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Kölner Start-up bringt zwei neue Laufschuh-Modelle

True Motion: Mit schrillem "Knockout Pink" in den Wettbewerb

Hagen Seidel
Andre Kriwet, Mitgründer und Entwickler, mit den neuen True Motion-Modellen Solo und (re) und Nevos Elements (li). Die schrille Farbe des Damenschuhs nennt sich „Knockout Pink“.
Andre Kriwet, Mitgründer und Entwickler, mit den neuen True Motion-Modellen Solo und (re) und Nevos Elements (li). Die schrille Farbe des Damenschuhs nennt sich „Knockout Pink“.

In der Freizeit-Läuferszene ist True Motion noch immer so etwas wie ein Geheimtipp. Im Fachhandel ist die junge Laufschuhmarke aus Köln und Münster schon weit darüber hinaus. Jetzt legt der Newcomer nach und verdoppelt seine Modellpalette von zwei auf vier: Seit Anfang Juni gibt es auch einen schnellen Schuh und einen für schweres Gelände. Beide zum VK von 160 Euro.

„Praktisch alle unsere Kunden haben auch die neuen Modelle geordert“, freut sich Andre Kriwet, seit zwei Jahrzehnten Laufschuhentwickler und einer der drei Gründer von True Motion. „Die Händler haben vor allem auf den schnellen Schuh gewartet“, so Kriwet, praktisch kein Händler sei seit dem Start vor zwei Jahren ausgestiegen.

Auch bei den neuen Modellen sollen im Vergleich zur Konkurrenz weniger Belastungen etwa an Knie und Achillessehne auftreten. Um Carbonplatten im Schuh machen die Kölner, anders als fast alle großen Hersteller, dabei einen ganz weiten Bogen – der Solo sei die gesündere Alternative dazu.

Wegen Corona-bedingter Probleme bei der Materialbeschaffung oder dem Transport liegen die Läufer aus Köln um einige Wochen hinter ihrem Zeitplan für die Neueinführungen. So fehlte es etwa am gestrickten Mesh für das Obermaterial, hinzu kamen Knappheit und Kostensteigerung bei den Transportkapazitäten. Weil die 8000 Paar aber statt per Containerschiff quasi durch einen Zwischenspurt mit dem Flieger aus der Produktion in Vietnam nach Deutschland kommen, konnte der geplante Verkaufsstart gehalten werden.

„Wir wollten keinen 250 Euro teuren Formel 1-Elite-Schuh bauen“, sagt Kriwet im TW-Gespräch im kleinen True Motion-Büro im Kölner Stadtteil Sülz, „sondern einen für die breite Masse, der einfach schneller ist“. 220 Gramm wiegt das Männer-Modell in US 9,5, 190 Gramm der Damen-Schuh in US 8,5.

Zum Start gibt es den schnellen Schuh nur in zwei aggressiven Farben: „Orange Clown Fish“ für die Herren und „Knockout Pink“ für die Damen. Später sollen noch gesetzte Farben hinzukommen. Weniger schrill, aber bei den Farb-Namen nicht weniger originell ist das Offroad-Modell, eine Weiterentwicklung des ersten Schuhes des Labels, des Nevos: „Black/Dresden Blue“ für die Jungs und „Black/Malaga“ für die Mädels. Der Nevos Elements kommt eine Woche nach dem Solo auf den Markt, soll aber erst Richtung Herbst aktiv promotet werden.

Push durch Key Accounts

Neben rund 110 Fachhändlern – mit 145 Verkaufspunkten vor allem in Deutschland - sollen auch die jüngst hinzugekommenen Key Accounts Breuninger, Engelhorn und SportScheck dazu beitragen, das Wachstum des vor zwei Jahren gestarteten Newcomers und seiner Schuhe mit „Trampolin-Effekt“ und Kraft-Zentrierung zum Wohl des Knies („Center your Run“) fortzusetzen.

Im zweiten Geschäftsjahr lag der – nicht veröffentlichte – Umsatz schon um 200% über dem von 2019, im aktuellen Geschäftsjahr um 40% über dem von 2020, so Christian Arens, der für die Zahlen zuständige Gründer.

„Bei den Key Accounts wollen wir nur in den Top-Häusern vertreten sein“, sagt Kriwet, der schon ein wenig unruhig gewesen ist, als seine Marke bei den ganz Großen gelistet wurde: „Die haben oftmals nicht besonders viel Geduld mit kleinen Neulingen. Aber bisher läuft es auch dort richtig gut.“ Grundsätzlich will die Marke aber beim Prinzip bleiben, den Vertrieb des erklärungswürdigen Produktes stark über die kleinen Laufshops laufen zu lassen – neben dem eigenen Onlineshop.

  

70.000 Paar der ersten beiden Modelle Nevos (VK 150 Euro) und Aion (VK 180 Euro)  wurden bisher verkauft, „viel mehr, als wir erhofft hatten“, sagt Arens. Der erste Shutdown, der ein halbes Jahr nach dem Marktstart kam, konnte die junge Marke dabei nicht aufhalten. Neben dem Schwerpunkt Deutschland ist das Neun-Mitarbeiter-Unternehmen mittlerweile in Österreich und der Schweiz, neuerdings in den Niederlanden und bald auch in Großbritannien vertreten.

Das "U" im Zentrum

Bei der True Motion-Technologie dreht sich alles um das U, beim Solo sogar ums Double-U – das Werk von Peter Brüggemann, Biomechaniker, Professor, einst an der Kölner Sporthochschule tätig und – manchmal zusammen mit Kriwet – auch für viele Big Brands der internationalen Laufschuhbranche.

Wie ein U oder Hufeisen legt sich dabei ein Sohlenelement unter die Ferse. Die Kräfte, die beim Laufen auftreten, sollen so vom Knie aus zentriert in das Loch innerhalb des U gehen. Die Kraft „verläuft“ sich weniger, vermeidet somit Verdrehungen von Fuß und Knie um die Längsachse, die bei vielen Läufern Beschwerden verursachen. Und lässt Läufer länger oder schneller bei gleichem Kraftaufwand laufen. Das soll, grob vereinfacht ausgedrückt, das Prinzip sein.

Beim schnellen Solo haben Brüggemann und Kriwet nun dieses Fersen-Hufeisen ein wenig verkleinert und im Mittelfußbereich ein weiteres U eingebaut und eine leichte Fiberglas-Nylon-Platte darüber installiert, „Speed Motion Bridge“ genannt. „So kann man tatsächlich – vereinfacht gesprochen – Energie von hinten nach vorne transportieren“, sagt der Biomechanik-Professor. Die Potentiale, die im Mittelfußgelenk für Läufer schlummerten, „hat die Forschung bisher vernachlässigt“, findet der Forscher. Er habe bei der Arbeit am neuen Modell in den vergangenen Monaten jedenfalls sehr viel gelernt.

Dank der neuen Erkenntnisse könne der Solo locker mit den – deutlich teureren – mit Carbonplatten versteiften Modellen mithalten, sie durch Energieeinsparungen gegenüber deren Rockergeometrie sogar abhängen. Bis zu 10% mehr Energie soll er speichern und genau so viel zusätzlichen Vortrieb bringen, insgesamt die Kraft um bis zu 30 % schneller entfalten als das Erstlings-Modell Nevos. Der Prospekt schwärmt gar von „explosiver Kraftentfaltung“. Und das alles bei einer Reduzierung der Kniebelastung um etwa zehn Prozent gegenüber einem Schuh mit Carbonplatte.

Carbonschuhe, ist man sich in Köln sicher, seien eine Innovation für die ganz schnellen Leistungssportler dieser Welt, nicht aber für die Freizeitjogger.

 

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