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Der Sport-Markt

Die Ruhe vor dem Sturm?

Peak Performance
Ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Für die Sportbranche in Summe eines mit glimpflichem Ausgang. Doch Ausruhen ist nicht.
Ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Für die Sportbranche in Summe eines mit glimpflichem Ausgang. Doch Ausruhen ist nicht.

Erst Lockdown-Misere, dann rasante Aufholjagd. Doch kein Durchatmen für die Sportbranche. Drohende Lieferengpässe setzen ein großes Fragezeichen hinter die kommenden Monate.

Anfang Dezember, mal wieder tagen die Ministerpräsidenten. Die ersten Meldungen zum 2G-Beschluss der MPK gehen über die Ticker. Christoph Schmid von Sport Förg in Friedberg ist in diesem Moment sogar ein wenig erleichtert. Er hatte Schlimmeres befürchtet. „Nachdem es letzte Woche noch eher nach einem harten Lockdown aussah, bin ich erstmal froh, dass wir nicht zusperren müssen.“ Zumal die Kunden „heiß sind“ auf Wintersport. „Hier schneit’s, ich bin selbst am Wochenende meine erste Skitour gegangen“, berichtet Schmid.


Die monatelange Schließung bis ins Frühjahr hinein wirkt nach. „Das kann man schwer komplett aufholen“, sagt Christoph Ganß vom Outdoor-Filialisten Unterwegs, obwohl er sich mit Öffnung der Läden über Rekordumsätze freute. „Bis in den Herbst hinein haben wir in diesen Monaten ein deutliches Plus zu 2019 erreicht.“ Ganß hat zum Zeitpunkt der jüngsten Corona-Beschlüsse schon 2G-Erfahrung in Leipzig und Erfurt gemacht. „Natürlich merkt man das am Umsatz. Aber trotzdem besser als nur mit Termin.“

Wie stark bei vielen Händlern die Aufholjagd vor allem in den Monaten Juni bis Oktober war, zeigen die Sport 2000-Zahlen. „Highlights waren die Monate direkt nach dem Lockdown. Hier war der Nachholbedarf bei den Konsumenten ganz eindeutig zu spüren“, so Sport 2000-Geschäftsführerin Margit Gosau. „Unsere Partner konnten teilweise die besten Ergebnisse in ihrer Firmengeschichte einfahren.“ Das stationär geprägte Panel weise bis Ende November nur noch ein leichtes Minus von ca. 2,5% gegenüber Vorjahr auf, so Gosau. „Gegenüber dem vollwertigen, Corona-freien Geschäftsjahr 2019 liegen unsere stationären Händler noch rund 7% im Minus.“

Sport Winter 2022: Das kommt, das bleibt, das bewegt


Outdoor und Running liefen hervorragend. Einer der Überraschungssieger war Fußball, wo der Nachholbedarf offenbar noch größer war als viele gedacht hatten. Sehr gut auch die Entwicklung bei Bike-Textil – auch bei Händlern, die keine Räder anbieten. „Wir verkaufen Bike erfolgreich als Outdoor-Thema, werden den Outdoor-Textil-Einkauf auch noch mehr Richtung Bike schärfen“, kündigt Schmid an.

„Ob unsere Partner bis zum Ende des Jahres noch die schwarze Null schaffen, hängt nun entscheidend davon ab, wie sehr die beschlossenen Corona-Maßnahmen das Geschäft beeinflussen werden. Im vergangenen Jahr begannen um diese Jahreszeit die ersten härteren Restriktionen, die in einen kompletten Lockdown mündeten“, so Gosau. Grundsätzlich sind die Sporthändler positiv gestimmt, was die Umsatzerwartung für 2022 angeht. Denn: Die Lust der Kunden auf Draußen-Erlebnisse ist ungebrochen – sei es die Skiabfahrt, die Hiking-Tour mit Freunden oder der Familienausflug in den Wald.

Allerdings sind schon seit dem Herbst die ersten Auswirkungen der gestörten Lieferketten spürbar, erste Sortimentslücken sichtbar. „Der Markt für Outdoor-Schuhe ist wie leergefegt“, berichtet Ganß. „Wenn ich die Tage versuche, ein bestimmtes Modell für einen Kunden nachzubestellen, dann kann es passieren, dass die Antwort lautet: Kommt im September“, ergänzt Händlerkollege Schmid.

„Jetzt müssen wir uns im Verkauf deutlich mehr Gedanken machen, wenn wir dem Kunden Alternativen anbieten wollen“, betont Thomas Reischmann mit Sport- und Modehäusern in Ravensburg, Ulm, Kempten und Memmingen. Und sehr oft gelinge das auch noch, leichter noch bei Textilien. „Und wir müssen vorsichtiger mit der Ware umgehen, die wir haben“ – eine Formulierung, die auch der neue Europa-Chef von New Balance, Mathias Boenke, verwendet. „In diesem Sommer haben wir schon später reduziert als sonst. Das könnte ein positiver Effekt der Verknappung sein.“ In noch einem weiteren Punkt sind sich die beiden – stellvertretend für viele – einig: „Von mehr Qualität in der Distribution der Hersteller profitieren auch wir. Da darf die Industrie ruhig Ansprüche stellen. Das tun wir ja auch.“

Bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche hat die Industrie in diesen Tagen bessere Karten als je zuvor. Reischmann hat dafür ein plakatives Bild: „Früher ist man in den Showroom gekommen und hatte Angst, dem Vertreter in die Arme zu laufen. Heute sucht man ihn, um überhaupt etwas zu bekommen.“ Vielleicht etwas überspitzt, aber der Wandel vom Käufer- zum Verkäufermarkt ist Realität.

„Die Händler werden sich darauf einstellen müssen, dass wir für 22/23 Auftragsvolumen-Kontingente verteilen müssen und nicht alle Aufträge umfassend annehmen werden können“, kündigt zum Beispiel Dynafit-Chef Benedikt Böhm an. „Die Welt ist gerade auf den Kopf gestellt. Kein Vertriebler oder Lieferant schreit nach ‚Kauf mehr‘, sondern die Frage ist, wie viel Du überhaupt bestellen darfst und geliefert bekommst.“

Das Problem der Lieferverzögerungen ist nicht einmal auf Anbieter beschränkt, die vor allem in Asien produzieren. Maloja zum Beispiel fertigt rund 70% der Produkte in Europa, vieles in der eigenen Produktionsstätte in Bulgarien. Und selbst hier musste der Orderschluss für Winter 22 einen Monat vorgezogen werden, da es in der Logistik hakt. Gleiches bei Odlo: „Wir hatten und haben nicht nur mit den viel zitierten Engpässen bei Containern und Schiffen zu kämpfen, sondern hatten auch mit Lieferverzögerungen oder -ausfällen von Vorlieferanten zu kämpfen. Ein Problem, das nicht auf Asien beschränkt ist“, wie Pascal Schweizer, Odlo Country Manager DACH, betont.

Das nächste Frühjahr wird dramatischer. So dramatisch, dass es für den ein oder anderen Händler schwierig werden wird, aufgrund fehlender Ware seine Umsatzziele zu erreichen. Wie holprig die Auslieferung tatsächlich sein wird, ist heute noch kaum abzuschätzen. Händler berichten von sehr unterschiedlichen Signalen der Hersteller. „Eine realistische Einschätzung der Situation im Frühjahr werden wir erst treffen können, wenn die Ware um Chinese New Year herum auf dem Schiff ist – oder eben nicht“, so die Prognose von Globetrotter-Einkäuferin Chantal Caron.

Das macht den Einkauf komplex wie nie. Wer konnte, hat sich in den vergangen Monaten für den Zeitraum der verspäteten Frühjahrs-Lieferungen gewappnet. Hat sich mit Carry-over-Produkten eingedeckt und aufgestockt, um die Verfügbarkeit möglichst hoch zu halten, bis die Frühjahrsware nach und nach eintreffen wird. „Davon ist allerdings jetzt auch schon wieder vieles abgeflossen“, wie Caron berichtet.

Parallel galt es, sich mit Winter 2022 zu beschäftigen. Wobei von einer Planung angesichts der im Schnitt um vier Wochen vorgezogenen Ordertermine kaum die Rede sein kann. „Gefühlt war man trotzdem schon zu spät“, so Schmid. Zumal jetzt einige Orderzyklen schon vorbei sind. Dabei gilt: Je früher der Händler die Order platziert, desto mehr Aussichten auf gesicherte Sortimente im kommenden Jahr. Und wer kann, erhöht die Vororder. Genau aus diesem Grund. Jetzt geht der Handel ins Risiko, nachdem die Industrie selbst ihre Aufträge zum Teil blind erteilt hat. Preiserhöhungen sind ein großes Thema – wie immer eigentlich. Doch selten waren sich Industrie und Handel so einig, dass es ohne nicht gehen wird. Nicht wenige Lieferanten mussten sogar für Sommer 2022 noch nachträgliche Preisanpassungen vornehmen.

„Wir stellen uns für kommenden Winter auf Preiserhöhungen von 5 bis 10% ein“, sagt Globetrotter-Einkäuferin Caron. „Gleichzeitig treffen die Erhöhungen von Energie- und Personalkosten ja auch uns Händler. Mit unserer UVP-orientierten Premiumstrategie haben wir da wenig Puffer. Wir werden noch mehr erklären müssen, was die Produkte ausmacht, wenn diese Preissteigerungen auf uns zukommen. Wir hoffen, dass der Nachholeffekt, von dem wir bis jetzt profitieren konnten, davon nicht ausgebremst wird.“

Einen Schub gewinnt vor allem das Thema Outdoor über neue, jüngere Kunden. Wer es schafft, die anzusprechen und zu gewinnen, kann großes Potenzial heben. Dabei fällt immer wieder der Name Adidas. Eine Marke, von der sich auch der Outdoor-Handel eine Ansprache der jüngeren Kunden erhofft. Dass mit der Outdoor-Offensive des Konzerns auch die Eröffnung eigener Stores – siehe München – einhergeht, nehmen die Handelspartner mittlerweile schulterzuckend zur Kenntnis.

Reischmann in Ravensbug denkt neu und hat umgebaut. Denn vor allem für die Jüngeren gehören Sport und Mode zusammen. Deswegen gibt es jetzt im Trendhaus eine über 1000m² große Fläche, die Street- und Sportsfashion gemeinsam abbildet. The North Face und Patagonia neben Volcom und Carhartt. Columbia neben CK. Dazu eine deutlich vergrößerte Sneakerwelt, „so ergibt das ein stimmiges Bild“, ist Thomas Reischmann überzeugt. „Auch online.“

Mit mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit für die Kunden – und damit verbesserten Zugriffsmöglichkeiten auf die begehrten Produkte der Brands. „Die Marken sind begeistert. Damit schaffen wir einen neuen Streetwear-Treffpunkt zwischen München und Zürich. Die Herausforderung wird nun sein, das Sporthaus jung zu halten.“ Vor allem aber gilt es nun, den Kunden überhaupt die entsprechenden Produkte anbieten zu können. Das wird der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Schließlich stehen beim Kampf um die Jungen auch Zalando & Co im Ring.

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