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Kommentar zum Signa Sports United-Deal

Eine Frage der Perspektive

Ist Signa Sports United nun eine Erfolgsstory oder nicht? Eine Frage der Perspektive, meint TW-Redakteurin Mara Javorovic.
Ist Signa Sports United nun eine Erfolgsstory oder nicht? Eine Frage der Perspektive, meint TW-Redakteurin Mara Javorovic.

Würden Sie Aktien der Signa Sports United kaufen? Ich nicht. Über das Potenzial des Papiers sagt das aber nichts aus, geschweige denn über das Geschäftsmodell.

Das sagt allenfalls etwas über meine Risikobereitschaft aus. Die ist in Geldfragen ausgesprochen niedrig. Für risikofreudige Investoren, die händeringend nach Anlagemöglichkeiten suchen, sieht die Sache anders aus.
Alles eine Frage der Perspektive. Das gilt auch für die Bewertung des Unternehmens. Vor einigen Jahren war die Unruhe in der hiesigen Sporthandelslandschaft groß. Signa war auf Einkaufstour und schlug bei jedem Online-Sport-Shop zu, der nicht bei drei auf den Bäumen war. Allein im Jahr 2016 kam nach Outfitter und Tennis-Point auch noch Internetstores mit fahrrad.de dazu, wenig später Probikeshop und Stylefile.

Die bange Frage war: Was haben die vor? Und was bedeutet das für den Markt? Stand heute ist die Marktbedeutung von Signa Sports United längst nicht so groß wie das sicher mal geplant war. Vor allem bei dem wichtigen Segment Outdoor ist noch Luft nach oben. Ein Segment, das bei Signa nicht größer ist als Tennis. Mit frischem Geld für weitere Investitionen könnte sich das ändern.


In der Fahrradbranche entsteht durch die Wiggle-Übernahme allerdings in der Tat ein riesiger europäischer Player. Der wird weiter wachsen, auch über weitere Zukäufe. Befeuern wird die Konsolidierung der Branche der fahrrad.de-Konkurrent Bike24. Auch in Dresden, der Heimatstadt des Börsenaspiranten, denkt man groß.
Mit Tennis-Point hat Signa Sports United einen Category Leader im Portfolio, der seinen Vorsprung wohl noch weiter ausbauen wird. Im Tennis-Markt ist die Konsolidierung allerdings schon so weit fortgeschritten, dass sich die meisten Sporthändler von diesem Business ohnehin schon verabschiedet haben.

Plattform für die Börse statt Flächen in der City

Am Erhalt der hiesigen Sporthandelslandschaft mit Karstadt Sports als relevantem Player hängt das Herz von Stephan Zoll wohl nicht. Doch dafür wurde der frühere Ebay-Manager auch nicht geholt. Auch das: eine Frage der Perspektive.
Die Mission Börsengang hat Zoll erfüllt – wenn auch über Umwege. Dass Vertreter der hiesigen Handelsbranche seine Vision – oder die seines Arbeitgebers – bis heute nicht erkennen? Geschenkt. Dass E-Com-Experten im wenig strategischen Zukauf von Online-Shops, die gerade zu haben sind, keine Plattform im Aufbau erkennen – wen kümmert’s? Fakt ist: Signa Sports United geht an die Börse. Und das Unternehmen ist profitabel. Vergangenes Jahr gerade so, in diesem Jahr scheinen die beschworenen Synergie-Effekte zu greifen.


Also befeuert Zoll jetzt Investoren-Fantasien. Ein Teil der erwarteten Einnahmen wird direkt in einen Umsatz-Boost investiert, die Bike-Sparte wird über den Zukauf des britischen Fahrradhändlers Wiggle CRC mehr als verdoppelt. Dass dieser Umsatz in Höhe von 480 Mio. Dollar in der Investoren-Präsentation schon für das laufende Geschäftsjahr eingerechnet ist, ist Teil der Story.


Und die bleibt spannend. Denn auch die Entwicklung des jüngsten Zugangs ist kein uneingeschränkter Erfolg. Bei aller Größe reichte die Power der Briten offenbar nicht, um das Wachstumspotenzial des fahrrad.de-Konkurrenten Bike24 zu entfachen. Der wurde 2017 von Wiggle übernommen, ging allerdings nur zwei Jahre später wieder zurück an die früheren Eigner. Warum eigentlich?

Nicht die einzige Frage, die offen bleibt. Wie relevant sind die Services, die Signa Sports United potenziellen Partnern über das E-Com-Modell hinaus anbietet? Kann das Unternehmen damit auch Marken überzeugen, die ihr eigenes D2C-Geschäft pushen wollen? Sind die Shops der Signa Sports United bekannt genug? Ist die Click&Collect-Anbindung von 500 Fahrradhändlern schon Connected Retail? Was, wenn sich die Corona-bedingten Wachstumsraten mit Bikes nicht halten lassen? Was, wenn Online-Shopping post Corona wieder verliert? Und was ist eigentlich aus Stylefile und dem Sneaker-Business geworden? Fragen, die sich nicht nur Investoren stellen.

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