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Alexander Kohnstamm und Melody Harris-Jensbach im Interview

„Fast Fashion ist ein Fluch”


Melody Harris-Jensbach und Alexander Kohnstamm sprechen im TW-Interview über Verantwortung und falsche Versprechen.
Melody Harris-Jensbach und Alexander Kohnstamm sprechen im TW-Interview über Verantwortung und falsche Versprechen.

Jack Wolfskin-Chefin Melody Harris-Jensbach und Fair Wear-Geschäftsführer Alexander Kohnstamm über langjährige Partnerschaften, die Verantwortung der Marken und warum Fast Fashion kaum fair sein kann.

Die Textilindustrie ist Mitverursacher immenser globaler Herausforderungen. Als ressourcen- und chemie-intensive Industrie ist sie mitverantwortlich für Klimawandel, Artensterben und Mikroplastik. Und nicht nur das: Auch was die Arbeitsbedingungen in den Produktionsbetrieben angeht, steht die Branche längst nicht da, wo sie stehen sollte. Das findet nicht nur Alexander Kohnstamm, der sich als Geschäftsführer der Fair Wear Foundation (FWF) der Verbesserung eben dieser Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern verschrieben hat. Jack Wolfskin-Chefin Melody Harris-Jensbach steht an der Spitze eines Unternehmens, das sich seit vielen Jahren sozial und ökologisch engagiert. Der deutsche Outdoor-Anbieter arbeitet seit 2010 mit der Fear Wear Foundation zusammen und wird seit 2015 mit dem Leader Status dieser Organisation ausgezeichnet. Harris-Jensbach hat jahrzehntelange Produkt-Erfahrung, leitete diesen Part bei den global agierenden Konzernen Puma und Esprit.

TextilWirtschaft: Herr Kohnstamm, wie steht die Textilindustrie heute da, was das Einhalten sozialer Standards angeht?
Alexander Kohnstamm:
Nicht gut genug.

In wieviel Prozent der Fertigungsbetriebe ist die Situation ok?
Kommt darauf an, was für Sie ok ist.

Das frage ich Sie: Was ist ok?
Zumindest kann man sagen: Was heute normal ist, ist nicht ok. Verantwortungsvolle Firmen wie Jack Wolfskin zeigen, was das ‚neue Normal‘ sein kann. Aber die überwiegende Mehrheit der Textilindustrie ist nicht ambitioniert genug.

Warum nicht? Weil die Firmen denken, dass die Kunden nicht bereit sind, das zu bezahlen?
Ich denke, das ist ein Grund. Fast Fashion ist ein Fluch. Dabei haben die Verbraucher nicht danach gefragt. Sie haben es bekommen und natürlich kaufen sie jetzt das 2 Euro-T-Shirt. Jetzt von den Verbrauchern zu verlangen, die Probleme zu lösen, die Fast Fashion verursacht, macht keinen Sinn.

Alexander Kohnstamm
Die Fair Wear Foundation setzt sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ein. Seit Februar 2018 ist Alexander Kohnstamm Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in Amsterdam. Er bringt langjährige Erfahrung im Entwicklungsbereich mit, war zuletzt tätig für die PharmAccess Foundation: einer Organisation, die sich für eine bessere Gesundheitsversorgung in Afrika einsetzt. Er kennt aber auch die andere Seite: Er war als Marketing Manager bei Sony Europe und der Mitsubishi Group tätig. Jack Wolfskin ist seit 2010 Mitglied der Fair Wear Foundation und hat 2015 mit dem Leader Status die höchstmögliche Auszeichung erhalten. Mittlerweile arbeiten 130 Marken mit der Organisation zusammen.
Sie wollen die Firmen in die Verantwortung nehmen. Das gibt es nicht umsonst.
Das kann zu höheren Preisen führen, ja, aber es bedeutet auch, dass die Verbraucher mehr Wert erhalten. Fair Fashion ist aber kein Thema nur für die Reichen. Der Anteil der Lohnkosten eines Kleidungsstücks macht ja häufig nur einen kleinen Prozentsatz der Gesamtkosten aus. Und viele der Dinge, die verbessert werden müssen, kosten nicht einmal etwas. Frauen in einer Fabrik normal zu behandeln zum Beispiel. Nicht herumzuschreien, sich seinen Arbeitern gegenüber zu benehmen.

Ich warte immer noch auf eine Zahl…
Melody Harris-Jensbach:
Lassen Sie es uns so sagen: Schauen Sie sich an, wie groß der Anteil von Fast-Fashion-Unternehmen an der Bekleidungsindustrie ist. Dann haben Sie Ihre Zahl.

Fast Fashion und Fair Fashion gehen also nicht zusammen?
Möglich ist es. Aber schwierig. Was macht Fast Fashion schnell? Luftfracht. Nicht besonders nachhaltig. Ein ganz enges Zeitfenster für die Produktion. Da muss ein T-Shirt in sieben Minuten hergestellt werden. Wenn du davon x Millionen Stück brauchst, dann läuft die ganze Produktion in Übergeschwindigkeit. Also alles andere als fair und verantwortungsvoll. Selbst wenn man an einer Stellschraube dreht, etwa mehr Produktionszeit gewährt, dann muss man bei der Auslieferung noch schneller sein. Auch das ist nicht nachhaltig.

Kohnstamm:
Das ist ein interessanter Aspekt. Die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten liegt zuerst bei den Marken. Nicht nur, weil es ihre Entscheidung ist, wenn sie in einem Land mit laxen Gesetzen produzieren, sondern auch, weil ihre Art der Beschaffung den größten Einfluss auf das Leben der Arbeiter hat. Wenn Sie zum Beispiel einen Produzenten unter Druck setzen, damit er schneller produziert, dann wissen Sie, dass die Arbeiter 90 Wochenstunden arbeiten werden. Wenn Sie das Design nur für Größe M machen und das so an die Produktion schicken, es dort gradiert werden muss, dann verringert sich die Zeit, die die Arbeiter für die Fertigung haben. Alle diese Entscheidungen, die nicht in den Fabriken, sondern in den Büros der Marken getroffen werden, haben Einfluss auf das tägliche Leben der Arbeiter.

„Wenn man dort produziert, wo man verkauft, dann können ‚fast‘ und ‚fair‘ Hand in Hand gehen.“
Melody Harris-Jensbach
Harris-Jensbach: Wenn man dort produziert, wo man verkauft, dann können ‚fast‘ und ‚fair‘ Hand in Hand gehen. Zum Beispiel, wenn man in Europa produziert. Lokale Produktion könnte noch viel vorteilhafter sein. Aber ich weiß nicht, ob jemand diese Möglichkeit prüft. Es wäre eine spannende Fallstudie.

Kohnstamm: Ja, das stimmt. Und zum Teil sind die Mindestlöhne innerhalb der EU vergleichbar mit denen in China – vor allem angesichts deutlich niedrigerer Logistikkosten und Zölle. Wir sehen einige Umschichtungen – auch weil es nicht nachhaltig ist, alles einzufliegen. Es ist interessant, Produktionsmöglichkeiten in Europa weiter zu erkunden.

Interessant, ja. Aber auch idealistisch. Es wird keinen großen Shift zurück nach Europa geben, oder?
Harris-Jensbach:
Nicht den großen Shift. Aber es könnte deutlich mehr werden. Aber man braucht große Firmen, die die Bewegung in Gang bringen. Man braucht eine kritische Masse.

Aber Sie produzieren ja auch nicht in Europa.
Ja, aber wir stehen auch für Slow Fashion (lacht). Unsere Produkte sind hochkomplex. Mit extrem vielen Fertigungsschritten. Tatsächlich denken wir darüber nach, wieder ein bisschen was nach Europa zu holen. In erster Linie die weniger komplexen Produkte wie etwa Shirts und Tops. Jacken nicht. Die bleiben dort, wo der Maschinenpark ist. Für Funktionsprodukte gibt es nur sehr wenige Produktionsbetriebe in Europa. Aber die schauen wir uns an.

Jack Wolfskin ist sehr engagiert beim Thema ökologisch nachhaltiger Fertigung, Sie haben Ihr Ziel der PFC-freien Bekleidung sogar zwei Jahre früher erreicht als geplant. Sind die Kunden bereit, dafür mehr zu zahlen?
Lassen sie es mich so sagen: Die Kunden, die zu uns in den Laden kommen, fragen: ‚Ist diese Jacke PFC-frei?‘ Das Sales-Team sagt: ‚Alles hier ist PFC-frei.‘ Ok, wow. Da geht es dann nicht um Preis. Das ist wie beim Biomarkt.

Melody Harris-Jensbach
Die Jack Wolfskin-Chefin weiß, wovon sie spricht: Melody Harris-Jensbach bekleidete Führungspositionen in großen Unternehmen sowohl der Sport- als auch der Modebranche. Sie steht seit Ende 2014 an der Spitze des Idsteiner Outdoor-Spezialisten, war zuvor Chief Product & Design Officer bei Esprit. Von 1998 bis 2007 war sie zuvor schon für Esprit tätig. Von 2008 bis 2011 war die Absolventin der New Yorker Parson’s School of Design im Vorstand des Sportartikelkonzerns Puma unter anderem für die Bereiche Produkt und Design verantwortlich. Jack Wolfskin setzte im Geschäftsjahr 2017/18 (30.9.) 334 Mio. Euro um (2016/17: 331 Mio. Euro). Mit der US-amerikanischen Callaway Golf Company hat das Unternehmen seit Jahresbeginn einen neuen Eigentümer.
Soziale Verantwortung ist das eine, ökologisches Engagement das andere. Wie lösen Sie Interessenkonflikte? Was ist wichtiger?
Das eine sollte das andere nicht ausschließen. Die meisten Unternehmen entscheiden sich zunächst für einen Aspekt, konzentrieren sich darauf. Und wenn sie einmal dort Fuß gefasst haben, beginnen sie, das andere zu entwickeln. Wir engagieren uns schon viele Jahre aktiv in beiden Bereichen und achten auf ein Gleichgewicht.

Kohnstamm: Ich denke nicht, dass es da einen Konflikt gibt. Outdoor-Kunden sorgen sich nicht nur um die Natur. Sie sorgen sich auch um Menschen. Was das ökologische Engagement angeht, ist es einfacher, die Wirtschaftlichkeit darzustellen. Wassersparen rechnet sich und ist gut für die Natur. Aber auch soziales Engagement ist wirtschaftlich. Glückliche Arbeiter machen bessere Kleidung, sie sind loyaler und wechseln nicht von einer zur nächsten Fabrik. Produzenten, deren Wertesystem man teilt und zu denen man eine gute Beziehung hat, sind zuverlässige Lieferanten. Wenn Sie qualitativ hochwertige Produkte verkaufen wollen und diese zum richtigen Zeitpunkt benötigen, dann brauchen Sie solche Lieferanten. Eine langfristige Beziehung zu einem Produzenten aufzubauen, der Ihre Werte teilt, ermöglicht es, gemeinsam in Soziales und Ökologisches zu investieren für eine zuverlässige und qualitativ hochwertige Versorgung. Das wird Hand in Hand gehen.

Das Unglück von Rana Plaza vor sechs Jahren markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Missstände in der Textilindustrie. Hat das etwas verändert?
Man kann es auf zwei Weisen sehen. Zuerst die gute: Es zeigte die Notwendigkeit, gemeinsam mit den Produzenten zu investieren und wie wichtig es ist, langjährige Partnerschaften mit ihnen einzugehen. Und dass es nicht reicht, sich eine Liste mit zugelassenen Betrieben geben zu lassen, um dann seine Hände in Unschuld waschen zu können. ‚Ich weiß gar nicht genau, wo ich produziere, aber ich habe eine Liste.‘ Sehr schlechter Ansatz. Das haben viele erkannt. Aber leider gibt es auch noch viele Firmen, für die das nur eine Frage der Reputation ist, die schlechte Presse fürchten.

Wünschen Sie sich mehr gesetzliche Regulierung?
Harris-Jensbach:
Ja, denn auch die Regierungen müssen Verantwortung übernehmen. Die Regierungen müssen unterstützen, die Industrie vorangehen.

Kohnstamm:
Nicht zu vergessen die Investoren. Auch die können als Geldgeber großen Einfluss ausüben auf die Mentalität eines Unternehmens. Und ja, natürlich auch die Gesetzgeber, die eine große Verantwortung dafür tragen, was in ihrem Land geschieht. Was Europa angeht, macht die EU einen fantastischen Job, wenn es darum geht, die europäischen Verbraucher zu schützen. Aber auch die Arbeiter außerhalb der EU müssen geschützt werden. Da fehlt eine grundlegende Sorgfaltspflicht-Gesetzgebung.

Warum ist Jack Wolfskin kein Mitglied im Textilbündnis?
Harris-Jensbach:
Wir haben damals entschieden, dass es besser ist, unsere Kapazitäten auf die bereits existierenden Initiativen wie etwa die Fair Wear Foundation zu fokussieren. Aber wir stehen in regem Austausch mit dem Textilbündnis und verfolgen die gleichen Ziele  einer fairen und nachhaltigen Produktion.

„100% verantwortungsvolle Produktion gibt es nicht.“
Alexander Kohnstamm
Was sagen Sie zum Grünen Knopf?
Kohnstamm:
Im Kern eine gute Sache. Aber es muss ganz klar sein, was das Versprechen ist. Das wissen wir im Moment noch nicht. Es darf auf keinen Fall etwas wie ‚100% fair‘ versprochen werden. 100% verantwortungsvolle Produktion gibt es nicht.

Wie viele andere setzt auch Jack Wolfskin auf den Einsatz von recyceltem PET. Ist das wirklich die Lösung?
Harris-Jensbach:
Unsere Gesellschaft ist verschwenderisch. In der westlichen Welt haben wir einen guten Lebensstandard. Und es gibt viel Abfall, um den wir uns nicht kümmern. Aber natürlich, da muss es eigentlich beginnen: Sei nicht verschwenderisch. Den Abfall, der da ist, verwerten wir. Dabei ist unsere Seaqual-Kooperation für uns ein Upcycling-Projekt. Wir haben schon vor zweieinhalb Jahren nach einem Partner gesucht, mit dem wir das Thema PET-Recycling von Meeresmüll umsetzen können. Eine der Organisationen lehnte uns ab, da sie sich für die Zusammenarbeit mit einem anderen globalen Sportartikelkonzern entschieden hat. Das Tolle war: Das Team gab nicht auf. Sie haben weitergesucht. Und haben mit Seaqual einen Partner in Europa gefunden, mit dem wir jetzt arbeiten.

Und Recycling?

Das setzen wir bei unserer Ecosphere-Membran um, einer recycelten wasserdichten Membran. Hier haben wir ein No Waste-Konzept entwickelt und verwerten den Verschnitt. Das machen wir seit zwei Jahren mit einem Produktionspartner, zuvor hatten wir zwei Jahre Entwicklungszeit. Wir arbeiten exklusiv mit dem einzigen Hersteller zusammen, der das macht. Für uns wurde das Thema zu einem solchen wirtschaftlichen Erfolg, dass wir seine gesamte Produktionskapazität nutzen. Viele unserer Wettbewerber wollten in die Fabrik gehen, um den gleichen USP zu haben.

Aber wäre es nicht gerade nachhaltig, dieses Wissen zu teilen?

Eigentlich ist es vom Konzept her sehr einfach. Sammeln Sie Ihre Abfälle und recyceln Sie sie.

Aber wieso macht das dann nur ein Betrieb?

Weil Sie vorher investieren müssen. Und das haben wir getan.

Kohnstamm:
Wie bei allem: Du brauchst Pioniere, um zu starten. Dann wird der Wettbewerb kommen. Das neue ‚Normal‘ wird kommen.

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