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Fabian Engelhorn im TW-Gespräch

"Signal wichtig, Prognose unmöglich"

Engelhorn
"Klar haben wir jetzt zu viel Ware am Markt. Aber wenn irgendwo eine Verknappung entsteht, können die Preise durchaus stabil bleiben", sagt Fabian Engelhorn.
"Klar haben wir jetzt zu viel Ware am Markt. Aber wenn irgendwo eine Verknappung entsteht, können die Preise durchaus stabil bleiben", sagt Fabian Engelhorn.

Den zweiten Lockdown konnte der offene Brief an die Politik nicht verhindern. Dennoch war er ein wichtiges Signal, ist Engelhorn-CEO Fabian Engelhorn überzeugt. Die Auswirkungen des jetzt wegfallenden Geschäfts kann er noch nicht abschätzen. 

TW: Warum der offene Brief an die Politik? Was versprechen Sie sich davon?
Fabian Engelhorn: Ich finde es richtig, dass Friedrich Knapp so kurzfristig die Initiative ergriffen hat. Wir haben da sehr gerne mitgemacht, da wir in der Sache total übereinstimmen. Und wenn dieser Brief den Lockdown natürlich nicht mehr verhindern konnte, war er sicher noch einmal ein Wachrüttler. Vor allem freut es mich, dass fast alle Platzhirsche aus Baden-Württemberg mitgemacht haben, das ist ein sehr gutes Zeichen. Wir arbeiten hier sehr eng zusammen, das ist nicht zuletzt ein Verdienst unter anderem des Handelsverbandes Baden-Württemberg, der uns in den vergangenen zehn Monaten wirklich sehr gut unterstützt hat. Sabine Hagmann macht echt einen tollen Job in der Kommunikation und Abstimmung mit den Staatssekretären und der Landesregierung.

Von der Bundespolitik fühlen Sie sich nicht so gut vertreten?
Ich habe den Eindruck, dass man dem Handel jetzt zumindest einmal Aufmerksamkeit schenkt. Bislang besteht für die Politik der Handel aus Lebensmitteleinzelhandel. Und wenn Politiker zum Thema Weihnachtsgeschäft Aussagen machen wie ‚Den Pullover kann man ja auch im Januar noch kaufen‘, sieht man, dass die von unserem Saisonverlauf einfach keine Ahnung haben. Niemand kann von allem Ahnung haben, wenn man aber den Lockdown für spezielle Branchen beschließt, sollte man sich doch vorher mal darüber informieren, wie sich deren Umsatz im Jahr verteilt. Von daher denke ich, dass diese Initiative jetzt richtig war und den ein oder anderen Entscheidungsträger vielleicht nochmal zum Mitdenken angeregt hat.


Ist die Situation für Engelhorn jetzt dramatischer als im Frühjahr?
Mir gefällt das Wort dramatisch nicht. Die Situation ist natürlich eine andere. Wir stehen jetzt in der zweiten Hälfte einer Saison und haben sehr viel höhere Warenbestände. Der Shutdown trifft uns in den eigentlich umsatzstärksten Wochen. Insofern ist das für die Bestandssituation heftig. Und man sieht ja auch jetzt schon, wie da auf die Preise gehauen wird.

Kann man denn Mode jetzt überhaupt noch zum vollen Preis verkaufen?
Klar haben wir jetzt zu viel Ware am Markt. Aber wenn irgendwo eine Verknappung entsteht, können die Preise durchaus stabil bleiben. Bei einer Moncler-Jacke ist es einfacher, den vollen Preis zu erreichen als bei einem Bedarfsartikel.

Wie zuversichtlich sind Sie, die Winterware noch verkaufen zu können?
Wir haben ja glücklicherweise unseren digitalen Kanal, auf den wir weiter setzen können. Dazu haben wir auch Services wie die Beratung per Telefon oder über WhatsApp wieder verstärkt und können auf unsere Learnings aus dem Frühjahr aufbauen.

Wird es denn im Premium-Genre überhaupt noch eine normale Frühjahrs-Saison geben können, wenn die Läden wieder eröffnen?
Was heißt schon normal? Sie wird auf jeden Fall kürzer sein. Aber ich denke, dass sich da auch etwas verschieben wird. Denn einen Anlass für neue Frühjahrsmode wird es während des Lockdowns nicht geben. Woher sollte denn Lust auf Luxus kommen? Und viele Kundinnen und Kunden schätzen – bei allen Online-Alternativen, die es gibt – den stationären Handel. Von daher bin ich guter Hoffnung, dass sich der Bedarf so weit verlagert, bis der stationäre Handel wieder offen ist. Die Frage bleibt natürlich, wann der erste dann wieder auf Rotpreise geht. Für die normalen Frühjahrs-Sortimente bin ich übrigens ganz optimistisch.

Wie hatten Sie denn fürs Frühjahr geplant?
Wir hatten insgesamt zwischen 10 bis 20% VK-Volumen runtergeplant. Was wir jetzt versuchen, ist, die Liefertermine etwas nach hinten zu schieben, also eher Ende Februar und in den März hinein. Die Sportbranche hat im Moment ein ganz anderes Problem. Denn für die Händler, die ein starkes Ski- und Winter-Sortiment haben, wird es richtig problematisch. Klar wird der ein oder andere in diesem Winter ein paar Tourenski mehr verkaufen, aber das wird nicht Alpin-Ski, -Ausrüstung und Bekleidung ersetzen. Die Carry-overs werden für die Industrie eine riesige Herausforderung. Was das dann für die Produktion heißt, will ich mir gar nicht vorstellen. Da hängen wir natürlich alle dran.

Welche Bedeutung hat Wintersport bei Engelhorn Sports?
In den Monaten November, Dezember, Januar macht das Thema Ski, Snowboard und alles was dazugehört, bestimmt 25% aus. Und das fällt einfach weg, die Skisaison ist abgeschrieben. Wir habe allerdings noch die leichte Hoffnung, dass es im März nochmal die Möglichkeit zum Frühjahrs-Skifahren gibt. Sortimente, die vollständig und nicht hochmodisch sind, lagern wir aber jetzt schon für nächstes Jahr ein. Ansonsten setzen wir nach wie vor stark auf unsere Schwerpunkte Running, Fitness und Outdoor und damit auf Aktivitäten, die man jederzeit vor der eigenen Haustür ausüben kann. Und nicht zuletzt hoffen wir auf einen früheren Start in die Bike-Saison, falls das Wetter mitspielt.

Wie steht Engelhorn kurz vor Ende des Corona-Jahrs 2020 da?
Wie wir unser Geschäftsjahr Ende Februar abschließen, ist noch komplett offen. Wir hatten uns, wie viele Kollegen auch, nach dem ersten Lockdown umsatz- und ertragsmäßig wieder ganz gut hochgekämpft, auch weil wir unsere Kosten gut im Griff hatten, und wir haben mehr als nur ein Licht am Ende des Tunnels gesehen. Das macht der zweite Lockdown komplett kaputt. Auf viel Umsatz- und Ebit-Minus das am Ende des Tages hinausläuft, kann ich noch nicht prognostizieren.

Der Online-Nachfrage scheint die Branche indes kaum mehr Herr werden zu können. In Ihrem Online-Shop garantieren Sie keine Zustellung mehr zu Fest.
Zum Glück sind wir schon 2004 mit unserem Online-Business gestartet. Es stellt heute eine wichtige Umsatz- und Ertragssäule dar. Ich gehe davon aus, dass online auf einem sehr hohen Niveau bleiben wird. Ich denke, dass auch die Kunden nicht unbedingt davon ausgehen, dass wir am 10. Januar wieder öffnen dürfen. Die Chancen dafür stehen meiner Meinung nach bei maximal 50%. Wir sind aber in unserer Logistik weiter tagfertig und können das auch weiterhin sicherstellen, selbst wenn sich das Volumen noch weiter steigert. Was wir nicht beeinflussen können, sind die Frachtunternehmen, die schon jetzt am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen sind. Da erwarten wir auch keine Besserung. Zumal ja da auch die Politik nicht gewillt ist, Ausnahmen im Arbeitszeitgesetz zuzulassen – so wie sie es auch bei den Öffnungszeiten nicht ist. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man da nicht mal über den Schatten springt – so wie wir alle in diesem Jahr über so viele Schatten gesprungen sind.

Sie mussten Ihre Mitarbeiter jetzt kurz vor Weihnachten ins Ungewisse entlassen. Wie geht es denen?
Wir merken bei unseren Mitarbeitern wie bei unseren Kunden, dass die Haut dünner wird. Die Politik macht den Fehler, zu viele Dinge offen zu lassen und versäumt es, den Menschen reinen Wein einzuschenken. Das nagt an jedem persönlich. Wir sind als Familie unseren Mitarbeitern sehr dankbar für ihr Engagement in diesem Jahr.
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