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Eine Geschichte fürs Börsenparkett

Signas Sport-Story

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Über einen SPAC-Deal kommt Signa Sports United an die New Yorker Börse.
Über einen SPAC-Deal kommt Signa Sports United an die New Yorker Börse.

Über Umwege kommt Signa Sports United jetzt an die Börse. Mit Plattform-Fantasie statt Multichannel-Modell.

Was für ein Match! In fünf spektakulären Sätzen besiegte vergangene Woche Tennis-Star Novak Djokovic seinen Gegner Stefanos Tsitsipas und geht mit seinem zweiten Gewinn der French Open in die Geschichte ein. Die Herzen der Zuschauer aber gewann er mit einer kleinen Geste: Er schenkte seinen Schläger einem Jungen im Publikum, der ihn während des ganzen Matches unermüdlich angefeuert hat. Der Freudenjubel seines kleinen Fans ging viral.

Von solchen Geschichten lebt der Sport. Auch beim Aufbau der Signa Sports United ging es darum, eine Geschichte zu entwickeln. Eine für Investoren. Mit dem angekündigten Börsengang kommt nun das erste Kapitel zum Abschluss. Am Anfang steht die Signa Sports Group. Ein Unternehmen, das einige Jahre vor allem über die Zukäufe unterschiedlichster Online-Shops von sich reden macht. Vom Teamsport-Spezialisten Outfitter über Tennis-Point bis fahrrad.de. Mit dem erklärten Ziel, einen global relevanten Player in der Welt des Online-Sport-Handels zu entwickeln.

Ein möglicher Gang aufs Parkett steht schon seit Anfang 2018 im Raum. Geld wurde zunächst allerdings über private Finanzierungsrunden eingesammelt. Ende 2018 kauften die asiatischen Einzelhandelsunternehmen Aeon und Central Group im Rahmen einer Kapitalerhöhung erste Anteile, die sie 2019 noch einmal aufstockten. In dieser Runde stieg auch die R + V Versicherungsgruppe als Gesellschafter mit ein.

Die Voraussetzungen für einen Börsengang sind heute allerdings andere. Denn Anfang 2018 sind die Karstadt Sports-Filialen noch Teil der Sport-Einheit Signa Sports Group. Spannender Stoff für eine Multichannel-Story – für die Börse aber nicht so interessant. Im Juli 2018 kam mit Stephan Zoll ein ausgewiesener Online-Experte an die Spitze der Division. Und schon kurz darauf wurde aus der Signa Sports Group offiziell die Signa Sports United – mit einer Website in deutscher, englischer und chinesischer Sprache. Das stationäre Sport-Geschäft wurde klar von der Online-Story abgetrennt, die Karstadt Sports-Filialen wanderten gemeinsam mit den Warenhaus-Filialen in die Department Store Group. Die Multichannel-Geschichte wurde nie zu Ende erzählt.

Es hätte eine Geschichte der strategischen Vernetzung von Online- und Offline-Welten werden sollen, eine Geschichte von Online Pure-Playern auf der Fläche, von fahrrad.de- und Tennis-Point-Shops bei Karstadt Sports. Stephan Fanderl, Michael Rumerstorfer und Marcus Neul – diese drei Karstadt-Manager sollten diese Vernetzung primär vorantreiben. Kein Zufall, dass diese drei nicht mehr dabei sind. Fanderl ist seit Jahresbeginn in der Unternehmensleitung von P &C Düsseldorf, Rumerstorfer hat Ende 2019 den CEO-Posten bei Leder&Schuh (Humanic, Shoe4you) übernommen, Marcus Neul übernahm 2019 die Geschäftsführung bei dem mittlerweile sanierten Sport-Filialisten Voswinkel.

Plattform statt Multichannel

Die Online-Story wird seither ohne Backsteine erzählt. Und so ist auch die frühere Otto-Tochter SportScheck kein Teil der Signa Sports United geworden, sondern neben Karstadts Sports in die Warenhaus-Sparte gewandert. Dabei wäre die Idee des Sport-Ökosystems, die bei SportScheck zuletzt konsequent vorangetrieben wurde, in dieser Konstellation durchaus sinnvoll gewesen. Auf die Börsen-Story hätte das defizitäre Unternehmen mit seinen teuren 17 City-Filialen aber nicht eingezahlt.

Filialen sind nicht sexy, Plattformen umso mehr. Sage und schreibe 41mal fiel das P-Wort bei der Investorenpräsentation, bei der Signa Sports United gemeinsam mit der Yucaipa Acquisition Corporation ihre Pläne offiziell präsentierten. Diese Pläne sehen keinen klassischen Börsengang der Signa-Tochter vor, sondern den Zusammenschluss mit einer so genannten Special Purpose Acquisition Company, kurz: SPAC. SPACs sind Gesellschaften ohne eigenen Geschäftsbetrieb, die an der Börse gelistet werden. Sie übernehmen andere Gesellschaften, die dadurch schneller selbst an die Börse kommen als in einem traditionellen Börsengang.

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Signa Sports United geht an die Börse

Ein Börsengang stand lange im Raum, nun ist er offiziell: Signa Sports United, eigenen Angaben zufolge größte Sport-E-Commerce- und Technologie-Plattform der Welt, geht an die Börse. Allerdings nicht über einen IPO, sondern über einen anderen Weg. Mit der gleichzeitigen Übernahme des Bike-Händlers Wiggle CRC entstehe das weltweit größte Sport-E-Commerce- und Technologie-Plattform-Unternehmen mit rund 1,6 Mrd. Dollar Netto-Umsatz.


Für Investoren ist diese Abkürzung mit weniger Transparenz und damit mehr Risiken behaftet, für Signa Sports United hat sie einige Vorteile: Anstatt sich in wochenlangen Roadshows und unzähligen Meetings potenziellen Investoren zu erklären, mussten Zoll und seine Kollegen nur das Emissionsunternehmen von ihrer Geschichte überzeugen. Das haben sie geschafft, Stephan Zoll hat damit einen Meilenstein erreicht. Gleiches gilt für die ehrgeizigen Wachstumsziele. Den angestrebten Milliardenumsatz hätte er laut der nun vorgelegten Zahlen und Prognosen im laufenden Geschäftsjahr 20/21 (30. September) auch ohne die jüngsten Akquisitionen erreicht – zumindest in Dollar. Damit hätte sich der Umsatz seit Zolls Amtsantritt verdoppelt. Im Geschäftsjahr 2017/18 lag er noch bei 442 Mio. Euro.

Etappenziel erreicht

Und das, obwohl die wilde Zeit der Übernahmen Ende 2018 schon vorbei war. Zuletzt ergänzte die Gruppe vor allem das Tennis-Portfolio rund um den deutschen Category Killer Tennis-Point und pushte mit Tennis Pro, Midwest Sports und Tennis Express das internationale Geschäft. Dank der Übernahmen der beiden letztgenannten US-Player, die erst vor wenigen Wochen verkündet wurde, bringt es Signa Sports United künftig auf einen US-Anteil von immerhin 9%.

Dennoch ist das Geschäft der Gruppe, die nichts Geringeres als die Weltmarktführerschaft anstrebt, noch sehr Europa-lastig. Zwei Drittel des Umsatzes (67%) sollen im laufenden Jahr auf das europäische Festland entfallen, weitere 19% auf UK. Auch dieser Markt wird nicht primär durch organisches Wachstum der eigenen Shops beackert, sondern durch den Kauf des britischen Bike-Händlers Wiggle CRC (Wiggle, Chain Reaction Cycles) im Zuge des SPAC-Deals. Damit entfallen künftig zwei Drittel des Geschäfts der Gruppe allein auf das Fahrrad-Business.

Wette aufs Bike

Dass vor allem der boomende Bike-Markt derzeit die Fantasie von Investoren beflügelt, zeigt auch der gerade erst angekündigte Börsengang des Dresdner Online-Händlers Bike24. Mit dem angestrebten Bruttoemissionserlös in Höhe von rund 100 Mio. Euro soll das internationale Geschäft weiter skaliert werden. 2020 erwirtschaftete der fahrrad.de-Konkurrent einen Umsatz von 199 Mio. Euro und erzielte ein bereinigtes Ebitda in Höhe von 26,7 Mio. Euro.

Zum Vergleich: Signa Sports United prognostiziert für das laufende Geschäftsjahr ein Ebitda von 37 Mio. Euro – bei einem Umsatz von 860 Mio. Euro. Weitere 33 Mio. Euro Ebitda kommen unter Berücksichtigung von Wiggle CRC und der neuen Tennis-Zugänge dazu. Doch selbst damit zieht Signa im direkten Margen-Vergleich den Kürzeren. Investoren interessiert aber das Potenzial eines Papiers oft mehr als das bisher Erreichte. Und allein für Wiggle CRC prognostiziert Signa Sports United-CSO Philipp Rossner ein Ebitda von 40 Mio. Euro nach der Integration in die SSU-Plattform.

Das Geschäftsmodell von Signa Sports United basiert nicht nur auf dem bisweilen opportunistisch wirkenden Einsammeln von Online-Shops. Vielmehr soll es um den Aufbau einer integrierten Plattform mit Services für unterschiedlichste Partner gehen: Shop-Aufbau für Marken, Einbinden unabhängiger stationärer Bike-Händler mit Click & Collect und Service-Dienstleistungen oder auch Sportverbänden. Noch tragen die Plattform-Erlöse nur einen Bruchteil zum Umsatz der Gruppe bei – doch der Anteil soll bis zum Jahr 2025 auf 621 Mio. Dollar steigen und 16% zum Umsatz beitragen. Geschichten, wie sie Investoren lieben.

Zahlen und Ziele

- Die größten Bike-Shops unter dem Dach der Signa Sports United (Umsatzanteil 63 %):

Probikeshop, Bikester, fahrrad.de, Wiggle. 30 % der verkauften Bikes sind Räder der Eigenmarken.

- Tennis (17 %): Tennis-Point

- Outdoor (13 %): Addnature, Campz

- Teamsport (7 %): Outfitter

- SSU geht bis 2025 von einem jährlichen organischen Umsatzwachstum von 25 % aus. 2025 soll die Gruppe also bereits 3,9 Mrd. Dollar erlösen. Gleichzeitig kündigt CFO Alex Johnstone weiteres Wachstum über Zukäufe an. Konkret zwei bis drei Akquisitionen im Jahr, die für bis zu 1,5 Mrd. Dollar mehr Umsatz sorgen sollen.

- Die Ebitda-Marge soll von 4,3 % im laufenden Jahr langfristig auf 12–15 % gesteigert werden - einen überproportionalen Beitrag soll das margenträchtige SaaS-Geschäft (Software as a Service) beitragen. Das ist allerdings Zukunftsmusik.

- Die Gruppe habe es geschafft, Umsatz und Ebitda der zugekauften Unternehmen innerhalb von drei bis vier Jahren spürbar zu erhöhen. CSO Philipp Rosner spricht von Wachstumsraten, die um 5 bis 15 Prozentpunkte erhöht werden und einer um 3 bis 5 Prozentpunkte verbesserten Ebitda-Marge.



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