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Exklusiv-Interview mit Decathlon Deutschland-Chef André Weinert

„Wir brauchen Marken“

Decathlon
Seit September 2019 leitet André Weinert das Deutschland-Geschäft von Decathlon.
Seit September 2019 leitet André Weinert das Deutschland-Geschäft von Decathlon.

Mehr Brands, mehr Lifestyle, mehr Präsenz. Wie Marktführer Decathlon den Wettbewerb weiter unter Druck setzt. Ein Gespräch mit Decathlon Deutschland-Chef André Weinert.

TextilWirtschaft: Sie haben in Weiterstadt die 84. deutsche Filiale eröffnet. Warum gerade hier die größte?André Weinert: Unser Ziel ist es, in jeder Metropole mit einem großen Flagship-Store vertreten zu sein. Das Rhein-Main-Gebiet ist sehr attraktiv, und der Standort in Weiterstadt direkt an der A5 ist sehr gut erreichbar. Die Frage, ob wir hier einen Store haben wollen, hat sich also nie gestellt. Dass es jetzt auch der größte in Deutschland geworden ist – umso besser. Wir haben hier zwei sehr starke Nachbarn mit Segmüller und dem Loop5, die natürlich auch ein sehr weites Einzugsgebiet haben.

Wie viel Decathlon verträgt Deutschland aus Ihrer Sicht?
Wir sehen Potenzial für etwa 140 Standorte. Mit der Größe, die wir jetzt haben, verspüren wir allerdings nicht mehr den Druck jede Gelegenheit ergreifen zu müssen. Wir sind an einem Punkt, wo weniger die Zahl der Eröffnungen pro Jahr zählt, sondern die Qualität und dass wir am richtigen Standort sind, um nachhaltig unser Business zu betreiben. In Weiterstadt sehen wir uns die nächsten 20, 30 Jahre. Hier gehen wir nicht weg.

In Kiel etwa mussten Sie, um die größere Filiale außerhalb eröffnen zu dürfen, gleichzeitig mit einer kleinen Connect-Filiale in die Innenstadt. Einen solchen Kompromiss würden Sie heute also nicht mehr eingehen?
Das ist standortabhängig: Wie interessant ist das Einzugsgebiet? Was kann ich damit gewinnen? Kiel und die Kieler Innenstadt waren trotzdem interessant, weil der Tourismus sehr stark ist – wenn auch nicht in diesem Jahr. Den kleinen Connect-Store in der Innenstadt haben wir nicht nur, um den Großen zu eröffnen. Wir glauben schon, dass der seine Daseinsberechtigung hat, weil wir dadurch kleine Impulskäufe der Touristen abdecken können.

Die Connect-Filialen scheinen aber nicht gerade ein Erfolgsmodell. Der Store in München wird geschlossen, neue kommen kaum dazu.
Es ist nicht unser Core-Business, sondern ein Zusatz. Aber wir sehen durchaus in jeder Metropolregion solche Touchpoints, die das Geschäft mit abrunden werden. An Standorten mit viel Traffic können diese kleinen Touchpoints gut funktionieren, wie zum Beispiel in Berlin am Hauptbahnhof. Gerade Pendler nutzen den Store für ihre Click&Collect-Abholungen oder um etwas in Auftrag zu geben. Aber unser Core-Business sind 3000 bis 5000m² große Stores, wo wir unsere komplette Power zeigen können, nämlich 100 Sportarten unter einem Dach, für jeden, vom Kleinkind zum Rentner, vom Einsteiger zum Fortgeschrittenen

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Decathlons größte Deutschland-Filiale: Der neue Store in Weiterstadt



Sie setzen stark auf die typischen deutschen Sportarten: Teamsport, Outdoor mit Wandern und Bergsport, Bike und Fitness. Bei Running geht noch mehr, oder?
In der Tat. Im Textilbereich haben die Kunden mittlerweile sehr viel Vertrauen. Wir haben es aber noch nicht geschafft, sie im Schuhbereich richtig zu überzeugen.

Das ist auch der Bereich, in dem sie die meisten Fremdmarken führen.
Ja, neben Teamsport. Und das ist auch gut so. Unser Ziel ist es natürlich nicht, die Marken aus unseren Regalen zu verbannen – im Gegenteil. Wir wollen die Nummer Eins des Sports sein, und da brauchen wir natürlich in allen Sportarten die großen internationalen Sportmarken, um attraktiv für unsere Kunden zu sein. Und dieses Image möchten wir in den kommenden Jahren gerne korrigieren, so dass unserer Kunden wissen, die Running-Bekleidung ist top, aber die Schuhe auch.

Korrigieren insofern, dass sie das Angebot der Eigenmarken verbessern oder insofern, dass die Kunden das Gefühl haben, sie bekommen hier auch das Angebot der großen Brands?
Beides.

Das ist ein klarer Strategiewechsel. In der jüngsten Vergangenheit standen die Eigenmarken klar im Fokus, der Anteil an Fremdmarken wurde deutlich heruntergefahren.
Das war eine logische Konsequenz, da wir sehr stark in unsere Eigenmarken investiert haben und unsere Kunden immer mehr unseren Produkten vertrauen. Wir sehen uns aber als Sporthändler und möchten auch in Zukunft unser Sortiment mit weiteren Marken komplementieren.

Die großen Sportbrands machen einen Großteil ihrer Umsätze mit Produkten, die niemals eine Sporthalle von innen sehen. Dieses Lifestyle-Geschäft lassen Sie komplett liegen. Können Sie sich das leisten?
Natürlich beobachten wir aktiv Trends und Veränderungen. Es gibt viele Bereiche, wo man sich die Frage stellen muss, wo hört der Sport auf und wo fängt Fashion an. Und auch wir haben Bereiche, in denen Kunden Produkte kaufen, die sie nicht zu 100% für diese Sportart nutzen. Zum Beispiel die Outdoor-Jacke, die sie zum Gassi-Gehen mit dem Hund tragen und nicht, um den Mount Everest zu besteigen. Auf eine gewisse Weise ist das also bei uns schon präsent. Wir haben uns aber auf die Fahne geschrieben, uns auch in dem Bereich etwas besser aufzustellen. Das ist auf jeden Fall eine Strategie, die wir in den kommenden Jahren verstärken werden.

Sie brauchen die Marken also auch für mehr Lifestyle.
Ja, aber auch bei der Entwicklung unserer eigenen Produkte werden wir stärker in diese Richtung gehen. Der Schwerpunkt ist natürlich der Sport, aber gerade die Kategorien Wellness, Fitness und Outdoor bieten zusätzlich Platz für mehr Lifestyle und Fashion.

2016 nahm die Deutschland-Expansion von Decathlon Fahrt auf.
Decathlon
2016 nahm die Deutschland-Expansion von Decathlon Fahrt auf.

Von Ihrer eigenen Marke gibt es hier im Laden Laufshirts für 4 Euro. Braucht es das? Damit entwerten Sie die Produkte brutal und machen Sie zu einem Wegwerfartikel.
Das ist natürlich nicht das Ziel. Aber Decathlon ist ein weltweit agierendes Unternehmen, wir sind in 59 Ländern vertreten. Und was hier in Deutschland als relativ preiswert erscheint, ist es in Rumänien oder Indien nicht.

Aber dann müssen Sie das Shirt ja dennoch in Deutschland nicht für vier Euro anbieten.
Ich könnte es zwar hier für sechs Euro anbieten. Dann widerspräche ich aber unserem Unternehmenssinn, nämlich Sport jedem zugänglich zu machen. Denn auch in Deutschland gibt es Familien mit kleinem Geldbeutel, deren Kinder Sport treiben wollen. Das wollen wir ihnen ermöglichen.

"Wir brauchen Marken"
Das komplette Interview mit Decathlon Deutschland-Chef André Weinert lesen Sie im Spezial THE SPORTS ISSUE in der Printausgabe der TW50 oder hier: 
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