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Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft

So wird ein Schuh draus

Salomon
Der (fast) vollständig recycelbare Laufschuh Index.01 von Salomon ist seit wenigen Tagen erhältlich. Der Preis: 199 Euro.
Der (fast) vollständig recycelbare Laufschuh Index.01 von Salomon ist seit wenigen Tagen erhältlich. Der Preis: 199 Euro.

Aus alt mach neu. In diesem Jahr kommen die ersten zirkulären Laufschuhe  von Salomon, Adidas und On auf den Markt. Sind diese Projekte skalierbar?

„Das war kein Projekt für einen Sonntagnachmittag.“ Eine gnadenlose Untertreibung von On-Co-Founder Caspar Coppetti, als er bei der diesjährigen Ispo den Cyclon vorstellte. Immerhin will der Schweizer Running-Spezialist mit diesem neuen Laufschuh-Modell nicht weniger als den Kreislauf eines Produktes schließen. Und alte Schuhe zu neuen machen.

Mit diesem anspruchsvollen Ziel gehen bei On viele Premieren einher. „Wir haben beim Cyclon ein neues Material eingesetzt, zum ersten Mal mit einem knitted Upper gearbeitet, einen neuen Schaum verwendet und implementieren mit dem Abo-Modell ein komplett neues Business-Modell, auf das zum Beispiel unsere IT gar nicht eingestellt war.“

Ergebnis ist ein Schuh, der nicht nur theoretisch recycelbar ist. Er soll nach Ablauf seiner Lebensdauer tatsächlich zu einem neuen Schuh werden. Im September werden die Modelle der ersten Generation ausgeliefert. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft. Aber nur ein erster, wie Viviane Gut, Head of Sustainability bei On, betont. „Wir stehen am Anfang einer Reise.“

Einer Reise, die mit unzähligen Fragen verbunden ist. Fragen, die sich das Unternehmen permanent stellt, aber auch Fragen der Konsumenten. Nach einsetzbaren Materialien. Danach, wie man Komplexität reduzieren kann und die Produktion effizienter gestalten. Welche Veränderungen welchen Impact auf den CO2-Fußabdruck haben?

Die Antwort auf diese Frage sei relativ einfach: „Den größten Einfluss hat die Auswahl des Materials.“ Beim Cyclon kommen daher nur zwei recycelbare Polyamide zum Einsatz – eines davon biobasiert. Aus diesem Polyamid, das aus dem Öl der Rizinusbohne gewonnen wird, besteht der Schuh zu mehr als 50 %. Großer Vorteil: Beide Polyamide können gemeinsam recycelt werden. Das heißt, der Schuh muss nicht in seine einzelnen Bestandteile aufgetrennt werden. Mit der deutlichen Limitierung beim Material geht auch eine weniger komplexe Bauweise des Schuhs einher. Der Cyclon besteht nicht aus mehreren Dutzend Teilen, sondern nur aus sechs.

Einen sehr kleinen Einfluss auf den Fußabdruck von Produkten hingegen hat der Transport. „Nachhaltigkeit ist extrem komplex. Das muss man runterbrechen. Wir als Marke müssen Fakten liefern, damit der Verbraucher versteht, worum es im Kern geht.“ Marken, die sich auf diesen Weg machten, müssten viel Aufklärungsarbeit leisten, so Gut. Eine leicht verständliche Rechnung sei folgende: Verglichen mit dem On-Flaggschiff-Modell, dem Cloud, verursacht der Cyclon 50 % weniger CO2, 30 % weniger Energie und 90 % weniger Abfall.

Einführung eines neuen Business-Modells

Mit dem Cyclon präsentiert On allerdings nicht einfach nur einen neuen Schuh, sondern auch ein ganzes Business-Modell. Denn die jüngste Innovation aus dem Hause On gibt es nur im Abo. Heißt: Monatlich wird eine Abogebühr von 30 Euro fällig. Dafür gibt es bis zu zwei Paar Laufschuhe im Jahr. Laufschuhe, die On den Kunden zur Nutzung überlässt – so der Gedanke. Der Kunde wiederum profitiert davon, dass er im Rahmen dieses Abo-Modells automatisch die nächste Version mit entsprechenden Updates erhalten kann. Sechs bis neun Monate – von dieser durchschnittlichen Lebensdauer eines Laufschuhs gehen die Schweizer derzeit in etwa aus. Oder auch: 600 Kilometer. Was aber, wenn jemand gar nicht soviel läuft? Nicht jeder Hobby-Läufer legt im Monat anderthalb Marathon-Distanzen zurück.

Dabei wäre nichts weniger nachhaltig, als einen Schuh fürs Recycling auszusortieren, der noch voll funktionsfähig ist. „Wir werden den Kunden nicht aktiv auffordern, den Schuh zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzusenden“, sagt Gut. „Aber uns ist bewusst, dass das eine der Fragen ist, die wir nicht alleine lösen können. Dafür brauchen wir den Konsumenten.“ Man werde das beobachten, Daten auswerten – und eventuell auch Anpassungen vornehmen. Immer wieder betont Gut: „Wir lernen jeden Tag dazu.“

Das Abo- bzw. Leasing-Modell ist ein Experiment. Ob es wirklich Potenzial jenseits einer Nische hat, vermag auch Gut nicht zu prognostizieren. „Natürlich ist das alles neu, für uns und für unsere Kunden. Aber wir sind davon überzeugt, dass sich unser Konsumverhalten ändern muss. Und es gibt ja schon Beispiele aus anderen Bereichen: Wer kauft heute noch CDs wie vor 20 Jahren? Heute gibt es Spotify.“ Wie auch immer eine Lösung dieser dringenden gesellschaftlichen Probleme aussehen kann: „Aussicht auf Erfolg hat sie von meiner Warte aus nur dann, wenn sie für den Kunden mit wenig Aufwand verbunden ist. Unsere Idee: Wir bieten dir eine Experience – und kümmern uns um den Rest.“

Offen ist auch noch die Frage, wie die Handelspartner von On in dieses System involviert werden könnten. Das Interesse des Handels ist groß. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Gut. „Und wir wollen möglichst alle einbeziehen, die wollen.“

Adidas arbeitet an der nächsten Loop-Generation

On ist nicht der einzige Anbieter, der sich auf diese Reise zu mehr Nachhaltigkeit durch einen kreislauffähigen Schuh begeben hat. Adidas arbeitet schon seit längerem an dem Loop-Schuh, der derzeit von 1500 Kunden getestet wird. „Mehrere tausend“ Kunden hätten sich im Rahmen des exklusiven Mitglieder-Events Creators Week im vergangenen Jahr als Interessenten für den Schuh registriert, heißt es von Adidas. Ende März soll die Rückgabe der Schuhe beginnen. Das Prozedere ist simpel: Die Kunden fordern über die Adidas-App einen Rücksendeschein an und schicken die Schuhe zurück.

Doch diese Rücksendung soll bei der Generation zuvor sehr holprig verlaufen sein. Angeblich sind von einigen hundert Test-Paaren nur eine Handvoll wie gewünscht zurückgekommen. Adidas kommentiert diese Zahlen nicht. Doch die nächste Generation steht kurz vor dem Launch, er soll im zweiten Quartal 2021 erfolgen.

Der Konsument muss seinen Beitrag leisten, damit ein zirkuläres Modell gelingen kann. Das weiß auch Olivier Mouzin, der das Nachhaltigkeitsprogramm bei dem französischen Outdoor-Anbieter Salomon leitet. Auch hier arbeitet man schon seit langem an einem komplett recycelbaren Schuh. Der Laufschuh Index.01 ist seit wenigen Tagen im Online-Shop erhältlich. Kosten: 199 Euro.

Ohne Zutun des Kunden kein Kreislauf

Vorgestellt wurde ein erster Konzeptschuh Ende 2019, damals war noch geplant, ihn aus einem einzigen Material herzustellen. Doch gerade der Textil-Part habe Salomons Anforderungen an den Komfort nicht erfüllt, so dass das Garn nun doch nicht aus TPU gewonnen wird. Noch nicht. Auch am Recyceln der Einlegesohle werde noch gearbeitet.

Allerdings legt Salomon großen Wert darauf, die wieder eingesammelten Schuhe nicht wieder um die ganze Welt zu schicken – auch wenn der Einfluss von Transport auf den Footprint mit 3 bis 5% vergleichsweise gering ist. „Warum sollten wir die nicht einsparen, wenn wir es können?“, sagt Mouzin. Allerdings mit ein Grund, wieso die alten TPU-Sohlen nicht zu neuen Laufschuhen werden, sondern zu Skischuh-Schalen verarbeitet: Diese werden nach wie vor in Europa hergestellt.

Aber auch dieses Konzept funktioniert nur, wenn die Artikel wirklich zurückkommen. „Wir hoffen darauf, dass die Konsumenten, die sich für diesen Schuh interessieren, dafür ein Bewusstsein haben“, sagt Mouzin. „Wir werden ihm alle paar Monate eine freundliche Erinnerung schicken, den Schuh nach Ablauf seiner Lebensdauer zurückzuschicken. Wir wollen aber den Kunden gleichzeitig dafür sensibilisieren, den Schuh möglichst lang zu tragen. Denn das hat den größten Impact.“ Dazu gehöre auch, den Kunden zu erklären, wie sie die Lebensdauer ihrer Schuhe verlängern können. Und sie etwa nicht zum Trocknen auf die Heizung zu stellen.

Noch ist Skalierbarkeit eine Vision

Etwa 10.000 Paar produziert Salomon von dem Index.01, On will bis zum Launch im September 30.000 Cyclon-Abos verkauft haben. Damit sind diese Modelle über die Konzept-Phase hinaus. Doch von einem wirklich skalierbaren Geschäftsmodell kann man wohl in beiden Fällen noch nicht sprechen. Das gilt natürlich auch für Adidas, wo einige Tausend Paar Schuhe im Quartal bei einem Produktionsvolumen von mehr als einer Million Paar am Tag nicht ins Gewicht fallen.

„Jetzt geht es unter anderem erst einmal um den Aufbau einer entsprechenden Supply Chain“, betont Gut. „Aber Nachhaltigkeit muss ein Business Case sein. Und Lösungen müssen skalierbar sein. Auf diese Entwicklung hoffen wir. Das können wir aber nicht alleine lösen.“

Vielleicht müsse man auch beim Thema Rücknahme mit anderen Firmen zusammenarbeiten, so Mouzin. „Auch wenn ich mir heute noch nicht vorstellen kann, wie das aussehen sollte.“ Noch seien die Kosten für das System zu hoch. Vor allem dann, wenn die Schuhe günstiger und damit wirklich mengenfähig werden sollen.
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