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Insolvenz vom Sporthaus Saemann

"Wir waren auf einem guten Weg. Dann kam Corona."

Saemann
2018 eröffnete Saemann Sportkultur in der Heilbronner Innenstadt. Zum Unternehmen gehören außerdem ein Intersport Profimarkt und drei Golf-Shops in und um Heilbronn.
2018 eröffnete Saemann Sportkultur in der Heilbronner Innenstadt. Zum Unternehmen gehören außerdem ein Intersport Profimarkt und drei Golf-Shops in und um Heilbronn.

Mit dem Sporthaus Saemann hat ein traditionsreiches Unternehmen Insolvenz angemeldet, das sich gerade erst mit der Eröffnung eines innovativen Sport- und Lifestyle-Konzeptes neu erfunden hatte. Ist die Idee gescheitert?

Der 16. Dezember war für den Handel ein schwarzer Tag. Der erste Tag des zweiten Shutdown. Für Thomas Gauß war der Tag davor allerdings noch viel schwärzer. Er markiert eine Zäsur in einer 122 Jahre dauernden Firmengeschichte. Am 15. Dezember 2020 musste das Heilbronner Sporthaus Saemann Insolvenz anmelden. Warum, versteht Thomas Gauß, Geschäftsführer und Urenkel des Gründers Wilhelm Sämann, selbst nicht so ganz.


Mit Problemen hatte das Unternehmen seit längerem zu kämpfen, daraus macht Gauß keinen Hehl. "Angefangen hat es mit einer Baustelle im Vorfeld der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn, die beide Zufahrtswege zu unserer größten Filiale nahezu gekappt hat", berichtet Gauß. "Und zwar 20 Monate lang." Die größte Filiale ist ein Intersport Profimarkt – der erste Sportfachmarkt Deutschlands, den Saemann 1995 am Europaplatz eröffnete. Zum Unternehmen gehören außerdem drei Golf-Shops in und um Heilbronn sowie ein Laden in der Heilbronner Innenstadt.

Die Umsatzeinbußen, die das Unternehmen aufgrund der massiv rückläufigen Frequenzen verbuchte, beziffert Gauß auf 1,5 Mio. Euro. Doch Saemann erholte sich. "Wir waren auf einem guten Weg", berichtet Gauß. Dabei störte auch die Decathlon-Filiale nicht, die zwischenzeitlich neu in Heilbronn eröffnet hatte. "Dann kam Corona."

Fehlende Liquidität, positive Prognose

Es wurde eng für das Unternehmen, das an seinen fünf Standorten insgesamt 38 Mitarbeiter beschäftigt. Zur Überbrückung der Situation mit weiteren Umsatzausfällen von 1,5 Mio. Euro brauchte Saemann Geld. Die Gespräche mit der Hausbank seien erfolgversprechend gewesen, ein zusätzlicher Kontokorrentkredit in Höhe von 250.000 Euro wurde in Aussicht gestellt. "Gekoppelt war dies an ein Sanierungsgutachten mit positiver Fortführungsprognose", so Gauß. Dieses Gutachten, das ihn allein 30.000 Euro gekostet hat, legte er der Volksbank Heilbronn Ende Juni vor. "Dann zog sich das Ganze wie Kaugummi." Aus unternehmerischer Sicht habe für ihn nur eine Erweiterung des Kontokorrentrahmens mit einer damit einhergehenden Flexibilität Sinn gemacht, so Gauß. "Ein Kredit würde vielleicht kurzfristig Luft verschaffen, das Problem aber nur in die Zukunft verlagern."


Der herbe Schlag kam am 4. November: die überraschende Absage der Bank. Warum, weiß er nicht. Vielleicht, weil die Bank in Fusionsgesprächen mit der VR Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim steht und vielleicht deswegen keine weiteren Kreditrisiken eingehen wollte? "Möglich, dass wir ein stückweit Opfer dieser Situation geworden sind."

Reißleine Insolvenz

Um Schuldzuweisungen geht es dem Unternehmer nicht. Aber diese Situation brachte ihn in Entscheidungsnot, wie er sagt. Zumal Heilbronn über lange Zeit einer der Corona-Hotspots in Baden-Württemberg war und die Kunden noch früher als im restlichen Deutschland zu Hause blieben. Mit dem Lockdown Light ging dann der nahezu Komplett-Ausfall des Wintersports einher. "Mit unserer Werkstatt, Verleih und Service machen wir in einem normalen Winter 500.000 Euro Umsatz", so Gauß. "Wir sprechen von 10.000 bis 12.000 Paar Ski, die wir von Mitte Oktober bis Mitte März im Service haben. Bis vergangene Woche hatten wir vier Paar."


Zeit, die Reißleine zu ziehen. "Für mich war klar, dass dieser Schritt sein muss, sobald abzusehen ist, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen keine vernünftige Perspektive gibt. Als Unternehmer muss man Entscheidungen treffen und damit Verantwortung übernehmen. Das habe ich immer getan. Und dafür schäme ich mich nicht."

Sport-Concept-Store statt Vollsortimenter

Besonders tragisch ist die Insolvenz vor allem deswegen, weil Gauß erst 2018 mit einem innovativen Konzept für den innerstädtischen Sporthandel gestartet war: Sportkultur Saemann. Mit Eistheke und Wanderschuh, mit Running-Sortiment und Lifestyle-Brands. Von Ellesse bis Goldbergh, von Meindl bis On.

Saemann Sportkultur: Sport trifft Lifestyle trifft Erlebnis


Kein Selbstläufer. "Es gibt natürlich Kunden, die irritiert sind, dass wir in der Innenstadt kein Sport-Vollsortiment mehr anbieten", so Gauß. Das Sortiment wurde nach den ersten Monaten angepasst, wieder etwas stärker Richtung Sport gedreht. Als Pionier könne man eben nicht von den Fehlern anderer lernen, sondern müsse sie selbst machen. "Aber wir haben insgesamt sehr positive Resonanz auf Sportkultur Saemann." Zwei Jahre war in etwa der Zeitrahmen, den man sich zur Beurteilung des neuen Konzepts gegeben hat. Corona kam dazwischen, doch die Bewertung fällt positiv aus.


"Ich finde es auf jeden Fall gut, wenn man solche neuen Wege geht", sagt auch Martin Borgenheimer, Sales Director Deutschland beim Running-Spezialisten On, einem der wichtigsten Lieferanten. "Wir haben eine sehr gute Entwicklung bei Saemann. Ich denke, das ist schon einmal ein ganz guter Indikator."
Wie geht es jetzt weiter? Der Insolvenzverwalter habe sich ganz klar positioniert, sagt Gauß. "Er hat das Ziel formuliert, für das Unternehmen eine Fortführungsperspektive zu finden." Dennoch falle es ihm selbst im Moment schwer, voller Zuversicht nach vorne zu blicken. "Ich glaube nicht, dass am 11. Januar die Läden wieder aufmachen können. Und das ist natürlich eine katastrophale Perspektive."

Chance auf Fortführung des Unternehmens

Wann die nächste Insolvenz die Branche hierzulande trifft, ist nur eine Frage der Zeit. In Österreich ereilte dieses Schicksal zeitgleich mit Saemann bereits Strolz in Lech. "Die Situation im Handel ist zum Zerreißen angespannt", so Gauß, der bis Mitte Dezember auch Vorsitzender der Stadtinitiative und Vizepräsident der IHK Heilbronn-Franken war. "Meine Sorge ist allerdings vor allem, dass Kollegen aus falschem Ehrgeiz den richtigen Zeitpunkt für den Gang zum Amtsgericht verpassen. Den Zeitpunkt, zu dem es noch eine Chance auf eine Fortführung des Unternehmens gibt – wie auch immer die aussehen mag."
Intersport-Chef Alexander von Preen zur Saemann-Insolvenz

"Wenn ein Händler in die Insolvenz gehen muss, wie in diesem Fall Sporthaus Saemann, dann ist das immer ein trauriges Ereignis für die Genossenschaft. Wenn das hier in Heilbronn am Hauptsitz der Genossenschaft passiert, dann hat dies sicher eine besondere Bedeutung. Jedoch sind unsere Genossen alles selbstständige Händler mit komplett eigenständiger unternehmerischer Verantwortung. In Deutschland werden Insolvenzen immer als ein Scheitern verurteilt - eine Insolvenz ist aber auch immer eine Chance für einen Neuanfang für den Unternehmer! Und das wünschen wir natürlich auch der Geschäftsführung und den Gesellschaftern von Sporthaus Saemann."

Haben Sie Sorge, dass diese Insolvenz nun die befürchtete Pleite-Welle lostritt? Wie dramatisch ist die Lage?

"Bislang liegt die Zahl der Insolvenzen aufgrund Corona-Pandemie im niedrigen einstelligen Bereich und nicht über dem Niveau der Vorjahre. Es ist aber nicht auszuschließen, dass aufgrund der aktuellen Lage, vor allem wenn die derzeit verfügten Geschäftsschließungen weiter anhalten oder sogar verlängert werden und dadurch das Wintergeschäft weitgehend ausfallen sollte, auch die Zahl der Insolvenzen ansteigen kann. Es ist unsere Aufgabe durch Verhandlungen der Zahlungsziele der Lieferanten und möglichen Retouren, die Liquidität der Händler zusätzlich zu schonen. Grundsätzlich erhält der Händler und Unternehmer die in der genossenschaftlichen Satzung hinterlegten Unterstützung durch die Gemeinschaft. So darf die Intersport Deutschland eG im Rahmen der Zentralregulierung bei der kurzfristigen Warenfinanzierung unterstützen. Diese Potenziale schöpfen wir nach bestem Ermessen aus."

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