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Fjällrävens Christiane Dolva Törnberg und Henrik Andersson im Interview

"Langlebigkeit der Produkte ist der wichtigste Aspekt"

Fjällräven
Schon beim Entwurf setzt Designer Andersson auf Einfachheit bei maximaler Funktionalität.
Schon beim Entwurf setzt Designer Andersson auf Einfachheit bei maximaler Funktionalität.

Anfang März lanciert die schwedische Outdoorbrand Fjällräven, deren Rucksack-Style Kånken mit dem Fuchs-Logo schon seit einigen Saisons einen nicht enden wollenden Hype erlebt, mit der neuen Samlaren Kollektion eine Capsule aus Stoffresten. Nichts wirklich Neues, aber ein passender Anlass, mit Christiane Dolva Törnberg, Head of Sustainability, und Henrik Andersson, Head of Design & Innovation einmal über die aktuellen Bemühungen in Sachen Nachhaltigkeit zu sprechen.


TextilWirtschaft: Im März kommt eine neue Capsule-Kollektion aus Stoffresten auf den Markt. Welche Stoffe werden verwendet?
Henrik Andersson:
Samlaren entstand aufgrund übrig gebliebener Stoffreste aus unseren eigenen Produktionsstätten. Uns ist bewusst geworden, dass funktionale und langlebige Stoffe aus älteren Kollektionen in den Regalen liegen, die wir unter anderem aufgrund von Farbabweichungen und begrenzten Mengen nicht zu 100% in unserer regulären Produktion verwenden konnten. Wir wollten eine sinnvolle Verwendung für diese Stoffe finden und somit aus einem Problem Produkte mit Wert schaffen bzw. unsere eigenen Reste in wertvolle, limitierte Stücke verwandeln. Die ersten Produkte bringen wir am 1. März im Rahmen des Samlaren-Konzepts auf den Markt.


„Es ist sicherlich schwieriger, ein Produkt einfach, funktional und zu einem potenziellen Klassiker zu machen, als alle möglichen Spielereien, Materialien und Funktionen hinzuzufügen, die man sich vorstellen kann.“
Henrik Andersson

Wäre es denn nicht nachhaltiger, erst gar keinen Dead Stock aufzubauen?
Andersson: Die langfristige Vision ist, dass es für solch ein Konzept gar keine Notwendigkeit mehr gibt, indem wir Abfall und Stoffreste in der Produktion von vornherein vermeiden. Dies kann jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen, sodass wir in der Zwischenzeit Samlaren nutzen werden, um schwer zu verwendende Stoffreste in hochwertige Produkte zu verwandeln, die das Potenzial haben, neue Lieblingsstücke im Kleiderschrank zu werden.

Christiane Dolva Törnberg, Head of Sustainability bei Fjällräven
Fjällräven
Christiane Dolva Törnberg, Head of Sustainability bei Fjällräven

Daneben arbeitet Fjällräven mit verschiedenen nachhaltigen Materialien. Welche sind das?
Christiane Dolva Törnberg: Wir setzen viel auf Wolle und eine rückverfolgbare Woll-Lieferkette, auf Bio-Baumwolle sowie auf holz- bzw. pflanzenbasierte Materialien.


Wie Pine Weave?

Törnberg:
Ja, Pine Weave ist ein aufregendes neues Material, das wir in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Es ist ein pflanzenbasiertes, langlebiges Material, das aus rückverfolgbarem Holzrohstoff von kultivierten und zertifizierten Fichten und Kiefern außerhalb von Örnsköldsvik, Fjällrävens Heimatstadt, in Nordschweden hergestellt wird. Mit Pine Weave führen wir in der Herbst- und Wintersaison 2021 eine neue Ergänzung zu unserer Kånken-Familie ein: den Tree Kånken.

„Wir analysieren auch alle Daten bei Produktfehlern und -schäden bzw. bestimmten Abnutzungserscheinungen, um Konstruktionen zu identifizieren, die sich als anfällig erweisen könnten.“
Christiane Dolva Törnberg

Und was genau verbirgt sich hinter wiedergewonnener Wolle?
Törnberg:
Wiedergewonnene Wolle ist Wolle aus Schweden, die sonst weggeschmissen worden wäre (da es sich um Nebenprodukt der Fleischindustrie handelt, Anmerkung der Redaktion). Das Material bietet alle guten Eigenschaften von normaler Wolle – zum Beispiel hält es warm, wenn es kalt ist, aber auch kühl, wenn es warm ist. Es transportiert Feuchtigkeit ab und ist geruchsresistent. Indem wir Abfallmaterial verwenden, um Produkte mit Wert zu schaffen, werden wir hoffentlich dazu beitragen, einen Markt für das übrig gebliebene Wollmaterial hier in Schweden zu schaffen. Die wiedergewonnene Wolle ist Teil unseres Wollprogramms und ersetzt unter anderem synthetische Materialien in der Rückenplatte eines unserer Rucksackmodelle sowie Daune oder Synthetik-Füllungen in einiger unserer Jacken.


Was muss denn ein Material mitbringen, damit Sie es verarbeiten wollen?
Törnberg: Für uns muss ein Material vor allem funktional sein – schließlich stellen wir funktionale Produkte her, die jedes Outdoor-Erlebnis komfortabler, wärmer/trockener etc. machen sollen.
Die Materialien müssen aber auch langlebig sein, denn wir wissen, dass die Langlebigkeit der Produkte der wichtigste Teil der Nachhaltigkeit ist. Wenn es um Nachhaltigkeitsansprüche geht, wollen wir immer sämtliche Fakten und Zahlen haben, damit wir die tatsächlichen Auswirkungen des Materials in allen Bereichen beurteilen können.
Andersson: Ja, darüber hinaus legen wir auch großen Wert darauf, wie Materialien altern. Alle Materialien tragen Spuren von der Zeit, in der sie benutzt werden, durch Sonnenlicht, Abrieb und so weiter. Wir legen Wert darauf, dass die Materialien gut altern und eher eine Patina entwickeln, die ihnen Charakter und ein hochwertiges Aussehen und Gefühl verleiht. Im Wesentlichen geht es uns darum, Produkte herzustellen, die mit der Zeit an Wert gewinnen. Wir wollen, dass Produkte Charakter bekommen und Geschichten erzählen, statt sich abzunutzen.

Fjällrävens Ansatz: weniger kaufen, länger tragen
Fjällräven
Fjällrävens Ansatz: weniger kaufen, länger tragen

Und wie hoch ist aktuell der Anteil von biobasierten oder recycelten Materialien in Ihren Kollektionen?
Törnberg:
2019 war zum Beispiel 60% des in unseren Produkten verwendeten Polyesters recycelt und 70% der von uns verwendeten Baumwolle war Bio. Für 2020 arbeiten wir noch an den endgültigen Zahlen und werden diese dann in unserem CSR-Bericht veröffentlichen.


Was sind darüber hinaus die Stellschrauben?
Törnberg:
Nachhaltigkeit muss von Anfang an beim Design berücksichtigt werden. Sowohl bei der Wahl eines Materials gegenüber einem anderen als auch bei der Entscheidung, wo zum Beispiel produziert werden soll. Es ist immer ein nicht zu unterschätzender Balanceakt, der, wenn er richtig gemacht wird, alle Teile eines Produkts und sogar alle Abläufe im Unternehmen beeinflusst.
Für uns ist das wichtigste Nachhaltigkeitsmerkmal eines Produkts, dass es lange hält, zeitlos und langlebig ist, damit wir das Beste aus den eingesetzten Ressourcen machen. Der größte Teil des CO2-Fußabdrucks bzw. der Umweltbelastung eines Produkts entfällt auf die Produktion. Das bedeutet: Je länger ein Produkt genutzt werden kann, weil es langlebig und funktional ist, und je länger die Menschen es auch tragen und nutzen wollen, weil es zeitlos ist und nicht aus der Mode kommt, desto geringer ist seine Umweltbelastung. Ein Produkt, das lange hält, muss nicht durch ein neues Produkt mit einem neuen CO2-Fußabdruck ersetzt werden.

„Wir wissen, dass alle Produkte, die in der Saison 2020/2021 nicht verkauft werden, auch für die folgenden Saisons relevant sind.“
Henrik Andersson

Fällräven setzt auf Wiederverwertung in der Nachhaltigkeitsstrategie. Können denn hochfunktionale Produkte mit so vielen Komponenten wie beispielsweise eine Jacke Stand heute so hergestellt werden, dass sie später recycelt werden können?
Törnberg:
Die Wiederverwertbarkeit ist ein komplexes Thema, sowohl aus der Perspektive des Hauptmaterials als auch aus der Tatsache, dass technische Produkte wie unsere aus vielen verschiedenen Komponenten bestehen. Unser Fokus liegt auf der Auswahl von Materialien und der Entwicklung von Produkten, die ein zukünftiges Recycling ermöglichen, da es heute noch nicht viele kommerziell verfügbare Recyclinglösungen gibt. Die Herausforderung sind immer noch die verschiedenen Details und Komponenten. Generell streben wir immer eine einfache Ästhetik an und verfahren nach der Devise, kein Feature hinzuzufügen, wenn es nicht benötigt wird. An einer endgültigen Lösung für ein Design, das sich für ein vollständiges Recycling in alle Einzelteile zerlegen lässt, arbeiten wir noch.


Und was heißt einfaches Design konkret?
Andersson:
Wir glauben, dass Einfachheit der Schlüssel ist, sowohl aus der Sicht des Benutzers als auch aus der Perspektive einer langen Lebensdauer. Es ist sicherlich schwieriger, ein Produkt einfach, funktional und zu einem potenziellen Klassiker zu machen als alle möglichen Spielereien, Materialien und Funktionen hinzuzufügen, die man sich vorstellen kann. Ich glaube, manche Unternehmen verwechseln Komplexität mit Funktionalität oder Technologie. Aber oft ist es nur ein Mangel an Vision, der komplexe Designs hervorbringt. Mir ist bewusst, dass das hart klingt, aber ich glaube wirklich, dass die meisten großartigen Designs von einem simplen Ansatz geleitet werden. Einfaches Design ist nicht immer großartig. Aber großartiges Design besticht oft durch seine Einfachheit.

Henrik Andersson, Global Creative Director bei Fjällräven: "Einfaches Design ist nicht immer großartig. Aber großartiges Design besticht oft durch seine Einfachheit."
Fjällräven
Henrik Andersson, Global Creative Director bei Fjällräven: "Einfaches Design ist nicht immer großartig. Aber großartiges Design besticht oft durch seine Einfachheit."

Um Produkte möglichst lange tragbar zu machen, ist die Reparaturfähigkeit der Kleidungsstücke wichtig. Wie muss denn ein Produkt geschaffen sein, damit es leicht repariert werden kann?
Törnberg:
Es gibt viele Aspekte, die zu berücksichtigen sind. Wir arbeiten u.a. daran, dass wir Konstruktionen – z.B. an Reißverschlüssen – so gestalten, dass man sie austauschen kann, ohne das ganze Produkt auseinandernehmen zu müssen. Wir analysieren auch alle Daten bei Produktfehlern und -schäden bzw. bestimmter Abnutzungserscheinungen, um Konstruktionen zu identifizieren, die sich als anfällig erweisen könnten. Wir nutzen diese Erkenntnisse, um in Zukunft haltbarere Konstruktionen herzustellen. Wir nehmen hierfür auch den Input unserer Reparatur- und Reklamationsabteilung auf. Welche Reparaturen sind komplex und wie können wir Produkte so konstruieren, dass sie sich in Zukunft leichter reparieren lassen? Nicht zuletzt ist eine einfache Reparaturfähigkeit auch aus funktionaler Sicht wichtig. Wenn ein Produkt so konstruiert ist, dass es einfach zu reparieren ist, eventuell sogar unterwegs, kann das so manches Outdoor-Abenteuer retten.


Apropos Reißverschluss: Fjällräven verzichtet seit Längerem auf PFC und PVC, nur bei Reißverschlüssen kommt weiterhin PFC zum Einsatz. Wann wird es dafür eine nachhaltige Alternative geben?
Törnberg:
Als wir 2015 die Keb Eco-Shell Jacket auf den Markt brachten, haben wir auch die PFC (perfluorierte Kohlenwasserstoffe) in der Imprägnierung all unserer Produkte über die gesamte Bandbreite von Bekleidung bis hin zu Hardware wie Rucksäcken und Zelten abgeschafft. Eine der Herausforderungen, die wir damals nicht lösen konnten, waren die wasserdichten Reißverschlüsse in der Keb Eco-Shell Jacket, die einfach nicht als PFC-freie Version auf dem Markt erhältlich waren. Wir freuen uns, dass wir endlich eine PFC-freie Alternative gefunden haben und ab FW21 alle Produkte diese neuen Reißverschlüsse tragen werden.

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An welcher Stelle im Prozess befinden Sie sich generell, bestehende Produkte nachhaltiger zu machen?
Törnberg: Das ist eine ständige Reise, bei der wir nach Verbesserungen suchen, Materialien durch nachhaltige Alternativen ersetzen, wo immer es möglich ist, und Wege erkunden, um neue Innovationen, Lernerfahrungen und Wissen auf bestehende Produkte anzuwenden.


Und wie weit ist es noch bis zur tatsächlichen Kreislaufwirtschaft?
Törnberg:
Ich denke, die gesamte Branche ist sehr weit davon entfernt, eine vollständige Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Alles, was die meisten von uns tun, ist für ein lineares Modell optimiert, in dem wir derzeit arbeiten. Wir sollten die Herausforderung, die mit der Änderung dieses Modells einhergeht, nicht unterschätzen. Davon abgesehen untersuchen wir verschiedene Aspekte der Kreislaufkonzepte. Es ist ein weites Feld, das von neuen Geschäftsmodellen für die Bereitstellung von Produkten bis hin zur Verwendung von recycelten Materialien und den möglichen Recyclingtechnologien reicht.

„Wir sollten die Herausforderung, die mit der Änderung des linearen Modells einhergeht, nicht unterschätzen.“
Christiane Dolva Törnberg

Seit einem Jahr hält Corona die Welt in Atem. Inwieweit wirkt sich die Pandemie eigentlich auf Ihre Arbeit als Designer aus?
Andersson:
In Bezug auf das Produkt habe ich das Gefühl, dass wir eine starke Vision haben, die sich durch die Pandemie nicht verändert hat. Was sich jedoch geändert hat, ist die Art und Weise, wie wir arbeiten können. Wir haben definitiv große Schritte gemacht, wie wir online zusammenarbeiten. Die Situation hat uns dazu gezwungen, kreativ zu werden und neue Wege zu finden, gemeinsam an Produktdesigns zu arbeiten. Das funktioniert in mancher Hinsicht großartig, ist aber in anderer Hinsicht immer noch eine Herausforderung. Ich glaube, dass die Zusammenarbeit, Prototypen in der Hand halten, das Testen, Diskutieren und so weiter, aus einer Designperspektive wichtig sind. Nach Covid werden wir sicher viel gelernt haben und wissen, wie wir digitale Assets in unsere tägliche Arbeit einbinden können, aber ich bin mir sicher, dass wir auch die Zeit, die wir gemeinsam verbringen können, um die Produkte auf ein höheres Niveau zu bringen, sehr schätzen werden.


Und welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Kollektionsplanung und -umfänge?
Andersson:
Wir haben die Situation sorgfältig evaluiert, aber eigentlich mussten wir unsere geplanten Volumina nicht ändern, und zwar aus den oben genannten Gründen. Wir wollten die Situation gemeinsam mit unseren Fertigungspartnern gut durchstehen und keine Produktionsaufträge in letzter Minute stornieren. Ein Hauptgrund dafür, dass wir so handeln konnten, ist natürlich, dass wir einen langfristigen Ansatz für das Geschäft im Allgemeinen und das Produktangebot im Besonderen haben. Wir wissen, dass alle Produkte, die in der Saison 2020/2021 nicht verkauft werden, auch für die folgenden Saisons relevant sind. Wir haben jedoch einige Produktneuheiten zurückgehalten, die zur Markteinführung bereit waren. Wir haben uns entschieden zu warten, bis sich die Wogen ein wenig geglättet haben und sowohl wir als auch unsere Händler und Partner sich wieder in ruhigerem Gewässer befinden.

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