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Intersport-Tochter in der Krise

Wie geht es weiter bei Voswinkel?

Ende 2017 eröffnete in Berlin der erste so genannte Future Store. Das System-Konzept wird zwar nicht ausgerollt, erfolgreiche Elemente allerdings bei vielen Intersport-Umbauten übernommen.
Ende 2017 eröffnete in Berlin der erste so genannte Future Store. Das System-Konzept wird zwar nicht ausgerollt, erfolgreiche Elemente allerdings bei vielen Intersport-Umbauten übernommen.

Rückläufige Umsätze, rote Zahlen und Sanierungsmaßnahmen, die noch nicht ausreichend greifen: Die strauchelnde Intersport-Tochter Sport Voswinkel zieht die Reißleine und hat am Mittwoch Antrag auf Einleitung eines Schutzschirmverfahrens beim Amtsgericht Dortmund beantragt.

Damit geht der Geschäftsbetrieb zunächst ohne Einschränkungen weiter. „Die Löhne und Gehälter unserer Mitarbeiter sind über das Insolvenzgeld bis Ende Juni gesichert. Bis dahin werden wir die Restrukturierung und die Sanierung vorantreiben“, so Sport Voswinkel-Geschäftsführer Helge Mankowski. Im Unterschied zu einem regulären Insolvenzverfahren bleibt die unternehmerische Verantwortung in den Händen der Geschäftsführung. Als vorläufiger Sachwalter wurde Christoph Schulte-Kaubrügger von der Kanzlei White & Case bestellt. Das Schutzschirmverfahren betrifft ausschließlich Sport Voswinkel, nicht Intersport. „Dies ist ein eigenständiges Unternehmen und handelt dementsprechend im Grundsatz autonom. Lediglich die Zentralregulierung läuft – wie bei allen Mitgliedern – über Intersport Deutschland“, so Alexander von Preen, CEO der Intersport Deutschland.

Dass Voswinkel zu kämpfen hat, ist kein Geheimnis. So musste das Unternehmen im Geschäftsjahr 2017/18 (30. September) erneut rückläufige Umsätze verbuchen. Sie beliefen sich auf rund 139 Mio. Euro, im Vorjahr waren es noch 146 Mio. Euro. Für Unmut unter den Intersport-Mitgliedern sorgen allerdings vor allem die Verluste, die die Handels-Tochter von Intersport Deutschland seit Jahren einfährt. 2016/17 lag der Jahresfehlbetrag bei 4,6 Mio. Euro.

Filialen auf dem Prüfstand

Bereits im Sommer 2018 wurden daher erste Sanierungsmaßnahmen eingeleitet, um das Unternehmen wieder in die Profitabilität zu führen. „Dazu gehören die Filialen in Dortmund-Kley, Düsseldorf und Braunschweig, die nach neuem Konzept umgebaut wurden, und die Neu-Positionierung und Umstellung der Sortimente“, so ein Sprecher. Positiv entwickelten sich die Online-Umsätze, die Kostensenkungsmaßnehmen griffen, heißt es weiter. „Insgesamt zeigen die Maßnahmen aber auch, dass die Neu-Positionierung und die Umstrukturierung des Unternehmens, auch aufgrund der weiterhin schwierigen Marktlage, noch nicht ausreichend vorangeschritten sind.“


Als Gründe für die Schieflage des Unternehmens werden Frequenz- und damit verbundene Umsatzrückgänge genannt, erhöhter Wettbewerbsdruck durch Onlinehandel und Discounter sowie Filialen, deren Standorte die Umsatzerwartungen nicht erfüllen konnten. Mit aktuell 74 Filialen ist Sport Voswinkel hierzulande einer der größten Sport-Filialisten. Dieses Filialnetz steht nun allerdings auf dem Prüfstand. „Sämtliche Filialen werden auf Zukunftsfähigkeit untersucht“, heißt es vom Unternehmen. „Ob, bzw. welche Filialen geschlossen werden, wird sich erst im Laufe des Verfahrens herauskristallisieren.“ Neun Filialen wurden in den vergangenen beiden Geschäftsjahren bereits geschlossen, davon allein drei in Berlin, außerdem in Lübeck, Stuttgart, Leipzig, Saarbrücken, Bamberg und Chorweiler.


Alle zuletzt umgebauten Filialen treten nur noch als Intersport auf, nicht mehr als Intersport Voswinkel. Das soll allerdings nicht heißen, dass der Name Voswinkel vom Markt verschwinden soll. „Aktuell haben wir in unserer Positionierungsstrategie verankert, dass wir den Namen Voswinkel weiterhin gezielt einsetzen werden“, erklärt Mankowski. „Die Keimzelle von Intersport Voswinkel ist in NRW. Hier hat Intersport Voswinkel einen hohen Bekanntheitsgrad. Daher werden wir uns aktuell die Option offen halten, mit dem Zusatz „Voswinkel“ am Markt aufzutreten. An Standorten und in Regionen, in denen Voswinkel einen geringen oder keinen Bekanntheitsgrad hat, werden wir am Store nur mit Intersport werben. Allerdings benötigen wir an einigen Standorten eine Unterscheidung, wenn es weitere Intersport-Händler gibt.“

Die Pläne der Wettbewerber

Besonders stark vertreten ist das Unternehmen mit Sitz in Dortmund in Nordrhein-Westfalen. Eine Region, die auch bei dem aktuell expansivsten Sportfilialisten eine wichtige Rolle spielt: Decathlon. So sind die Franzosen allein zwischen Dortmund und Düsseldorf mit acht Filialen vertreten – und eine weitere Eröffnung in Neuss steht für Herbst bereits fest. Allein 2018 hat Decathlon in Deutschland 16 neue Filialen eröffnet und ist mittlerweile an 66 Standorten vertreten. Und ein Ende der Eröffnungswelle ist nicht abzusehen. Neben Neuss sind Berlin (2x), Erfurt, Fürth, Mülheim-Kärlich, Neuss, München (2x), Hamburg und Weiterstadt bereits fixiert. Ebenfalls auf Expansionskurs und mit 42 Läden − sechs davon in NRW − vertreten ist McTrek, ein Outdoor-Filialist, der mit Niedrigstpreisgarantie wirbt.


Den Sportmarkt als Wachstumsfeld hat auch der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof für sich identifiziert. Und so könnte in den Großteil der vor der Schließung stehenden Saks Off 5th-Läden Karstadt Sport einziehen. Viele der Häuser waren vor der Umwidmung zu Saks Off 5th-Läden bereits Sport-Standorte, und zwar die der inzwischen aufgelösten Kaufhof-Schwester Sportarena.

Wie hart der hiesige Markt umkämpft ist, zeigt allerdings der jüngste Strategiewechsel bei Ochsner Sport. Der Name Ochsner Sport wird vom deutschen Markt verschwinden, das Unternehmen hierzulande nur noch unter dem Namen der Tochter Sport Sperk vertreten sein. Und auch deren Portfolio wurde bereits im vergangenen Jahr gestutzt. Auch der norwegische Marken-Discounter Sport XXL hat den Schritt auf den deutschen Markt bisher nicht gewagt und hat auch das Expansionstempo in Österreich gedrosselt.


Auch bei SportScheck, dem größten Intersport-Mitgliedsunternehmen, steht das Filialgeschäft im Zuge des Restrukturierungsprozesses auf dem Prüfstand. Ende März wurde die Filiale in Braunschweig geschlossen, Reutlingen im vergangenen Jahr. Mit einem Umsatzminus von 2,3% auf 280 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2018/19 (28. Februar) steht die Otto-Tochter allerdings noch besser da als ihre Kollegen im Intersport-Verbund.

Die Strategie der Intersport

Diese büßten im vergangenen Jahr im Schnitt Umsätze in Höhe von 3% ein. Eine Zäsur für die Verbundgruppe, die sich unter neuer Führung nun vor allem einer Aufgabe verschrieben hat: „Der größte Wunsch unser Mitglieder ist, dass das Geschäft auch für die Zukunft profitabel gestaltet wird“, so der neue Intersport-Chef Alexander von Preen im TW-Interview zu seinem Amtsantritt. „Wir haben eine tolle Händlerschaft und selbstständige Unternehmer vor Ort, die besser verkaufen und ihr Unternehmen repräsentieren als jeder angestellte Manager, aber dabei wollen sie unterstützt werden. Wir sollen ihren Aufwand verringern durch Serviceleistungen wie etwa ein intelligentes Category Management und Sortimentssteuerung. Und sie erwarten von der Intersport, auch für die Lieferanten ein interessanter Partner zu sein.“

Von der Idee, der bessere Händler zu sein, hat man sich in der Zentrale verabschiedet. Und so ist der ursprünglich geplante Roll-out einer so genannten blauen, systemorientierten Welt, in der sich der Händler nur noch um die Mitarbeiter und Kunden auf der Fläche kümmert und alles andere wie in einem Franchise-System der Zentrale überlässt, mittlerweile auch schon wieder Vergangenheit.

„Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt, wie herausfordernd die Situation für unsere Händler am Markt gerade ist“, so von Preen bei der Präsentation der ernüchternden Zahlen im Rahmen der Ispo. Die Herausforderungen, mit denen sich seine Mannschaft konfrontiert sieht, gehen über die Wetterkapriolen des vergangenen Jahres weit hinaus. „Der Sportmarkt ist in allen Kategorien sehr umkämpt“, betont sein Vorstandskollege Mathias Boenke. Der Online-Handel legt weiter überproportional zu und neue Wettbewerber drängen aufs Parkett − und das in einem stagnierenden Markt. „40% des Geschäfts werden künftig online gemacht“, so von Preen.

Die Voswinkel-Übernahme

Die Übernahme von Sport Voswinkel im Jahr 2003 markierte eine Zäsur in der Geschichte der Intersport. Vor dem Kauf des damals zweitgrößten deutschen Sportfilialisten mit seinerzeit 34 Läden und einem Nettoumsatz von rund 70 Mio. Euro hielt Intersport bewusst keine Anteile an Mitgliedsgeschäften. Die Entscheidung für die Übernahme fiel vor dem Hintergrund des Interesses von Mitbewerbern an dem zum Verkauf stehenden Filialisten − sowohl Warenhauskonzernen als auch Schuh- und Sportfilialisten sowie anderen Einkaufsverbänden. In diesem Fall hätte Intersport ein wichtiges Mitglied im Verbund verloren.


Sport Voswinkel wurde 1904 in Bochum gegründet und beschäftigt heute rund 1200 Mitarbeiter. Das Schutzschirmverfahren bietet dem Unternehmen nun den rechtlichen Rahmen, sich bei laufendem Geschäftsbetrieb in enger Abstimmung mit den Gläubigern neu aufzustellen. Für die Beratung von Sport Voswinkel im Rahmen des Schutzschirmverfahrens ist Lorenzo Matthaei von der Kanzlei Finkenhof Rechtsanwälte in Frankfurt verantwortlich.

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