzen ist eine detaillierte Information im Einzelfall auf einem konkreten Produkt schwerer."

Er hofft, dass diese Kritik der Wettbewerbszentrale vor allem eine Diskussion anregen soll mit dem Ziel, den Verbrauchern das Thema "einfacher und besser vergleichbar zugänglich" zu machen. "Das wäre sehr zu begrüßen. Mehr Kommunikation zu dem Thema wird viel mehr Möglichkeiten eröffnen, Klimaschutz zu unterstützen. Es wäre schade und dem Klima kontraproduktiv, würden sich Unternehmen durch Diskussionen oder ein Propagieren einer, verschärft formuliert, reinen Lehre nicht mehr im Klimaschutz engagieren. '100% oder gar nicht' kann keine Lösung sein."

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