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Die CSR-Managerin von Sport Conrad im TW-Gespräch

"Wir müssen Branchenlösungen entwickeln"

Lisa Hantke
CSR-Managerin Stefanie Buchacher: "Wenn wir beim Thema Nachhaltigkeit wirklich etwas verändern möchten, müssen wir gemeinsam anpacken und Branchenlösungen entwickeln."
CSR-Managerin Stefanie Buchacher: "Wenn wir beim Thema Nachhaltigkeit wirklich etwas verändern möchten, müssen wir gemeinsam anpacken und Branchenlösungen entwickeln."

Sport Conrad ist nicht nur einer der profiliertesten Wintersport-Händler, sondern auch ein Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit. Bereits 2019 startete Sport Conrad die Initiative "Wir denken um" – kurz WDU, ist mittlerweile klimaneutral und seit November 2021 Mitglied des Outdoor Retailer Climate Commitment. CSR-Managerin Stefanie Buchacher über offene Kommunikation, versteckte Geschichten und die Herausforderung Hartware.

TextilWirtschaft: Sport Conrad hat als einer der ersten Sporthändler schon vor drei Jahren ein eigenes Nachhaltigkeitssiegel eingeführt. Was verstehen Ihre Kunden unter nachhaltig?
Stefanie Buchacher: Jeder etwas anderes, das macht es so komplex. Themen wie Tierwohl, mulesingfreie Wolle und faire Daune, Recycling-Materialien und nachwachsende Rohstoffe – das sind Punkte, die bei den Verbrauchern angekommen sind. Das Mikroplastik-Problem zum Beispiel noch nicht in dem Maße. Eine immer wichtigere Rolle wird künftig die Recyclingfähigkeit spielen.

Einig sind sich die meisten Kunden darüber, dass eine möglichst lange Nutzung von Produkten nachhaltig ist. Bisher bieten wir als wiederkehrende Aktion kostenfreie Repair-Services für Bekleidung an. Die werden von den Kunden immer sehr gut angenommen. Wir überlegen, ob wir vielleicht selbst in Kooperation mit einem Schneider einen Reparaturservice anbieten.

Mit dem Einkauf und Verkauf von Produkten ist es für Sie als Händler offenbar nicht mehr getan. Rechnet sich das denn?
Wir müssen weiter denken. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob es auch in Deutschland mal zu einer Rücknahmepflicht von Bekleidung kommen wird. Aber sollte sie kommen, wäre es zu spät, sich dann erst mit dem Thema zu beschäftigen. Spätestens dann brauchen wir eine Branchenlösung dafür. Und da sind wir als Händler einfach sehr nah an den Kunden.

Was haben Sie bei "Wir denken um" geändert?
Seit ich im Januar 2021 zu Sport Conrad gekommen bin, haben wir das zugrundeliegende Bewertungssystem neu aufgerollt. Anfangs lag der Fokus nämlich sehr stark auf Textilherstellern. Die Anbieter von Hartwaren konnten die von uns abgefragten Kriterien teilweise nicht erfüllen. Damit die aber nicht komplett aus dem Raster fallen, schauen wir uns jetzt in zwei Schritten erst einmal die Unternehmen an und dann die Produkte.

Nach welchen Kriterien?
Verpflichtende Unternehmenskriterien sind Verantwortung & Fairness, Umwelt & Klima sowie Transparenz & Kommunikation. Konkret: Übernimmt der Hersteller Verantwortung in der gesamten Lieferkette? Sind die Lieferanten auditiert? Herrschen dort faire Arbeitsbedingungen? Ist die Produktion umwelt- und ressourcenschonend? Gibt es ein nachhaltiges Chemikalienmanagement? Wie nachhaltig sind Transport und Verpackung?

Bei den Produktkriterien fragen wir zum Beispiel Siegel wie Fair Wear Foundation, Bluesign und Grüner Knopf ab. Und natürlich stellen wir Fragen wie: Welche Materialien werden eingesetzt? Stammen Wolle und Daune aus artgerechter Haltung? Wird in Europa produziert? Werden recycelte Materialien eingesetzt. Diese Produktkriterien haben wir auch als Filterwerte in unseren Webshop aufgenommen, sodass Kunden nachhaltigere Bekleidung, Schuhe und Ausrüstung leichter finden können.
„Wir wollen unseren Kunden eine Richtlinie in dem Siegel-Dschungel geben und ihnen signalisieren: Mit diesen Produkten könnt Ihr Euch entspannt ausrüsten.“
Stefanie Buchacher, Sport Conrad
Überprüfen können Sie die Angaben der Hersteller aber kaum, oder?
Natürlich müssen wir uns auf Aussagen der Hersteller verlassen können. Das heißt aber nicht, dass wir sie durchwinken. Wir sind in sehr engem Austausch mit den Herstellern. Ich spreche mit jedem unserer rund 350 Lieferanten, und wir recherchieren auch nach. Schließlich wollen wir unseren Kunden eine Richtlinie in dem Siegel-Dschungel geben und ihnen signalisieren: Mit diesen Produkten könnt Ihr Euch entspannt ausrüsten.

Wie bringt man das Thema an die Kunden? Bei aller Komplexität darf man sie nicht überfordern, oder?
In der Kommunikation an die Kundinnen und Kunden muss es einfach sein. Es muss transparent sein, aber definitiv auch Lust machen, sich überhaupt damit zu befassen. Es sollte nicht erschlagen. Da versuchen wir, den Kunden die wichtigsten Bullet Points an die Hand zu geben. Dahinter steht eine Fülle an Informationen. Wen es interessiert, der bekommt in den Filialen weitere Infos auf großen Tafeln – handbemalt übrigens. Und natürlich auf der Website. Diese Infotafeln finden sich an vielen Stellen in den Filialen, mit einem Mix aus Produkt/Materialthemen, Infos zu Herstellern und darüber, was wir als Unternehmen tun.
Sport Conrad
Gegründet wurde das Unternehmen 1897 als kleiner Schusterladen in Penzberg im bayrischen Oberland. Mittlerweile wird der Betrieb mit vier Filialen in Penzberg, Garmisch-Partenkirchen, Murnau und Wielenbach und wachsenden Online-Business in vierter Generation von den Geschwistern Hans Conrad und Christina Linder geführt.
Wie sehr interessieren sich die Kunden tatsächlich für weitergehende Informationen?
Man kommt auf jeden Fall darüber mit den Kunden ins Gespräch. Deswegen ist es für mich so wichtig, auch in der Filiale zu stehen. Bei Hartwaren ist Nachhaltigkeit für Kunden allerdings bislang kaum ein Thema. Da wollen wir die Branche ein Stück antreiben. Und kommen über Gespräche mit den Herstellern zu interessanten Geschichten. Zum Beispiel über Kletterhaken, die von Hand in Tirol hergestellt werden.

Darauf kommt man aber nur, wenn man bei den Herstellern genau nachfragt. Oder Ski- und Snowboard-Hersteller, die versuchen, über recycelte Materialien oder zertifizierten Holz-Kerne nachhaltiger zu produzieren. Aber da muss noch viel passieren. Allein schon, weil die Produkte aus so vielen verschiedenen Einzelteilen bestehen.
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Wie nimmt man die Mitarbeiter beim Thema Nachhaltigkeit mit?
Die stellt das vor große Herausforderungen, da sie zum Teil sehr informierte Kunden vor sich haben. Zunächst einmal geht es darum, das Bewusstsein dafür zu schaffen, warum Nachhaltigkeit für uns als Sport Conrad so ein wichtiges Thema ist. Vor welche Herausforderung stellt uns die Klimakrise? Wie kann jeder Mitarbeiter seinen Beitrag im Unternehmen leisten?

Dazu haben wir Schulungen mit allen unseren Mitarbeitern gemacht, nicht nur mit denen im Verkauf. Daneben gibt es Schulungen von und mit Herstellern, aber auch WDU-Projekttage, an denen wir zuletzt alle zusammen unter anderem eine Almwiese entgrast und einen heimischen Berg entmüllt haben. Im kommenden Mai steht Aufforsten auf dem Programm. Wichtig ist uns: Wir reden nicht nur, wir handeln. Beispielsweise haben wir während der Black Week im November keine Rabatte gegeben, sondern 1% des Nettoumsatzes dieser Woche gespendet. So was hat Signalwirkung, für unsere Mitarbeitenden, ebenso für Kunden und für die Branche.

Sport Conrad hat sich im November dem Outdoor Retailer Climate Commitment angeschlossen, das vor wenigen Monaten von fünf großen europäischen Outdoor-Händlern ins Leben gerufen wurde. Was erhoffen Sie sich davon?
Ich denke, über das ORCC kann ein wertvoller Austausch entstehen. Zum Beispiel darüber, wie wir die jeweiligen Abfragen nach unseren Kriterien für die Hersteller einigermaßen praktikabel gestalten können. Je mehr Händler immer mehr Informationen haben wollen, desto aufwendiger wird das natürlich für die Lieferanten. Wir waren aber auch schon vor unserem Beitritt im Austausch, da es bei Nachhaltigkeit keinen Wettbewerb gibt. Wenn wir wirklich etwas verändern möchten, müssen wir gemeinsam anpacken und Branchenlösungen entwickeln.

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