TW Sports
Dynafit-Chef Benedikt Böhm zu den Herausforderungen in der Supply Chain

"Es hakt überall"

Dynafit
"Das Thema Supply Chain ist das, was mich als General Manager momentan am meisten beschäftigt, womit ich sonst weniger zu tun hatte", sagt Dynafit-Chef Benedikt Böhm. "Es ist wie ein großer Stau, von dem man nicht weiß, wann er sich auflöst."
"Das Thema Supply Chain ist das, was mich als General Manager momentan am meisten beschäftigt, womit ich sonst weniger zu tun hatte", sagt Dynafit-Chef Benedikt Böhm. "Es ist wie ein großer Stau, von dem man nicht weiß, wann er sich auflöst."

Marken, die einen Forecast für fünf Jahre abgeben, um sich Rohware zu sichern. Händler, die blind ordern, ohne Muster zu sehen. Kundenaufträge, die nicht angenommen werden können. Die Sportbranche steht kopf. Dynafit-Chef Benedikt Böhm spricht im TW-Interview über die größten Herausforderungen und die Weichen, die er für die kommenden Jahre gestellt hat.

TextilWirtschaft: Welche Auswirkungen haben die Lieferengpässe auf die laufende Einkaufsrunde?
Benedikt Böhm: Wir müssen viel früher ordern. Noch viel früher als es ohnehin bereits der Fall ist. Auch im Textilbereich, wo es früher noch etwas mehr Flexibilität gab. Deshalb haben wir bereits letzte Woche für Textil den Buy geschlossen. Das ist für uns historisch früh. Wir haben damit gerade im deutschsprachigen Raum Erfolg gehabt. Die Händler sind auch wirklich mitgegangen, obwohl in einigen Bereichen noch nicht einmal die Muster verfügbar waren. Die Herausforderungen in der Supply Chain treffen uns, und hier versuchen wir, möglichst viel möglichst früh im Kasten zu haben. Buy 2 etc. fällt weg, weil uns hierfür die Zeit davonläuft und wir frühzeitiger bestellen müssen. Es gibt aber auch Produktkategorien, wo wir blind bereits vor fast einem Jahr die Mengen für 22/23 festgelegt haben. Zum Beispiel bei Bindungen, aber auch Ski und andere Produkte im Bereich Hardware, wo wir noch früher reagieren mussten. Bei den Bindungen ist die Rohmaterial-Entwicklung am drastischsten.

Wie hoch sind die Preissteigerungen? Werden Sie die weitergeben?
Wir hatten bis in den Sommer hinein gehofft, dass wir die Preise halten können, erfahren aber drastische Preiserhöhungen für Rohmaterialien, Energiekosten, Transport und Logistik, teilweise über bestehende Verträge hinaus. Daher rechne ich mit Preissteigerungen von 10 bis 15%. Das werden wir sicher nicht überall weitergeben, aber wir werden es bei neuen oder überarbeiteten Produkten weitergeben müssen. Bei unveränderten Artikeln werden wir versuchen, die Erhöhungen zu schlucken. Wir wissen allerdings nicht, ob das Ende der Fahnenstange erreicht ist und wir nicht auch in den nächsten Jahren mit Erhöhungen rechnen müssen. Das ist etwas, was ich in dieser Form noch nicht erlebt habe. Im ersten Schritt ging es hauptsächlich darum, die Rohware überhaupt zu bekommen. Kein Mensch hat über den Preis gesprochen – die Preiserhöhungen sind dann gefolgt. Wir haben unsere Handelspartner bereits im September in einem Brief über die Rohmaterial-Engpässe und damit einhergehende mögliche Preiserhöhungen informiert. Im Gegensatz zu Mitbewerbern konnten wir die Preise für kommenden Winter stabil halten und Preiserhöhungen, die uns bereits betreffen, werden wir aktuell nicht weitergeben. Wir berücksichtigen Erhöhungen erst in der Preisliste für 22/23.

Wie lief die Auslieferung für Winter 21? Wo hakt es?
Es hakt überall – Hartware ist noch stärker betroffen als Textil. Es beginnt bei den Rohmaterialien, über die Kapazitäten in den Fabriken aufgrund von Personalmangel oder Covid-Schließungen und endet beim Transport. Auch in der Bindungsproduktion in Deutschland hatten wir immer wieder Ausfälle aufgrund von Covid. Es ist wie ein großer Stau, von dem man nicht weiß, wann er sich auflöst. Dann fährt man wieder ein paar Meter und steht wieder. Das Thema Supply Chain ist das, was mich als General Manager momentan am meisten beschäftigt, womit ich sonst weniger zu tun hatte. Es ist in der Tat für uns recht dramatisch. Wir sind stark betroffen, aber ich glaube wir haben früh genug Maßnahmen getroffen, um die Produktionen umzustellen und auszubauen, so dass wir noch mit einem dunkelblauen Auge davonkommen.

Wie dramatisch wird es im Frühjahr 22?
Wir sehen genau dieselben Thematiken. Wir haben deshalb noch früher reagiert, noch früher bestellt, mehr Produktionskapazitäten aufgebaut und neue Lieferanten akquiriert. Aber all das wird uns vermutlich nicht davor bewahren, dass es in der Supply Chain Probleme geben wird. Ich vermute, das Thema wird uns auch noch einige Jahre beschäftigen bis sich dieser globale Stau in der kompletten Supply Chain und im Transportwesen wieder aufgelöst hat. Inzwischen betrifft es alle Produktgruppen.

Welche Maßnahmen haben Sie konkret getroffen?
Früher bestellen. Viel früher. Das heißt für uns bis zu einem dreiviertel Jahr früher, teilweise blind Bestellungen platzieren, und zwar nicht für ein Jahr, sondern für fünf Jahre. Wir haben tatsächlich einen verbindlichen Forecast für fünf Jahre abgegeben, um wichtiges Rohmaterial zu sichern. Wir haben Kapazitäten geschaffen, neue Produktionsstandorte – vor allem in Europa – geöffnet und versucht, Kapazitäten zu blocken. Sicherheiten oder Lieferbestätigungen bekommt man im Moment nicht – selbst, wenn man sofort zahlt. Wir werden auch mehrere Produktgruppen auf mehrere Produzenten und Lieferanten ausweiten – das ist sicherlich ein großes Learning, dass man sich nicht mehr auf einen einzigen Lieferanten verlassen kann. Das ist meiner Meinung nach kriegsentscheidend – wenn man sich hier gut aufstellt. Dennoch werden sich Händler darauf einstellen müssen, dass wir für 22/23 Auftragsvolumenkontingente verteilen müssen und nicht alle Aufträge umfassend annehmen werden können. Die Welt ist gerade auf den Kopf gestellt. Kein Verkäufer oder Lieferant schreit nach „Kauf mehr“, sondern die Frage ist, wie viel Du überhaupt bestellen darfst und geliefert bekommst.

Wird 2021 dennoch ein gutes Jahr für Dynafit?
Mit dem Ergebnis 2021 sind wir zufrieden. Es hätte noch besser sein können, wenn wir ausreichend Ware auf Lager gehabt hätten. Man merkt einfach, dass die Ware knapp ist. Es bleibt noch abzuwarten, wie 2021 zu Ende geht, weil wir große Teile unseres Umsatzes – da sprechen wir von 20-30% – in den letzten beiden Monaten des Jahres machen. Ein erneuter Lockdown in wichtigen Märkten kann vieles verändern. Aber 2021 wird ein weiteres Rekordjahr für uns Dank des unglaublichen Engagements aller Mitarbeiter. Auch wenn wir aufgrund der Supply Chain nicht ganz an unser Potenzial herankommen. Aber insgesamt können wir natürlich sehr zufrieden damit sein, wie wir durch diese Zeiten kommen.

logo-tw-sports-white

Ab sofort den kostenfreien Newsletter ins Mail-Postfach?

 

stats