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Aufruf von Wintersporthändlern

„Keinem ist klar, wie dramatisch es für uns Wintersportler ist“

imago images / Eibner
Dem Wintersporthandel droht der endgültige Stillstand. Die Unterzeichner des Aufrufs fordern: Die staatlichen Hilfen müssen angepasst werden.
Dem Wintersporthandel droht der endgültige Stillstand. Die Unterzeichner des Aufrufs fordern: Die staatlichen Hilfen müssen angepasst werden.

Von offenen Briefen bis hin zu aufsehenerregenden Protestaktionen – der Handel versucht in diesen Tagen mit zahllosen Initiativen, sich Gehör zu verschaffen und die Politik für seine dramatische Lage zu sensibilisieren. Um auf die spezielle Situation der Wintersport-Spezialisten aufmerksam zu machen, haben die Sporthändler Oliver Nieß und Thorsten Böhl einen Aufruf zur Anpassung staatlicher Hilfen für den Wintersport-Einzelhandel gestartet. Händler, Industrie und Verbände sind mit dabei.

„Es bewegt sich was, das ist ja schon einmal ein großer Erfolg“, findet Wintersport-Händler Oliver Nieß von SOS Sport in Braunschweig. „Ich habe mich ehrlich gesagt sehr gewundert, dass es anfangs so ruhig geblieben ist. Eigentlich hätte der Handel schon im Dezember mit Trillerpfeifen durch Berlin ziehen müssen.“

Die Sporthändler Thorsten Böhl und Oliver Nieß fordern eine Anpassung der staatlichen Hilfen für die Wintersport-Branche.
Oliver Nieß
Die Sporthändler Thorsten Böhl und Oliver Nieß fordern eine Anpassung der staatlichen Hilfen für die Wintersport-Branche.

Wie dramatisch die Situation speziell für die Wintersporthändler ist, das sei allerdings keinem klar. „Unterstützung für die Zeit der Schließung ist wichtig. Wenn ich jetzt tatsächlich meine Kosten zu 90% ersetzt bekomme, dann kommen wir über die Saison. Aber für uns kommen ja danach noch die Monate, die bei uns immer defizitär sind und in denen wir von den Erträgen der Wintermonate zehren müssen. Wir Wintersport-Spezialisten brauchen also auf jeden Fall auch im Sommer Unterstützung. Wenn da keine Hilfen kommen, wird es den Handel, wie wir ihn kennen, in einem Jahr nicht mehr geben.“
Der Aufruf, die Unterzeichner
Den offenen Brief in voller Länge, mit dem sich die Wintersporthändler an die Bundesminister Altmaier und Scholz wenden, finden Sie hier: Aufruf der Wintersporthändler

Zahlreiche Unterstützer aus Handel und Industrie

Um auf die spezielle Situation der Wintersport-Spezialisten aufmerksam zu machen, hat auch er nun gemeinsam mit Thorsten Böhl von Skibo Tours & Sports in Bochum einen Aufruf zur Anpassung staatlicher Hilfen für den Wintersport-Einzelhandel gestartet. Unterzeichnet wurde ihr an die Minister Altmaier und Scholz adressierter offener Brief von mehr als 170 Händlern, unter anderem Rainer Angstl von Sport Schuster in München, Thomas Reischmann von Reischmann in Ravensburg, Jochen Bohny von Sport Bohny in Freiburg und Dirk Iserlohe von Sportsworld Lingen. Unterstützt wird die Initiative sowohl vom Sportfachhandelsverband VDS und der Fachgruppe Wintersport im BSI (Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie) sowie vom Sporthandelsverbund Sport 2000. Auch Vertreter der Wintersport-Industrie sind unter den Unterzeichnern.

Ohne Reisefreiheit kein Bedarf

Sie legen in Ihrem Aufruf sehr detailliert die Besonderheiten des Wintersportgeschäfts dar. „Hier ist ja auch keinem klar, dass wir zu 100% am Tourismus hängen. Wenn unsere Kunden nicht in die Skigebiete reisen dürfen, ist der Bedarf nicht da – auch online nicht. Die Verkäufe der gesamten Branche sehen bereits mit dem Ausrufen der Reisewarnung für Tirol Anfang Oktober eingebrochen. „Seit diesem Zeitpunkt befinden wir uns faktisch im Lockdown. Wir hatten im Oktober durchschnittlich einen Umsatzrückgang von ca. 50%, im November einen Rückgang von ca. 70% und im Dezember einen Rückgang von 80-90% zu verzeichnen“, legen Nieß und Böhl in ihrem Schreiben dar. „Selbst mit Aufhebung des Lockdowns können wir erst dann wieder Umsätze generieren, wenn die Reisewarnungen aufgehoben werden. Daher befürchten wir, dass sich die Umsätze in unserer Branche nicht so schnell wieder einstellen werden, wie bei vielen anderen Handelsunternehmen.“

Im Sommer wird Liquidität fehlen 

Bis zu 70% ihres Jahresumsatzes erwirtschaften die Wintersportspezialisten normalerweise von November bis Februar. „Mit diesen Einnahmen müssen wir alle Fixkosten und den Wareneinkauf für das gesamte Geschäftsjahr decken.“ Und da nur ein kleiner Teil der Ware nachorderfähig sei, müssten bis zu 70% des gesamten Warenbedarfs des Winters verbindlich vorbestellt werden. Das Ausmaß der Pandemie habe sich aber zum Zeitpunkt der Winterorder im vergangenen Jahr kaum jemand vorstellen können. Und selbst zum Zeitpunkt der Auslieferung von Mitte August bis Ende September sei die Dimension der zweiten Welle noch nicht absehbar gewesen, so dass eventuelle Korrekturen an der Liefermenge nur moderat ausgefallen seien. „Diese Ware liegt nun bei uns in den Geschäften, kann nicht verkauft werden, muss aber bezahlt werden.“

Order mit Fragezeichen

Die Order für nächsten Winter ist für Nieß noch mit großen Fragezeichen versehen. „Bis jetzt habe ich noch nichts geschrieben, auch noch keine Textilien. Wir haben auch noch gar nichts gesehen, das planen wir jetzt für die nächsten zwei Wochen. Um dann mit den Lieferanten zu sprechen, welche Möglichkeiten es geben wird. Meine Idee wäre ja eigentlich gewesen, die Basics durchlaufen zu lassen und Top-Styles auszutauschen, damit die Kunden was Neues sehen. Aber wenn wir noch länger geschlossen bleiben, werden die Kunden die aktuellen Top-Styles ja überhaupt nicht gesehen haben.“ 

 

Bislang kam die Branche einigermaßen glimpflich durch die Krise – zumindest blieb die befürchtete Insolvenzwelle aus. „Der erste Lockdown kam am Ende der Saison, deswegen hat der uns nicht den Kopf gekostet“, so Nieß. „Aber schon da habe ich gesagt: Wenn uns das im Dezember passiert, wird das existenzbedrohend.“

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