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Hilke Patzwall, CSR-Managerin bei Vaude, im TW-Gespräch

„Wichtig ist eine saubere Kommunikation“

Vaude
"Ziel sollte es sein, die Emissionen immer weiter zu reduzieren und dadurch auch die Kompensation immer weiter zu verringern", ist Hilke Patzwall, CSR-Managerin bei Vaude, überzeugt.
"Ziel sollte es sein, die Emissionen immer weiter zu reduzieren und dadurch auch die Kompensation immer weiter zu verringern", ist Hilke Patzwall, CSR-Managerin bei Vaude, überzeugt.

Vaude will klimaneutral werden. Das Thema Klimaschutz hat sich der Nachhaltigkeits-Pionier nicht erst vor einem Jahr auf die Fahnen geschrieben. Doch seit zwölf Monaten arbeitet CSR-Managerin Hilke Patzwall mit dem Team konkret daran zu ermitteln, was das für Vaude eigentlich genau bedeutet – zumal der Begriff „klimaneutral“ nicht geschützt ist.

TW: Vor einem Jahr hat Vaude das Ziel der komplett klimaneutralen Produktion formuliert. Ist das überhaupt möglich?
Hilke Patzwall: Klimaneutralität ist möglich, aber momentan noch nicht komplett aus eigener Kraft, sondern mit Hilfe von Kompensation. Denn die Wirtschaft auf dem gesamten Planeten ist derzeit noch stark von fossilen Rohstoffen abhängig.

Was heißt Klimaneutralität dann konkret?
Nach unserem Verständnis heißt das, dass zunächst einmal ein Status Quo erhoben wird, an welcher Stelle im Unternehmen wie viele klimaschädliche Emissionen verursacht werden. Um möglichst viele dieser Emissionen zu reduzieren, werden viele Maßnahmen eingeleitet und umgesetzt. Das läuft vor allem über die Reduzierung von Verbräuchen. Wenn man auf diesem Weg konsequent vorangeht, dann hat man bereits deutlich weniger Emissionen. Die verbleibenden Emissionen, die man noch nicht vermeiden kann, lassen sich über Klimakompensation ausgleichen.

Klimakompensationen stehen in der Kritik als moderner Ablasshandel oder auch Klimaschutz zweiter Klasse. Zu Recht?
Es kommt darauf an, mit welcher Methodik und welchen Projekten man diese Kompensationen macht. Sie können durchaus ein sinnvoller Weg sein, um Emissionen auf globaler Ebene zu reduzieren. Zum Beispiel, wenn man nur so genannte Gold Standard-Projekte unterstützt und mit glaubwürdigen Organisationen zusammenarbeitet, bei denen nachweislich alle Klimakompensationen in die Projekte fließen. Entscheidend ist, dass die Klimastrategie die konsequente Vermeidung der eigenen Emissionen fokussiert und die Kompensation als ergänzender Baustein dient. Ziel sollte es sein, die Emissionen immer weiter zu reduzieren und dadurch auch die Kompensation immer weiter zu verringern.

Mit wem arbeitet Vaude zusammen?
Wir arbeiten seit über zehn Jahren mit dem deutschen Ableger der Schweizer Klimaschutzorganisation Myclimate. Sie helfen uns dabei, aus unseren Verbräuchen Emissionen zu berechnen, und sie initiieren und managen Gold Standard-Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt.

Was zeichnet Gold Standard-Projekte aus?
Das sind vor allem zwei Punkte. Zum einen müssen die Maßnahmen immer zusätzlich sein zu Maßnahmen, die sowieso stattfinden. Das heißt, es sind in der Regel Projekte in so genannten Dritte-Welt-Ländern, weil dort weder die Regierungen, Unternehmen noch Privatpersonen bislang aus eigener Kraft in Klimaschutz investieren – anders als bei uns.  

Würde ein Windpark in Deutschland mit Klimakompensationszahlungen unterstützt, bestünde die Gefahr, dass in Summe nicht mehr in den Klimaschutz investiert wird.
Genau, denn das sind ja nach wie vor sehr lukrative Investitionsprojekte für vermögende Privatpersonen. Und gleichzeitig extrem sinnvolle Projekte, denn so wird privates Kapital in die Energiewende in Deutschland investiert, eine absolute Win-win-win-Situation. Das gibt es in Ländern, die noch nicht so weit sind auf diesem Weg, eben nicht.

Was ist der zweite wichtige Punkt bei Gold Standard-Projekten?
Das ist der soziale Nutzen, den die Projekte vor Ort nachweislich stiften müssen. Wir bei Vaude investieren in ein Projekt im ländlichen China, einem unserer wichtigsten Produktionsländer. Dort werden vor Ort hocheffiziente Biomasse-Kocher hergestellt und zu sehr günstigen Preisen an Familien verkauft. So können sie Abfälle aus ihrer landwirtschaftlichen Produktion energieeffizient zum Heizen und Kochen verwenden.

Das Prädikat „klimaneutral“ allein ist also nicht wirklich aussagekräftig, weil man daraus nicht auf die Höhe und Qualität der Kompensationen schließen kann.
CO2-Äquivalente kann man zu einem Zehntel des Preises kaufen, den Vaude zahlt, und sich dann klimaneutral nennen. Das sind dann eben keine Gold Standard-Projekte. Natürlich kann man sich, wenn man viel Geld mitbringt, auch mit Gold Standard-Projekten komplett klimaneutral stellen, ohne eine einzige Tonne CO2 einzusparen. Wie sinnvoll das ist, darüber kann man streiten. Aber man darf sowohl das eine als auch das andere machen, der Begriff klimaneutral ist ja nicht geschützt.

Sollte er geschützt werden?
Wir bei Vaude sind grundsätzlich für strenge verbindliche Standards und ein entsprechendes klares Wording, das dann auch in der Kommunikation verwendet wird. Um wissenschaftsbasierte, nachprüfbare Ziele geht es z.B. auch bei den so genannten Science Based Targets, zu denen wir uns verpflichtet haben, um dazu beizutragen, dass die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad beschränkt wird.

Es macht nach Ihrem Ansatz also auch keinen Sinn, einzelne Produkte als „klimaneutral“ zu labeln, so wie das z.B. Aldi mit dem „klimaneutralen Sneaker“ gemacht hat, richtig? Denn das sagt ja nichts über die absolute Reduzierung der CO2-Emissionen aus.
Doch, das kann sinnvoll sein, auch weil es die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf das Thema Emissionen lenkt. Wichtig ist eine saubere Kommunikation, also was genau ist klimaneutral und weshalb – in diesem Fall wohl Kompensation statt Umstellung der Rohstoffe/Produktionsverfahren.



Wie sinnvoll ist es, wenn sich Handelsunternehmen, deren Geschäftsmodell auf dem Hin-und Herschicken von Paketen beruht, schon heute das Prädikat klimaneutral geben können?
Das kann man diskutieren. Aber aus meiner Erfahrung sind die Logistikunternehmen in Deutschland mittlerweile recht gut aufgestellt und arbeiten an Stellschrauben wie E-Mobilität, hocheffizienten Dieselmotoren und der Konsolidierung von Transporten – einfach aus Kostengründen. Und wenn man den gesamten Lebenszyklus eines Produktes betrachtet, dann spielt der Transport der Ware in aller Regel nur eine untergeordnete Rolle, was die Emissionen angeht.

Welche Fortschritte haben Sie bei Vaude in den vergangenen zwölf Monaten gemacht?
Wir sind kurz vor Abschluss der Erhebung des Status Quo für eine Klimabilanz, bei der wir das erste Mal die Emissionen aus allen verbrauchten Materialien und aus den Energieverbräuchen in der Lieferkette miteinbeziehen. Hier in Tettnang machen wir ja schon seit zehn Jahren eine Klimabilanzierung. Unser gesamter Standort inklusive Manufaktur ist schon seit vielen Jahren klimaneutral.

Klimaneutralität am hiesigen Firmensitz macht aber de facto bei einem Unternehmen, das einen Großteil seiner Produkte nicht hier produziert, nur einen Bruchteil aus.
Das ist richtig, wobei wir auch hier als Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern jedes Jahr eine beträchtliche Menge Emissionen einsparen, in der Produktion, durch den Pendelverkehr etc. Die zwei größten Stellschrauben sind bei uns jedoch der Materialmix und der Energieverbrauch in der Lieferkette. Zum Materialmix haben wir beschlossen, bis 2024 – in dem Jahr wird Vaude 50 Jahre – 90% aller Vaude-Produkte zu einem überwiegenden Teil aus biobasierten oder recycelten Materialien herzustellen. Daran arbeiten wir mit Vollgas und machen sehr große Fortschritte. Wir merken, dass allein durch so eine Zielsetzung da nochmal einiges geht.

Dabei haben viele Ihrer Partner momentan andere Sorgen als klimaschonende Produktion.Ja, das stimmt, in Zeiten von Corona kämpfen viele Produktionsbetriebe ums Überleben. Und da wir nicht reisen konnten in diesem Jahr, konnten wir auch nur sehr begrenzt Schulungen und Trainings machen. Da sind wir tatsächlich ein wenig hinterher.

Um wie viel Prozent Sie Ihre Emissionen reduzieren müssen, wissen Sie jetzt auch noch gar nicht.
Wenn wir Ende des Jahres wissen, wie viele Emissionen unsere gesamten Produkte und deren Herstellung verursachen, werden wir daraus ableitend genau diese Science Based Targets formulieren. Das ist jetzt noch mit einer ziemlichen Rechnerei verbunden. Bis Mitte kommenden Jahres werden wir hoffentlich soweit sein, unseren eigenen Beitrag zu dem Ziel, die weltweite Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, messbar zu machen. Ich sage bewusst 1,5 Grad, denn in dem Moment, in dem Paris verabschiedet wurde, stellte schon die nächste Studie fest, 2 Grad reichen gar nicht mehr.

Die Energiebilanz vieler Recycling-Verfahren ist nicht unumstritten. Ist Recycling dennoch ein unverzichtbarer Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität?
Ja, denn recycelte Kunststoffe sind – ganz pauschal gesprochen – klimafreundlicher als nicht-recycelte Kunststoffe. Bei biobasierten Materialien wird es noch komplizierter. Da muss man ganz genau hingucken, dass man da nicht aus Versehen ein herkömmliches Plastik ersetzt durch ein Bio-Plastik, was in der Gesamtschau deutlich mehr Emissionen verursacht, weil es aus einer Mais-Monokultur aus herkömmlicher Landwirtschaft stammt. Diese Fallstricke muss man im Blick haben. Und genau diese Punkte werden uns in den kommenden Jahren beim Klima-Reporting begleiten.

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