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Der Etnies-Macher im TW-Interview

"Dinge anders zu machen gehört zur DNA von Skatern"

Etnies
"Virgil Abloh ist nicht nur ein Designer, Virgil Abloh ist ein Skater aus Chicago. Kein Wunder also, dass er Skate-Schuhe für Louis Vuitton macht. Es ist alles connected, kommt alles aus einem sehr kreativen, künstlerischen Umfeld", so Etnies-Chef Pierre André Senizergues.
"Virgil Abloh ist nicht nur ein Designer, Virgil Abloh ist ein Skater aus Chicago. Kein Wunder also, dass er Skate-Schuhe für Louis Vuitton macht. Es ist alles connected, kommt alles aus einem sehr kreativen, künstlerischen Umfeld", so Etnies-Chef Pierre André Senizergues.

Die Skate-Brand Etnies feiert in diesem Jahr 35-jähriges Jubiläum. CEO Pierre André Senizergues über Trends, die kommen und gehen, und ein Lebensgefühl, das bleibt.

TextilWirtschaft: Sie sind seit Jahrzehnten Teil der Skate-Szene. Welche Relevanz hat Skaten heute?
Pierre André Senizergues: Für mich ist es jeden Tag relevant, seit ich das erste Mal einen Fuß auf ein Skateboard gestellt habe. Es hat mich vom ersten Tag an mit den unterschiedlichsten Kids aus der Nachbarschaft zusammengebracht. Es geht um dieses Gefühl von Verbundenheit, von Freiheit, von Geschwindigkeit und von Risiko. Skaten lehrt dich zu fallen. Das alles waren Lehrstunden, die mich in meinem Leben vorangebracht haben. Noch heute hilft es mir, mein Leben in Balance zu halten.

Sie haben seither viele Skate-Wellen kommen und gehen sehen. Warum kommt der Trend immer wieder?
Als ich angefangen habe zu skaten, in den späten 70ern, war Skaten tatsächlich sehr populär, und das kam aus dem Nichts. Genauso schnell starb dieser Trend dann aber auch wieder. Ab ´79 war Skaten dann quasi im Survival-Modus, mit nur noch dem ganz harten, leidenschaftlichen Kern. Mitte der Achtziger kam Skaten dann wieder auf, das hat auch mit dem Thema Snowboard zu tun, das Interesse der Medien an Boardsport insgesamt war da. Der Aufschwung, den Skaten jetzt aktuell erlebt, hat sicher auch mit Covid zu tun – Skaten kann man überall. Außerdem kommen immer mehr Mädchen und Frauen zum Skaten, das war auch schon vor Covid zu beobachten. Das sorgt für einen Push. Und nicht zuletzt sorgt Olympia aktuell für großes Interesse der Medien am Skaten. All das sorgt für eine Menge Fire. 

Freuen Sie sich über Skaten bei Olympia? Da gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.
Auf jeden Fall. Viele Skater finden, es gehöre nicht zu Olympia, weil es kein Wettbewerbssport ist. Aber ich finde nicht, dass Skater durch Olympia ihre Identität aufgeben. Sie kommen nicht nur als Sportler nach Tokio, die einen Wettbewerb gewinnen wollen, sondern sie bringen ihre ganze Kultur mit und repräsentieren diese.


Ist Skaten wirklich noch ein Stück Jugendkultur? Oder nicht eher ein Lebensgefühl für Väter, die nicht erwachsen werden wollen?
Beim Skaten gibt es kein Alter. Ich glaube, es gibt nicht viele Aktivitäten, bei denen das so ist. Wenn ich auf dem Skateboard stehe, fühle ich mich wie ein Sechzehnjähriger. Wir haben 2003 hier in Lake Forest in Kalifornien einen Skatepark eröffnet. Die Kurse sind immer voll, zum Teil mit wirklich sehr jungen Kids – zur Hälfte Jungs, zur Hälfte Mädchen. Sie haben Recht, viele dieser Kids gehen das erste Mal mit ihren Vätern in einen Skate-Shop. Dabei sind die Jungen jetzt eine nettere Generation (lacht). Ein bisschen wie die Eltern der Eltern. Sie sind nicht so verrückt. Die Generation X war rebellischer. Und wir haben uns zum Beispiel klar von Sport abgegrenzt. Sport war für uns etwas, wo es Regeln gibt, die man befolgen muss. Das war nicht unser Ding. Wir haben unser eigenes Ding gemacht, wie Künstler.

Welche Bedeutung hat Mode für die Skate-Community – und vice versa?
Skaten wird von allem beeinflusst – und andersherum. Viele Trends kommen aus dem Skaten. Dinge anders zu machen gehört zur DNA von Skatern. Als ich früher aus meinem Pariser Vorort mit der Bahn zum Trocadero gefahren bin, war ich ein Exot, so wie ich aussah. Aber irgendwann sahen dann alle so aus. Baggy-Style war in den 80ern normal. Nach dem Trend zu schmaleren Hosen und einem eher Rocker-inspirierten Style, geht es jetzt wieder zurück zum Baggy-Style. Diesen Oversize-Look sieht man ja total in der Mode. Virgil Abloh ist nicht nur ein Designer, Virgil Abloh ist ein Skater aus Chicago. Kein Wunder also, dass er Skate-Schuhe für Louis Vuitton macht. Es ist alles connected, kommt alles aus einem sehr kreativen, künstlerischen Umfeld.

Der Calli-Cut war in den 00er Jahren wahrscheinlich eines Ihrer kommerziell erfolgreichsten Modelle, das auch von vielen Nicht-Skatern getragen wurde. Zahlen solche Trends auf eine Marke ein?
Uns geht es nicht primär um Trends, wir bleiben bei allem, was wir machen, authentisch. Wir machen keine Dinge, die wir nicht selbst tragen würden. Den Calli-Cut legen wir als ikonischen Style immer wieder in neuen Variationen auf. Aktuell kommen Big Shoes ganz stark wieder. Die Schuhe ändern sich mit den Silhouetten. Immer, wenn die Hosen wieder weiter wurden, mussten die Schuhe mitziehen. Das wiederholt sich gerade.

Mittlerweile konkurrieren Sie mit milliardenschweren Konzernen. Was hat das mit Ihrem Unternehmen gemacht?
Es ist herausfordernd. Aber wir sind noch hier. Wir haben überlebt, weil wir authentisch sind. Wir sind leidenschaftlich. Unser Team ist extrem committed. In der Community werden wir als Skater-owned Brand geschätzt, weil wir wissen, worauf es ankommt. Und wir haben einfach sehr gute Produkte. Ich liebe es, Dinge zu erfinden, unsere Schuhe immer weiter zu verbessern. Wir haben zum Beispiel eine exklusive Partnerschaft mit Michelin. Das Material hält drei bis fünfmal länger als herkömmliches Gummi.

Wie wichtig ist das Collab-Thema für Etnies?
Es wird immer wichtiger. Anlässlich unseres Jubiläums haben wir zum Beispiel eine Kooperation mit dem Kult-BMX-Filmklassiker Rad gemacht, der das gleiche Geburtsjahr hat wie Etnies. Etnies war schon immer connected mit der BMX-Szene, ansonsten arbeiten wir mit unterschiedlichsten Brands aus der Skate-Community wie Independent, Thrasher oder Toy Machine von Ed Templeton.

Dramatisch verändert hat sich auch die Distribution Ihrer Produkte. Was schätzen Sie, wie viele Etnies-Schuhe werden mittlerweile online gekauft?
Ich würde sagen ca. 60% werden mittlerweile online verkauft. Denn auch viele Skate-Shops verkaufen ja mittlerweile stark online. Zum Glück – denn von denen gibt es mittlerweile zu wenige.

Sie sprachen vorhin von den weiblichen Kunden. Wollen die eigene Styles?
Zum Teil. Aber die meisten Modelle funktionieren unisex. Aber sie kaufen schon anders ein, denn sie fahren auch anders. Viele Mädchen fahren eher Longboard – da halten die Schuhe sehr viel länger.

Ins Schuh-Business eingestiegen sind sie aus purem Eigennutz: Sie wollten Schuhe, die länger halten. Wann haben Sie angefangen, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen?
Stimmt, meine erste Motivation war es, Schuhe zu machen, die halten. Dann wollte ich meinen Freunden Jobs besorgen (lacht). Anschließend ging es darum, der Community etwas zurückzugeben, als Sponsor und mit dem Skate Park. Ich habe mir aber auch Gedanken darüber gemacht, was ich noch tun kann. Einen Beitrag dazu zu leisten, dass uns dieser Planet erhalten bleibt, lag nah – auch wenn die Verbraucher danach noch gar nicht gefragt haben. 2011 haben wir dann unser Buy a shoe, plant a tree-Projekt ins Leben gerufen, mit dem wir mittlerweile mehr als 2 Mio. Bäume in Südamerika gepflanzt haben. Seither investieren wir viel in nachhaltige Materialien und sind als Unternehmen klimaneutral.  Ich unterhalte mich mit den unterschiedlichsten Menschen über nachhaltige Zukunfts-Technologien – über alternative Energien, über Brennstoffzellen und über Mikroorganismen, die CO2 absorbieren können und vielleicht irgendwann einmal die Textilherstellung revolutionieren könnten. Auch das ist typisch für Skater: Wir interessieren uns für andere Menschen, tauschen uns aus und haben immer den Antrieb, diesen einen Trick auszuprobieren, den noch keiner geschafft hat.

Das Unternehmen & der Macher

Etnies ist eine Marken des kalifornischen Action Sports-Unternehmens Sole Technology, zu dem auch die Brands ÉS, Emerica, ThirtyTwo und Altamont gehören.
Sole Technology-CEO und Gründer Pierre André Senizergues begann seine Skate-Karriere als 15-Jähriger in Paris und wurde in den 80ern einer der Besten seines Fachs. Er gewann unter anderem zwölf französische Meisterschaften sowie viele europäische und weltweite Titel. Er lebt seit 1985 in Kalifornien.

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